Kant in Saudiarabien?

Jetzt wird es spannend in Khashoggimord-Saudiarabien:

Saudi students to study philosophy, lifting ban

December 15, 2018 at 1:17 pm |

A team of Saudi and British academics has begun preparations to include philosophy in the Saudi secondary school syllabus.

The team also began a training programme for more than 200 teachers to begin teaching philosophy after the subject was banned for decades, Al-Araby Al-Jadeed reported on Friday.

The plan was announced by Saudi Education Minister Ahmad Al-Issa during an international conference held in the Kingdom last week.

However, a headmistress in the Eastern Province of Saudi Arabia – who preferred to remain anonymous – told Al-Araby Al-Jadeed that she had not received directions to start preparing to teach philosophy at her school, nor was she asked to nominate teachers for training.

The headmistresses said that schools in the Saudi capital Riyadh are likely to start teaching the controversial material first, then other schools across the Kingdom will be asked to follow.

Saudi Arabia previously did not include philosophy on the curriculum, a decision based on several fatwas (rulings) issued by senior muftis, including the late religious scholar Sheikh Abdel-Aziz Bin Baz who was highly respected by all Saudis, including the royal family.

https://www.middleeastmonitor.com/20181215-saudi-students-to-study-philosophy-lifting-ban/

Wohlgemerkt, erstmals Philosophie versuchsweise an wenigen zentralen Lehranstalten und nicht flächendeckend. Die Zahl der Mitwisser soll wohl erst einmal beschränkt bleiben, um die Auswirkungen überschaubar, messbar und kontrollierbar zu halten. Wahrscheinlich werden auch nicht alle Philosophen gelehrt, sondern mehr selektiv. Während Kant noch relativ harmlos und unverfänglich erscheint, so dürften doch atheistische , materialistische oder marxistische Philosophen ala Feuerbach und Marx nicht auf den Lehrplan kommen. Schwer vorstellbar auch die Philosophen der Aufklärung ala Voltaire oder Montesqieu (Gewaltenteilung, Menschenrechte,etc.). Fraglich auch, ob feministische Denkerinnen und LGBTIQ-Genderphilosophen id der wahhabitischen Saudidiktatur erwünscht sind. Und falls, dann wohl gleich wie in China mit der Einschränkung, dass dies für Saudiarabien wohl nicht praktikabel sei und nur im Chaos wie im arabischen Frühling enden würde. Also als Lehrbeispiel und Illustration, was nicht geht und nicht wünschbar ist. Möglich aber auch, dass in Saudi-Arabien mit Philosophie nicht Philosophie gemeint ist. Vielleicht handelt es sich eher um eine in Relation zum totalitären Wahhabismus etwas offeneren, einige andere islamische Denker einbeziehenden Religionsunterricht.

Zudem muss man auch die Reaktion des Klerus abwarten, ob es da nicht eine Palastrevolte gibt oder jener genannte Scheich Abdel-Aziz Bin Baz oder ein anderer, der die antiaufklärerischen Fatwas erliess sich nicht zu einem saudischen Khomeini aufschwingt, der den gottlosen Kronprinzen dann absetzen und Saudiarabien wieder streng wahhabitisch machen will. Schließlich gab es ja 1979 den Sturm und die Besetung der Moschee in Mekka, der erste islamistische Putschversuch von Salafisten, wie auch Osama Binladen und zahlreiche Islamisten und Attentäter von 9-11 aus Saudiarabien stammten. Und wie der Islamische Staat zeigt, kann sich da sehr schnell ein Backlash und eine Gegenbewegung einstellen. Zumal auch der Iran wie auch andere Islamisten dies für Propaganda gegen das gottlose saudische Königshaus nutzen werden.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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