Russlands Strategie der dynamischen Defensive, die SSNC4, Avantgard und das Wettrüsten

Einige Experten sprechen bezüglich Russlands Geostrategie von einer „Strategie der dynamsichen Defensive“ oder wie der russische Geostratege Karaganow von einer „Strategie der strategischen Geduld“. Gemeint sind damit folgende Prämissen: Russland ist sich aufgrund seiner demographischen und ökonomischen Schwäche bewusst, dass es in der Defensive ist. Es nimmt eine eher abwartende Haltung ein, hofft, dass sich der Westen aufgrund seiner eigenen kapitalistischen und politischen Widersprüche selbst schwächt, fördert diese Entwicklungen auch, nutzt Schwächen des Westens dann auch wieder partiell offensiv aus, soweit es geht, ist daran interessiert ein Abenteuer wie Afghanistan zu vermeiden, will ein Wettrüsten verhindern, das auch schon die ökonomisch und politisch stärkere Sowjetunion ruinierte und richtet sich eurasisch aus, zumal in Kooperation mit dem aufsteigenden China, wenngleich es sich da in keine Abhängigkeit bringen will, weder gegenüber China noch als Juniorpartner der USA. Ziel dieser Strategie ist es, dass die USA die Existenz einer multpolaren Welt der „new great power relations“ akzeptieren, in der Russland als wichtiger Pol und Großmacht und nicht Regionalmacht wahrgenommen wird. Deswegen greift Russland in Syrien ein und schickt auch schon mal atomwaffenfähige Langstreckenbomber nach Venezuela. Deswegen erklärt der russische Aussenminister Lawrow auf der Münchner Sicherheitskonferenz, dass es erst eine Lösung für die Ukrainekrise geben könne, wenn die USA und der Westen eine neue „internationale Friedensordnung“ akzeptieren würden.

Dass Russland ein Wettrüsten verhindern will, diese Prämisse, könnte man angesichts neuester Entwicklungen auch infrage stellen. So hat Russland den Marschflukörper SSNC 4 entwickelt, der schon zu Obamas Zeiten und von der NATO als Verletzung des INF-Vertrages angesehen wurde, der die Entwicklung und Stationierung von Mittelstreckenwaffen von 500 km bis 5000 Kilometern Reichweite verbietet. Ähnlich wie damals die Sowjetunion mit der Mittelstreckenrakete SS 20 rüstet Putin nun mit dem zielgenauen Marschflugkörper SSNC 4  und der Rakete vom Typ 9M729 auf. Die Trumpadministration hat nun ein 60tägiges Ultimatum gestellt, nach dem sie den INF-Vertrag kündigen will. Zumal auch China derartige Waffen entwickelt, aber nicht Unterzeichner des INF-Vertrages war und auch nicht daran gebunden ist.

Bisher kam von Russland bezüglich der SSNC 4 noch keine Reaktion, ganz im Gegenteil brüstet sich Putin nun mit dem erfolgreichen Test der Hyperschallrakete Avantgard, die eine Reichweite von mindestens 6000 km hat, dem INF-Vertrag nicht unterliegt, die US-amerikanische Raketenabwehr nutzlos und Russland „unverwundbar“machen würde:

„Die ohnehin minimalen Chancen, den INF-Vertrag zum Verbot von nuklear bestückten Mittelstreckenraketen zu retten, dürften weiter schwinden. Seit 2014 bricht Moskau einseitig dieses für Europas Sicherheitsarchitektur so wichtige Abkommen, weshalb die 29 Nato-Mitglieder Moskau bis Anfang Februar Zeit gegeben haben, die Raketen vom Typ 9M729 sowie die Trägersysteme zu zerstören – ansonsten wird Washington den 1987 unterzeichneten Vertrag aufkündigen.

Als Hyperschallwaffen werden Raketen bezeichnet, die mit mindestens fünffacher Schallgeschwindigkeit fliegen können. Der Einsatz dieser ultramodernen Waffen ist durch den INF-Vertrag nicht geregelt, allerdings erkennen Experten wie Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik Parallelen zum Sicherheitsdilemma der Achtzigerjahre. „Damals erzeugten die Mittelstreckenraketen eine enorme Unsicherheit, weil die Militärs die Gegenseite nicht mehr fragen konnten, ob der Abschuss ein Versehen war“, erklärt Mölling. Die Zeitspanne betrug damals mitunter deutlich weniger als zehn Minuten, was für Kommunikation nicht ausreichte, weshalb sofort eigene Raketen hätten abgefeuert werden müssen. Folglich verboten USA und Sowjetunion diese Waffengattung mit einer Reichweite von bis zu 5500 Kilometern. Bei den Hyperschallwaffen, so Mölling, gehe es um weniger als eine Minute, was eine noch viel größere Instabilität bewirke und mehr Investitionen in die Verteidigungssysteme auslösen werde: „Es gibt momentan ein Übergewicht in der Offensive, diese neuen Waffen sind extrem schwer abzuwehren.“

Mit der neuen Waffe kann nahezu jeder Punkt der Erde beschossen werden

Neben Russland und den USA verfügt auch China über hervorragende Kenntnisse in der Waffentechnik. Das Pentagon fordert vom Kongress mehr Geld, um eine Aufholjagd zu starten. Erst im November skizzierte Michael Griffin, der zuständige Unterstaatssekretär, die Lage so: „China hat Dutzende Tests mit Hyperschall-Systemen durchgeführt. Russland hat weniger Tests gemacht, aber die waren immer noch beeindruckend.“

Analyst Mölling hält es für möglich, dass der russische Test erfolgreich war. Zugleich zweifelt er nicht daran, dass die USA den technischen Rückstand auf Peking aufholen werden. Hyperschallwaffen sind laut Mölling noch beunruhigender als Mittelstreckenraketen, da mit ihnen nahezu jeder Punkt der Erde beschossen werden kann. Das strategische Kalkül ändert sich also grundlegend. Wer eine solche Waffe einsatzbereit habe, so Mölling, besitze ein starkes Drohpotenzial, aber der Preis sei „eine enorme Instabilität“ und die Gefahr des Hochschaukelns sei „sehr hoch“.

Was US-Präsident Donald Trump über diese Waffen denkt, ist unklar. Bislang hat Washington nicht offiziell reagiert, auch die Nato gab keine Stellungnahme ab. Aus der Militärallianz heißt es nur, der Test eines neuen atomwaffenfähigen Systems passe „zum Muster der jüngsten russischen Aktivitäten, die alle Stabilität verringern und die Unsicherheit erhöhen“ sollen. Man werde weiter alle nötigen Maßnahmen für eine „glaubwürdige und wirksame Abschreckung“ ergreifen, so ein Nato-Diplomat. Wenn im April 2019 die Außenminister den 70. Jahrestag der Gründung des Verteidigungsbündnisses in Washington feiern, dürften Avangard und andere Hyperschallwaffen ein Gesprächsthema sein.“

https://www.sueddeutsche.de/politik/russland-rakete-hyperschall-1.4266896

Russland scheint also ein eventuelles Wettrüsten geradezu zu provozieren, vielleicht auch in der Hoffnung, dass es in Europa und Asien zu einer heftigen Gegenbewegung ala Friedensbewegung und weiteren Spannungen zwischen den transatlantischen Partnern kommt, sollten die USA Mittelstreckenrakten oder Raketenabwehrsysteme in Europa und Asien stationieren wollen. Vielleicht aber denkt Putin auch, dass die Modernisierung und begrenzte Aufrüstung Russlands das Land mittel- und langfristigg so unverwundbar macht, dass er dann gar nicht ein ökonomisch ruinöses Wettrüsten eingehen muss, sondern mit dem dann vorhandenen Waffenarsenal ausreichend geschützt ist auch bei einer US-amerikanischen Aufrüstung. Möglich auch, dass Trumps Abzug aus Syrien und Afghanistan, sowie die Ankündigung Trumps, dass die USA nicht mehr die Rolle der Weltpolizei einnehmen wolle, von Putin als Beweis angesehen werden, dass er mit Trump vielleicht doch noch zu einem Deal kommen könnte-aus einer vermeintlichen Position der Stärke.

Ein ehemaliger deutscher Diplomat fasst dies so zusammen:

„Die russischen Rüstungsanstrengungen fügen sich in das Gesamtbild der dynamischen Defensive ein. Warum? Putin und Gerassimow sehen das nukleare Abschreckungsdispositiv der Russischen Föderation nicht als Teil einer Eskalationsstrategie, sondern als Element der Deeskalation. Was bedeutet das? Die Antwort ist einfach, wenn wir uns an die russische Doktrin erinnern:

– Politische Ebene: Ziel ist der Machterhalt und langfristig die vorsichtige, auch territoriale Machterweiterung im eurasischen, „nahen“ Umfeld.

– Strategische Ebene: Grundsätzliche strategische Defensivposition gegenüber den USA, aber auch gegenüber China.

– Operative Ebene: Offensive Operationen bleiben grundsätzlich möglich und zwar als zeitlich und örtlich beschränkte Gegenoffensiven bei erkannter militärischer und politischer Schwäche des Gegners. Sie erfolgen kalkuliert, gut vorbereitet, wenn möglich verdeckt.

Und jetzt die Dynamik: Nach erfolgreicher Gegenoffensive Sicherung des Erreichten durch Wiedereinnahme der strategischen Defensivposition. Das nukleare Dispositiv mit Vanguard etc. wirkt als abschreckendes, deeskalierendes Instrument, das den Gegner von einer Antwort auf die eigene, erfolgreiche Gegenoffensive abhält. (Banal formuliert: Die über die Krim-Besetzung etc. erregte öffentliche Meinung des Westens wird mit dem Hinweis auf das russische Abschreckungspotential „vom Baum runtergeholt“.) Also anders als im Kalten Krieg nukleare Abschreckung nicht als Instrument der Kriegsverhinderung, sondern als Instrument der Deeskalation nach einem zeitlich und örtlich beschränkten, mit konventionellen und/oder hybriden Elementen geführten militärischen Konflikt.“

Ein ehemaliger deutscher NATO-General warnt jedoch vor diesem russischen Ansatz, der fatale Wirkungen haben könnte, da er die Bereitschaft der NATO auch atomar zu antworten unterschätzt:

„Das mit der Strategie „Eskalation zur Deeskalation“ ist höchst riskant und muss NICHT aufgehen. Und geht auch nicht. Das US STRATCOM sieht beispielsweise die neue INF VIOLATION als No significant advantage for RUS.Weil die USA deutlich überlegen sind im konventionellen Bereich. (mehr kann ich hier nicht sagen). Bei den extrem verkürzten Warnzeiten folgt zudem fast automatisch ein nuklearer gegenschlag according „our“ choosing… Und das kann fire & fury heißen. Oder a pre-emptive / pre – boost strike, was noch unangenehmer ist. Von daher bin ich diesbezüglich sehr skeptisch. Was die Respektierung von RUS angeht, bin ich d’accord. Auch stimmt es, dass wir leider nie gesagt haben, WAS strategische Partnerschaft mit RUS konkret bedeutet. Das gibt allerdings nicht das Recht, die Krim zu annektieren.“

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.