Katar , IS-Anschläge in GB und Iran und die Gesamtkonstellation

Es geschieht momentan mal wieder viel. IS-Anschläge in GB und Iran, Trumpbesuch in Saudiarabien und nun der Boykott Katars.

Die meisten Medien setzen die Gesamtkonstellation mit der Entwicklung in Katar nicht in Beziehung.

Bisher hielt die Anti-IS-Koalition noch, da der IS stark war. Nun mit dem absehbaren Verlust von Raqqa und Mossul ist er marginalisiert und aus Sicht der USA und Saudiarabiens nicht mehr der Hauptfeind, sondern wird dies der Iran in zunehmenden Maße. Deswegen Trumps Rede und Besuch in Riad, deswegen der Boykott Saudiarabiens gegen Katar. Die momentanen Terroranschläge des IS in Europa und nunmehr Iran sind eher Zeichen eines IS in Agonie, ein letztes Aufbäumen vor der bevorstehenden Niederlage. Zwar wird der IS sich nicht in Luft auflösen und nun mehr auf Guerillataktik und Al Kaida-mäßiges Handeln wie zu US-Besatzungszeiten umstellen, aber territorial wie auch imagemäßig ist er ein Verlierer. Ebenso scheint sich der IS mit seinen Anschlägen gegen den Iran auch vielleicht moralische Unterstützung seitens Saudiarabiens zu erhoffen, will vielleicht symbolisch zeigen, dass er sich nun in Riads Anti-Iranfront einreiht, wenngleich dieses Kalkül nicht aufgehen dürfte.Umgekehrt nutzen die Revolutionsgarden und die Hardliner im Iran nun den IS-Anschlag um eine US-saudisch- IS-verschwörung zu konstruieren, um den frisch gewählten moderaten Rouhanni in Bedrängnis zu bringen. Abzuwarten bleibt, wie sich in diesem Spannungsverhältnis die Beziehungen mit der Türkei und Rußland weiterentwickeln werden, zumal sich die Türkei nun ostentativ auf die Seite Katars gestellt und die Militärkooperation ausgebaut hat.

Ein zweiter Punkt:  Zwischen den Zeilen wurde gemunkelt, dass Saudiarabien auch im Sinne haben könnte die islamische Armee/Anti-IS-Koalition in eine arabische NATO unter seinem Vorsitz umzuwandeln und deswegen eben nun versucht, die Mitglieder am Beispiel Katars nun unter seinen Oberbefehl und auf Anti-Iranlinie zu bringen.Zumal auch die NATO nun symbolisch der Anti-IS-Koalition beigetreten ist. Vielleicht sieht man dies, zusammen mit Trumps Nahostpolitik als Zeichen der eigenen Stärkung, die etwas Hybrismäßige Züge annimmt.

Die deutsche Regierung versucht dort zu vermitteln und die Situation zu deeskalieren. Eigentlich müsste man aber versuchen zwischen Saudiarabien, dem Iran und der Türkei zu vermitteln, die die regionalen Hauptaktuere sind. Mag Gabriels Inschutznahme Katars nicht einseitig motiviert sein, so scheint dies doch im Falle der Türkei der Fall zu sein, welches nun ostentativ seine Militärkooperation mit Katar ausgebaut hat.Katar scheint so der Sack zu sein um den Esel zu treffen.Die Türkei versucht mit dem Iran ebenfalls gute Beziehungen zu unterhalten, wenngleich es in Syrien dort in Konflikt kommt, zumal Erdogan wie Katar auf die Muslimbruderschaft und andere Islamisten setzt.Zumal die saudischen und amerikanischen Vorwürfe gegen Katar wegen Terrorismusunterstützung ja auch nicht von der Hand zu weisen sind und allgemein bekannt sind. Sei es die Finanzierung der Muslimbruderschaft, islamistischer Mordbrennermilizen von Lybien, Mali bis Syrien und Jemen, Verbindungsbüros von Taliban und Hamas in Doha,wenngleich Riad mit seinen Vorwürfen da selbst im Glashaus sitzt und selbst salafistische und andere islamistische Terrormilizen im Greater Middle East unterstützt.Das Beispiel Katar zeigt zumindestens, dass selbst wenn man den IS noch als gemeinsamen Feind hat, die regionalen Konkurrenzkonstellationen sich doch jetzt schon innerhalb der Anti-IS-Kolaition bemerkbar machen und diese werden mit jeder weiteren Niederlage des IS offener zutage treten .

Nichts dagegen, dass man versucht dort zu vermitteln und die Situation zu deeskalieren. Eigentlich müsste man aber versuchen zwischen Saudiarabien, dem Iran und der Türkei zu vermitteln, die die regionalen Hauptaktuere sind, während Katar nur das Austragungsfeld dieser regionalen Mächtekonkurrenz ist. Anzunehmen ist jedoch, dass Deutschland bezüglich Saudiarabien und der Türkei kaum Vermittlungsmacht hat. Dass die Saudis keine Waffen mehr von Deutschalnd wollen und nun von Trump so ermutigt werden durch seine einseitige Parteinahme , schmälert jegliche Vermittlungsmacht Deutschlands.Und zu den Beziehungen Deutschlands mit der Türkei braucht man nach dem Abzug in Incirlik auch wenig zu sagen. Im Iran werden nun die Hardliner in den nächsten Jahren wieder erstarken. Die Hoffnung einer Wiederannäherung des Irans an die USA seit dem Atomdeal werden durch die Trumpsche Außenpolitik völlig konterkariert.Und inwieweit die EU hier eine gemeinsame Position entwickeln kann, bleibt auch abzuwarten. Zumal eben die USA und Saudiarabien klar auf Konfrontationskurs mit dem Iran gehen und gar keine Vermittlung wollen, zumal Trump auch angesichts innenpolitischer Anfeindungen sich nun genötigt sehen könnte, vermehrt auf außenpolitische Erfolge und Feinde zu setzen–eben den Iran. Möglicherweise wird dann als nächstes auch der Irandeal infrage gestellt. Deutschland und die EU ist da eher der Zaungast dieses Konfliktes. Die zunehmende Front gegen Iran wird jedoch sehr direkten Einfluß auf die US-russischen Beziehungen haben, da Rußland recht enge Beziehungen zum Iran, zumal in Syrien verfügt und auch am Zustandekommen des Atomdeal unter Obama beteiligt war.

Ein wenig beachtetes Detail in der Trumprede in Riad war, dass er dort erklärte, die USA würden dafür sorgen, dass das iranische Volk eine „ihm angemessene Regierung“erhalten werde.Wohlgemerkt meinte er damit nicht die gerade frischgewählte moderate Regierung Rouhannis, sondern wohl eine proamerikanische Regierung. Dies ist nicht mehr als eine regime-change-Forderung. Von daher bleibt zu erwarten, dass die USA zuerst versuchen werden, regimekritische Oppositionelle zu einer Art iranischem Frühling anzustacheln, sowie existierende kurdische, sunnitische und belutschische Seperatisten und Regimegegner aufzurüsten. Falls dies nicht klappen sollte, Iran zumindestens soweit zu destabilisieren oder in einen inneren Bürgerkrieg zu verwickeln, dass er als Regionalmacht ausscheidet. Und sollte all dies nichts fruchten, wäre auch noch eine Kündigung des Atomdeals samt einem Krieg denkbar–am besten noch vor den nächsten Wahlen.Umgekehrt bleibt abzuwarten, inwieweit die Revolutionsgarden nun auch saudische und US-amerikanische Ziele auf ihre Liste nehmen, bzw. die von Iran aufgerüstete Hisbollah, Hamas und die inzwischen von Iran unterstützten Qudsmilizen auf den Golanhöhen gegen Israel vorgehen. Auch diese Sorte Reaktion ist denkbar und würde wohl zu einer weiteren Eskalation führen.Auch möglich, dass uns demnächst vermehrt Nachrichten erreichen, wonach sich der Iran nicht an das Atomabkommen halte und sich Massenvernichtungswaffen zulegen wolle.Ich sehe dieweitere Entwicklung eher recht düster.

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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