Zum Gedenken an den 200. Geburtstag von Marx: Das Kapital und der tendenzielle Fall der Profitrate

von Ralf Ostner

Neben der ausgiebigen Analyse der Ware in Band 1, ist eines der weiteren wichtigsten Kernelement bei Marx die Arbeitswertlehre, die Krisentheorie und das Gesetz der tendenziell fallenden Profitrate. Diese erklären die Bewegung des Kapitals, die zyklischen Krisen und deren tendenzielle Verschärfung samt der sich zuspitzenden Konkurrenz zwischen den Kapitalien und damit einhergehender steigender Arbeitslosigkeit, Expansion auf Auslandsmärkte, Militarismus, Kolonialismus und imperialistischer Kriege. Marx Analyse erfolgte zur Zeit des „Kapitalismus der freien Konkurrenz“, untersucht also nicht oligopolistische oder monolpolistische Strukturen wie sie sich durch den von ihm beschriebenen Prozeß von Kapitalkonzentration- und Zentralisation im Zeitalter des Imperialismus herausbildeten (vgl. Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus). Marx analysierte einen anarchischen Markt, , den es aber unter Lenin immer noch oligopolistisch gab, in dem jedes Kapital zwecks Profit drauflosproduziert, bis die beschränkte Konsumtionsfähigkeit der Massen zu einer Überproduktionskrise führt (im Gegensatz zum Feudalismus, dessen Kennzeichen Unterproduktionskrisen z.B. durch Naturkatastrophen waren). Diese Krisen verstärken sich jedoch aufgrund des Gesetzes der tendenziell fallenden Profitrate, Krisen und Handelskriege wachsen im Zeitverlauf über zu Kriegen (vgl. Marx: China).

In der bürgerlichen Ökonomie erfolgt eine Unterscheidung des Kapitals zwischen fixem Kapital und zirkulierendem Kapital. Letzteres schließt Arbeitslöhne und Investitionen in Rohmaterialien, Brennstoffe und Rohstoffe ein. Demgegenüber führte Marx: zusätzlich die Kategorien konstantes und variables Kapital ( = Arbeitslöhne ) ein, da menschliche Arbeit die einzige Quelle der kapitalistischen Gewinne sei.In dieser Arbeitswertlehre stimmt er auch noch mit klassischen Ökonomen wie Ricardo überein. Die darauffolgende bürgerliche Ökonomie sah jedoch Produktionsfaktoren wie Arbeit, Kapital, Boden, etc. gleichberechtigt als wertschaffend an, wodurch der wertschaffende Charakter der Arbeit verschleiert wird.

Marx sah eine doppelte Natur der Arbeit, d.h. zum einen als Arbeitskraft = Fähigkeit zu arbeiten, die der Arbeiter an Kapitalisten verkauft und die Arbeit (= Gebrauch von Arbeitskraft, d.h. die reale Ausschöpfung der Arbeitskraft des Arbeiters durch den Kapitalisten (=Ursprung des Gewinns). Ebenso sah er eine doppelte Natur des Kapitals, d.h. Konstantes Kapital = Investitionen in Produktionsmittel und Variables Kapital = Investitionen in Lohnzahlungen, wobei beide Größen Basis für die Bestimmung der Profitrate darstellen.

Arbeitswertlehre:

Nach Marx bestimmt die Summe der Arbeit, die in die Produktion eines Gutes eingeht bestimmt dessen Wert, d.h. Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte. Der Wert eines Gutes entspricht der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit zur Herstellung eines Gutes. Die gesellchaftlich notwendige Arbeitszeit bemißt sich zum einen durch die Arbeitszeit für die Produktion des Unterhalts für Arbeiter (evtl. & Familie), zum anderen an der vorherrschenden Technologie. Die an den Kapitalisten abgetretene Arbeitszeit ist größer als die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.

Die Mehrarbeit, die Differenz, die „unbezahlte Arbeit“ entspricht dem Mehrwert (m), der geschaffen und vom kapitalisten abgeschöpft wird. Arbeit ist (neben Natur) die einzige Quelle der Wertschöpfung.

Nun folgt oft die Frage: Welche Rolle spielt das materielle Kapital? Rohmaterial, Vorräte, sowie Fabriken und Anlagen, die in Produktion verschlissen worden sind

Nach Marx ist der Wert aller Nicht-Arbeitsfaktoren im Gesamtwert des Endprodukts eingeschlossen; in diesem Sinne erhöhen sie den Wert. Maschinen schaffen keinen zusätzlichen Wert. Es werden zwar mehr Güter pro Arbeitseinheit, aber nicht mehr Wert pro Ausbringungseinheit geschaffen.

„Der Wert der Waren steht im umgekehrten Verhältnis zur Produktivkraft der Arbeit“.

Das Gesamtkapital setzt sich bei Marx zum einen aus physischem Kapital zusammen, d.h. Produktionsmittel und erscheint im Wert des Endprodukts als Kosten für Rohstoffmaterial, Brennstoffe, Vorräte und Abnutzung von Fabriken und Anlagen. Die Summe des physischen Kapitals = konstantes Kapital c = vergangene, aufgespeicherte tote Arbeit. Zum anderen aus variablem Kapital v = lebende Arbeit, lebendes Kapital, das allein den Wert schafft

Daraus ergibt sich : Das Gesamtkapital im Produktionszyklus: C = c+v

Der Gesamtwert im Produktionszyklus C´= c+v+m

Um nun das Gesetz der tendenziell fallenden Profitrate herzuleiten, bringt Marx 3 Verhältnisse zusammen

1) Organische Zusammensetzung des Kapitals c/v

2) Rate des Mehrwerts (=Rate der Ausbeutung) m´ = m/v

3) Profitrate p´ = m/(c+v)

Marx geht von zwei Annahmen aus

A) Konstante Rate des Mehrwerts m‘ B) Jährlicher Durchschnittsumschlag des Kapitals = 1

Es ergibt sich: p´ = m/(c+v) = (m+v)/(c/v+v/v) = (m/v)/((c/v)+1)

Nun versucht der Kapitalist, seinen Profit durch Rationalisierung zu steigern, bzw. zu halten d.h.:

C)Technologischer Fortschritt = Anstieg des Wertes des konstanten Kaptitals c gegenüber dem Variablen Kapital v, da Maschinen menschliche Arbeit verdrängen Wenn also A) + B)+ C), dann folgt:

p‘ = (m/v)/((c/v)+1)

Da die Mehrwertrate m`=m/v als konstant angenommen wird, aber  die organische Zusammensetzung des Kapitals c/v aufgrund steigendem konstanten Kapitals c infolge von Maschineneinsatz steigt, fällt die Profitrate p`.

Nun ist der Profit die Größe, weswegen ein kapitalistischer Betrieb überhaupt existiert ( nicht „Schaffung von Arbeitsplätzen“, o.ä.). Die Profitrate bestimmt mehr den Vorteil eines Kapitals gegenüber dem Durchschnitt aller Kapitalien, d.h. die Möglichkeit mehr zu akkumulieren und sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen, um mittel- und längerfristig überhaupt noch Profit machen zu können.Doch gerade durch die Verdrängung des variablen Kapitals zugunsten des konstanten Kapitals fällt die Profitrate insgesamt, d.h. wird zur eigentlich bestimmenden Größe für die Überlebensfähigkeit von Kapitalien. Daher versuchen die Einzelkapitalien dem Fall der Profitrate entgegenzuwirken:

1) Erhöhung der Ausbeutungsrate (Anteil der unbezahlten Arbeit

a) Verlängerung des Arbeitstages ohne vollen Lohnausgleich

b) Intensivierung (z.B. Schnellerstellen des Fließbandes, Mehrschichtsystem, u.a.

2) „Herunterdrücken des Arbeitswertes unter seinen Wert“ (z.B. Kinderarbeit, Frauenarbeit, Lohnkürzung, Billiglohnarbeiter, u.ä.

3) Außenhandel bei ungleichen Tauschverhältnissen (Kolonien, 3. Welt, u.ä.

4) Auslandsinvestitionen, die Superprofite ermögliche.

5) „Verwohlfeinerung der Elemente des konstanten Kapitals“ ( z.B. Qualität des Rohmaterials, der Maschinen.

Doch all diese „entgegenwirkenden Einflüsse“, können den Fall der Profitrate nur zeitweise bremsen.

Da alle Einzelkapitalien zu diesen Mitteln greifen, relativiert und negiert sich ihr relativer Vorteil egenüber den anderen Kapitalien, die Massenkonsumtionskraft wird weiter beschränkt, die Konkurrenz steigert sich, die Krisen verschärfen sich..

Lange Wellen des Kapitalismus?

Die Theorie der Langen Wellen besagt, daß es neben den kürzeren Konjunkturzyklen, auch langfristige Wellen der kapitalistischen Entwicklung gibt, d.h. lange aufsteigende und absteigende Phasen des Kapitalismus, um die die zyklischen Krisen oszilieren.

Dies ergibt sich aus empirischen Beobachtungen der kapitalistischen Entwicklung der letzten 150 Jahre in Retrospektive, den nicht eingetretenen Voraussagen bezüglich eines Zusammenbruchs des Kapitalismus.

Der z.B. nach dem 2. Weltkrieg langanhaltende Boom trotz aller Zusammenbruchstheorien.

Nun gibt es verschiedene Sichtweisen hierzu: Einige Ökonomen, auch Marxisten halten die langen Wellen als Konstrukt und als Mystifikation, zumal die Perioden, die Indikatoren stark voneinander abweichen und auch für frühere Perioden kein statistisches Material existiert, weswegen dies Spekulation, Wunschdenken, o.ä. sei.

Vertreter der Theorie der langen Wellen (Kontradieff, Trotzki, Schumpeter, Rostow, Gunder Frank, Mandel, u.a.) unterscheiden sich in der Periodisierung und den Indikatoren, vor allem aber in der Deutung, wie auch in der Erklärung der Langen Wellen. Während die einen eine Art Selbststablisierung und ewige Existenz des Kapitalismus aufgrund systemimmanenter Innovations – und Regeneerationsfähigkeit sehen (ewiger Boom mit Phasen schöpferischer Vernichtung – womit euphemistisch /beschönigend Pleiten Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Kriege, u.ä. subsumiert werden), sieht Mandel in den Langen Wellen keine Gesetzmäßigkeit der Kapitalbewegung wie dies die kurzen zyklischen Wellen darstellen, sondern als Rückwirkung und Zusammenwirken „nichtökonomischer“ Faktoren, die den Rahmen für die weitere Auf- oder Abwärtstendenz der Profitrate bilden. D.h. Revolutionen, Kriege, Klassenkämpfe gehen zwar aus den sich verschärfenden Zyklen hervor, doch deren realer Ausgang bestimmen als Faktoren (Variablen) die Richtung, die die Tendenz der Profitrate nimmt und unter denen Innovationen entstehen und sich auswirken..Weder sind die langen Wellen direktes Ergebnis der kurzen Wellen, noch sind sie lösgelöst von deren Entwicklung. Vielmehr ist diesx ein dialektischer Prozeß, der sehr wohl von der Kampfkraft und Organisation von Kapitalisten- wie auch Arbeiterklasse, bzw. nationalen Befreiungsbewegungen und dem Imperialismus abhängt, ob und inwieweit solche Kämpfe geführt werden und den konkreten Ergebnissen dieser Klassenkämpfe.

Er tritt damit zwei Polen der Argumentation entgegen: Der Zwangsläufigkeit der Existenz und der Zwangsläufigkeit des Zusammenbruch des Kapitalismus.

Die Theorie der langen Wellen wurde auch noch in Zusammenhang mit dem Aufkommen und Niedergang von Weltmächten gebracht ( Großbritannien / USA)- vgl : Krisen in der kapitalistischen Weltökonomie (Rowohlt 1981), in denen internationale Zusammenhänge zwischen Monopol und Marktbeherrschung neuer Technologien und Surplusprofite eingehen mit dem Aufstieg und Niedergang von Weltmächten, was einen aktuellen Bezug zur Diskussion unipolare- multipolare Welt darstellt ( vgl. auch Rise and Fall of Great powers- Paul Kennedy).

Auffällig ist, daß viele Marxisten diese Thematik überhaupt ausblendeten, wie umgekehrt nun die bürgerliche Ökonomie die Informationstechnologie als neuen langen Boom erklären, der alle gesellschaftlichen Probleme lösen würde. Daher gibt es auch auffällige Bündnisse zwischen Ex-Hippies und Konservativen samt Neoliberalen., die den Cyperspace und die Informationsgesellschaft / Globalisierung als kommendes Paradies versprechen (vgl. Lothar Späth: Wende in die Zukunft oder Blätter für deutsche und internationale Politik: Mythos des 21. Jahrhunderts / Rainer Fischenbach) oder schon die Sektion der Ganzheitsmediziner titelt: „Was kommt nach der Informationstechnik? Krise ein geistiges Problem/ Kommt die „Kontradieff-Welle“ der ganzheitlichen Gesundheit?“ (SZ v. 7. Oktober 1996). Da die Diskussion um die Langen Wellen ein wesentliches Element der Legitimierung und Affirmation des bestehenden Systems mit verheißungsvoller „Zukunft“ in der Kampagne der bürgerlichen Parteien ist (Motto: CDU/CSU/FDP = Zukunfts- und Innovationsfähigkeit = progressiv, Linke = konservativ und innovationshemmend), ist es wichtig für die Linke sich mit der Theorie der langen Wellen auseinanderzusetzen. Denn in der Vergangenheit galten als Antworten für eine andere Gesellschaft: Sowjetunion, VR China, Hodschers Albanien. Oder : Daß man dies NICHT wolle.

Außer wenigen Gruppen, innerhalb dieser auch nur auf wenige Individuen beschränkt, erfolgte jahrelang keine Theoriebildung mehr. Die meisten Gruppen beschränkten sich auf eine „Perspektive“, die man in Moskau oder Peking oder Tirana sah. Die Theorie beschränkte sich dann im wesentlichen auf das kritiklose Nachbeten von Zitaten, arbeitete kaum anhand dere aktuellen Ereignisse und brachte auch keinerlein Konkretisierung für die deutschen Verhältnisse. Die These von der „Zuspitzung DER Krise“, „Unvermeidbarkeit des Krieges“ (Stalin/ Mao) führte zu ständigen Beschwörungen des 3. Weltkrieges, einer vermuteten Eskalation der Klassenkämpfe bis hin zu vermuteten (prä-) revolutionären Phasen. Nichts davon bestätigte sich. Nun stehen wir vor dem entgegengesetzte Phänomen: Während nun alle Symptome der kapitalistischen Konkurrenz offener denn je zu Tage kommen, ist die Linke theorieloser, atomisierter und isolierter denn je zuvor. Die Grundfrage bleibt, ob noch was dran ist an Marx. Daher sind hier einige Theorien bzgl. Profitrate und Langen Wellen der Gegenwart zur Diskussion vorgestellt.

Chronologischer Überblick über die Theorie der Langen Wellen

(nach: Ernest Mandel: Der Spätkapitalismus

Das Phänomen wurde ansatzweise schon erwähnt bei Marx („Sturm- und-Drang-Periode des Kapitalismus“ ) und bei Engels („Lange Depression“) (1873).

Als nachfolgende Ökonomen, die das Phänomen der Langen Wellen untersuchten, gelten

Hyde Clark: Physical Economy in : Railway Register 1874: Angeblich der erste Verweis auf die Existenz von Langen Wellen; der Artikel blieb jedoch ohne Resonanz (vgl.: Schumpeter in „History of Economic Analysis (1954) unter Zitat von Jevons

Parvenus (A.L. Helphand), ein russischer Marxist in Auseinandersetzung mit Friedrich Engels Analyse der Agrarkrise, bzw. „langen Depresssion“ ab 1873, die durch einen neuen langfristigen Aufschwung abgelöst wurde.

Als Erklärung hierfür sah Parvenus die Erweiterung der Weltmarktes aufgrund von Veränderungen, die “ auf allen Gebieten der kapitalistischen Volkswirtschaft – in der Technik, auf dem Geldmarkt, im Handel, in den Kolonien – vor sich gehen und die gesamte Weltproduktion auf eine neue, viel umfassendere Basis“ stellten.

J.van Gelderen (1913) Lange Wellen sah hingegen die langen Wellen als Ergebnis von Produktionserweiterung Angeblich ginge jeder expansiver langen Welle eine starke Ausdehnung der Goldproduktion vorraus (was inzwischen als wiederlegt gilt).

Der of genannteste Vertreter der langen Wellen, auf den sich auch bürgerliche Ökonomen wie Schumpeter berufen, ist N.D. Kontradieff, stellvertretender Ernährungsminister in der Regierung Kerensky und Gründer des Moskauer Institus für Konjunkturforschung 1920, das zur Sammlung empirischer Daten für Theorie der Langen Wellen genutzt wurde. Nach ihm sind auch die sogenannten „Kotradieffwellen“ benannt.

Genauso wie es Konjunkturzyklen des Kapitalismus gibt, so auch lange Wellen alle 50 Jahre, die gesetzmäßig kapitalististischen Bewegungsgesetzen folgen.

Mit Kontradieffs Theorie setzte sich Leo Trotzki (1921) im Referat zur Weltlage auf dem 3. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale auseinander. Unter Berufung auf einen Artikel der Times und in Auseinandersetzung mit Kontradieff sah er vom Unabhängigkeitskrieg Nordamerikas bis 1921 (138 Jahre) 16 Zyklen, d.h. 16 Krisen und 16 Hochkonjunkturen, dh. jeder Zyklus ungefähr 8 ½,bzw. 9 Jahren

Bei näherer Analyse der Entwicklungskurve ergäben sich 5 unterschiedliche Perioden

1) 1781 – 1851 fast keinerlei Entwicklung, nahezu 70 Jahre auch keinerlein Entwicklung im Außenhandel

2) 1851 – 1873 (Wendepunkt: Revolution von 1848 = Ausweitung des europäischen Marktes)

Steiler Anstieg der Entwicklungskurve

3) 1873 – ca. 1894 Stagnation (Sinken des englischen handels

4) 1894 – 1913 Boomphase

5) 1914 – … Weltkrieg/Periode der Zerstörung der kapitalistischen Ökonomik.

D.h.: Es existierten lange Wellen des Aufstiegs und des Abstiegs des Kapitalismus

Frage: Wie ist der Zusammenhang zwischen langen und zyklischen Wellen als Oberflächenerscheinung.

In Perioden der expansiven langen Wellen sind die zyklischen Krisen kurz und nicht sehr tief, während die Boomphasen lang und weitreichend sind.

In Perioden der niedergehenden kapitalistischen Entwicklung dauern die Krisen länger an während die Boomphasen vorrübergehend und oberflächlich bleiben.

Von daher unterscheidet Trotzki in primäre und sekundäre Bewegung des Kapitals:

„Und überhaupt erschöpft sich die Entwicklung des Kapitalismus nicht in diesen Zyklen, die die Hochkonjunktur, dann die Spannung, die Depression, die Krise, dann deren allmähliche Entspannung usw. bedeuten. Die Entwicklung des Kapitalismus erschöpft sich nicht darin und wird dadurch in ihrem geschichtlichen Umfang nicht charakterisiert. Denn der Kapitalismus hat zweierlei Bewegungen. Die primäre Bewegung ist die, die in der Entwicklung der Produktivkräfte besteht. Also die Kurve geht nach oben und dieses Nachoben geschieht in Schwankungen, in Oszilationen, das sind die Schwankungen der Krisen und der Hochkonjunktur. Wenn wir eine stagnante Entwicklung, sagen wir im Laufe von 50 Jahren haben, so werden wir doch die Zyklen feststellen können. Sie werden aber nicht so präzis sein, wie in einem fieberhaft lebenden, kapitalitischen Lande. Wenn wir einen sich aufwärts entwickelnden Kapitalismus betrachten, so finden wir die selben Schwankungen, nur geht die Kurve nach oben. Wenn wir eine verfaulende kapitalistische Gesellschaft beobachten, so geht die Kurve nach unten, die Entwicklung bewegt sich aber immer in diesen Schwankungen (…) Die Entwicklung des Kapitalismus kennzeichnet sich also durch eine primäre Bewegung und durch diese sekundäre Bewegungen, die auf dem Grunde dieser primären Bewegungen immer vor sich gehen. Der Aufstieg, der Niedergang oder die Stagnagtion – auf dieser Linie hat man die Fluktuation, d.h. die bessere Konjunktur, die Krise – die sagen uns nichts davon, ob der Kapitalismus sich entwickelt, oder ob er niedergeht. Diese Fluktuation ist das gleiche wie das Herzschlagen bei dem lebenden Menschen. Das Herzschlagen beweist nur, daß er lebt. Selbstverständlich ist der Kapitalismus nicht tot, und weil er lebt, so muß er oben Einatmen und ausatmen, d.h., es muß die Fluktuation vor sich gehen. Aber wie bei einem sterbenden Menschen das Ein- und Ausatmen anders ist als bei einem sich aufwärtsentwickelnden Individuum, so auch hier. Es ist sehr gefährlich, wenn man sich auf das Zitat von Engels stützt und daher diese fundamentalen Tatsachen außer acht läßt. Denn gerade nach dem Jahr 1850, wo Marx und Engels ihre Feststellung machten, ist nicht eine gewöhnliche, normale ordentliche Konjunktur eingetreten, sondern die Sturm- und Drangperiode nachdem die Revolution von 1848 den Boden für den Kapitalismus erweitert hat. Das ist das Ausschlaggebend.

Diese Sturm- und Drangperiode, im Laufe derer die Prosperität, die Hochkonjunktur immer sehr stark war und die Krise einen oberflächlichen, einen kurzen Charakter hatte, eben diese Periode hat der Revolution ein Ende gemacht.

Trotzkis Kritik an Kontardieff: bestand darin, daß seiner Ansicht nach Lange Wellen nicht durch innere Gesetztmäßigkeiten bestimmt sind, sondern durch die äußeren Bedingungen, z.B. die Erschließung neuer Länder und Kontinente, die Entdeckung neuer Rohstoffvorkommen und infolge dessen auch Kriege, Revolutionen.

Wie auch die Entwicklung von Über- und Unterbau Zeitdifferenzen aufwiesen.

Als berühmteste bürgerliche Vertreter der Langen Wellen gelten Schumpeter und Rostow, auf die nicht näher eingegegangen wird, da sie im Gegensatz zu den anderen hier genannten, u.a. marxistischen Vertretern an den Unis gelehrt werden.

Der berühmteste marxistische Vertreter der Langen Wellen der Gegenwart ist der inzwischen verstorbene Ernest Mandel, Trotzkist der 4. Internationalen mit seinen Werken „Der Spätkapitalismus“ und „Die langen Wellen im Kapitalismus.

Im Unterschied zu anderen Theoretikern der Langen Wellen erklärt sich Mandel die Ursache für lange Wellen durch die Profitrate. Unter Konkurrenz strebten die Kapitalien ständig nach Surplusprofiten, vor allem durch die Verbesserung der Technik, d.h. Erneuerung des fixen Teils des Konstanten Kapital auf einer höheren Stufe in dreifacher Hinsicht:

1) im Rahmen des Gesetz der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapital

2) Neue Maschinen werden nur dann eingesetzt, wenn die Einsparung bezahlter lebendiger Arbeit die zusätzlichen Kosten des gesamten konstanten Kapitals übersteigt.

3) Nur, wenn sie nicht nur Arbeit einsparen, sondern die gesamten Produktionskosten unter den gesellschaftlichen Durchschnitt drücken, d.h. für eine Übergangszeit – bis die neuen Maschinen die durchschnittliche Arbeitsproduktivität des gegebenen Produktionszweiges bestimmen- Quelle von Surplusprofiten werden.

Hierbei gäbe es 2 Formen der erweiterten Reproduktion des fixen Kapital:

1) quantitative Erweiterung und kleine Verbesserungen, bessere Arbeitsorganisation, beschleunigter Arbeitsrhythmus, etc.) ohne Umwälzung der Technik

2) qualitative =grundlegende Erneuerung der Produktionstechnik, die auf den gesamtgesellschaftlichen Produktionsapperat zurückwirkt

Mandel stellte sich nun die Frage: Wann und unter welchen Umständen kommt es zu Perioden radikaler technischer Revolutionen? Seine Antwort: Nur wenn plötzliche Anhebung der Profitrate erfolgt wird brachliegendes Kapital investiert, d.h. unter folgenden Bedingungen:

1. Eine plötzliche Senkung der durchschnittlichen organischen Zusammensetzung des Kapitals, z.B. durch massives Eindringen des Kapitals in Sphären und/oder Länder mit sehr niedriger organischer Zusammensetzung.

2. Eine plötzliche Erhöhung der Mehrwertrate aufgrund einer Steigerung der Arbeitsintensität oder infolge einer radikalen Niederlage und Atomisierung der Arbeiterklasse, die diese nicht mehr befähigt, günstige Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt zur Erhöhung des Preises der Ware Arbeitskraft auszunutzen so daß sie auch bei Hochkonjunktur gezwungen ist, diese Ware unter ihrem Wert zu verkaufen.

3. Eine plötzliche Verbilligung von Elementen des konstanten Kapitals, vor allem der Rohstoffe, die eine ähnliche Wirkung hat, wie eine plötzliche Senkung der organischen Zusammensetzung des Kapitals oder eine plötzliche Verbilligung durch einen umwälzenden Fortschritt der Arbeitsproduktivität bei den Produktionsmittel.

4. Eine plötzliche Verkürzung der Umschlagzeit des zirkulierenden Kapitals, hervorgerufen durch perfektionierte Transport- und Kommunikationssysteme verbesserte Verteilungstechnik, Beschleunigung der Vorratsrotation, usw

Lange Wellen würden vor allem durch Umwälzung der Gesamttechnik vermittelt

Marx unterschied 3 Kategorien aller Maschinerie : Bewegungsmaschinen, Transmissionsmechanismen und die Werkzeug- oder Arbeitsmaschinen. Die Entwicklung und Umwälzung der letzten beiden Kategorien hängt von einem bestimmten Punkt an von der Entwicklung der Bewegungsmaschinen ab.

Mandel: „Die grundlegende Umwälzungen der Energietechnik – der Technik zur maschinellen Erzeugung von Bewegungsmaschinen- erscheint so als das die Umwälzungen der Gesamttechnik bestimmende Moment. Maschinelle Erzeugung der durch Dampfkraft getriebenen Motoren seit 1848; maschinelle Erzeugung der Elektro- und Explosionsmotoren seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts; maschinelle Erzeugung der elektronischen und kernenergetischen Geräte seit den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts.

Joseph Gillman: Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. (Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt,1969)

Monopolkapitalismus und unproduktive Kosten als Erklärungsversuch eines Anstiegs der Profitrat:

Joseph Gillman versuchte das „Gesetz der fallenden Tendenz der Profitrate“ ausführlich historisch und statistisch, d.h. empirisch zu prüfen.:

„Die Ergebnisse zeigen, daß die historischen Statistiken der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg diese Theorien von Marx voll zu stützen scheinen, während sie sich nach dem Krieg im allgemeinen im Gegensatz zu den Erwartungen von Marx verhielten. Die Erklärung dafür könnte sein, daß unsere Statistiken, unsere Methode oder beides falsch sind. Oder Marx könnte recht gehabt haben für die Periode des auf Wettbewerb beruhenden Kapitalismus, nicht jedoch für die Periode des Monopolkapitalismus, der die kapitalistische Produktionsweise seit etwa dem Ersten Weltkrieg zu bestimmen begann. Oder die begriffe, mit denen Marx seine Theorien formulierte, waren zu eng, um die Bedingungen des Produktionsmonopols einzuschließen. Besonders scheint dies unter Berücksichtigung der Gegentendenz zuzutreffen, die wirksam wurde als Ausgleich der fallenden Tendenz der Profitrate in dieser Zeit. Mit dieser dritten Alternative beschäftigt sich dieses Buch hauptsächlich.(…) Der vorliegende Versuch ist der erste auf diesem Gebiet (…) bezieht sich der empirische Beweis fast ausschließlich auf amerikanische Erfahrungen.

Da er seine empirischen Schätzungen für richtig hält („nicht in exakten Zahlen verfügbar“, „wir kennen nicht den Anteil“ der Werbungskosten, “ da „solche Zahlen erst seit 1939“ verfügbar seien oder sind, etc) folgert er nun, daß daher die Formel von Marx, um sie zu retten, modifiziert gehöre, damit seine Schätzungen wieder rechnerisch stimmen. Dies meint er dann mit seiner Theorie des verminderten Mehrwerts zu vollbringen.

Theorie des verminderten Mehrwerts-
Monopolkapitalismus und höhere unproduktive Kosten zur Realisierung des Mehrwerts

Laut Gillman sei der Kapitalismus – in Anlehnung an Lenin und an Baran/Sweezy- seit ca. dem Ersten Weltkrieg in die Form des Monopolkapitalismus übergegangen. Dies bedeute vor allem dreierlei Änderungen:

1)Rolle der Technologie bei der „Verwohlfeilerung der Elemente des konstanten Kapitals“ : „Wir wissen, daß der Kapitalismus seit den tagen von Marx seine größten Fortschritte durch die „Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals“ erzielt hat. Was bei Marx „außergewöhnliche Fälle“ waren, wurde die Regel für die industrielle Produktion“ (S.35)

2) „In der vormonopolistischen Periode bestand die charakteristische Reaktion auf diese Schwierigkeiten der Realisierung in Preissenkungen. In der Periode des Monopolkapitals dagegen wird darauf mit gleichbleibenden Preisen und steigenden Verkaufskosten reagiert. Beide Möglichkeiten führen zu einem Sinken der Profitrate.“ (S.129)

3)Unproduktive Kosten

Anders als im Kapitalismus der freien Konkurrenz unter Marx und Engels fielen die unproduktiven Kosten heute derart ins Gewicht zur Realisierung des Mehrwerts, das sie in der traditionellen Formel berücksichtigt werden müßten:

„Wenn deshalb in der Epoche des Monopolkapitals der Fall eingetreten ist, daß die Realisierung des Mehrwerts sowie die steigenden internen Geschäftskosten und steigenden Staatsausgaben ein immer dringenderes Problem geworden sind, können wir dies nicht ignorieren, wenn wir auch daran festhalten, daß der Mehrwert zuerst geschaffen werden muß, bevor er realisiert werden kann (…) Und diese Realisation wird im heutigen Kapitalismus immer unmöglicher ohne die Dienste der Buchhalter, Kaufleute und Werbetexter sowie ohne den Staat. Selbst wenn sie „unproduktive Dienstleistungen sein sollten, sind sie trotzdem notwendig für die Funktionsfähigkeit des Systems (…) Wenn wir diese Position beziehen, wird v sehr viel größer und schließt dann die Gehälter des Büro-, Verkaufs- und Werbepersonals ein. s und s‘ würden dann entsprechend verringert.“ (v = variables Kapital, s = Mehrwert (m), s’= Mehrwertrate (m`))

Daher müsse man unproduktive Ausgaben inklusive diverser Steuerarten (u), die bei Marx und Engels unbekannt oder anteilsmäßig vernachläßigbar waren und daher ausgeklammert wurden, einbeziehen

„Die Ausgaben u, die wir bei unseren Berechnungen verwendeten, deckten nur Verkaufs-, Werbungs- und andere unproduktive Verwaltungskosten einschließlich der indirekten Steuern (Abgaben, Zölle, Lizenzen, Gebühren, die allgemeine Vermögenssteuer usw.). Sie schlössen nicht die Einkommens- und Übergewinn-Steuer der Unternehmen ein. In unseren Berechnungen blieben diese bei s. nun fragen wir, wie diese Steuern behandelt werden sollen (…) Engels hatte erklärt, daß alle Steuern eine Verringerung des Mehrwerts darstellen. Die Staats- und Gemeindesteuern, soweit sie die kapitalistische Klasse berühren, sind nach seiner Ansicht aus dem Mehrwert bezahlt, wie die Renten der Adligen usw. Auf ihnen beruht das gesamte bestehende Sozialsystem. Zu Engels Zeiten gab es die Einkommenssteuern für Unternehmen noch nicht, geschweige eine Übergewinnsteuer. Er bezog sich einzig auf die indirekten Steuern.

Daher geht Gillman von einem um die unproduktive Kosten verminderten Mehrwert aus (s-u) und unterscheidet zwischen einem realisierten Bruttomehrwert und realisierten Nettomehrwert und damit einhergehend in eine Brutto- und eine Nettoprofitrate

„Unter diesen Annahmen erhalten wir daher ein p‘ „brutto“ und ein p‘ „netto“. Die Nettoprofitrate beträgt

(s-u)/(c+v+u)

auf der Strömungsbasis und

(s-u)/c

auf der Bestandsbasis, d.h. wenn c als Bestand des investierten Kapitals berechnet wird. Da die Bestandsbasis die treffendere ist für das handeln kapitalistischer Unternehmen, schlagen wir vor, das Gesetz von der fallenden Profitrate für die monopolistische Periode auf dieser Basis neu zu formulieren. Es soll der Ausdruck s – u eine rückläufige Tendenz aufweisen. Unser Vorschlag würde lauten, daß in der Zeit des vormonopolistischen Kapitalismus und einer steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals, als u ein unbedeutender Faktor bei der Realisierung des Mehrwerts war, die Grundlage des Gesetzes in dem relativ schnellen Anstieg des Verhältnisses c gegenüber dem Verhältnis s liegt

In der Zeit des Monopolkapitalismus, der neuen Technologien und der steigenden unproduktiven Ausgaben, als c/v relativ stabil wurde, liegt die Grundlage des Gesetzes in einem schnelleren Anstieg des Verhältnisse u/v gegenüber s/v.

Als „Lehre“ und Resultat seiner empirischen Schätzungen und daraus abgeleiteten Modifizierung behauptet Gillman

„Die Lektion für Marxisten aus alledem ist, daß alle Begriffe, die sich auf den Ausdruck des Gesetzes der fallenden Profitrate beziehen – c/v, s/(c+v) und s/v – mit den Änderungen in dem kapitalistischen Produktionsprozeß ebenfalls einem Wandel unterliegen. Die ursprünglichste, einfache Formulierung des Gesetzes muß entsprechend geändert werden, wenn es irgendeine Bedeutung für den Kapitalismus des 20. Jahrhunderts haben soll.“ (S.206)

Gruber



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