Der Wolf und sein Mythos in einer entzauberten Welt

von Ralf Ostner

Der Wolf kommt zurück und füllt die Schlagzeilen. Einmal der Wolf als Stück Naturgewalt, der sich nun in deindustralisierten Regionen Ostdeutschlands wieder heimisch macht und eine Art Rückeroberung der Natur und des natürlichen Raums mangels menschlicher Industrialisierung und Zivilisation verkörpert, quasi als Rache an den von Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“, zum anderen in Restdeutschland, wo er vor allen in südlichen Breiten wie Problembär Bruno nur als Schädling für Weidebauern und deren Schafsbestand gesehen wird, weswegen Tierschützer für Hegezäune und Weidbauern für Abschuß plädieren. Am Wolf scheiden sich die Geister. Dabei ist er ein höchst mythischbeladenes Tier von den USA bis Deutschland bis hin in die Türkei. Doch dies spielt in der entzauberten Welt der Moderne -wie es Max Weber nannte-kaum mehr eine Rolle.

Daher sei für diese aussterbende Tiersorte nochmals auf deren überhöhende Mythologisierung hingewiesen.

Schon in deutschen Märchen und Legenden spielte der Wolf eine wesentliche Rolle-am berühmtesten bei Rotkäppchen. Der Wolf war auch das Lieblingstier des Nationalsozialismus und Hitlers, weswegen er sich einen Schäferhund namens Goldi hielt, den er besser behandelte als seine Frauen und zugleich in ihm eine domestizierte Form des Wolfes sah, der führertreu gehorchte und loyal war, wie er sich dies ebenso von seinen Untertanen erhoffte. Dementsprechend wurde die VW-Produktionsstadt Wolfsburg genannt und das Führerhauptquartier neben Berlin und dem Obersalzberg eben Wolfsschanze. Im untergehenden Nazideutschland wurde das letzte Aufgebot an verbliebenen Rentner und Jugendlichen auch Wehrwolf genannt und vor diesem Namen hatten die Alliierten auch einen Heidenrespekt, um dann zu erfahren, dass die Werwölfe eher wehrlose Pudel waren, die nach einem neuen Herrchen Ausschau hielten.In osteuropäischen Sagen, wie auch in Romanen und Filmen wurden immer wieder die Werwolfssagen gleichberechtigt neben dem englischen Dracula und Frankenstein zirkuliert.

In die US-Hollywood und Comicszene gingen Werwolffilme auch zentral als Genre ein. Sei es schwarzweißer Stummfilm bis hin zu modernen Filmadaptionen, auch mit Jack Nickelson, bei denen US-Teeagertouristen in Osteuropa von einem Werwolf gebissen werden und dann rückgekehrt vom altertümlichen, mythischen Europa als Werwölfe an ihren modernzeitlichen, zivilisierten Colleges und Campusen sich austoben. .Neue Welt, alte Welt. In Filmen und Comics dienten Werwölfe, Dracula, Frankenstein, Hercules, Thor, die scharlachrote Hexe, der Nightcrawler immer als Klischee von einem Europa, das gegenüber den USA mittelalterlich, alt und rückständig ist, keine Hochhäuser sondern nur Burgen kennt, das nur in Dörfern existiert und in denen ihre Bevölkerung immer schnell mit Mistgabeln und Fackelzügen einen Pogrom.- und Lynchmob mobilisieren.

Aber der Wolf hatte auch eine eigenständige Verbindung mit der US-amerikanischen Geschichte So gab es in den 80er Jahre den Film Wolven. New Yorks Stadtteile heruntergewirtschaftet von einem Immobilienspekulanten. Es kommt zu Mordserien in den heruntergewirtschafteten Stadtteilen, die ein Kommisar aufzuklären sucht und dabei auf die indianische Community stößt, die scheinbar mit den Morden verbunden ist. Kurz; Die Indianer begehren gegen die Bauspekulation auf, verwandeln sich in Killerwölfe und stürmen zuletzt das Hochturmbüro des skrupellosen Immobilenspekulanten. Die Marvel Comic Group hatte wiederum in den 70er Jahren einen Superhelden namens „Red Wolve“, einem am Hochbau arbeitenden Indianer, der in seiner Freizeit als Wolf verkleideter Superheld und einem richtigen Wolf als Begleiter Jagd auf Bauspekulanten und Superschurken macht. Dann in den 90er Jahren der Kultfilm „Der mit dem Wolf tanzt“. Während der Werwolf ein mythisches Wesen aus dem mittelalterlichen Europa war, so der Wolf als Symbol indianischer Unterdrückung, die mal als antikapitalistische oder geschichtliche Kritik am weißen Mann aufgemacht wurde,Aber außer Jack Wolfskin als Marke für Abenteurer hat der Wolf seitdem in den USA an momentaner Bedeutung verloren.

Zuletzt ist der Wolf noch ein mythisches Wesen für die türkischen Faschisten der MHP, den Grauen Wölfen. Deren Wolfmythios ist existentiell und geht auf den Mythos zurück, dass es in grauer Vorzeit ein rassisch homogenes Turkvolk im Tale Ergenokon gegeben hätte, dessen Pforte von einem grauen Wolf beschützt wurde, Als dieser starb, hätte sich das Tal geöffnet und wäre das Turkvolk über die gesamte Erde ausgeschwärmt–in die Türkei, Nahost, Europa bis hin zu Zentralasien, Indien und China. Ja, die türkischen Faschisten halten auch noch die Mongolen für ein eigentliches Turkvolk. Zumindestens bleibt der Wolfsmythos der Grauen Wölfe heute immer noch so sinnbildend für ihren Großexpansionismus wie es für Hitler und die NSDAP der Wolf als Raubtier und sinnstiftend als Symbol war.

Aber wie Max Weber einmal sagte: Die Welt wird immer mehr entzaubert und somit auch der Wolf als Mythos. Rechte Ideologen wollen ihn auch nicht mehr auferstehen lassen und daher gibt es nur noch Tierschützer, die sich angesichts wütender Weidenbauern schützend vor ihn stellen und vor dem Abschuß bewahren wollen.



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