Lili Marleen- Soldatenlied oder Antikriegssong?

von Ralf Ostner

Lili Marleen wird als Soldatenlied der deutschen Wehrmacht dargestellt, das diese mobiliseren sollte und unter der Ägide Joseph Goebbels zu Hochkonjunktur kam. Das stimmt auch. Interessant ist aber, was diesem Lied seine Strahlkraft gibt, zumal es auch die Soldaten anderer Armeen gerne hörten und sich in der Nachkriegszeit sogar ehemalige verfeindete Veteranentreffen unter Lilly-Marleenbewunderung trafen. Worin besteht also die Magie dieses Songs: Zum einen die Melodie, die immer noch allgemein als sehr eingängig, schön und harmonisch empfunden wird, selbst bei Leuten der modernen Popkultur.

Zum zweiten durch die Metabotschaft des Liedes: „Und sollte mir ein Leid geschehen, wer wird vor der Laterne stehen? Lili Marleen“. Es ist also eine Hymne, dass wenn es einem schlecht geht, man in ernsthaften Schwierigkeiten ist, verlassen und einsam ist, behindert, arm oder irgendwie benachteiligt, Kriegskrüppel oder rückkehrender Kriegsgefangener ist, jemand, zumal eine Frau auf einen trotz aller Widrigkeiten auf einen wartet , einen nicht verlässt wie in Borchers „Draußen vor der Tür“ , sondern es ist die nächstenliebende Botschaft von Solidarität, Treue bis in den Tod, Empathie, Zuverlässigkeit und Konstanz in völlig Umbruchszeiten, die Krücke und die Stütze, auf die man sich in chaotischen Umbruchszeiten und Extremsituationen wie dies ein Krieg ist, verlassen kann. Es ist diese zeitübergeifende Konstante, die Lili so beliebt macht.

Vielleicht ist dies aber auch überinterpretiert, da Landser die Lili vielleicht als den Strassenstrich, den One-Night-Stance, die Dirne, die vor den Toren wartet in der Gefechtspause , die amouröse Zufallsbekanntschaft, die aber schon Institution ist und möglicherweise nicht nur für einen einzelnen Landser sondern für alle gedacht ist, sowie mehr erotische und sexuelle Befriedigungen denn ein feste Beziehung und Konstanz in der Beziehung, aber zumindestens eine Orientierung im Krieg verspricht, die vielleicht noch daneben an der Heimatfront in Form eines treu wartenden Weibes, der eigntelichen Lili, die aber nicht greifbar ist und ersehnt wird, besteht. Also ambivalent und jeder kann da reinlesen, wofür Lili steht.

Umstritten ist bei Wikpedia und engagierten Musikwissenschaftlern und Historikern, wie sich Lili verbreitete, was das Lied bedeute, wer die Urheberrechte habe und vieles mehr. Alles uninteressante Fragen, denn viel wichtiger ist, wie Lili Marleen interpretiert wurde- von wem und zu welchem Zweck. Interessant ist, in wievielen Versionen und zu welchen Zwecken Lili Marleen im Internet aufzufinden ist. Bei Rechtsradikalen und Rechten wird gar nichts interpretiert, es kommt als großdeutsche Kriegsverherrlichungssong rüber: Deutsche Frau, deutscher Landser, deutsche Treue bis in den Tod und zum Endsieg. Sieg heil! Linke Interpreten wiederum betonen, dass Lili Marleen das Lied des deutsch-jüdischen Soldaten Leip noch vor dem 2. Weltkrieg war, der dem Massenschlachten des Ersten Weltkriegs die Botschaft von Liebe, Solidarität und Zusammenhalt gegenüberstellen wollte. Also ein mehr pazifistisches Lied, das dann unter Goebbels umgedreht wurde und dann nochmals von der US-und Allierten -Propganda . Linke Videos stellen den harmonischen Song auch in den Videoclips in Kontrast zu Hitlers hetzenden und schrillen Reden, Kriegsgrausamkeiten, gefallenen und verkrüppelten Soldaten, Leichenbergen, blutigen Kriegsgefechten, stellen also das so schön harmonische Lied in Gegensatz zu Blut, Leiden und Tod. Werner Fassbinder drehte auch mit seiner Allzeitwaffe Schygulla einen „Liliy Marleenfilm“.

Eigentlich wurde die Lili Marlen erst bekannt, als es von  von Lalle Andersen 1938 gesungen wurde und im Auftrag von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels massenmedial als Kriegslied zum Beginn des von den Nazis begonnenen Zweiten Weltkriegs wurde. Marlene Dietrich übernahm dann den Song für die US-Reducation- und propaganda, nebst anderer Songs, die ihr die Psychologische Kriegsführungsabteilung des US-Militärs geschrieben hatte und in denen sie Landsern einen einsamen und grausamen Tod in dunklen, kalten Wäldern vorsang.Eigentlich der Kontrast zu Lili Marleen und es wäre auch interessant zu erfahren, wie solche Widersprüche innerhalb der US-Propaganda gedacht waren. Aber vielleicht war es Push& Pull: Der Tod und die angedrohte Einsamkeit und dann die Dietrichs als Pull und Lili, die auf die deutschen Landser vor der Laterne des US-besiegten Nachkriegsdeutschlands wartet.

Interessant wieviele Variationen es von der Lili Marlen gibt–italiensich, spanisch oder Nina Hagen zusammen mit Nana Mouskouri, die aber eher als Kabarettauftritt, denn als Landser- oder Antikriegssong gesungen wurden. Natürlich gibt es Lili Marleen auch noch für den Ballermann, verpopmusikt und jeglicher historschen Bezüge entkleidet von einer Ballermannsängerin namens Ole, Ole. Scheinbar wartet der heutige deutsche Biersoldat am Ballermann in der Schinkenstraße nach teutonischen Bierexzessen, dass eine Lili auf ihn unter einer Laterne warte und ihn dann begeistert ins Hotelzimmer begleite. Ballermannphantasien zwischen Volltrunk und Sexgier. Auch das rothaarige slawische Rasseweib Milva hat die Lili Marleen gesungen–ein slawisches Rasseweib, das erotische Landserphantasien befördert und die ganze Sache in Richtung der Konsalikromane „Natascha-ein Mädchen aus der Taiga“ befördert und fördert.(Inzwischen ist Konsalik bei der Ostfront weiter östlich gerückt, hat eine Chinesin geheiratet und schreibt nun nicht mehr über Russenweiber, sondern „Der schwarze Drachen“- und aus Natascha wird eine Suzy Wong).

Natürlich darf der rechte Freddy Quinn nicht fehlen, der Abenteuerheld der 50er und 60er Jahre, unser ehrlicher und anständiger, vom Krieg unberührter Junge der späten Geburt wie Hardy Krüger, der wie unsere Blitzkriegstourismuslandser nach dem 2.Weltkrieg als Hamburger Hafenjunge in die grosse weite Welt aufbrach  auf der Suche nach Lebensraum und der wie Frank Sinatra in seinem Lied „Wir“ gegen Hippies und die 68er Studentenbewegung hetzte und damit Opas Wehrmachtsdisziplin anriet für die Langhaarigen. Es fehlen noch Lili Marleenversionen von Nirvana, den Fantastischen Vier, der Bloodhound Gang, Enimem, Rammstein, Beyonce, Rihana, Otto , Modern Talking mit Dieter Bohlen oder Helene Fischer. Vorstellbar ist da vieles und alles und es wäre sehr interessant, das alles mal durchzudeklinieren .

Die eigentlich interessante Frage ist, ob Verteidigungsministerin von der Leyen Bundeswehr- und NATOsoldaten, die in der Kaserne Lili Marleen spielen oder hören würden auch unter den Traditionserlass nehmen würden. Und wie dies vom Ausland und vor allem von Rußland wahrgenommen würde. Wehrmachtspropaganda der Nazis oder Antikriegssong der Allierten? Wie weit geht eigentlich der Traditionserlass und die innere Führung?



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