Kommunistisches Kollektiveigentum oder Privateigentum? Zu Bucharins ABC des Kommunismus

Eine grundsätzliche Schrift des Kommunismus ist Bucharins „ABC des Kommunismus“, das von Lenin und anderen Gemeinschaftseigentumsepigonien popularisiert wurde, um auch den einfachen Leuten, vormals der Arbeiterklasse klar zu machen, warum Kollektiveigentin die beste Lösung sei für eine Welt, die durch die Existenz des Privateigentums es nur zu Ausbeutung des Proletariats, Kolonialismus, Imperialismus und Weltkriegen brachte. Die Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem mag zwar berechtigt sein, die angebliche Lösung durch Kollektiveigentum und eine Planwirtschaft aber eben nicht.  Zitieren wir einmal Bucharin in dem von den Bolschewisten so gerne zitierten „ABC des Kommunismus“, das ja der Kern ihres Menschen- und zugleich Gesellschaftsbildes war:

§ 20 (Verteilung in der kommunistischen Gesellschaft) hat etwas Infantiles:

„Später, wenn sich die kommunistische Gesellschaft befestigt und entwickelt hat, wird das alles überflüssig sein. Jedes Produkt wird reichlich vorhanden, alle Wunden werden längst geheilt sein und jeder wird dann soviel nehmen können, als er braucht. Werden aber die Menschen nicht ein Interesse haben, mehr zu nehmen, als sie es brauchen? Gewiß nicht. Gegenwärtig fällt es ja auch Niemandem ein, z.B. in der Tramway 3 Fahrscheine zu kaufen und damit nur einen Platz zu besetzen und zwei unbesetzt zu lassen. Ebenso wird es dann mit allen Produkten sein. Der Betreffende hat aus dem gemeinschaftlichen Magazin so und soviel genommen als er braucht und Schluß. Den Überfluß zu verkaufen hat ja auch niemand ein Interesse: denn jeder kann, was er braucht, wann er will, bekommen. Auch das Geld wird dann keinen Wert haben. Folglich werden zu Beginn der kommunistischen Gesellschaft die Produkte wahrscheinlich nach der Arbeitsleistung und später einfach nach den Bedürfnissen der Bürger-Genossen verteilt werden.“

Bemerkenswert auch dieser Passus aus § 21:

„Wer wird über die ganze Ordnung wachen?

Darauf ist nicht schwer zu antworten. Die Hauptleistung wird in verschiedenen Rechnungskanzleien und statistischen Büros liegen. Dort wird Tag für Tag über die ganze Produktion und ihre Bedürfnisse Rechnung gelegt werden; es wird auch angegeben werden, wo die Zahl der Arbeitskräfte zu vergrößern, wo zu verringern und wieviel zu arbeiten ist. Und weil alle von Kindheit her die gemeinsame Arbeit gewohnt sein und begreifen werden, daß diese Arbeit notwendig und das Leben am leichtesten ist, wenn alles nach einem durchdachten Plan vor sich geht, so werden auch alle nach den Anordnungen dieser Berechnungsbüros arbeiten.“

Soweit die Kernvorstellungen eines Kommunismus.Dann auch dazu, wie das Ganze geleitet wird:

„Darauf ist nicht schwer zu antworten. Die Hauptleistung wird in verschiedenen Rechnungskanzleien und statistischen Büros liegen. Dort wird Tag für Tag über die ganze Produktion und ihre Bedürfnisse Rechnung gelegt werden; es wird auch angegeben werden, wo die Zahl der Arbeitskräfte zu vergrößern, wo zu verringern und wieviel zu arbeiten ist. Und weil alle von Kindheit her die gemeinsame Arbeit gewohnt seien und begreifen werden, daß diese Arbeit notwendig und das Leben am leichtesten ist, wenn alles nach einem durchdachten Plan vor sich geht, so werden auch alle nach den Anordnungen dieser Berechnungsbüros arbeiten.“

Wer bestimmt die Bedürfnisse von Menschen? Darüber kein Wort zu verlieren, setzt so eine Art Gott voraus, der das objektiv bestimmt. Rechnungskanzleien werden über „ihre Bedürfnisse“ (wer ist hier „ihre“?) Rechnung legen. Bedürfnisse werden von einem Supermann berechnet.Die Bewegung der Akzelerationisten in unserer heutigen Jetztzeit aktualisiert ja diesen Gedanken, in dem sie den damaligen Supercomputer der 70er Jahre unter Allende in Chile, der angeblich die erste Volkswirtschaft der Welt kybernetisch plante nun zum Modell erklären möchte für eine Milliarden Menschen umfassende Weltwirtschaft. Big data macht die Bucharinsche Verrechnungsstelle möglich. GOSPLAN 2.0.?

Geld wird es nicht geben, die „Bedürfnisse“ sind so wie eine Straßenbahnfahrkarte, also klar geregelt. Jeder will nur eine.

Die Propagierung solch paradiesischer Zustände macht vielleicht einen großen Terror wahrscheinlich, denn so simpel kann es naturgemäß nicht ablaufen.

Wenn ich mir § 20 und 21 von Bucharins ABC durchlese, fühle ich mich an den wirtschaftsoptimal nutzenoptimierenden denkenden homo oeconomicus der VWL erinnert, diesmal als kollektiv-totalitär denkendes Wesen und nicht als individueller Nutzenoptimierer, der dann mittels Adam Smiths unsichtbarer Hand allen nutzt oder in der libertären Variante einer Ayn Rand. Beide Annahmen sind wohl archaisch-idealisitisch oder bestenfalls: Infantli.Da halte ich es mehr mit der katholischen Soziallehre und dem Menschenbild des unperfekten Sünders (wenngleich die Begründung mit der Erbsünde natürlich ebenso infantlier und religiöser Quatsch ist).Menschen,die die Menschen für perfekt halten oder perfektionieren und optimieren wollen, haben ohnehin eine innewohnende Tendenz zum Totalitarismus.Seien es nun Neoliberale, Faschisten, Kommunisten, die chinesische Falungong oder Islamisten.

Bei Kollektiveigentum ist noch etwas zu beachten. Mal abgesehen davon, dass in den meisten kommunistischen Systemen eine Mangelwirtschaft herrschte, da die Verrechnungszentralen die Produktion abwürgten, ja auch für Hungersnöte sorgten schon bei Nahrungsmitteln wie auch anderen Konsummitteln, wurde der „Diebstahl“ viel drakonischer bestraft, da man sich nicht gegen Privateigentum von ausbeuterischen Kapitalisten, sondern gegen vermeintliches Volkseigentum des Kollektivs und aller, ja eines ganzen Volkes verging, obwohl man dies angeblich nicht nötig hätte–theoretisch zumindestens. Eine geklaute Salami ist da nicht Enteignung des Kapitalisten, sondern ein Verbrechen gegen alle und wurde dementsprechend viel drakonischer bestraft. Praktisch war da aber ein Arbeitslager oder ein Genickschuß die Strafe und nicht nur 3-4 Monate in einer kapitalistischen Gesellschaft–zumal unter einem Volksgerichtshof und nicht mal mit einem juristischen Verteidiger.

Von daher sind Bucharins ABC-texte nicht nur infantil, sondern auch mörderisch! Das zog sich durch–vom Kriegskommunismus zur Kollektivierung in der Sowjetunion oder dem Großen Sprung nach vorne zur Kulturrevolution bis hin zu Pol Pots agrarkommunistischen Kollektivfarmen, bei dem jeder mit einer Hacke erschlugen wurde, wenn er aufgrund des kollektivwirtschaftlichen Mangels oder eigenem Hunger Nahrungsmittel klaute, um selbst zu überleben. Meistens sorgten die kommunistischen Gesellschaftssysteme für den Mangel, der die Leute dann zum Diebstahl am vermeintlichen Volkseigentum verleitete, um dann desto drakonischer bestraft zu werden. Ein Teufelskreis. Umgekehrt sollte man aber allen Apologeten des Privateigentums die imperialistische Geschichte mit allen Weltkriegen und Kriegen, wie auch den Hungerstoten entgegenhalten, die die Rphstoff- und Nahrungsmittelbörsen der Wallstreet und aller anderen dividendenbringen Spekulationsbörsen bringen. Da beide Eigentumsformen nicht zum Wohle der Weltgemeinschaft dienen, sollte die Linke besser wieder andere Gesellschafts- und Eigentumsformen diskutieren.

All diese kommunistischen Ideologien waren unter Lenin und Trotzki noch gedacht als ein kommunistischer Weltstaat, der planwirtschaftlich die Bedürfnisse der Menschheit weltweit organisiert, die Natiionalstaaten und das Privateigentum beseitigt und so zu einer höheren und besseren Gesellschaftsform übergeht. Positiv wäre wohl gewesen, dass es tausende Industrieprojekte dann auch in unterentwickelten Staaten gegeben hätte, negativ aber dass solch eine Verrechnungsbehörde Quantencomputer und gottähnliche Leitungsfähigkeiten gebraucht hätte und man selbst mit einem solchen Modell eine Mangelwirtschaft erzeugt hätte. Angesichts der Weltwirtschaftskrise 1929 wurde ja Stalins Industrialisierung des „Sozialismus in einem Lande“Vorbild für viele kolonialierte Völker und die Linke in kapitalistischen Ländern, doch er kostete halt mittels Kollektivierung und Mangelwirtschaft samt Anlage eines staatlichen Arbeitslagersystems, in das nicht nur politische Gegner eingeliefert wurden, einen barbarischen Preis.Und die Stalinsche Planwirtschaft und Industrialisierung funktionierte nur solange, wie man feudalistische physische Arbeitskraft brauchte und organisierte, aber eben nichtmehr, als man kreative, frei denkende Arbeiter, Akademiker und Unternehmer gebraucht hätte, um neue Industrien zu erschaffen, die mehr auf geistiger Qualität denn körperlicher Quantität neruhten. Interessant im übrigen, dass Trump quasistalinisitisch ein America First am Leitbild von Stahl- und Kohlearbeitern oder irgendwelchen Midwest-Rednecks anstatt den Nerds der neuen Industrien des Silicon Valley, der Bio- und Nanotechnologie, der Hightechfirmen und der erneuerbaren Energien aufmacht.

Umgekehrt drängt der heutige Kapitalismus auf ebenso eine Globalisierung, hat auch in der ersten Phase Mitelschichten weltweit geschaffen und auch Hundertmillionen Menschen aus der Armut etwas hervorgehoben, gleichzeitig aber die Einkommenspolarisierung vorangetrieben und die Anfangserfolge anfangend mit der ertsen Globalisierungskrise, der Asienkrise 1997 über den Crash der New Economy 2001 zu der Sättigung der BRICS-Staaten, die dann Anlagensphären in den Subprimekrediten der USA und der Finanzkrise 2008 suchten nun in eine Globalisierungskrise verwandelt, bei der ganze Staaten und Bündnisse zerfallen, die Wohlstände der Mittelschichten und der Arbeiterklassen erodieren, nationalistische und extreme politische Strömungen wieder hochkommen, Hungersnöte wieder akut werden und gleichzeitg die Börsen von Dax bis Nikkei neueste Höchststände für ihre Dividendenbesitzer und Eigentümer feiern.Von daher sollte eine Linke neue Gesellschafts- und Eigentumsformen sowie internationale Organisationen diskutieren. Momentan verläuft die neue Diskussion zwischen dem russisch- chinesischen Oligarchenkapitalismus, dem europäischen Sozialkapitalismus und dem zunehmend oligarisch-plutokratischen US-System unter Trump. Zeit da mal wieder eine Grundsatzdiskussion über Eigentum, Nationalstaat und regulietem Weltkapitalismus zu führen.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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