Fehlende linke Bewegungen– neoliberale Logik und Bedürfnis nach Fremdbestimmung?

von Ralf Ostner

Eine recht grundsätzliche Frage ist, warum sich viele Leute heute nicht politisch engagieren und links werden und es keinen ernsthaften Widerstand gegen den Neoliberalismus gibt. Frankfurter Schule-Schüler erklären dies mit der „neoliberalen Logik“, eine andere Autorin erklärt dies mit dem wilentlichen Entschluss von Individuen und gesellschaftlichen Gruppen sich  in ihr Schicksal zu fügen und fremdbestimmt sein zu wollen-also eher als Lethargie, bösen Willen, Passivität– Zitat:

„Menschen wollen glauben, besonders an Schicksalhaftigkeit und an ihre eigene Unmündigkeit. Dafür verantwortlich sind nicht die Verhältnisse, deren, bzw. die neoliberale Logik, sondern Menschen treffen diese Entscheidung (das auch zur Abschaffung Gottes und *dessen* Verblödungsstrategie).“

Letztendlich ist die angebliche freie Entschediung auch eine Frage der Macht- und Gewaltverhältnisse. Schließlich schützen Polizei, Gerichte, Militär und Geheimdienste das Privateigentum und sorgen für die Machtverhältnisse, denen sich die meisten dann anpassen, da sie Sanktionen und Gefängnis oder Schlimmeres befürchten.Wie heißt es in Bayern: Kein Haus bleibt länger als 24 Stunden besetzt! Anders als in Berlin und Hamburg. Gelegenheit schafft Diebe. So kommt es bei Blackouts und Massenprotesten oder Situationen, wo das staatliche Gewaltmonopol für kurze Zeit wegfällt eben auch immer zu Plünderungen und andererem, ja zumal auch positiven Gesellschaftsexperimenten wie WGs oder Kommunen kommt, die aber eben eine Nischenexistenz fristen und meistens gesellschaftlich isoliert bleiben von der Restgesellschaft.. Als negatives Beispiel siehe zuletzt den G-20-Gipfel, der allen Law- und Orderpolitikern wieder Argumente für den Hobbeschen Leviathan gibt, der den Kampf aller gegen alle , die Wolfsnatur des Menschen durch einen starken Staat bis hin zum des totalen Staats des Faschismus oder totalitären Kommunismus propagiert.

Desweiteren:Es ist Blödsinn metaphysisch nur von einer neoliberalen Logik zu sprechen, als wäre dies ein Geist, der alle erfasst. Man sollte materialistisch die Produktions-, Gesellschafts- und Gewaltverhältnisse betrachten, die real gegeben sind und nicht als Geist sondern sehr real und physisch existieren, wenngleich das Bildungssystem, die von staatlicher oder Kapitalistenseite kontrollierten Medien und die ganzen Philosophen und Geisteswissenschaftler einen demgemäßen ideologischen Überbau schaffen. Aber das Sein bestimmt das Bewusstsein.Nur wenn diese Verhältnisse infolge der dem Kapitalismus oder dem Kommunismus innewohnenden Krisen fragiler werden, gesellschaftliche Widersprüche erzeugen, finden sich zumeist auch gesellschaftliche Bewegungen ein, die umdenken, ja wo das geänderte Bewusstsein versucht das materielle Sein zu verändern. Dann geht die Diskussion zwischen Revolution/Konterrevolution oder Reform los oder die individuellen Ansätze, die meinen über das Konsumverhalten und einer Änderung dessen könne man die Realität und die Verhältnisse verändern.

Zu letzterem dafür als Beispiel noch eine interessante Seite: humanetech, die angesichts der sozialen Medien, der IT-Technologie und ihrer gesellschaftlichen Anwendung verursacht mittels einer Bewusstseinsänderung der Konsumenten und einer neuen Bewegung eine Änderung herbeizuführen:

http://humanetech.com/

Auffällig ist, dass mal wieder in die Allmacht des Konsumenten, die Kräfte des Marktes, die angebliche Allmacht des Individuums alle Hoffnung gesetzt wird anstatt staatliche oder gesellschaftliche Regulationen oder Kontrolle zu fordern.Diese Typen vom Verbraucherschutz bis hin zur Friedensbewegung (Der Frieden fängt in usnerem Innersten und bei einem selbst an, was dazu führt, dass man in diesen Gruppen keine lebhaften Diskussionen mehr führen darf ,weil dies den Frieden der Gruppe und damit abstrahiert den Weltfrieden stört) oder in der Antifabewegung (Der Faschismus fängt bei uns selbst und unserem Innersten ganz individuell an) entpolitisieren alles, blenden die gesellschaftlichen Macht- und Bewegungsgesetze aus und landen bestenfalls beim Positiv-Denken oder iner harmonischen Esoteriker-WG, wo alle vegan zusammenwohnen sollen oder im Eremiten- und Aussteigertum.

Eine weitere Frage ist auch, ob das Internet nicht auch zu einer Diffusion  und einer besseren staatlichen Kontrolle von Gegenmacht führt. Konkret: Die Leute bringen nur noch Zeit in sozialen Medien und Netzwerken auf, ventilieren ihren Frust auf Blogs, Facebook, Twitter, im Cyberspace, sind aber nicht mehr bereit zu physischen Konfrontationen mit den Herrschenden mittels Demonstrationen oder Streiks, Gründung von politischen Organisationen oder gar Revolutionen. Wie die inflationäre Masse an medialen Comedians sind die sozialen Medien virtuelle Orte, die allen Frust kanalisieren und damit paralysieren.

Umgekehrt können soziale Medien ja theoretisch auch  Instrumente für die Mobilisierung physischer Massenproteste und Gegenpropaganda sein, wofür ja auch die Twitterrevolutionäöre des arabischen Frühlings, die TTIP-Proteste in Europa und anderes sprechen. Doch die Twitterrevolutionäre des arabischen Frühlings sammelten sich zwar am Tahirplatz und anderen physischen Orten, aber vertrauten auf die Dezentralität und Desorganisiertheit des organisatorischen Protestes, wollten sich nur vernetzen, aber keine politischen physischen Organisationen oder gar Parteien gründen. Daher wurde diese spontane Protest auch so locker von den der islamofaschistischen Muslimbruderschaft und anderen Islamisten so schnell dominiert, da diese über eine straff orgnaiserte physische Kaderbewegung verfügten, die sich schnell in eine Kaderpartei transformierte.

Selbiges ist auch bei den Schülerprotetsten gegen die Waffengesetze in den USA zu befürchten, falls der Protest sich inhaltlich nicht politisch verallgemeinert und auch physich in politischen Organisationen kristallisiert. Bestenfalls werden diese Protestler dann die Hilfstruppe für die Demokratische Partei.Man muss aber auch sehen, dass die meisten Proteste, die physisch auf die Strasse organisieren vor allem von den noch etablierten politischen Organisationen, die durch die 68er Generation geprägt sind und sich aus alten Kämpferveteranen rekrutieren, zustande kommen. Die meisten Jugendlichen scheinen sich davon nicht anstecken zu lassen–einen europäischen Frühling, einen neuen Pariser Mai 68 seitens der Jugend scheint nicht in Sicht, da sie sich mehr in den virtuellen Sphären der sozialen Medien rumtreiben und bestenfalls noch online-Petitionen unterzeichnen. Was dann doch wieder ein starkes Argument für die Diffusion der Gegenmacht durch soziale Mediien ist, bis es keine entgegengesetzte Jugendbewegung gibt.



Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.