Lesetips zu Digitalisierung und bedingungslosem Grundeinkommen

von Ralf Ostner

Da wir die Rechte für eine Wiederveröffentlichung nicht bekommen haben, wollen wir auf eine Reihe von Artikeln über Digitalisierung und die damit verbundene Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen hinweisen, verlinken und diese hier empfehlen. Zu gegebener Zeit werden wir diese auch noch kommentieren. Hier eine Leseempfehlung guter und sehr analytischer Artikel von Seiten des Gegenstandpunkts, der dies aus einer marxistischen Sicht analysiert  und der mehr bürgerlichen SZ.

Zuerst der Gegenstandpunkt, dessen Publikationen allgemein auch unter folgender Addresse lesbar sind:

https://de.gegenstandpunkt.com

„Industrie 4.0“Ein großer Fortschritt in der „Vernetzung“ und in der Konkurrenz um die Frage, wem er gehört

Unter dem Titel „Industrie 4.0“ wird nicht weniger als eine Zeitenwende verkündet, die zwar dem Namen nach nur die Industrie betrifft, aber der Sache nach die ganze Art und Weise verändern soll, wie in Zukunft produziert und konsumiert wird. Diese neue Welt lernt der Zeitungsleser zunächst und vor allem in Gestalt einer bunten Ansammlung von Stichworten kennen, die von „intelligenter Fabrik“ über „Internet der Dinge“ bis hin zu „Big Data“ reicht und gerne mit der „Digitalisierung aller Lebensbereiche“ zusammengefasst wird.

Einerseits soll die neue digitale Ära mit lauter Verheißungen aufwarten. Das fängt an in der Welt der Produktion, die sich künftig in „smart factories“ abspielen wird, in der die „physikalische und die virtuelle Welt“ zu „cyber-physikalischen Systemen“ verbunden werden. Automaten werden immer mehr Arbeiten übernehmen – gerade der „körperlich schweren oder stumpfsinnigen“ Art; Maschinen werden aus ihren Schutzkäfigen entlassen und mit ihren menschlichen Mitarbeitern Seit‘ an Seit‘, zunehmend sogar Hand in Hand und stets „harmonisch“ ihr Werk verrichten. Dazu gesellt sich eine neue Welt von „flexiblen Arbeitszeiten“ mit ungeahnten „Home-Office“-Möglichkeiten, die dem Verlangen des modernen Menschen nach Selbstbestimmung entgegenkommen. Auch die Konsumwelt wird mit der Digitalisierung und Automatisierung neuer und besser. Freuen darf sich schließlich auch die Wirtschaft: Mit innovativer Technik in der Produktion und mit ganz neuen Geschäftsmodellen steht eine neue Ära des Geldverdienens vor der Tür.

Andererseits ist das alles nur die eine Seite der „brave new world“ der Digitalisierung. Bei all diesen Verheißungen handelt es sich nämlich um „Chancen“, und von denen weiß der moderne Mensch allzu gut, dass sie stets mit besorgniserregenden „Risiken“ einhergehen: Wenn Roboter in den zunehmend „menschenleeren Fabriken“ immer mehr Arbeiten übernehmen, dann stehen womöglich immer mehr Arbeiter arbeits- und einkommenslos vor dem Arbeitsamt und fallen große Teile der gesellschaftlichen Kaufkraft aus. Die neu gewonnene „Selbständigkeit“ der Beschäftigten könnte sich für die meisten eher als eine bloße „Scheinselbständigkeit“ entpuppen – mit einer „Entgrenzung“ der Arbeitsleistung und -zeit und einer flächendeckenden „Prekarisierung“ der Arbeitsverhältnisse.

I. Die „vierte industrielle Revolution“ und ihre systembedingten Widersprüche für die Konkurrenz der Kapitalisten

1. Die „Verschmelzung“ von Industrieproduktion mit Informations- und Kommunikationstechnologie

Der Terminus „Industrie 4.0“ wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt durch die Gründung der gleichnamigen „Plattform Industrie 4.0“ durch die Branchenverbände ZVEI (Elektronikindustrie), VDMA (Maschinen- und Anlagenbau) und Bitkom (IT) – einer Kooperation zwischen Kapitalisten, die ganz genau wissen, was sie aneinander haben: Die IT-Kapitale wollen die industrielle Produktion mit ihrer Hard- und Software noch weiter, nämlich in „revolutionärer“ Weise als Geschäftsfeld für sich erschließen; und bei der Industrie, die sie so ins Auge fassen, treffen sie damit ins Schwarze. Denn auch sie verspricht sich durch die Aufrüstung zur „digitalen Industrie“ einen großen Sprung nach vorne für ihre eigenen Geschäftspotenzen.

Das fängt an mit der umfassenden Automatisierung und Digitalisierung ihrer Produktionsprozesse: Mit der Vernetzung sämtlicher Produktionselemente, die – mit Sensoren ausgestattet und per Software gesteuert – miteinander in der Produktion „kommunizieren“, kann der Produktionsprozess weitgehend autonom und automatisch abgewickelt werden.[3] Das verspricht einen großen Fortschritt bei der Verringerung der notwendigen Arbeit in der Produktion. Der besteht allerdings nicht darin, dass dann für Arbeiter immer weniger Arbeitsaufwand anfällt, sondern darin, dass für Unternehmer der Geldaufwand für Arbeit verringert wird. So sparen sie sich die Lohnkosten für den Lebensunterhalt der Arbeiter, die nicht mehr gebraucht werden – in der Tat ein großer Fortschritt für Produzenten, die zwar alle möglichen nützlichen Produkte, aber das alles nur als Träger für ihr eigentliches Produkt herstellen lassen: den per Verkauf erzielten Überschuss an Geld über ihren Vorschuss. Ganz gemäß der Vernunft, die die Marktwirtschaft regiert, heißt diese Sorte Effektivierung der Arbeit „Rationalisierung“ – und sie verschafft den Unternehmen das entscheidende Mittel, ihre Preise zu senken und sich so in der Konkurrenz um Marktanteile zu bewähren. Dabei macht das Stichwort „menschenleere Fabrik“ deutlich, wie weit die Unternehmer diese Ratio voranzutreiben gedenken: Nicht nur sollen die unterschiedlichsten Arbeitsverrichtungen fast gänzlich von Robotern ausgeführt werden, auch Entscheidungen und Kontrollfunktionen bezüglich des Produktionsverlaufs können zunehmend von – entsprechend programmierten – Automaten und ihren Algorithmen übernommen werden.[4] Neben der Einsparung an bezahltem Personal sorgt das weitgehende Herauskürzen des menschlichen Faktors aus der Produktion auch für eine erhebliche Verkürzung der Produktionszeit.[5] Auch das ist ein Fortschritt für die Veranstalter der Produktion, für die bekanntlich Zeit nicht bloß Zeit, sondern auch Geld ist, für die deswegen jede Minute, die während der Produktion verstreicht, eine Minute zu viel ist. Solange bleibt nämlich ihr investiertes Kapital gebunden, statt wieder für die Fortsetzung und Erweiterung des Geschäfts zur Verfügung zu stehen – ein eindeutiger Widerspruch zum Zweck, für den die ganze Produktion überhaupt unternommen wird. Was dieses Gebot der Beschleunigung für die Arbeiter bedeutet, die noch gebraucht werden, liegt auf der Hand: Sie müssen mit-, also das neue Tempo aushalten.[6]

Diesem Fortschritt der marktwirtschaftlichen Vernunft soll vor allem durch die zweite, als eigentlich revolutionär geltende Leistung der Industrie 4.0 zum Durchbruch verholfen werden: Durch das „Internet der Dinge“ werden Maschinen, Werkstücke, Produkte etc. über die Grenzen der jeweiligen Unternehmen hinweg vernetzt. Zwischen Zulieferern, Händlern und Kunden werden darüber nicht nur allerhand Daten ausgetauscht, sondern auch Prozesse, wie z. B. Bestellung und Bezahlung von Material, Einsatz und Abrechnung von Servicekräften o.ä. automatisch angestoßen So werden auch die der eigentlichen Produktion vor- bzw. nachgelagerten Zirkulationsakte, die auch Zeit kosten, effektiviert: das Einkaufen der benötigten Rohstoffe, Arbeitsmittel, Vorprodukte etc. und der über den Erfolg des ganzen produktiven Aufwands entscheidende erfolgreiche Verkauf der fertigen Waren. Dank der Automatisierung muss nicht länger auf die Entscheidungen der einschlägigen Figuren im Betrieb gewartet werden, sodass auch hier nicht nur Zeit, sondern Geld gespart wird – diesmal nicht für den Lebensunterhalt der benötigten Arbeiter in der Fabrik, sondern für das Personal, das lauter Herrschaftsfunktionen über die Produktion ausübt. Da ist dann die Rede von „flacheren Hierarchien“, die man durch die Beseitigung einiger Zwischenebenen der Verwaltung erreichen kann.[7]

Die Digitalisierung und Automatisierung sowohl der Produktion als auch der Zirkulation sorgt zudem für ein ganz neues Maß an Flexibilität in der Produktion: Erstens wird die Umrüstungszeit der Produktionslinien aufgrund der Beschaffenheit der neuen Produktionsmaschinen, vor allem aber wegen ihrer Software-Steuerung, radikal verkürzt. Zweitens und auf der Basis können unmittelbar – „in Echtzeit“, wie allgemein geschwärmt wird – einkaufsrelevante Informationen aus dem Zulieferungsbereich (z.B. Preisentwicklung bei den Energieträgern) sowie verkaufsrelevante Informationen aus den Absatzmärkten (z.B. Entwicklung der Verkaufszahlen und Kundenwünsche) in den Produktionsprozess einfließen und ihn automatisch an die Marktlage anpassen. Auftragslage, Bestellungen etc. können hinsichtlich ihrer Quantität und Qualität mit dem Auslastungsgrad, den aktuellen Produktionsabläufen, dem Vorratsbestand etc. abgeglichen, die Produktion tendenziell ohne Zeitverzögerung umprogrammiert und benötigte Materialien automatisch geordert werden [8] – womit sich schon wieder Einsparpotenzial auftut, nämlich beim Geldaufwand für die Lagerhaltung. Dieser Zusammenschluss der Produktions- und Zirkulationsprozesse verschafft den Unternehmen außerdem neue Waffen in ihrem Kampf um die zahlungsfähige Nachfrage. Dazu gehört an prominenter Stelle die zeitnahe Realisierung von Kundenwünschen – einmal online losgeschickt, kann die Kundenbestellung unmittelbar in der Produktion umgesetzt werden – sowie die vielzitierte „Losgröße Eins“: eine Kombination der Vorzüge der Massenfertigung und der Maßanfertigung. Die Produktion geringster Stückzahlen wird rentabel, also auch gemacht.

Dieses Interesse an der Einsparung von Zeit und Kosten durch die Vernetzung von Produktion und Zirkulation führt zu einer neuen, folgenreichen Form der Kooperation zwischen kapitalistischen Konkurrenten. Zwischen Industrieunternehmen und Zulieferern bzw. Abnehmern, aber auch zwischen Betrieben, die im Prinzip das Gleiche herstellen, entstehen „Wertschöpfungsnetzwerke“: Der Bedarf des einen Unternehmens – an Zulieferung oder Übernahme eines Teils der eigenen Produktion, etwa wegen eines außerordentlich hohen Auftragsvolumens – setzt unmittelbar die Produktion in einem anderen Unternehmen in Gang, und zwar in genau der benötigten Menge und Qualität. Ihre jeweiligen Produktionsprozesse greifen also automatisch ineinander, sie überschreiten die Unternehmensgrenzen und relativieren damit die exklusive Verfügung der Betriebsherren über ihr produktives Eigentum – damit ihr Eigentum besser dem Zweck entspricht, sich zu vermehren.

Mit dem Medium für diese unternehmensübergreifende Vernetzung von Produktion und Markt, dem Internet, machen IT-Unternehmer schon länger ihr Geschäft. Netzwerkbetreiber und -dienstleister stellen mit Kabeln, Funkfrequenzen, Routern, Datenübertragungssystemen und Clouddiensten die harten und soften Bedingungen dafür her, dass Geschäfts- wie Privatleute das Netz für ihre jeweiligen Zwecke benutzen können. Mit ihren diversen „platforms“ können Betriebe ihre Produktionsprozesse vernetzen, die mit dem Anwachsen der Datenmengen erforderlichen Speicherkapazitäten in Clouds auslagern und benötigte Software von externen Großrechnern abrufen etc. Schließlich können Lieferanten, Käufer und Verkäufer, Kunden und Geschäftspartner in Echtzeit und weltweit zueinander finden. Eine besondere Bedeutung kommt dabei IT-Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook und Co. zu, die sich inzwischen zu unumgehbaren Vermittlern zwischen den jeweiligen Ansprüchen und dem Netz gemacht und damit einen entscheidenden Beitrag zu dessen globaler Verbreitung geleistet haben: Nicht zuletzt durch ihr Wirken ist das Internet zu dem globalen Kommunikations- und Zirkulationsmedium geworden, das es heute ist. Sie bieten die Zentralisierung und Koordinierung sämtlicher Zirkulationsakte an – organisieren Internet-Plattformen, statten Kaufinteressenten mit Suchmaschinen aus, versenden Werbung mittels sozialer Netzwerke gleich an Milliarden von potentiellen Kunden etc. Die Plattform-Anbieter etablieren sich damit als eine Art virtuelles Gesamthandelskapital und stiften einen virtuellen Gesamt-Marktplatz für den Einkauf von Arbeitsmitteln, Rohstoffen, Vor- und Endprodukten, für die Erschließung weltweiter Märkte und für die Möglichkeit, Käufer an sich zu binden.

Mit den neuen, „revolutionären“ Angeboten des IT-Sektors lässt sich schließlich aus den Unmengen an Daten, die in der vernetzten Welt von Produktion und Konsum anfallen, ein eigenes Geschäftsmittel machen. Digitalisierte Informationen über die „Kommunikation“ zwischen den „Dingen“, massenhafte „Clicks“ und „Footprints“, die bei jeder Nutzung des Internets hinterlassen werden, „Kenntnisse“ über das Einkaufs-, Partnersuch- oder Urlaubsverhalten usw. – diese Daten sind zum „Öl des 21. Jahrhunderts“, zum „Kapital der Zukunft“ ausgerufen worden, deren Speicherung, Auswertung und Verknüpfung mit Daten aus anderen Datenquellen für eine ganz neue Welt an Geschäftsmöglichkeiten mit Big Data sorgen sollen. Wie diese Verwandlung von digitalen Abfallprodukten in sprudelnde Geschäftsquellen vonstattengeht, lässt sich jetzt schon studieren: In der Industrie fungieren die in Produktion und Zirkulation anfallenden Datenmassen vor allem als Instrumente für die Optimierung von Produktionsabläufen, Logistik, Lagerhaltung etc. Damit können Fehlerquellen, die zu Stockungen, Qualitätseinbußen und ähnlichem führen, schnell zugeordnet und abgestellt werden; aus Verlaufsdaten gewonnene Vorhersagemodelle erlauben es, Verschleiß und Ausfälle von Maschinen vor ihrem Eintreten zu erkennen und Abhilfe zu schaffen; Einkauf, Transport etc. werden datenmäßig erfasst und für die Perfektionierung einer „just in time“-Produktion optimiert; für zielgenaue Kundenwerbung und -betreuung werden deren Daten gesammelt und mit der aus allen möglichen anderen Datenquellen prognostizierten Nachfrage nach dem jeweiligen Produkt verknüpft. Schon länger praktiziert das Handelskapital – die Online-Plattformen sowieso – diese Sorte Datenerhebung und -verknüpfung, um Kundenprofile zwecks „Microtargeting“ zu erstellen. Hier werden Daten massenhaft und gezielt akkumuliert, damit man sie zur Optimierung von Werbung, Kundenbindung, Angebotsstruktur, Preispolitik etc. nutzen kann. Das Erheben und Sammeln von Daten wird zum eigenen Zweck,[9] aus den digitalen Abfallprodukten ein eigenständiges Produkt und Geschäftsmittel, das man entweder selbst nutzt oder anderen Unternehmen, die daran zur datenbasierten Effektivierung ihres jeweiligen Geschäfts interessiert sind, zum Kauf anbieten kann. Die zum Verkaufsobjekt fortentwickelten Datenmassen werden nicht nur von industriellen oder Handelskapitalen nachgefragt, sondern finden auch in so disparaten Feldern Anwendung wie in medizinischen Forschungsprogrammen, die aus der Verknüpfung von Millionen von Patientendaten Schlüsse auf Therapiemöglichkeiten ableiten wollen, in Wetterdiensten, an deren Daten Versicherungen oder Energieunternehmen interessiert sein könnten, bis hin zu Wasserwerken, die Datenmassen aus unterschiedlichsten Quellen miteinander verbinden, um damit Rohrbrüchen und anderen Ausfällen vorzubeugen.“

Ganzer brillianter Artikel samt Analyse unter GEGENSTANDPUNKT:

https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/industrie-40

Dazu zwei Gegenstandpunktartikel, die sich mit dem Thema des bedingungslosen Grundeinkommens beschäftigen, warum Unternehmer fast unisono dieses so als Lösung aller Probleme im eigenen Eigennutz sehen, sich aber bei der Finanzierung wiederum drücken oder dies auf andere Kapital- und Gesellschaftgruppen umlegen wollen und was es bedeutet:

„‚Arbeiten 4.0‘ im Zukunftsdialog Das Kapital wirbt für das ‚bedingungslose Grundeinkommen‘, die Politik hält ‚gute Arbeit‘ dagegen Spitzenmäßige Antworten auf die widersprüchliche Inanspruchnahme der Lohnarbeit

Seit eh und je wird der Kapitalismus mit wohlmeinenden Verbesserungsvorschlägen bedacht. Idealisten der Marktwirtschaft erscheinen die modernen Formen der Armut, die der Kapitalismus bei sich beherbergt, eingedenk der beeindruckenden Reichtümer und Produktivkräfte moderner Gesellschaften als überkommen und eigentlich überflüssig und sie vermuten, dass die aufgeklärte Menschheit das Zeug dazu hätte, es zu allerlei Wahrem, Schönem, Gutem zu bringen, wenn man sie nur aus ihren elementarsten Existenzsorgen und -nöten entlassen würde. Während sie regelmäßig und gerne Rezepte ersinnen, wie der Kapitalismus ohne allzu große umstürzlerische Kraftanstrengungen mit ein wenig Umfairteilung hier und da von seinen schlechten Seiten bereinigt werden könnte, verweisen ihre Kontrahenten aus Presse, Politik und Wirtschaft mit ihrem ‚Realismus‘ darauf, dass sich derlei Vorstellungen an der harten, marktwirtschaftlichen Wirklichkeit immerzu die Zähne ausbeißen.

Interessant also, wenn seit einer Weile der Vorschlag für ein bedingungsloses Grundeinkommen, „der sonst nur als Idee von Sozialromantikern abgetan wird“ , von waschechten Managern, Konzernvorständen und weiteren ökonomischen Entscheidungsträgern, „die sich keineswegs als Sozialromantiker verstehen, sondern als Anhänger der Marktwirtschaft“, aus der Sphäre des verträumten Philanthropismus hervorgekramt und als Antwort auf die ‚Probleme‘ der ‚Arbeitswelt 4.0‘ ins Spiel gebracht wird. Der Therapievorschlag verrät nämlich einiges darüber, womit die, die es schließlich wissen müssen, für die ‚Zukunft der Arbeit‘ ganz fest rechnen.

I. Unternehmer werben für ein bedingungsloses Grundeinkommen

Das bedingungslose Grundeinkommen sichert die Folgen der Digitalisierung ab

„Wir erleben die größten Veränderungen des Arbeitslebens durch Digitalisierung und Automatisierung. Zunehmend arbeiten Maschinen, Roboter und Computer für uns. Dies führt zu neuen Möglichkeiten, die freigewordene menschliche Arbeitszeit anders zu nutzen. Um eine Teilhabe aller zu gewährleisten, braucht es Chancengerechtigkeit – ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt sie allen in fairer Weise.“ (Grundeinkommen – Wofür?, wirtschaft-fuer-grundeinkommen.com)

„Durch global verlagerte Arbeitsplätze wird die westliche Welt zunehmend mit Arbeitslosigkeit und Transferarbeit in Zeitarbeit konfrontiert. Diese Herausforderungen löst ein Grundeinkommen auf eine menschliche und ökonomisch sinnvolle Art.“ (Ebd.)

„Selbst wenn die erhöhte Digitalisierung der Arbeit nicht zu Arbeitsplatzverlusten führen würde, ist anzunehmen, dass Arbeit zukünftig weniger Einkommen generieren kann, was die finanzielle Ungleichheit erhöht und den Wert der Arbeit mindert. Schon heute ist sichtbar, dass das Geldvermögen der Menschen mit Kapital schneller steigt als der Menschen, die alleine durch Arbeit ihr Kapital vermehren.“ (Ebd.)

Was die SAP-, Siemens-, Telekom-, Bank- und sonstigen Vorstände auf ihren Onlineplattformen und Spitzentreffen in Davos und anderswo über die Veränderungen des Arbeitslebens von sich geben, ist, recht besehen, eine unmissverständliche Ansage – sie sind es schließlich, die in dieser Gesellschaft überhaupt ein Arbeitsleben für Millionen abhängig Beschäftigte ins Werk setzen. Ohne ihre Entscheidung ‚verändert‘ sich an den Arbeitsplätzen in ihren Betrieben bestimmt nichts; sie wären die letzten, die sich von der neuesten Generation ‚smarter Roboter‘, der Digitalisierung oder sonst einer kreativen Wortschöpfung in ihr Eigentumsregiment hineinpfuschen ließen. Wenn sie sich der produktiven Potenzen von Wissenschaft und Ingenieurskunst bedienen und mit Hilfe vernetzter Produktionsanlagen und digitaler Helferlein die nächste Runde in ihrem globalen Kampf um alte und neue Absatzmärkte initiieren, so tun sie das ganz sicher aus freien Stücken im Dienste ihres Betriebszwecks. Wenn sie – immerhin die Damen und Herren Arbeitgeber – den Einsatz von moderner Technik sogleich in einem Atemzug mit Arbeitsplatzverlusten nennen, die für die Arbeitnehmer mit dem Verlust ihres Lebensunterhalts zusammenfallen, dann ist auch dieser Zusammenhang keine Folge der Technik, sondern von ihnen bezweckt: Dann bedienen sich Unternehmen all der schönen Möglichkeiten digitaler Technik offenbar aus einem so althergebrachten wie immergleichen Grund, nämlich um die Kosten bezahlter Arbeit in Gestalt von Arbeitsplätzen einzusparen. Aus demselben Grund treten sie ebenso entschieden in puncto Bezahlung ihrer verbleibenden Angestellten auf: Wenn die Digitalisierung den Wert der Arbeit mindert, geht man wohl recht in der Annahme, dass diejenigen, die die an den Arbeitsplätzen geleistete Arbeit vergüten, sich vornehmen, künftig weniger für sie zu bezahlen, und obendrein davon ausgehen, dass sie dieses Vorhaben auch ohne irgendeine nennenswerte Gegenwehr in die Tat umsetzen können.[2]

Das leicht verlogen vorgetragene Bekenntnis der Wirtschaftsfunktionäre zu den Konsequenzen ihres frei durchkalkulierten Umgangs mit dem Arbeitsvermögen der Gesellschaft im Dienste ihres Gewinns ist in ihren Augen das denkbar beste Argument für ein bedingungsloses Grundeinkommen: Vom ihnen total selbstverständlichen Standpunkt der Unverträglichkeit ihres betriebswirtschaftlichen Blicks auf den Kostenfaktor Lohn mit seiner Funktion als Lebensunterhalt der Arbeitskräfte arbeiten sie sich zu der Prognose vor, dass die Löhne, die sie künftig zu zahlen bereit sein werden, einen ausreichenden Lebensunterhalt endgültig nicht mehr hergeben. Sie selbst wissen am besten, wie schlecht sich ihre Ansprüche an den Lohn mit denen der Lohnbezieher vertragen. Eine anderweitige Finanzierung des Lebensunterhalts der Massen – qua bedingungslosem Grundeinkommen – würde die abschließende Befreiung ihrer Betriebsgröße ‚Lohn‘ von jedem Anspruch auf Tauglichkeit als Lebensmittel leisten und diese Trennung als gesellschaftlichen Konsens verbürgen.

Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen wird alles besser

Würde die Verantwortung für die Versorgung der Menschheit nicht mehr so schwer auf den Schultern der Unternehmer lasten, weil sie durch ein bedingungsloses Grundeinkommen gewährleistet wäre, wäre damit nicht bloß ihren Bilanzen, sondern – so das Versprechen der Propagandisten des bedingungslosen Grundeinkommens aus dem Unternehmerlager – der Gesellschaft als ganzer in vielerlei Hinsicht gedient:

„Mit einem Grundeinkommen werden alle Menschen weniger abhängig von ihrem Arbeitseinkommen. Das schafft mehr Möglichkeiten, den gender pay gap zu überwinden, ohne von staatlicher Seite mit Quoten eingreifen zu müssen … Da mit einem Grundeinkommen die Arbeit der einzelnen Menschen für Arbeitgeber weniger kosten kann, sinkt die Attraktivität für Schwarzarbeit … was weniger Kriminalität, weniger Rechtsarbeit und mehr Transparenz ermöglicht … Ein Grundeinkommen dient der Gesundheit von ArbeitnehmerInnen … Das Wissen um einen garantierten Lebensstandard beruhigt und schützt vor psychischen Problemen. Da Armut selbst zu einer verringerten kognitiven Fähigkeit führt, hilft ein Grundeinkommen zu besserer kognitiver Leistung und zu besseren Arbeitsergebnissen. Zudem sind die Kosten für kranke MitarbeiterInnen enorm. Die zunehmenden Kosten des Gesundheitswesens verringern sich mit einem Grundeinkommen … Durch ein Grundeinkommen wird die vielfach geleistete ehrenamtliche Arbeit gewürdigt und bestärkt. Davon profitiert die gesamte Gesellschaft, da viele Arbeiten ohne Ehrenamt überhaupt nicht durchführbar sind. Das betrifft besonders die Bereiche Breitensport, Kirche, Pflege, Open-Source Programmierung und Wissenschaft, welche großteils gemeinnützig sind.“ (Ebd.)

Gerechtigkeit, Anstand, Rechtschaffenheit, Ertüchtigung, ein wacher Geist in einem gesunden Körper, viel Sinn für Gemeinnutz, Sport, Kirche, Familie, Volkshochschule! Nur Integration, Umweltschutz und Artenvielfalt hat die ‚Wirtschaft für Grundeinkommen‘ vergessen aufzuzählen. Wie schön, wenn Gemeinwohl und Geschäftsinteresse in Sachen Entlastung des Lohns so gut zusammenpassen!

Im Weiteren wissen die Unternehmer überzeugend darzulegen, dass auch für den Staat ein bedingungsloses Grundeinkommen ein einziger Segen wäre. Denn immer, wenn die Unternehmer sich dank des Grundeinkommens getrost etwas sparen können, kann der Staat ebenso allerlei unnützen Aufwand einstellen:

„Gesetzliche Arbeitsplatz-Regulierungen werden teilweise obsolet; es braucht weniger gesetzlichen Kündigungsschutz; gesetzlicher Mindestlohn wird überflüssig, da jeder souverän verhandeln kann; gesetzliche Rente kann neu gedacht und organisiert werden; der Staat greift nicht mehr durch Sozialprogramme in die Personenrechte ein – die Menschen werden mündig; der Staat braucht keine Kriterien vorgeben und kontrollieren, bevor er Geld gewährt. Das verschlankt die Bürokratie; alle staatlichen Sozialsysteme können bis zur Höhe des Grundeinkommens abgeschafft werden.“ (Ebd.)

„Sozialleistungen verfehlen heute vielfach ihre Ziele und gehen an den realen Bedürfnissen vorbei. Zudem besteht ein großes Problem im Missbrauch von Sozialleistungen. Mit einem einheitlichen Grundeinkommen fällt all das weg, da es den Menschen eine gleichberechtigte Hilfe zur Selbsthilfe bietet.“ (Ebd.)

Dem Kapital lästige Regularien und Einschnitte in seine freie Kalkulation mit dem Lohn und seinen -nebenkosten erklären seine Vertreter schnurstracks zu allgemeinen Lasten mit mindestens fragwürdigem Nutzen, die der Staat sich und ihnen dank eines bedingungslosen Grundeinkommens getrost ersparen könnte. So würde die hoheitliche Gewalt zudem ihren hohen Ansprüchen an die Vermeidung von Komplexität, Bürokratie und Bevormundung gerecht und könnte zu ihren ureigensten Grundwerten zurückfinden:

„Mit Grundeinkommen können Bürokratie und Regel-Dschungel abgebaut werden. Dies mindert den Einfluss des Staates und stärkt die Bürger.“ (Ebd.)

„Es ist politisch nicht optimal, für jede Ausnahme eine gesonderte Regel zu erlassen. Besser ist es, eine Form zu finden, die für alle gilt … Das stärkt die Prinzipien von Freiheit und Gleichheit.“ (Ebd.)

In ihrer Empfehlungsarie tragen die Werbetexter schon eine schöne Latte an Berufungstiteln zusammen, bringen es bis in die höheren Weihen von Freiheit und Gleichheit – am allerschönsten ist es jedoch, wenn der Gegensatz in der Lohnarbeit selber in den Kronzeugenstand berufen wird und an ihm der Beweis gelingt, dass mit dem bedingungslosen Grundeinkommen letztlich einfach alles zueinanderfindet, was zusammengehört: Dass Arbeit künftig weniger Einkommen generieren kann und dass deswegen ein Grundeinkommen nötig ist, ist nämlich – Obacht! – sogar im Sinne der Verhandlungspositionen der ArbeitnehmerInnen, die die Digitalisierung gerade arbeitslos gemacht hat oder deren Wert der Arbeit anderweitig zusammengeschrumpft ist:

„Ein Grundeinkommen schafft einen echten Arbeitsmarkt, da jedem Arbeitnehmer mehr Optionen zukommen. Jeder kann freier entscheiden, wo und auf welche Weise er seine Arbeitskraft und Kompetenz einbringen möchte. Das stärkt die Verhandlungspositionen der ArbeitnehmerInnen. Mit Grundeinkommen sind Unternehmen gefordert, ihre MitarbeiterInnen als freie Menschen ernst zu nehmen und so einzusetzen, dass sie sich am besten entwickeln können. Das bedeutet: win-win für ArbeitgeberInnen/ArbeitnehmerInnen.“ (Ebd.)

In ihren progressiven Gedankenspielen scheuen die Unternehmer nicht länger davor zurück, endlich namhaft zu machen, was sie schon immer für eine Unzulänglichkeit des Arbeitsmarktes gehalten haben: Dass Arbeitnehmer eine starke Verhandlungsposition brauchen, aber nicht haben, sondern den Arbeitgebern ohnmächtig gegenüberstehen, hat letztere eigentlich schon immer gestört.“

https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/bedingungsloses-grundeinkommen

„Götz Werners ‚bedingungsloses Grundeinkommen‘ gegen Armut und Arbeitslosigkeit:

Sorgen um den rechten Geist des Kapitalismus

Götz Werner ist schon ein außergewöhnlicher Mann: Der ‚Selfmade-Milliardär‘ hat sich als Kritiker eben der marktwirtschaftlichen Verhältnisse einen Namen gemacht, in denen er als Chef einer Drogeriemarktkette Milliarden gemacht hat. Werner belässt es freilich nicht bei Kritik. Er offeriert so etwas wie ein Patentrezept, wie man Armut und Arbeitslosigkeit loswird, ohne die Marktwirtschaft, deren Produkt sie sind, in Frage zu stellen. Von einem ‚bedingungslosen Grundeinkommen‘ für alle Bürger und dem Ersatz aller Steuern durch eine ‚Konsumsteuer‘ verspricht er sich die Behebung aller Übel und erwartet von ihnen sogar, das Land zu ganz neuen Ufern zu führen. Das macht ihn für die einen zum ‚Heilsbringer‘, für andere zum ‚Spinner‘. Die Öffentlichkeit wundert sich, dass dem „Wanderprediger“ in Zeiten, die nicht gerade für Kritik und Protest bekannt sind, eine „geradezu gläubige Begeisterung entgegenschlägt. Mehrere tausend Neugierige wallfahren zu seinen Vorträgen.“ (Der Spiegel)-

Werners Blick aufs Wesentliche: Die Missstände und die eigentlich paradiesischen Zustände

Werner, der regelmäßig unter den reichsten Unternehmern Deutschlands gelistet wird, wird gerne drastisch, wenn er Not und Elend am anderen Ende der sozialen Skala anklagt: So weist er etwa auf den Zynismus hin, dass immerzu die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit versprochen wird, diese aber in Begriffen wie ‚Sockelarbeitslosigkeit‘ oder ‚Bodensatzarbeitslosigkeit‘ längst als fester Bestand des Standorts abgehakt ist. Die armselige Existenz der Hartz-IV-Empfänger stuft er als offenen Strafvollzug in gesellschaftlicher Isolation (Götz W. Werner, Einkommen für alle, Köln 2007, S. 10. Alle Zitate daraus) ein, der einem Vegetieren näher ist als einem menschenwürdigen Leben (95). Dabei müsste all dies nicht sein! Unermüdlich weist er in seinen Vorträgen und Büchern darauf hin, dass es in Zeiten der großen Industrie für Armut jeder Art keine materiellen Gründe gibt. Mit immer weniger Aufwand kann immer mehr produziert werden, so dass für alle mehr als genug da ist: Was in hochproduktiven Industriegesellschaften beinahe ständig wächst, ist der materielle Wohlstand. Und was unter normalen Umständen beinahe ständig schrumpft, ist das zu seiner Schaffung nötige Arbeitsvolumen. (26) Das macht ihn kritisch gegen eine Welt, in der es immer mehr Menschen am Nötigsten fehlt: Trotz steigender Produktivität und Versorgungsfähigkeit nehmen Armut und soziale Ungleichheit zu. Die Folgen des technischen Fortschritts scheinen paradox. Wer wollte ihm da widersprechen?! Alles, was die Menschen brauchen, ist reichlich vorhanden. Die schöne weite Warenwelt existiert jedoch weitgehend getrennt von bestimmten Schichten. Und die Ersparnis an Arbeitsaufwand erspart den Arbeitern keineswegs Mühen; sie vergrößert lediglich die Zahl der Arbeits- und Einkommenslosen. Mit wachsender Produktivität und ‚steigender Versorgungsfähigkeit‘ nehmen deren Existenzängste daher zu: Jubel über den Fortschritt geht verrückterweise einher mit Entsetzen über den Arbeitsplatzabbau (71).

Welche Form von Armut Werner auch immer thematisiert, immerzu stößt er darauf, dass Geld zwischen den Waren und ihrem Konsum steht: Fast alles ist prinzipiell für jeden verfügbar, wenngleich nicht unbedingt bezahlbar. Armut ist ein finanzielles, kein materielles Problem (30f). Es ist schon eine nicht geringe Leistung, angesichts dieser Einsicht nicht auf den Verdacht zu kommen, dass es in der marktwirtschaftlichen Art des Produzierens und Tauschens einen immanenten Grund für die Vorrangstellung des Geldes und seiner Vermehrung gegenüber den Gütern und ihrem Genuss – man kann auch sagen: für den Gegensatz zwischen Tauschwert und Gebrauchswert – geben könnte. Werner weigert sich jedoch kategorisch, so einen Gedanken auch nur in Erwägung zu ziehen. Diese Art geistiger Souveränität verdankt sich seiner Manier, die Welt gnadenlos im Modus des Eigentlichen zu reflektieren: Ich behaupte, dass wir eigentlich längst in paradiesischen Zeiten leben und alle daran teilhaben könnten. (9) Mit dem kleinen Wörtchen ‚eigentlich‘ sowie die in seinen Gedankengängen allgegenwärtigen Synonyme wie ‚an sich‘, ‚im Prinzip‘, ‚in Wahrheit‘, ‚im Grunde‘ und dergleichen verlässt der forsche Gesellschaftskritiker seine mitunter erfrischende Bestandsaufnahme heutiger Zustände, um phantasiereich ein beglückendes, aber noch verborgenes Wesen des Kapitalismus zu ergründen. Damit ist der Gegenstand seiner aufklärerischen Aktivitäten gesetzt: Sie deuten die beklagten Erscheinungen als Abweichung vom eigentlich guten Wesen ‚unserer‘ Gesellschaft, um letzterem zum Durchbruch zu verhelfen.“

https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/goetz-werners-bedingungsloses-grundeinkommen-gegen-armut-arbeitslosigkeit

Desweiteren als Leseempfehlungen von mehr bürgerlicher Seite aus der FAZ und SZ:

„Baden-Württemberg Ein deutscher Hotspot der künstlichen Intelligenz entsteht

Künstliche Intelligenz bringt einiges durcheinander. Baden-Württemberg legt vor und erregt Aufmerksamkeit in aller Welt. Mit dabei sind nicht nur Autokonzerne und Facebook.

26.06.2017, von Susanne Preuß, Stuttgart

Wer Roboter entzaubern will, der braucht nur ein rohes Ei. „Wie viele Bewegungsmöglichkeiten hat die Hand, die dieses Ei hält“, gibt Kai Arras zu bedenken und bewegt seine Fingergelenke in alle möglichen Richtungen: „Und nur mit einiger Übung weiß man, wie viel Kraft man aufwenden muss, um das Ei aufzuschlagen, ohne es zu zerstören.“ Für einen Forscher wie Arras ist das keine Aussage über die bisherige Unzulänglichkeit von Maschinen, sondern eine Herausforderung, die künstliche Intelligenz auch für den motorischen Bereich voranzutreiben. Sein Team bei Bosch arbeitet zum Beispiel schon an „weicher Robotik“, wo es darum geht, Teile ganz präzise zusammenzufügen, quasi mit Gefühl.

Sollte es irgendwann einen Roboter geben, der Eigelb und Eiweiss so elegant trennt wie sonst nur Großmutter daheim, dann ist es nicht abwegig, dass diese Maschine ihr nötiges Erfahrungswissen und ihre Intelligenz aus dem Cyber Valley hat. Noch kennt kaum jemand diesen Begriff. Aber eines Tages, so die Hoffnung der Initiatoren, soll Cyber Valley eine Marke sein, so bekannt sein wie das Silicon Valley – und zwar als Zentrum der künstlichen Intelligenz.“

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/plaene-fuer-cyber-valley-in-stuttgart-15074487.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Über die Gründung einer IT-Gewerkschaft:

„Tech Solidarity“ sammelt Spenden – und will eine Gewerkschaft gründen

Vielleicht liegt es neben dem klaren Feindbild Trump auch an solchen Debatten, dass einige Mitarbeiter sich nun deutlicher positionieren und dies auch von ihren Arbeitgebern einfordern: Nach dem Einreisebann verließen Ende Januar etwa 2000 Google-Angestellte die Firmenzentrale, um gegen Trump zu protestieren.

Für den 14. März planen Tech-Angestellte eine Demonstration in Palo Alto. Eine Amnesty-Demonstration vor Thiels Datenanalyse-Firma Palantir fand aus der Branche durchaus Zulauf, heißt es. Bei IBM, deren Chefin Ginni Rometty Trump berät, unterzeichneten tausend Mitarbeiter einen kritischen Brief, in dem sie fordern, „Projekte, die der Freiheit schaden, abzulehnen“.

Die nach der Wahl gegründete Gruppe „Tech Solidarity“ sammelt unterdessen Spenden und Unterstützer. Brisant ist dabei, dass die Initiative nebenbei auch die gewerkschaftliche Organisation von IT-Mitarbeitern vorantreibt. Einen solchen Zusammenschluss der Arbeitnehmer wollen vom Start-up bis zum Großkonzern alle Firmen traditionell verhindern. Für das Silicon Valley könnte das politische Erwachen seiner Bewohner einige Überraschungen parat halten.

http://www.sueddeutsche.de/digital/donald-trump-die-hassliebe-zwischen-trump-und-dem-silicon-valley-1.3378407

Zum bedingungslosen Grundeinkommen:

„Ungleichheit Das Grundeinkommen ist nur ein Märchen

Ob links oder rechts, ob Top-Manager oder auf Hartz IV: Alle lieben das Grundeinkommen. Dabei wird es die Ungleichheit weiter zementieren.

Essay von Alexandra Borchardt

Wäre die Digitalisierung ein Märchen, würde es höchstwahrscheinlich mit diesem oder einem ähnlichen Satz schließen: „Dann erhielten alle Menschen ein Grundeinkommen, und gemeinsam mit den Robotern lebten sie glücklich und zufrieden bis an ihr Ende.“ Dabei wäre die Autorenschaft fast egal, denn die Debatte über die staatliche Einkommens-Flatrate gehört mittlerweile zu Diskussionen über die Zukunft der Arbeit wie Butter auf den Frühstückstisch.

Ob politisch links oder rechts, ob im Silicon Valley oder in Berlin, bei Top-Managern wie Siemens-Chef Joe Kaeser, Unternehmern wie dm-Gründer Götz Werner, Professoren wie dem ehemaligen US-Arbeitsminister Robert Reich oder Hartz-IV-Aktivisten: überall und allen gilt das Konzept des bedingungslosen Geldgeschenks als denkbares, wenn nicht gar einzig denkbares Mittel, um Bismarcks Sozialstaat fit für die digitalisierte Zukunft zu machen.

Wer daran zweifelt, riskiert einen Shitstorm. Und genau das sollte stutzig machen. Denn Politik, die niemandem wehtut, gibt es – wenn überhaupt – nur im Märchen. Und noch mehr ist bedenklich: Was auf den ersten Blick nach einem Weg in eine gerechtere Gesellschaft aussieht, könnte im Gegenteil enden: in einer Gesellschaft des Oben und Unten, die geteilt ist wie in vergangenen Jahrhunderten, als es zwischen Adel und Besitzlosen nicht allzu viele Abstufungen gab und Aufstieg ein Ding der Unmöglichkeit war.

Aber warum klingt das Konzept für so unterschiedliche Gruppen so attraktiv? Ist es der Traum vom Leben ohne tägliche Fron, Angst vor sozialen Unruhen, schlechtes Gewissen? Die Befürworter verfolgen ganz verschiedene Interessen.“

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ungleichheit-das-grundeinkommen-ist-nur-ein-maerchen-1.3315254

„Bedingungsloses Grundeinkommen Experimente mit dem Grundeinkommen taugen nichts

Man muss das Grundeinkommen realisieren, nicht testen. Alle „Experimente“ waren von Beginn an zum Scheitern verurteilt – nur die Schweiz macht es richtig.

Gastbeitrag von Philip Kovce, Ökonom und Philosoph

Wer an die Kraft wissenschaftlicher Beweise glaubt, der schaut dieser Tage hoffnungsvoll nach Finnland. Dort wird man, so scheint es, demnächst wissen, ob das bedingungslose Grundeinkommen eine gute oder eine schlechte Idee ist. Warum? Weil es derzeit getestet wird. Seit Jahresanfang erhalten 2000 zufällig ausgewählte arbeitslose Finnen für zwei Jahre monatlich 560 Euro vom Staat – bedingungslos. Anstelle anderer Sozialleistungen. Als, so heißt es, Grundeinkommensexperiment.

Wie werden sich die auserwählten Finnen nun verhalten? Werden sie fleißiger oder fauler, kreativer oder lethargischer? Kostet es den Sozialstaat mehr oder weniger, wenn anstelle der labyrinthisch zu beantragenden und dauernd bedarfsgeprüften Hilfeleistungen ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle tritt? Diese und noch viel mehr Fragen soll das finnische Experiment beantworten. Doch daraus wird nichts, denn das Experiment ist gar kein Grundeinkommensexperiment.“

Philip Kovce, 30, Ökonom und Philosoph, forscht am Basler Philosophicum und gehört dem Think Tank 30 des Club of Rome an.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/aussenansicht-experimente-taeuschen-1.3615000


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