Karl-Kraus-Lesung „Die letzten Tage der Menschheit“-was uns dies über das Bilderbürgertum sagt

von Ralf Ostner

Ich war heute auf einer Karl-Kraus-Lesung „Die letzten Tage der Menschheit“ mit anschließender Diskussion über dessen Aktualität, die aber als die Aktualität des Ersten Weltkriegs angekündigt war .

Die vorgestellten Passagen aus Kraus Buch waren ein Sammelsurium und Kaleidoskop aus Zeitungsberichten, chauvinitischen Zitaten, Gesprächen und Kriegsparolen führender österreichischer Politiker, Militärs, Vertretern aus dem gemeinen Volk (Serbien muss sterbien, jedem Brit ein Tritt, jedem Russ ein Schuss und jedem Franzos ein Stoß,etc.) , die deskriptiv das damalige Leben vor und während des Krieges schilderte-mit allem Nationalismus, Militarismus, Menschenverachtung, Paranoia vor dem Feind, der auch in angeblichen und vermeintlichen Spionen im eignenen Land vermutet wird. Soweit eine hörenswerte Chronologie, aber eben keine Analyse, warum es zu dem Krieg eigentlich kam und was man nun eigentlich „daraus“lernen könnte.

Dies wurde für die Diskussion danach angekündigt. Als ich dann nachfragte, ob Kraus sich auch zu geopolitischen Hintergründen des Weltkrieges und seinen Ursachen geäussert hätte, so wurde einem seitens des Podiums keine Antwort gegeben und dies von 2 Bildungsbürgern aus dem Publikum aggressiv untersagt zu fragen, als wäre die Frage nach Kriegsursachen und was man daraus lernt so die nebensächlichste und kulturbanausenhafteste Sache einer solchen Veranstaltung. Als ich auch noch darauf verwies, dass etwa Lenin in „Der Imperialismus als höchste Stufe des Kapitalismus“und andere Autoren dieser Zeit versucht hätten sich die Ursachen des Weltkrieges zu erklären, wurde darauf verwiesen, dass Kraus Kontakt zu Lenin gehabt habe, aber nicht die Frage beantwortet, warum es Schriftstellern nicht möglich sein kann, deskriptive Beschreibung mit analystischer Ursachenforschung symbiotisch-literarisch zu verbinden wie es etwa ein Leon Feuchtwanger in „Erfolg“ getan hat.

Während die Kraus-Lesung gut war, so war die Diskussion doch sehr kurz und eine Freundin hatte mich eingeladen, da ihrer Darstellung nach diskutiert werden sollte, was man „daraus für heute lernt“. Es kam aber im wesentlichen nur seitens des versammelten Bildungsbürgertums, dass „die Leute“nichts dazugelernt hätten, das Volk und die Völker irgendwie zu deppert sind, ja selbst ihre adeligen Führer damals–geopolitische Diskussionen oder Analysen der Weltsituation, die zu dem Krieg geführt haben, die Tatsache, dass Nationalstaaten mit dazugehörigem Staatsvolk, das über die Medien und Bildungsinstitutionen aufgehetzt wird, Kriege führen aufgrund geopolitischer und geoökonomischer Interessen blieben dabei jedoch völlig aus. Die Metabotschaft: Volk doof, ja selbst der österreichische Kaiser ein Trottel—heutiger Bildungsbürger schlau.Quod erat demonstrandum und in dieser Sorte „Analyse“bestätigte man sich gegenseitig und fortlaufend.

Dabei ähnelt sich die Weltlage heute und die Situation vor dem Ersten Weltrkieg insofern, dass infolge der Globalisierung die Industriemächte in einen immer heftigeren geopolitischen Expansions- und Verteilungsstreit geraten und China wie das damalige Deutschland wirtschaftlich und militärisch expandiert und mit seiner Neuen Seidenstrasse eine neue Bagdadbahn ins Zentrum der Konkurrenten baut. Dazu ein Rußland und eine USA in Abstiegsängsten, die mit Brachialgewalt versuchen ihren Niedergang mit allen Mitteln aufzuhalten.Anzudenken wäre, dass sich Deutschland im Rahmen von EU und NATO für eine Neue Ostpolitik in der Tradition Willy Brandts und für eine Abrüstungsinitiative einsetzt. Schade, dass in der Diskussion für die aktuelle politische Lage keinerlei Platz blieb.Auch, dass alle wie ein Zug von Lemmingen wegrannten, weil eine Bildungsbürgerin ankündigte gehen zu wollen.

Ja, diese Kulturveranstaltungen mit konzentrierten Zusammenrottungen von Bildungsbürgern haben immer so eine gekünstelte autoritäre Atmossphäre. Der heilige Künstler, das gute Buch, das sakrale Kunstwerk, dem man devote Ehrfurcht und vorauseilenden Gehorsam entgegenbringen soll. Man kommt sich eher wie in einer Kirche vor oder bei einem Götzenkult, bei dem jeder Angst hat als Kulturbanause stigmatisiert zu werden, wenn er das gebotene Kunstwerk mal auf seine erkenntnisgewinnende un dbildungsfördernde Wirkung inhaltlich und politisch zu hinterfragen wagt. Bildungsbürger konzentrieren sich da mehr auf ästhetische Kategorien, denn politische und falls letzteres mal zutreffen sollte, dann schrammen diese Kunstwerke auch oft am Sozialkitsch vorbei.

Resultat heute und auch damals: Die eigene Abgehobenheit und den eigenen standesdünkelnden Kulturchauvimismus ahnen diese Bildungsbürger zumeist erst, wenn die „Depperten“ die Trumps dieser Welt wählen. Auch hätte ich gerne noch gebracht, dass Deutschland sich für eine Neue Ostpolitik einsetzen solle, diese kurz skizziert, aber die Veranstaltung blieb in der Diskussion sehr unpolitisch. Die Bildungsbürger waren mehr am literarischen Stil, der Sprachkritik an der Journalille/der Medien und der Frage beschäftigt, wie man das Buch als Film auf Netflix verdrehen könnte, als dass es eigentlich noch eine Diskussion über die momentane Weltsituation und eine mögliche neue Weltkriegsgefahr und die Frage, was man politisch dagegen unternehmen könne möglich gewesen wäre. Das versammelte Bildungsbürgertum ist also so unpolitisch wie das kritisierte depperte Volk, über das es sich zu erheben meint. Schade. Geopolitische Analysen und Diskussionen kann man scheinbar nicht im Rahmen von kulturbeflissenenen Bildungsbürger führen.

 



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