Ein weiterer Prophet des Niedergang des Westens und des Kulturpessimismus: Michel Onfray

Als Lesetip einen FAZ-Artikel über einen weiteren Philosophen des westlichen Niedergangs, der den Kulturpessismus eifrig befeuert.

Michel Onfray: Niedergang: Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur von Jesus bis Bin Laden. Transhumanismus, Islamismus und Nihilismus besiegen den Westen.Während Macron europäische Aufbruchstimmung verkörpert und popularisiert, fällt auf, dass französische Intellektuelle wie Holbeque oder nun Onfray diametral entgegengesetzten Kulturpessimismus verbreiten, der dem Front National und der Rechten in die Arme spielen, sowie einen Huntingtonschen „Kampf der Kulturen“gedanklichen Vorschub leisten.Die FAZ nennt dies auch „Erschöpfungsgeschichte“. Scholl-Latour hat ähnlich in seinem „Die Angst des weißen Mannes–ein Abgesang“den Abstieg des weißen Mannes prophezeit, Trump und alle rechtsradikalen samt rechtspopulistischen Parteien sind der Indikator für die Ängste des „angry white man“. Henrik M.Border mit „Hurrah,wir kapitulieren!“und Thilo Sarrazin mit „Deutschland schafft sich ab“ hauen in dieselbe Kerbe. Auffällig ist aber, dass all jene westlichen Untergangsbeschwörer keine konstruktiven Zukunftsvorschläge machen, wie etwa David Precht oder Dieter Nuhr oder selbst wie etwa Joschka Fischer, der in seinem „Abstieg des Westens“ zumindestens noch eine (meiner Ansicht nach falsche) Europakonzeption als Alternative vorschlägt oder eben Macron.Es fehlt im Westen „Schöpfungsgeschichte“und das Wiedererlangen eines gewissen Optimismus und Kampfkraft.

Michel Onfrays „Niedergang“ : Panikmache ist auch ein Geschäftsmodell

  • Von Oliver Jungen
  • -Aktualisiert am 16.05.2018-22:23

Michel Onfray reitet als Apokalyptiker von Golgotha ins Silicon Valley und singt das Lied vom Krieg der Kulturen. Er selbst bleibt dabei ziemlich auf der Strecke. Das Alles von Heute, das fällt, das verfällt“, da war sich Nietzsches Zarathustra 1884 sicher, und er zeigte sich wenig empathisch: „Was fällt, das soll man auch noch stossen!“ Nun geht das Abendland aber schon sehr lange unter, spätestens seit der Reformation, allerspätestens seit Oswald Spengler. Allerallerspätestens seit Samuel Huntingtons Ausrufung des Krieges der Kulturen. Trotzdem ist es immer noch da und immer noch verdächtig mächtig. Das animiert Zarathustras Erben freilich nur dazu, noch kräftiger zu stoßen.

 

Ein besonders ungestümer Totenglockenläuter ist der französische Intellektuelle Michel Onfray, ein ehemaliger Philosophielehrer und stilistisch nicht untalentierter Polemiker, der einst eine ganze Volksuniversität gegen den Siegeszug des Front National etabliert hat, heute jedoch in einem Dauerfeuer aus Büchern, Artikeln, Radiosendungen und Web-Streams Positionen vertritt, die denen des ehemaligen Gegners sehr nahekommen.

 

Mit „Niedergang“ legt der Vielschreiber, der bereits mehr als fünfzig Bücher im Namen eines harten philosophischen Materialismus verfasst hat, jetzt eine Art vorläufige Summe seines Denkens vor, eine gewaltig dröhnende Abrechnung des bekennenden Atheisten mit dem jüdisch-christlichen Westen, ein siebenhundertseitiges Stoßgebet, um dieser todgeweihten Zivilisation den jetzt aber wirklich letzten Schubser zu geben. Dabei verheddert sich Onfray in den eigenen Propositionen. Vor allem aber stolpert er nach vielen hundert Seiten mal frech und amüsant, mal windig und schief rekapitulierter Geistesgeschichte in einen stumpf islamophoben Stammtisch-Populismus inklusive EU-Bashing, der leider als Motor des ganzen Projekts gesehen werden muss. Nur so erklärt sich der Furor, mit dem dieser Krawallphilosoph zweitausend Jahre Denktradition auf ein schlichtes Entropie-Modell hinbiegt: Zunahme des Nihilismus bis zum Wärmetod unserer Kultur.

 

Maschinen als Feind der Menschheit

Onfray wählt das ganz große Besteck. In der Vorrede wird ein altbekanntes Axiom gesetzt, das als „jähe Erkenntnis“ über den Philosophen gekommen sei: „dass der Untergang das Gesetz alles Seienden ist“. Jede Geschichte ist also notwendig Verfallsgeschichte, und zwar in einem kosmischen Sinn: Seit dem Urknall strebe das Sein dem Nichtsein entgegen. Dieses Sein wiederum bestehe aus einander ablösenden Kulturen, die ihre Kraft stets aus der Religion schöpften. Alle Kulturen, da ist Onfray mit Spenglers morphologischem Ansatz einverstanden, durchliefen die Stadien Aufblühen, Höhepunkt, Niedergang, Tod. Die im späten Niedergangsstadium angelangte Zivilisation des Judäo-Christentums stehe nun kurz vor der Ersetzung durch jene des Islams. In Onfrays deterministischem Weltbild ist das eine nicht zu betrauernde Notwendigkeit: „Es bleibt uns nur, möglichst elegant unterzugehen.“ Und doch ist dieser aufdringliche Fatalismus natürlich eine Spielart des Alarmismus.

 

Neben dem allen Kulturen einwohnenden Ende und dem großen kosmischen Tod, weil irgendwann die Sonne erlischt (oder zuvor schon unsere Ressourcen), macht der Autor im Nachwort – und nun endgültig sein Dekadenzmodell im Geiste Edward Gibbons zerschreddernd – eine dritte Form des Untergangs ausfindig, die technologische, die nun wiederum aus dem ruinierten Westen stammt, dem Silicon Valley, aber alle Zivilisationen betrifft: der Tod des Menschen durch Verschaltung mit intelligenten Maschinen. „Der Transhumanismus existiert schon heute“, heißt es. Scheint uns diese Gefahr also nicht noch näher zu sein als die säbelrasselnden und bettenbiegenden – ähnlich wie bei Thilo Sarrazin werden nämlich die „höheren Geburtenraten“ der muslimischen Europäer beschworen – Krieger des Kalifen? Fällt der blutige Untergang aus, weil wir uns zuvor virtualisieren?

 

Auch im Kleinen springen die Widersprüche ins Auge. So gibt sich Onfray zunächst alle Mühe, Jesus als „Nichtkörper“ und „Fiktion“ der als Geschichtsquellen wertlosen Evangelien zu entlarven, um später im Text der aggressiven Kirche „Verrat“ an Jesus und seiner Lehre vorzuhalten. Zudem beruht für den Autor der Erfolg der christlichen Zivilisation genau auf dieser Brutalität, wie der abschließende Part ex negativo vor Augen führen will: ein friedliebendes, relativistisches Christentum habe keine Kraft mehr, den Gegnern zu widerstehen.

(…)  Ab dem siebten Jahrhundert, das ist der dramatische Bogen dieser Erzählung, lauert ein Potenzmonster auf seine Chance, den Westen zu übernehmen: der wesenhaft kriegerische Islam.

Gegen alles und jeden

Im Fortgang der Erschöpfungsgeschichte des Abendlands ist unappetitlich von „Entartung“ die Rede. Reformation und Französische Revolution hätten ebenso zur Auflösung der christlichen Zivilisation beigetragen wie der angebliche Nihilismus der Moderne. Gegenstandslose Kunst hält Onfray für ein untrügliches Verfallszeichen. Mit Hasstiraden überzieht er die Achtundsechziger-Bewegung, für ihn nicht viel mehr als die Selbstermächtigung ungebildeter Pädophiler. Der französische Strukturalismus ist für den Autor purer Relativismus im Namen der Märkte, Michel Foucault ein Hohepriester der Islamisierung. Es belustigt, wie ein derart ressentimentgeladener Kulturkritikrundumschlag der Aufklärung vorwerfen kann, das Ressentiment zum Prinzip gemacht zu haben. Selbstredend bekommt auch der Journalismus sein Fett weg: als Fake-News-Propaganda, die schon früh der Hinrichtung eines Unschuldigen zuarbeitete, König Ludwig XVI.

Hier unkt also zuletzt einfach ein populistischer Provokateur, der sich gern als Pendant Michel Houellebecqs inszeniert, gegen die seiner Meinung nach „vorherrschende, neomarxistische Geschichtsschreibung“. Das Ziel sind tatsächlich platte, Panik schürende Sie-Wir-Oppositionen im Hinblick auf muslimische Flüchtlinge in Europa: „Wir sind erschöpft, sie erfreuen sich bester Gesundheit“ und „Wir haben die Vergangenheit, sie haben die Zukunft“. Das ist ein geradezu jämmerliches Resultat dieses Ritts nach Golgatha und zurück. So geht in dem polemischen, eklektischen, unwissenschaftlichen Buch, das man auf jene Formel bringen kann, mit der der Autor ein Jahrtausend Patristik bedenkt – „so viel Intelligenz, verschwendet an so viele Torheiten“ –, schließlich nur eines unter: der Intellektuelle Michel Onfray.

Michel Onfray: Niedergang: Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur von Jesus bis Bin Laden. Aus dem Französischen von Stephanie Singh und Enrico Heinemann. Knaus Verlag, München 2018. 702 S., geb., 28,– €.

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Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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