Der Stammtisch in der Globalisierung

von Ralf Ostner

Der Stammtisch in der Globalisierung

Stammtische stehen heutezutage in keinem guten Ruf, zumal ja vielen Politikern und vor allem Populisten die „Lufthoheit über die Stammtische“als ihr Erfolgsrezept angekreidet wird, was als Synonym für die Anpassung an einen nationalistischen, proletigen, bierseligen Ort der Geselligkeit assoziiert wird, der zumal oft recht xenophop, auf Ausgrenzung, antiintellektuell, grobschlächtig und kleinkariert angesehen wird, zumal auch als Auslaufmodell der niedergehenden bayerischen Wirtshauskultur und des zunehmenden Gesundheitsbewußtsein, das verräucherte und biertrinkende Kneipen und Cafes zugunsten von Mineralwasser und Chilloutzonen meidet und auch andere Freizeitsangebote, allen voran Fitnessstudios und jugendlicheren hipperen Latte Maciattocafes mit WLAN-Anschluß und sportliche Aktivitäten bevorzugt.Im schlimmsten Fall: Pils, Bitter Lemon , Energy Drink, Smoothie,  Aperol oder das jeweils hippeste stylische Modegtränk der Getränke- und Kulturindustrie statt Weißbier–dadurch wollen sich auch noch einige selbseingebildete Yuppies absetzen vom vermeintlichen Proleten.Wenn es nicht über Bildung und Inhaltliches  geht, so doch über Lifestyle und all seine Äußerlichkeiten, um zu signalisieren, dass man “was Besseres”sein will.

Zumal früher der Stammtisch mit dem Kirchgang verbunden war, also sehr konservativen Institutionen und altertümlichen Ritualen oder bestenfalls bildungsbürgerlich nach dem Internationalen Frühschoppen von Werner Höfer im ARD existierte, vielleicht noch beim Schachspiel,wo trefflich über Weltpolitik gestritten und debatiert wurde, zumal rauchend und dem Alkohol nicht abgewandt, auch noch mit sexistischen Zoten der Männergeneration, die Alice Schwarzer als die “Old School”betitelte, man sich aber als jüngerer Mensch auch nicht mehr in einer Kneipe oder in Cafes trifft, die mehr als Rentner- und Gammelfleischansammlungen gelten, sondern im Internet, Internetcafe, auf Facebook, privat und falls man sich trifft in einem Szeneschuppen vor allem head down mit seinem smartphone oder WLANnabelschnurangebunden mit Tablet kommuniziert und nicht mit den Anwesenden.Der Stammtisch ist ein eher ländliches Phänomen, das es natürlich auch in München oder Großstädten vor allem in den jeweiligen Lokalkneipen oder Cafes gibt und zumal auch oft mit diversen Vereinen oder Parteien oder anderen gesellschaftlichen Gruppierungen zusammenhängt, die aber über Mitgliederverlust und Überalterung klagen. In Großstädten wie München , dem Millionendorf findet er zumal auch in größerer Dimension, in Form der Bierhallen oder Biergärten im Sommer statt.Im Buch von David Clarke Large „Hitlers München“ist dazu zu lesen:

„Es gehört zu den eigenartigen Paradoxien der neueren europäischen Geschichte, daß die Geburtsstadt des Nationalsozialismus, die „Hauptstadt der Bewegung“und kulturelle Perle des Dritten Reichs, sich in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg in aller Welt einen Ruf als die toleranteste, bürgerfreundlichste und heiterste Stadt Deutschlands erworben hatte. Während das preußische Berlin für autoritären Militarismus und anmaßende Selbstüberschätzung stand, galt München als die Stadt der „prächtigen“ Bauten, der Kunstmuseen und der Gemütlichkeit. Im egalitären und beschwingten Klima Münchens könne man fast vergessen, daß man sich in Deutschland befand.

Dieser Ruf liebenswürdig-demokratische Geselligkeit hing offenbar nicht zuletzt mit Münchens berühmtesten Wirtschaftsgut zusammen, seinem Bier. „Das Bier ist ein großer konstitutioneller, politischer und sozialer Gleichmacher“, schrieb der amerikanische Konsul 1874. „Auf dem Oktoberfest sieht man Große und Geringe eng aneinadergeschmiegt auf den rohen Bänken sitzen.“ Der Dramatiker Max Halbe, der 1895 aus dem geschäftigen, aber „vom Mammon beherrschten“Berlin nach München umgezogen war, stellte fest, es gehe hier zumindestens in urigen Lokalitäten wie dem Hofbräuhaus, „keinen Unterschied…zwischen Reich und Arm, Vornehm und Gering, ja nicht einmal zwischen Minister und Droschkenkutscher.“. „Wenig andere Orte sind so demokratiusch“, befand auch der amerikanische Reisende Robert Schauffler in seinem 1909 erschienenen Artikel „Munich- A City of Good Nature“: „In den großen Bierkellern, wo München einen erheblichen Teil seiner Freizeit verbringt, ist ein Mensch gerade so gut wie der andere. Man findet dort den Bürgermeister und einen Armeehauptmann in engster Tuchfühlung mit einem Kaminfeger und einem Straßenhändler, und alle unterhalten und amüsieren sich miteinander ohne Berührungsangst.“

So berechtigt diese schwärmerische Sicht der Dinge auf den ersten Blick sein mochte, so überdeckte und übersah sie doch einen anderen Aspekt der Münchner Bierkellerkultur: die nicht seltenen Schlägereine und Tumulte, in deren Verlauf die schweren tönerernen Maßkrüge, nach Preisgabe ihres labenden Inhalts, zu gefährlichen Waffen konvertiert waren. Den Zündfunken, der zum Ausbruch slcher Maßkriege führte, lieferten häufig ideologische Wortgefechte, denn die großen Münchner Bierkeller boten ein ideales Forum für Agitatoren jeder politischen Couleur. Auch Meinungsverschiedenheiten in ästhetischen Fragen konnten zu Blutergüssen führen“. (Hitlers München, S. 10, C.H.Beck 1998).

Jedenfalls stehen die Bierhallen und Stammtische im Ruf Brutstätten rechtsradikalen Gedankenguts zu sein, reaktionär, für Bierdimpfel und unzivilisierte Menschen, zu denen sich der Bildungsbürger besser nicht gesellt, obgleich jene Klein-, Groß- und Teile der Bildungsbürger ja auch die Stammmannschaft der Nationalsozialisten und ihrer Unterstützer ausmachten und nicht die Arbeiter, bestenfalls Lumpenproletarier, die sich in der SA zusammenfanden, aber zumeist auch mehr deklassierte Kleinbürger waren.Der Stammtisch und die Bierhallen werden heute eher als Vorbild für Hitlers Volksgemeinschaftsgedanken gesehen und oft gemieden.So ganz von der Hand ist dies nicht zu weisen, wenngleich auffällt, dass neuerdings ein linkes, antideutsches Magazin wie die Bahamas den Stammtisch noch eher als kommunikatives, geselliges Regulativ angeischts zunehmend neoliberal-sozialisierten anonymisierter, kommunikationsunfähiger Außenseiter, die nun mit dem Internet ihren massenmedialen Stammtisch gefunden haben und dort geifernd und Haßmails versendend austoben—Tyen, wie sie sich zunehmend in der AfD konzentrieren und Gehör finden:

„Gegenwärtiger Profiteur des beschriebenen Gesellschaftscharakters ist die AfD, die durch konsequente Emotionalisierung des Politischen und ihrem konformistischen Rebellionsangebot, das in ihren bevorzugten Schlagworten zum Ausdruck kommt, ein zeitgemäßes Bedürfnis bedient. Die Botschaft „Ändern Sie nicht ihre Meinung. Ändern Sie die Politik!“ zielt beispielsweise mitten auf die Bedürfnislage des nachbürgerlichen Subjekts, das es zum rechthaberischen Politisieren treibt. Die absolut gesetzte eigene Weltanschauung wird den Ultras der Meinungsfreiheit als Besitz zu einem Bestandstück ihrer Person und gerät mangels anderer Lustquellen inmitten des freudlosen Daseins zum triebökonomischen Dreh- und Angelpunkt der narzisstischen Inszenierung. (13) Die affektive Besetzung der eigenen Ansichten und ihre triumphale Verkündung verschafft das Gefühl, zu denen zu gehören, die wissen, wo es lang geht. Was sie entkräftet – bloße Fakten oder Widerspruch –, wird als Bedrohung registriert und als narzisstische Kränkung erlebt. Diese Rechthaberei ist gerade weil sie dem denkenden Zugriff entzogen bleibt und gegen Erfahrung abgedichtet ist, verletzlich und boshaft zugleich, was in der rotzig-redundanten Angeber-Sprache der konformierenden Asozialen, die nach Adorno geradezu als die „Ontologie von Halbbildung“ zu begreifen ist, unverfälscht zum Ausdruck kommt.

Beflügelt wurde dieser Typus auch durch die neuen Kommunikationstechnologien, vor allem die im Internet bestehende Möglichkeit, überall seinen Senf dazugeben zu können. Der Erfolg der AfD ist mit den politischen Talkshows, den aufkeimenden Bürgerprotesten der letzten Jahre und mit der Entwicklung in den sogenannten Sozialen Netzwerken verbunden, allesamt Medien, in denen mit zackigen Sprüchen und bornierter Kraftmeierei gepunktet werden kann. Leute, die vor einigen Jahren noch alleine am Tresen saßen, weil ihrem Gekeife keiner zuhören konnte, stellen plötzlich nicht nur fest, dass ihre Verbalentgleisungen immerhin Reaktionen provozieren, sondern treffen beim manischen Kommentieren auf Gleichgesinnte. Doch die Kneipe ist abgeschafft – und damit auch das schwache Korrektiv in Gestalt des Unterhaltung suchenden Mehrheitskneipengängers gegen den völlig asozialen Grantler. Der Stammtisch nämlich war besser als sein Ruf, den ihm ungesellige Gestalten mit starkem Distinktionsbedürfnis erfolgreich aufdrücken. Der einsam Polternde hingegen, dem es in der Kommentarspalte, der Arena des kleinen Mannes, einzig und allein darum geht, die Kontrahenten in albernen Scheingefechten fertig zu machen, hat nicht einmal mehr den Spaß, den Stammtischbrüder eben auch haben können.“

http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web73-1.html

Schon bezeichnend, wie weit die zunehmende Verrohung der neoliberalen Gesellschaft schon fortgeschritten ist, wenn Linke meinen müssen, solche zumeist rechtslastigen, reaktionären Gebilde wie den Stammtisch in Schutz nehmen zu müssen. Da ich selbst Teilnehmer eines Stammtisches bin, möchte ich dazu einmal eine eigene Einschätzung vornehmen. Ich kenne auch zwei Stammtische aus meinem Ort, aber mehr vom Nachbartisch her und was man da hört, ist so die übliche CSU- und zuteils eben auch AfD-Weltsicht.

An dem Stammtisch an dem ich verkehre, meinen einige dieser sei mehr links im Gegensatz zum Mittags- Unternehmerstammtisch, wo mehr die CSU-Granden tagen.Aber man muss sich schon einmal genauer ansehen, was da als linker durchgeht.Der Stammtisch tagt in einem Cafe, welches in einen oberen Teil und einen unteren Teil samt einem kleinen Biergarten im Innenhof geteilt ist, wobei die Pächterin der Ansicht ist, dass im obereren Teil dies bessere, bildungsbürgerliche Gesellschaft sitzt, die sich aber zumeist aus überalterten Cafetanten zusammensetzt über deren Bildungsstand man sich auch mal unterhalten müsste, um diese als Bildungsbürger durchgehen zu lassen, zumal sie zumeist nur Allerweltstratsch von sich geben.Also das vermeintliche Bildungsbürgertum im Cafe wird als Antithese zum Stammtisch gesehen und definiert. Gebe es den Stammtisch unten nicht, gebe es auch mangels Abgrenzungsmöglichkeit kein selbsternanntes Bildungsbürgertum “oben”. Dabei wird eigentlich auf beiden Ebenen recht seichtes und geselliges Geschwätz verbreitet und als Mega- Intellektuelle gelten dann solche durchschnittlichen Lokalgrössen wie ein Georg Ringswandel.

Im untereren Teil ist unser Stammtisch, der sich am späten Nachmittag die ganze Woche, aber vor allem freitags und samstags trifft. Im wesentlichen gibt es zwei Gruppen: Ältere saturierte Rentner, die in der NachkriegsBRD aufgewachsen und sozialisiert wurden und dieser angesichts der Globaliserung nachtrauern und mit der heutigen Welt nicht mehr so mithalten können, deswegen sehr nostalgische Gesellschaftsmodelle von geschlossenen Gesellschaften nachträumen.Zum zweiten beruflich weniger oder nicht erfolgreiche mittelalterliche Männer um die 50, die sich selbst etwas beruflich und biographisch aufgrund ihres nicht sonderlich erfolgreichen Berufslebens stark idealisieren.Während die älteren Rentner inzwischen auch Internetanschluß haben und dort zumeist seriöse Mainstreammedien lesen, neigt ein nicht unerheblicher Teil der Midlife-Crisis-“Jüngeren“ eher dazu sich auch noch den letzten Verschwörungsscheiß aus dem Internet anzutun und sich dann für gut informiert, investigativ und aufklärerisch in ihrer Selbstwahrnehmung zu sehen.Fragt man sie, woher sie ihr neues fundamentales Wissen haben, so kommt zumeist: “Aus dem Internet”. Das ist so, als man sagen würde: “Aus einem Buch”–ohne Autor, dessen Hintergrund oder Rezensionen und Gegenmeinungen eruiert zu haben.Wie Mc Luhan mal sagte:  The medium is the message!Das meinte er schon bei Aufkommen des Fernsehens im Gegensatz zu der Buchliteratur und was würde er wohl heute beim Internet und dessen dominanter Nutzung sagen.Da ist der Handwerker, der ein antisemitisches Meisterwerk „Einführung in den Kapitalismus“verfasst, bei dem aus dem Internet 2/3 aus Wikipediaziattaten copy und paste ist, zumal über die Rothschilds stammen, ein anderer, der sein Studium „summa mit laude“abschloß und ernsthaft daran glaubt, dass satanistische Geheimbünde mit Kindermordsritualen und Außerirdische die Welt regieren würden und Obama eine außerirdische Echse sei, ein Türke, der vom Grauen Wolf nun zum Erdoganfan mutiert ist, so alle antisemitischen Verschwörungstheorien vertritt und den Euro als „Judengeld“ablehnt und von einem neoosmanischen Reich träumt, ein anderer, der der Ansicht ist, dass Hitler Jude und Obama Muslim wäre.Wer da widerspricht, wird dafür kritisiert, nicht zu hinterfragen und nur an der Oberfläche zu kratzen und die tieferen esoterischen Geheimlehren des Internets nicht gelesen zu haben. Die älteren Stammtischler sehen darin einen gewissen Unterhaltungswert, finden diesen Schwachsinn amüsant, zumal die Verschwörungstheoretiker sich ja so richtig reinsteigern können in ihren Ausführungen und sich die Älteren angesichts solch kruden Schwachsinns sich selbst dann wieder als Realisten und gebildeter darstellen können, die aber im wesentlichen neoliberale und nationalistische Weltbidler haben und sich in die BRD zurückträumen, als scheinbar noch alles in Ordnung war—scheinbar die 60er und 70er Jahre. Die Älteren sind zwar als Diskussionspartner insofern interessant, das sie über eine Menge Wissen, auch über eine gewisse Erfahrung verfügen, aber sie neigen mit 2 Ausnahmen da inzwischen doch autoritären Gesellschaftsmodellen zu, die AfD- und Orbankompatibel sind.,wie sie auch einen gewissen Sarkasmus und Zynismus und Sozialdarwinismus drauf haben und solche Begriffe wie Menschlichkeit, Würde des Menschen oder soziale Gerechtigkeit als linke Sozialromantik ins Lächerliche ziehen und auch ablehnen und durchblicken lassen, dass sie die Flüchtlinge als „Schrott“sehen, der ausselektiert und nicht ins Land gelassen werden sollte,.auf den man auch schießen lassen sollte, wie sie auch die Jüngeren des Stammtischs als Looser ansehen, auf die sie hintentrum herunterblicken, aber eben als unterhaltsamere Veranstaltung als das langweilige GEZ- Fernsehprogramm zur eigenen Unterhaltung tolerieren. Mindestlohn, Verbot von Kinderarbeit in Entwicklungsländern, Gewerkschaftsforderungen, Kritik an der Agenda 2010–alles sozialromantischer Scheiß. Grundgesetz auch egal.Allen ist aber gemeinsam, dass sie an politischen Aktivitäten nicht teilnehmen (mit Ausnahme von 2 Leuten, die sich an der Anti-AfDdemo beteiligten), auch nichts mehr verändern wollen, sondern ihren Ruhepunkt im Stammtisch suchen. Schlimmstenfalls wählen sie AfD, vielleicht wählen sie aber auch gar nicht mehr, da sie ohnehin ihre Rente haben und ihnen alles egal ist, aber sehr viel mehr rechteres Veränderungspotential ist da auch nicht zu erkennen.Eher ein geselliges Beiander, bei dem man schon oft wiederholte Standpunkte austauscht, wiederholt, ja es hat oft etwas Ritualhaftes.Aber man darf sich auch nichts Neues erwarten. Die ganze Diskussion läuft systemaffirmativ. Genauso wie über Fußball es 60 Millionen bessere selbsternannte Trainer gibt, so hier am Stammtisch lauter Experten auch in Wirtschaft, die sich Wirtschaftskrisen vor allem als Versagen einzelner Manager und Politiker vorstellen, die mal ausgetauscht gehörten und nur noch über die Mannschaftsaufstelluing diskutiert wird, aber eben niemals grundlegend über das Wirtschaftssystem und andere mögliche Gegenmodelle. Bestenfalls noch über individuelle Geschäftsmodelle, die noch nicht entdeckt wurden und auch in ihrem Großteil so absurd sind, dass sie besser erst gar nicht entdeckt werden. An Stammtischen überbieten sich die besseren Autokonstruktuere, Politiker, Fußballtrainer, Erfinder. Köche,etc. Jedenfalls bleiben die ganzen Vorschläge nur Verbesserungskonzepte des Kapitalismus, aber nicht einmal die Infragestellung des Wirtschaftssystems oder des Nationalstaats, schon eher sehen die jüngeren Verschwörungstheoretiker da Juden, Außerirdische, Satanisten bei ihrem unguten Weltenwerk, während die Älteren diesen Internetverschwörungstheorien doch noch abgeklärt gegenübersitzen und sie als amüsante Spinnerei einer erfolglosen Jugend abtun. Da sind Stammtische eben schon konservativ, nicht kreativ, partiell reaktionär und eben keineswegs globalistisch, kosmopolitisch und weltoffen.Sie sind nicht unbedingt Brutstätten des Faschismus, so aber doch recht träge, gesellig und alte Gedanken konservierend—von den neuesten alten Verschwörungstheorien bis zur Nostalgie in ein altes Deutschland, das noch nicht den Stürmen der Globalisierung ausgesetzt war. Also der Stammtisch ist mehr ein Ruhepol und Rückzugsgebiet in der Globalisierung für alle Rentner und beruflich nicht so erfolgreichen Middle Ages, die weniger oder ganz schlecht ihrem Rentenalter in den nächsten kommenden 2 Jahrtzehnten als geburtenstärkste Babyboomergeneration entgegengehen, isofern da ohnehin nicht die Hälfte der Republik in Altersarmut lebt–seien es jetzt die Überflüssiggemachten, die keine durchgehende Erwerbsbiographie haben und damit sehr spärlcihe Rentenansprüche oder aber jene Figuren, die immer wieder betonen, dass sie 45 Jahre ehrlich und anständig gearbeitet und eingezahlt haben, um dann eben auch in der Altersarmut zu landen. Diese Fragen werden wohlweislich niemals diskutiert, schon gar nicht als Systemfrage, sondern meistens nur als individuelle Versagensstory, über dann die  saturierten Rentner des Stammtischs urteilen wollen, die noch mit befristeten Arbeitsverhältnissen und Löhnen und Gehältern, die zur Gründung einer Familie ausgestattet waren, ihre altersweisen und sozialdarwinitischen Urteile fällen würden. Aber da dieser Punkt immer ausgenommen wird, alles aufs Individuelle, Geschäftsmodelle hin diskutiert wird und zumal die jüngeren Midlife-Crisis-Stammtischler eher ihre Erklärungen in Satanisten, Juden, Außerirdischen, Muslimen,etc. als Hauptschuldigen suchen, kommt es niemals zum Konflikt.

Aber umgekehrt: Die Linke hat bisher auch keine Diskussion um neue Wirtschaftssysteme eingeleitet, sondern zieht sich in die akademische Studierstube der Kapitalkritik zurück oder bestenfalls noch in die Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft wie Sarah Wagenknecht. Wie bei den Stammtischen ist auch nur reaktionäre Ostalgie oder Westalgie des Nationstaats angesagt , bestenfalls wird Ludwig Erhardt zitiert,die Frage nach neuen Wirtschaftssystemen und mehr internationalen Institutionen angesichts der Globalisierung wird als konterrevolutionär zurückgewiesen–kurz. Von der jetzigen Linken kann man sich so wenig Impulse erwarten wie von den Stammtischen.



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