Gedenken zum 200. Geburtstag von Marx–Marx ohne Das Kapital zu diskutieren ist wie Einstein ohne die Relativitätstheorie zu diskutieren

von Ralf Ostner

Betrachtet man sich die ganzen Erscheinungen zu Marx von SZ, FAZ, NZZ, ZEIT, Münchner Merkur bis zu ARD, ZDF, ARTE oder 3 Sat, so fällt doch auf, dass alle um den wesentlichen Kern seiner Lehre herumschreiben. Marx als Mensch,Marx als Philosoph, Marx als Moralist, Marx alsSpießbürger, der seine Frau schlecht behandelte und von einem Kapitalistensohn schmarotzlerisch ausgehalten wurde, Marx als deutscher Denker, Marx als der berühmteste Sohn Triers, Marx als Phantast in Sachen Menschennatur, Marx als….

Kernschriften von Marx, die diskutierbar und erwähnenswert sind, sind zum einen seine Auseinandersetzung mit Hegel und den Links- und Junghegelianern, bei dem er die Hegelianische Metaphysik des Weltgeistes,der sich dann in Führervölkern der Geschichte und in Hegels Apologie im preußischen Militarismus materialisieren würde umdrehte in die Formel: „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“ . Er übernahm davon die sogenannte Dialektik: These und Antithese entwickelt eine Synthese. Daraus entwickelte er seine teleologische Hoffnung und brachte Hegels Weltgeist auf die materielle Erde, wobei für Marx das auserkorene Weltgeistvolk in dialektischer Begründung dann das Proletariat wurde und dass der Klassengegensatz zwischen Kapitalisten und Proletariern dann nach Feudalismus, Kapitalismus über den Sozialismus und der „Diktatur des Proletariats“  den Kommunismus, die klassenlose Gesellschaft bringen würde, in die letztendliche Synthese und Auflösung aller Widersprüche..Schon hier eine kritikable Erlösungsideologie, die ja auch zumeist als utopisch kritisiert wird.Zudem muss man zugestehen, dass Marx mit dieser Ideologie durchaus ein Vordenker totalitärer Erlösungsideologen war.

Desweiteren sein Kommunistisches Manifest, bei dem er selbst die Globalisierung voraussah und in ihren Symptomen mittels der Ändeurngen des Unterbaus, der den Überbau bestimmt darstellte und zudem auch die provokante Formel brachte, dass die Menschheitsgeschichte eine Geschichte der Klassenkämpfe sei.Trotz letzterem wird von Nahles bis hin zu BDI-Chefs zumeist uniform nur folgende Passage zitiert:

„Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird… An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit voneinander.“

Andere Stellen vom Kommunistischen Manifest werden bewusst weggelassen, nämlich, dass die kapitalistische Gesellschaft anders als die Mangel- und Substistenzwirtschaft des Feudalismus von Überproduktion gekennzeichnet ist, der aber die Konsumenten gar nicht erreicht und regelmäßig Krisen und Handelskriege samt Hungersnöten und gar Kriegen hervorbringt:

„In den Handelskriegen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt.“

Zuletzt, aber und zumeist gar nicht dargestellt und am wichtigsten sein dreibändiges und eigentliches Lebenshauptwerk „Das Kapital“, in dem er mittels der Arbeitswertlehre Arbeit als das einzig wertschaffende Produktionsmittel postulierte, daraus mittels der organischen Zusammensetzung des Kapitals ein Gesetz der Tendenz der fallenden Profitrate erstellte, gegen die die Kapitalisten mittels 8 wesentlicher Maßnahmen–von Lohnkürzung, Verfeinerung der Produktionsmittel, Ausweitung der Arbeitszeiten,etc. versuchten dieser entgegenzuwirken, was die gesamte Dynamik des Kapitalismus erkläre, wie auch seine immerwährenden Krisen–seien es nun Wirtschafts- oder Finanzkrisen.

Interessant ist, dass nahezu alle Darstellungen und Kommentare auf Marx gar nicht auf sein „Das Kapital“ eingehen, noch auf gerade diese wissenschaftliche Prämisse. Es ist so, als würden Leute über Einstein reden und diskutieren, wie er seine Frau behandelt habe, ob er seinen Wellensittich vergewaltigt habe, ob er als Schüler gut in Mathematik oder nicht war, ob er an Gott glaubte oder an seinen Aussagen, dass dieser sich in der Musik materialisiere und Gott nicht würfele, lauter Nebensächlichkeiten–ohne die Relativitätstheorie überhaupt zu erwähnen. All jene Marxnachrufe konzentrieren sich mehr an der Person, mehr an dem, was er zu seiner Zeit noch nicht wissen konnte , an frühzeitlichen Frühschriften anstatt einmal sein eigentliches Lebenshauptwerk Das Kapital ins Zentrum zu stellen wie Einsteins Relativitätstheorie und dann zu diskutieren, ob dies richtig oder falsch sei.

Zum einen hängt dies damit zusammen, dass die meisten Marxkenner wie auch die meisten Linken „Das Kapital“ niemals gelesen haben, sondern sich wie die Feulletionisten diverser Blätter und Massenmedien nur über Hörengesagtes und wenige bekannte Slogans verständigen wollen. Zum anderen wird Marx eine Lehre unterstellt, wie etwa eine Zusammenbruchstheorie des Kapitalismus, die dieser nie hatte. Desweiteren wird dann Lenin als sein Nachfolger in der gesamte Linken zitiert, der Marx Diktum des Staates als dem „allgemeinen Agenten des Kapitals“ aufgriff und mittels seiner Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ einen Monopolkapitalismus witterte, der jede kapitalistische Dynamik verunmögliche und in ein „parasitäres Stadium“kommen werde, bei dem das Finanzkapital die Regie habe und dieses gleich der Staat und die Politik sei. Anstatt eine Symbiose zwischen Kapital, ja auch Finanzkapital und Staat behaupten, wurde Ökonomie und Politik durch Lenin gleichgesetzt, die Ausschaltung der Konkurrenz und damit die Parasität unterstellt und seine Vorstellung war ja auch, dass man die Gesellschaft planwirtschaftlich mittels eines staatlichen Monopols nach Vorbild der Deutschen Post organisieren sollte, denn er sah den Kapitalismus infolge seiner Monopoltheorie schon als kapitalistischen Kommunismus, den man nur noch mittels Übernahme der Monopole durch eine Avantgardepartei der Arbeiter für die Arbeiter übernehmen müsse.

Desweiteren ist auch auffällig, dass tausende Irrlehren, die sich auf Marx berufen kritisiert werden, ohne einmal nachzuprüfen, was diese Irrlehren denn eigentlich mit Marx zu tun haben. Schon nicht einmal die russische Revolution wäre Marx gewesen, da  dieser davon ausging, dass sich kommunistische Revolutionen in den kapitalistisch fortgeschrittesten Ländern entwickeln würden und nicht in den rückständigsten Agrargesellschaften. Von Pol Pots Agrarkommunismus und dem Bauernkommunismus ala Mao hatte Marx niemals geträumt, sondern von fortgeschrittenen Arbeiterrevolutionen. Da lag er wohl falsch und das könnte man auch kritisieren, aber soweit gehen seine Kritiker nicht.  Aber auch jenseits diesen Exegesen, fällt doch auf, dass sich alle Marxkritiker nie zentral auf „Das Kapital“ von Marx einlassen und dieses wiederlegen wollen.Alle anderen Nebenschaukriegsplätze, aber bitte nicht „Das Kapital“.

An Marx gibt es viel zu kritisieren und zu aktualisieren, auch die fehlenden Dimensionen von Ökologie, sogenannten Nebenwidersprüchen wie Homophobie, Sexismus, Tierschutz, Selbstbestimmungsrechten von angeblichen Völkern, Antisemitismus und Rassismus als Ideologie, da Marx eben streng ökonomistisch war, einen sehr engen Begriff von Entfremdung hatte, wie sich auch keine Gedanken über kulturelle Identitäten machte,  aber auffällig ist, dass so alle Marxbefürworter, die seine Aktualität wittern oder seine Gegner „Das Kapital“ und seine wesentlichen Aussagen noch gar nicht gelesen haben oder falls sie es haben nicht ins Zentrum stellen.Wie gesagt: Es ist so, als würde man über Einstein diskutieren und ihn ohne seine Relativitätstheorie ins Zentrum aller Betrachtung stelle, um sich dann an völligen Nebenaspekten abzuarbeiten. Das macht ja vielleicht auch die Beschäftigung mit Marx einfacher, als in die Verlegenheit zu kommen alle 3 Bände des Kapitals lesen zu müssen, wobei Marx dies als Anfang seiner wissenschaftlichen Schrift sah,aber nicht mehr zu weiteren Analysen kam  oder man sich scheinbar nicht einmal mit Zusammenfassungen dessen auseinanderzusetzen will.



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