Hohmann, Solschenyzin und die Judenfrage

Zuletzt wurde die antisemitische russisch-bolschewistische Weltverschwörungstheorie von prominenter Stelle vom CDU-Abgeordneten Hohmann vertreten, der im Falle der russichen Juden von einem „Tätervolk“sprach und dafür aus der CDU ausgeschlossen wurde und dann in die AfD eintrat. Die AfD ist in ihrer Beziehung zu den Juden sehr ambivalent. Zum einen gibt sie sich taktisch in Teilen etwas philosemitisch, betont die Gefahr des Antisemitismus durch Muslime und arabisch-türkische Migranten, um dann desto beherzter gegen Muslime hetzen zu können, während der Höcke-Flügel das Holocaustdenkmal als „Denkmal der Schande“verunglimpft und Gauland die 50 Millionen Kriegstoten und 6 Millionen ermordeten Juden des Holocaust als „Vogelschiß“bezeichnet. Desweiteren sind auch immer wieder antisemitische Äußerungen prominenter AfD-Vertreter wie etwa Gedeon zu vernehmen.Charlotte Knobloch, ehemalige Vorsitzende des Zentralsrats der Juden mißtraut deshalb auch der AfD und warnt vor ihr.

Neuerdings wird nun seitens AfD-Sympathisanten und deutscher Rechter versucht, Hohmann reinzuwaschen. Dies mit Verweis darauf, dass Hohmann nichts anderes gesagt habe als der Nobelpreisträger und sowjetische Dissident Alexander Scholschenyzin. Als Leseempfehlung rechter Seite wird dann dessen Buch „Zweihundert Jahre zusammen-Die Juden in der Sowjetunion“empfohlen, die Hohmanns Tätervolkthese stützen soll.

Dazu ist zu sagen, dass Solschenyzin recht reaktionäre Ansichten vertrat. Viele Dissidenten wie etwa der russische Demokrat Lew Kopelew und andere Unterstützer des Gulagautoren distanzierten sich später von ihm, als er in Freiheit war und bedenkliche Äußerungen machte, die ihn eher als Vertreter der russichen Rechten outeten und deren Vorurteile gegen Juden teilte.Über sein Buch ist desweiteren in einer Rezension zu lesen:

„Alexander Solschenizyn Zweihundert Jahre zusammen. Bd. 2: Die Juden in der Sowjetunion. Aus dem Russischen von Andrea Wöhr und Peter Nordqvist. Herbig Verlag München 2003. 608 S.

Im zweiten Band seiner Geschichte der russisch-jüdischen Beziehungen in den letzten zweihundert Jahren setzt Aleksandr Solženicyn seinen bereits im ersten Band angekündigten Versuch fort, zwischen Russen und Juden zu vermitteln. Aber schon nach der Lektüre des ersten Bandes drängte sich folgende Frage auf: Wenn dies ein Vermittlungsversuch sein soll, wie sieht dann eine Polarisierung aus? Denn den roten Faden des ersten Bandes stellte die Apologie der Judenpolitik des Zarenreiches dar, die Verteidigung des „erniedrigten“ und „beleidigten“ Russlands gegen seine angeblichen „Verleumder“, bei denen es sich in erster Linie, wie leicht zu vermuten, um Juden handle. Der Ton des hier vorliegenden zweiten Bandes ändert sich. Der leidenschaftliche Apologet verwandelt sich in einen nicht weniger leidenschaftlichen Ankläger. Während sich Solženicyn im ersten „vorrevolutionären“ Band vor allem darauf konzentrierte, den von den Juden beanspruchten Opferstatus in Frage zu stellen, versucht er im vorliegenden Band mit außerordentlicher Vehemenz, die besondere Verantwortung der Juden für die 1917 ausgebrochene Tragödie zu begründen. Darin unterscheidet er sich kaum von der traditionellen russischen Rechten, die sich schon seit Generationen darum bemüht, die Russische Revolution zu „entrussifizieren“ und die Zerstörung der Zarenmonarchie als das Werk der sogenannten Russlandhasser, in erster Linie der Juden, darzustellen.“

https://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Luks_Solschenizyn_Zweihundert_Jahre.html

Im Kern wird also der Topos der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung beschworen, wie dieser auch schon in den Protokollen der Weisen von Zion von dem russischen Geheimdienst als Vorbereitung für Judenpogrome und später von den Nationalsozialisten und anderen Rechten international vertrieben wurde und nun von Scholschenyzin in neuem Gewande wiederbelebt wird.Tendenziell also klar antisemitisch. Nobelpreisträger hin oder her.Zumal er den Nobelpreis ja für seinen „Archipel Gulag“erhielt und nicht für sein judenfeindliches Buch, welches weniger ein Beitrag zum Weltfrieden sein dürfte. Es zeigt zum anderen, dass während des Kalten Krieges vom Westen gefeierte antikommunistische Dissidenten keineswegs nur demokratisch gesinnte und freiheitsdürstende Menschen wie Lew Kopelew waren, sondern es auch zahlreiche Nationalisten und Rechte darunter gab, weswegen die autoritären und nationalistischen Entwicklungen in Russland und Teilen Osteuropas nach Ende des Kalten Kriegs, die nun Regierungsprogramm in vielen postsowjetischen Staaten und Russland sind dann auch nicht mehr überraschen sollten. Antisemitismus oft eingeschlossen. Da zitiert dann eben ein deutscher Rechter einen russischen Rechten, da man sich in dieser Angelegenheit einig ist. Da bildet sich schnell eine nationalistisch-antisemitische Internationale, die der Theorie von der jüdischen Weltverschwörung gerne Nahrung gibt.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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