Machen Strategien überhaupt noch Sinn?

von Ralf Ostner

Wir haben heute über die vermeintliche russische Strategie der dynamischen Defensive /strategischen Geduld (Karaganow) gesprochen. Einige Teilnehmer meinten, ob diese Theorie wirklich zu den Fakten wie nun die russische Expansion im Asowschen Meer,das ähnlich wie das Südchinesische Meer chinesisch nun russich sein soll, der Bedrohung des Baltic Gap,den ganzen russischen Provokationen auch in der Ostsee und gegenüber den skandinavischen Ländern ,der Unterstützung des Front National mit 40 Millionen Euro durch einen Putinnahen Oligarchen und seiner Bank,  den Entwicklungen von russischen Marschflugkörpern wie der SSC-8, dem russischen Anspruch einer multipolaren Weltordnung und als Großmacht wahrgenommen zu werden passen.Dahingehend ist auch eine Neue Ostpolitik zur Diskussion, die bisher davon ausging, dass Russland saturiert werden könne, wenn man ihm seine Militärstützpunkte auf der Krim oder in Syrien in Tartus und Lakatia garantiert, sowie die Ukraine, Weissrussland und Georgien als neutrale Staaten erklärt, die als Brücke zwischen Eurasischer Union und EU dienen können. Heute kommen noch Putins Drohungen angesichts des NATO-Ultimatums dazu. Die Frage ist, ob Russland wirklich nur ein neues Afghanistan verhindern will, eine Politik des Abwartens und bestenfalls hybrider Special Operations betreiben will, um die NATO defensiv von seinen Grenzen weg zu halten oder eben nicht eher doch expansivere Bestrebungen hat, die es zu einer Macht in einer multipolaren Weltordnung als einer deren wesentlichen Pole machen will.

Ein Diplomat schrieb noch dazu:

„Nach wie vor gehe ich davon aus, dass sich Moskau in der Defensive sieht und sich strategisch defensiv verhält. Das schließt nicht aus, dass am Konzept einer aktiven russischen Großmachtrolle im eurasischen Raum festgehalten wird. Und das bedeutet eben auch, dass – falls möglich – aus der Defensive heraus operative Positionsgewinne angestrebt werden, allerdings immer unter der Prämisse, einen nicht zu gewinnenden Großkonflikt mit den USA zu vermeiden.

Peking verfolgt eine offensive Langzeitstrategie: OBOR! Ziel: Mitte des Jahrhunderts Weltmacht No. 1 zu sein.

Allerdings setzt diese Strategie auf wirtschaftliche und wissenschaftliche Penetration, vor allem in Europa und Asien, und – ebenso wie die Moskaus – nicht auf direkte militärische Konfrontation mit den USA.

Washington setzt auf militärische Stärke und IT-Überlegenheit, um seine hegemoniale Position zu halten. Das wird immer schwieriger. Nach meiner Einschätzung unterlaufen bzw. umgehen die Chinesen, und mit letztlich geringem Erfolg auch die Russen, konsequent das militärische Dispositiv der USA.

Europa hat weder eine Strategie noch eine auch nur im Ansatz strategisch denkende Führung (Ausnahmeerscheinungen wie Wolfgang Ischinger bestätigen die Regel).

Insgesamt wird die „kleine“ Lage, in der wir Normalbürger leben, von Monat zu Monat unübersichtlicher. Sie wird von Ereignissen getrieben, nicht mehr von Trends. Prognosen sind nicht möglich. Am Stammtisch sind daher für Spekulationen Tür und Tor geöffnet.“

Wichtig ist es, dass man nicht nur eine neue NATO-Strategie des Second Nuclear Age beschreiben, sondern auch die Strategien der Gegenseite berücksichtigen muss und dazu gehört, das man begreift, was denn nun die russische und chinesische Strategie ist.Bisher gab es NATO-Strategien wie MAD, Flexible Response, dann nur noch Konzepte wie Airlandbattle oder nun im Falle Chinas Airseabattle, es gibt nur Offshore Controll von TX Hammes als wesentliche US-Strategie gegen China, wobei TX die Forderungen des Centers for Strategic Budget Assessment und deren Erkenntnisse von „Rethinking Armageddon“ gar nicht berücksichtigt, sondern glaubt, dass es mit einer einfachen Strangulierung Chinas mittels einer Seeblockade und Verhaltensänderung der KP China inklusive der Absage einer regimechange-Option getan wäre, ohne eine eventuelle Eskalation und andere Waffensysteme zu berücksichtigen. Cyber- und Spacewar nahezu ausgeschlossen.

Die Tatsache, dass es bisher noch keine Strategie gibt, wie auch die Tatsache , dass die Strategien der Gegenseite noch nicht klar erfasst werden, macht zukünftige Konflikte nochmals gefährlicher.Die Frage ist auch, ob Strategien überhaupt noch Sinn machen oder man sich mehr auf Konzepte verlässt und die weise Entscheidung des Commander-in-chief, was bei Trump ja ein Problem sein könnte, zumal wenn die CSBA-Studie auf neue Erkenntnisse der kognitiven Wahrnehmungsforschung hinweist. Gottfried Karl Kindermann sehe sich in seinem Faktor Misperzeptionen (Fehlwahrnehmungen) und Wahrnehmung im Gegensatz zur klassischen realistischen Schule Morgenthaus bestätigt.

 


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