Angst essen Seele auf–Dramatisierung oder berechtigte Befürchtungen angesichts der momentanen Weltlage?

von Ralf Ostner

Ich schrieb einem mit mir befreundeten Diplomaten aus dem Auswärtigen Amt mein gegenwärtiges Unbehagen über die momentan stattfindenden Krisen und zitierte dann aus einem Kommentar der trotzkistischen World Socialist Website, die allerdings die Tendenz hat bei jeglichem Konflikt sofort den Ausbruch eines dritten Weltkriegs zu wittern und diesbezüglichen Alarm inzwischen schon so oft und inflationär geschlagen hat, dass es an die Geschichte von dem Jungen erinnert, der immer vor dem Löwen warnte, bis ihm keiner mehr zuhörte, worauf dann wirklich der Löwe kam.

„Sapad, Konfrontation der USA in Syrien mit Assads Truppen, geplante Aufkündigung des Irandeals, Nordkoreakrise–sie meinen, alles halb so schlimm und zu sehr dramatisiert. Ich bin mir nicht sicher, ob der Kommentar der WSWS nicht recht behalten wird:

„1938 warnte Leo Trotzki, der Imperialismus schlittere „mit geschlossenen Augen der wirtschaftlichen und militärischen Katastrophe entgegen“. Nur ein Jahr nach diesen Äußerungen lies Hitler seine Armee gegen das weitgehend wehrlose Polen los und setzte damit die Katastrophe des zweiten imperialistischen Weltkriegs in Gang.

Nach Trumps Hetzrede vor den Vereinten Nationen am Dienstag haben Trotzkis Worte eine neue Bedeutung erhalten. Der US-Präsident hatte am Dienstag in einer Sprache, wie sie seit dem Dritten Reich niemand mehr benutzt hat, mit einem Vernichtungskrieg gedroht.

Wenn es hier um nichts weiter als das Gerede eines Verrückten ginge, hätten die Massenmedien und das politische Establishment Trumps Drohung, Nordkorea „vollständig zu zerstören“, einhellig verurteilt. Doch nichts dergleichen ist passiert. Das auffälligste daran ist, wie zurückhaltend die Reaktion ausfällt, vor allem die des amerikanischen politischen Establishments und seiner wichtigsten Medien. Die überschaubare Kritik an der Rede beschränkte sich auf Wortklaubereien über einige seiner groteskeren rhetorischen Exzesse und die Frage, ob sein Auftreten vom taktischen Standpunkt her zweckdienlich war.

Die USA haben über das ganze Jahr hinweg ihre Drohungen gegen Nordkorea verschärft. Doch bisher gab es keine ernsthafte offizielle und öffentliche Diskussion über die Folgen eines Krieges. Es gab keine Debatte im Kongress über das Thema, keine Forderung nach einer offenen und live übertragenen Senatsanhörung, und vor allem keine ausdrückliche und unmissverständliche Verurteilung des Kriegskurses der US-Regierung.

Studien des amerikanischen Militärs und der Denkfabriken aus ihrem Umfeld geben einen beängstigenden Einblick, welches Grauen ein solcher Krieg zur Folge hätte. Die britische Tageszeitung Daily Telegraph zitiert Schätzungen, laut denen ein „konventioneller Krieg Millionen Todesopfer fordern würde“, und durch den Einsatz von Atomwaffen würde sich diese Zahl noch um ein Vielfaches erhöhen.

Der pensionierte General Rob Givens, der als stellvertretender Stabschef für Operationen der US-Truppen in Korea gedient hatte, schrieb, „wir würden Nordkorea täglich 20.000 Opfer durch Kampfhandlungen beibringen“. Nordkorea würde dem Süden „alleine in Seoul in den ersten Tagen Verluste von 20.000 Mann pro Tag zufügen.“ Er warnt, die Gesamtzahl der Toten würde die Millionen, die in den letzten sechzehn Jahren bei aktiven Kämpfen im Nahen Osten getötet oder verstümmelt wurden, „weit in den Schatten stellen.“

Ein Artikel im New Yorker zitierte Prognosen, laut denen es alleine in den ersten Stadien des Kriegs 10.000 Todesopfer in Seoul und eine weitere Million in Südkorea geben würde. Ein ehemaliger General der US Army warnte: „Die Zerstörungen auf der Halbinsel wären katastrophal, einfach katastrophal […] Und wenn die USA und China in den Krieg hineingezogen würden, wäre alles möglich.“

Der Artikel zitiert den leitenden Direktor des Washingtoner Büros der britischen Denkfabrik International Institute for Strategic Studies (IISS), Mark Fitzpatrick. Dieser warnte, selbst ein Sieg über das nordkoreanische Regime würde die Bedingungen für einen langen Aufstand gegen das US-Militär schaffen, der alles aus dem Irak und Afghanistan bekannte in den Schatten stellen würde.

Ein Krieg gegen Nordkorea würde einen Sturm der Entrüstung auslösen und die USA zu einem Pariastaat machen. Er würde im Inland und weltweit eine Welle des Abscheus auslösen. Doch die Wirtschafts- und Finanzoligarchie und ihre politischen Vertreter verfolgen ihren militaristischen Kurs mit einer Mischung auf Rücksichtslosigkeit und Blindheit.

In seiner Rede sprach Trump auch wilde Drohungen gegen den Iran und Venezuela aus. Zeitgleich mit der Rede fanden auf der koreanischen Halbinsel die bisher provokantesten Militärübungen statt. Amerikanische Atombomber vom Typ B-1B und F-35-Kampfflugzeuge warfen nahe der entmilitarisierten Zone Bomben ab. In Europa veranstalten die Nato und Russland gleichzeitig Militärübungen, bei denen die jeweils andere Seite als Gegner auftritt. In der ostsyrischen Wüstenregion Deir ez-Zor stehen Washingtons Stellvertretertruppen und die Spezialeinheiten, die sie anführen, kurz vor einer bewaffneten Konfrontation mit dem syrischen Militär, das von russischen Spezialkräften unterstützt wird.

Die Frage ist nicht mehr, ob ein neuer Weltkrieg und der Einsatz von Atomwaffen möglich sind, sondern welcher der unzähligen globalen Konflikte ihn am ehesten auslösen wird.“

Daraufhin kam eine faktische Nicht-Antwort von unserem Diplomaten aus dem AA, die man entgegen sonstig ausführlicher Korrespondenz als Nichtbefassung mit dem Thema und seinen Argumenten auffassen muss:

 

Lieber Herr Ostner,

Genau das meine ich, wenn ich vor Dramatisierung warne!

Unsicherheit und Angst sind schlechte Ratgeber.

Viele Grüße

Dr.X

Auf diese Nichtantwort,die scheinbar bestenfalls  daran appelieren soll sich angesichts turbulenter Zeiten nicht irre machen zu lassen, sondern entspannt zurücklehnen zu sollen,schrieb ich:

„Lieber Dr. X,

Da bin ich mir eben nicht so sicher. Heute scheint uns fast klar, wie es zu WK 1 und WK 2 kam. Damals hätten wahrscheinlich auch Leute vor Dramatisierungen gewarnt.Wer hätte gedacht, dass die Serbienkrise einen derartigen Flächenbrand auslösen würde und Deutschland solche Hasadeurritte wie den Schliefenplan wagte. Wer hätte gedacht, dass Hitler nach Polen einmarschiert und sich dann nach dem Hitler-Stalinpakt auch noch gleich mit der Sowjetunion anlegt, obgleich dies nicht einmal Napoleon schaffte. Mit Ausnahme der KPD, die schon 1930 die Parole ausgab „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!“  und Churchill glaubte doch keiner daran, nicht einmal Stalin. Ebenfalls ist folgende Tendenz durchaus feststellbar:

„Die Frage ist nicht mehr, ob ein neuer Weltkrieg und der Einsatz von Atomwaffen möglich sind, sondern welcher der unzähligen globalen Konflikte ihn am ehesten auslösen wird.

Die Gefahr eines Krieges geht nicht von dem kranken Gehirn eines Donald Trump aus, sondern von der Logik der Krise des amerikanischen und des internationalen Kapitalismus, der auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und der Aufteilung der Welt in rivalisierende Nationalstaaten beruht.

Trumps Drohungen mit einem Völkermord sind das Endprodukt einer langwierigen Entwicklung des US-Imperialismus, der sich 1945 zur vorherrschenden imperialistischen Macht erklärt hatte, nachdem er Hiroshima und Nagasaki mit Atombomben eingeäschert hatte. Seine späteren, erschütternd brutalen Kriege in Nordkorea und Vietnam kosteten Millionen von Menschen das Leben.

Im letzten Vierteljahrhundert seit der Auflösung der Sowjetunion haben die USA nahezu ununterbrochen Krieg geführt. Auf diese Weise wollte die amerikanische herrschende Klasse, die von Demokratischen und Republikanischen Regierungen gleichermaßen vertreten wird, den Niedergang ihrer wirtschaftlichen Stellung im Weltkapitalismus mit Gewalt ausgleichen. Diese Strategie hat eine Niederlage nach der anderen hervorgebracht, von Afghanistan und dem Irak bis hin zu Libyen und Syrien.

Die Serie von Debakeln des amerikanischen Militarismus haben dessen Kriegskurs nur noch weiter verschärft. Das Pentagon richtet seine Aufmerksamkeit von verarmten und nahezu wehrlosen Ländern zunehmend auf Washingtons wichtigste regionale und globale Rivalen. Dazu gehören auch Länder wie Deutschland, die seit dem Zweiten Weltkrieg mit den USA verbündet waren, deren Beziehungen aber immer stärker beschädigt werden.“

Naja, ob die USA trotz NATO-Mitgliedschaft mit Deutschland Krieg führen werden, halte ich allerdings für eine aberwitzige Dramatisierung. Ebenso ist die Existenz vor Massenvernichtungswaffen ein doch auch für Fanatiker bestehendes Hemmnis, Kriege anzufangen, aber ist das auch in der Zukunft immer garantiert? Denn inzwischen ist auffällig, dass man anders als in den 1990er und 2000ern  inzwischen wieder von der Möglichkeit von Großmachtskonflikten spricht.Aber, dass der Konflikt zwischen NATO und Rußland eines Tages außer Kontrolle geraten könnte, das ist durchaus möglich, vor allem mit jemandem Unberechenbaren wie Trump. In Korea und mit dem Iran erleben wir die Verhaltensmuster, die wir dann wahrscheinlich auch bei einem Konflikt zwischen USA und Rußland in Europa sehen würden.Von daher sollte man das ganz genau beobachten.Mag Angst ein schlechter Berater sein, so ist auch das Ignorieren und Unterschätzen von handfesten Krisen und deren Eskalationsmöglichkeit ein Quell möglicher „Mißperzeptionen“ (Kindermann).

In Deutschland ist man einfach dazu übergegangen, Trumps Tweets als belang- und folgenlos zu sehen und alles nur als Dramatisierungen von Schlechtmachern der transatlantischen Beziehungen zu sehen. Man könne Trump nicht ernst nehmen, er sei im Kern „nur“ein Geschäftsmann und Merkantilist, es werde alles nicht so schlimm kommen, nach 4 Jahren ist der sowieso weg, die check and balances und seine Berater und Kushner samt Ivanka werden ihn einbremsen.

Wer sich dieser Weltsicht entzieht und den Mann als brandgefährlich einschätzt, wird inzwischen als Alarmist, Dramatisierer und Panikmacher angesehen. Man wird als kleines unmündiges, verängstigtes Kind betrachtet, das nur nach Emotionen und nicht Rationalität urteile und handle. Und zur Tatsache, daß die USA immer mehr zu Mitteln von Handelskriegen und Kriegen angesichts ihres tendenziellen Niedergangs greifen und Trump da nur das Symptom ist, wie auch die Tatsache, dass inzwischen anders als in den 1990er und 2000ern wieder von der Möglichkeit von „Großmachtkonflikten“gesprochen wird, sagen unsere Valiumtabletten im AA und der Merkelregierung auch nichts. Ein Bekannter schrieb mir auf den Kommentar des Diplomaten des AAs auch noch:“Es gab auch früher schon sehr viele Diplomaten, die die Dinge gelassen gesehen haben und vor Dramatisierungen gewarnt haben. Und wenn’s dann doch passiert ist, hatte es niemand wissen können.“Motto:Mutter Erde,Mother Earth, (Groß) Mutti Merkel wird´s richten. Vielleicht wird dann auch noch der Gabriel als unnötiger „Dramatisierer“denunziert! Der Deutsche liebt Ruhe und Ordnung.

 



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