Die türkische Militäroperation gegen Nordsyrien und Nordirak-eine realpolitische Deutung

von Ralf Ostner

Die PKK und PKK-unterstützte YPG möchten einen kurdischen Streifen von Nordsyrien bis Nordirak und Anatolien aufmachen, um einen kurdischen Staat, ein Kurdistan herzustellen. Die Schaffung eines Kurdistan würde automatisch einen Angriff gleich mehrerer Staaten wie Syrien, dem Irak, dem Iran wie auch der Türkei bedeuten samt Blutbad und einem Genozid ohne Ende.Zumal auch anders als bei Israel keine imperialistische Großmacht ein Kurdistan unterstützen würde—weder die USA, noch GB noch Frankreich, noch Deutschland oder Russland oder China. Dies als realpolitische Warnung an alle, die sich für ein Kurdistan aussprechen, sei es jetzt wegen angeblicher historischer Siedlungsaktivität der Kurden noch vor Arabern oder Türken, humanitären Gründen oder aber eben weil  ein Kurdistan für seinen säkularen Kampf gegen den Islamischen Staat belohnt werden sollte.

Ein Kurdistan würde die Grenzen des sowieso schon unter Spannung stehenden Syces-Picot-Abkommens infragestellen, auf dem die meisten nahöstlichen Staaten noch existieren. Es würde alle Grenzziehungen infrage stellen, die ganze Region in noch mehr Chaos stürzen, als dies jetzt schon der Fall ist. Kurz: Die Entstehung eines Kurdistans würde die gesamte Region ins Chaos stürzen und noch heftigere Blutbäder auslösen als es diese unter dem Armeniergenozid gab.

Von daher ist es aus realpolitischer Sicht logisch, dass die Türkei den Feldzug gegen Afrin, die PKK-YPG gesteuerten Enklaven in Nordsyrienvornimmt, wie auch im Nordirak gegen die PKK vorgeht. Die Türkei kann nicht abwarten, bis die PKK grosse Teile Nordsyriens und des Nordiraks kontrolliert, um dann mit diesem Hinterland und Rumpfstaat für ein Kurdistan dann auch noch die südöstlichen Kurdenteile der Türkei abspaltet, um ein Kurdistan zu erhalten. Mag man ein Kritiker des islamofaschistischen Erdogan sein samt seinen neoosmanischen Träumen , so sind doch auch säkulare Türken und ihr kemalistisches Militär dafür, dass man kein Kurdistan aufkommen lassen soll.

Daher unterstützen die meisten Türken auch Erdogan. Die nächste Frage , die sich ergibt: Was macht dann die Türkei in Syrien und im Nordirak? Will sie eine dauerhafte Besetzungszone installieren, die seitens der PKK durch einen Guerillakrieg unterminiert wird? Will Erdogan diese Sicherheitszonen mit islamistischen Mordbrennern besiedeln lassen, die als Staatsvolk die Kurden vertreiben, unterdrücken und umbringen? Will Erdogan die so geschaffenen türkischen Stützpunkte in Nordsyrien und Nordirak zu einem Marsch gegen Damaskus oder Baghdad nutzen und diese noch weiter für sein neoosmanisches Reich ausweiten wollen?

Für die Kurden ergibt sich eine völlig pessimistische Perspektive; Zum einen können sie der überstarken türkischen Armee nichts als einen Guerillakrieg gegenüberstellen, Zum zweiten haben sie kaum internationale Unterstützung. Die deutsche Regierung kritisiert zwar die Kriegsschrecken um Afrin, aber liefert weiter Waffen an die Türkei, wie sie auch die neue pragmatische Partnerschaft nicht unterminieren will. Die USA werden wahrscheinlich die Kurden fallen lassen, um den NATO-Partner Türkei nicht zu verärgern.

Innerhalb der Türkei ist die prokurdische Partei HDP faktisch verboten und verfolgt, ja wollen die türkischen säkular-demokratische Parteien wie die CHP nichts mit ihr zu tun haben wegen des türkischen Kurdenrassismus und Erdogans nationalistischer Repression.Was mit Öcalan geschieht ist auch noch unklar. Wird er weiter nur festgehalten oder wird Erdogan auch gegen ihn die Todesstrafe verhängen, was eine völlige Radikalisierung der Kurden einleite könnte. Zumal ein Kurdistan unter Öcalan ein neuer stalinistisch-säkularer Staat würde, der Erdogans Diktatur gleichkäme.

Bisher hatten die Kurden ja genug Autonomie in Syrien, der Türkei und den Nordirak. Die Türkei hat aber kein Interesse, dass sich aus den Autonomieforderungen auch Unabhängigkeitsbestrebungen ergeben, wie sie die PKK und die YPG eben für Nordsyrien, den Südosten der Türkei und den Nordirak erheben. Zumal auch bisher mit der Türkei verbündete nordirakische Kurdenführer wie Barzani und Talibani einen eigenen Kurdenstaat vom Irak forderten, ohne diesen wie die PKK auch auf die Türkei und Nordsyrien erstrecken lassen wollten. Aber auch schon hier agierten die Türkei, der Iran und der Irak dagegen.

Wenn man die Türkei kritisieren will, so nicht wegen ihrer Militäraktion in Afrin, oder in Nordsyrien und Nordirak, auch nicht wegen der Kollateralschäden. Denn die Kollateralschäden der US-Kriegsführung bei der Rückeroberung und Befreiung Mossuls gleichen sich dem russisch.-syrisch Vorgehen in Aleppo oder Ost-Ghouta oder eben nun dem Vorgehen der türkischen Armee in Afrin. Klarmachen muss man aber, dass man keine neoosmanischen Expansionsgelüste Erdogans über das natürliche Interesse des kemalistischen Militärs und seiner demokratischen Parteien über die Verhinderung eines Kurdistans unterstützt, wie auch die Kriegsverbrechen und Besiedlung durch arabisch-sunnitische islamistische Mordbrenner als Gauleiter des neoosmanischen Reiches akzeptiert, die ethnische Säuberungen vollbringen.

So wie man die Militäroffensive gegen das Enstehen eines Kurdistans aus Sicht der Türkei rechtfertigen kann, kann man die Sache aber auch anders sehen. Eine Unterstützung der YPG und der Kurden als Bollwerk gegen neoosmnaischen Expansionismus, der ebenso droht die Grenzen des Syces-Picot-Abkommenms und der Nachkriegsordnung zu verschieben mit allen dann desaströsen Auswirkungen auf die gesamte Region.Es ist keinesfalls klar, ob Erdogan sich je wieder aus Nordsyrien und Nordirak zurückziehen wird oder diese Gebiete nicht einfach annektiert oder zu Marionettenstaaten seines erhofften neoosmanischen Reichs macht, ja als Brückenköpfe für eine weitere Expansion nutzen wird.



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