Die bösen Juden Soros und Finkelstein- Antisemitismus in neuem Gewande und was man rechter Propaganda entgegenhalten kann

von Ralf Ostner

Eine kurze Geschichte des modernen Antisemitismus:

In den 70er Jahren war Haupthassobjekt der Rechten der deutschstämmige US-Jude Henry Kissinger. Dieser als Vertreter Rockefellers, der auch die UNO finanziere und eine One-World-Regierung wolle, habe Nixon dazu getrieben „soft on communism“ zu sein, Taiwan und Vietnam verraten zu haben,dem kommunistischen China den Aufstieg ermöglicht und die Detente mit der Sowjetuinon eingefädelt zu haben.

In den 2000er Jahren waren es dann der Mossad, der das Worldtrade Center als Insiderjob explodieren liess und angeblich zuvor alle Juden in dem Gebäude vorgewarnt und abgezogen hätte, dann die Neocons, die als jüdische Clique Bush jr. und dessen Regierung unterwandert hätten und zumal neotrotzkistische Ideen des Internationalismus des heimatlosen Judentums vertreten würden.

In der Finanzkrise 2008 war es vor allem Soros, die jüdischen  Fedchefs Greenspann, Bernanke, Yellen sowie jüdsch klingende Banken wie Goldmann Sachs, Lehmann Brothers und Rothschild die dafür verantwortlich gemacht wurden, zumal diese auch Privateigentümer und eigentliche Kontrolleure der Fed seien.

Nun ist es in den 2010ern der US-Jude und Spekulant George Soros.Morgen könnte es schon wieder wer anders sein, aber Soros wird wohl längerfristig nützlich sein für die Propaganda der Rechten. Interessant ist aber, dass ihm zuerst nur Finanzspekulationen vorgeworfen wurden, die Propaganda der Rechten aber inzwischen sich ausweitet, dass er eine neue Weltordnung beabsichtige und hierbei die Flüchtlingsstörme zu einer multikulturellen One-Worldregierung hervorgerufen habe. Die Protokolle der Weisen von Zion lassen grüssen.

Bedenklich ist nun, dass seitens von linksliberalen nun ein Jude als der eigentliche Drahtzieher der Kampagne gegen Soros ausgemacht und allein verantwortlich wird.

In dem Artikel „Der böse Jude“- Politberater Arthur J. Finkelstein erfand die perfide Kampagne gegen George Soros. Sein engster Mitarbeiter erzählt zum ersten Mal, wie er dabei vorging“ von  Hannes Grassegger wird Finkelstein als der zentrale Akteur herausgestellt, der US-Präsidenten von Reagan bis Trump in den USA und Netanjahu in Israel an die Macht brachte.

https://mobile2.12app.ch/articles/15982301

Ohne Finkelsteins Rolle als Politikberater und Spindoctor der US-Rechten kleinreden zu wollen, so wird doch der Eindruck erweckt, dass hier ein Jude wieder allein und zentral für alles Ungemach der Welt verantwortlich sei–wie dies die US-Rechte im Falle Soros macht. Der Artikel läuft etwas Gefahr, Soros und Finkelstein als Juden als wesentliche Strippenzieher herauszustellen. Er macht eigentlich mit Finkelstein das, was Finkelstein mit Soros macht- alles persomifizieren und simplifizieren. Von Bannnon, Fox News, der bioamerikanischen Rechten liest man da nichts–alles eine Machtkampf zwischen zwei Juden, die scheinbar die USA und die Welt regieren und manipulieren. Mögen auch die Fakten stimmen, so ist der Grundtenor des Artikels höchst bedenklich. Der Fall des rechten US-Juden Finkelstein zeigt aber auch, wie Liberalismusklritik seitens der Rechten dann eben antisemitisch ausufert.Das war zwar nicht Finkelsteins Absicht, aber ist eben das Resultat.

Wenn das Beispiel Soros und Finkelstein etwas zeigt, dann welch unterschiedliche politische Positionen Juden eben haben können, dass sie eben kein homogener Block oder eine geheime Weltregierung sind, auch nicht einmal die allein entscheidenden Kräfte, die bei dieser ethnischen Betrachtung eben systematisch ausgeblendet werden wie auch die Gesetzmäßigkeiten einer kapitalistischen Ökonomie, die eben regelmäßig Wirtschafts- und Finanzkrisen hervorbringt und nicht einzelnen Akteuren zuzurechnen ist, wenn sie auch Nutzniesser sein sollten.

Cui bono? und die Erklärung durch einzelne Personen innerhalb des Sytems erklärt eben noch lange nicht das Konkurrenzsystem des Kapitalismus und der Nationalstaaten, sondern personifiziert , simplifiziert die Kritik und ethnistiert sie dann eben auch bis hin zum Antisemitismus. Verschwörungstheoretikern wird dies aber nicht abbringen, da sie eben eine geheime Weltregierung  der Freimaurer, Juden oder Illuminaten vermuten, die mittels Soros und Finkelstein die so sakrosanten Völker dieser Welt gegeneinander ausspielen wollen, in Konflikte und Kriege, in Zwietracht und Streit mittels divide et impera /Teile und herrsche gegeneinander ausspielen wollen. Widersprüche zwischen Kapitalfraktionen, Nationalstaaten, Völkern. politischen Gruppen sind demnach von dieser vermuteten One-Worldregierung nur künstlich inszeniert und perpetuiert. In deren Weltsicht müssen links und rechts zusammenhalten, gibt es kein links und rechts mehr, sondern nur noch eine mögliche Querfront, die als Sammlungsbewegung die nicht ausmachbare Weltregierung stürze–wobei sich dann die Aggression gegen jeden und alles richten kann und sich vor allem gegen vermeintliche sichtbare Vertreter des Systems, Minderheitengruppen, Muslimen und Juden als Sündenböcken richten wird.

Der Artikel „Der Böse Jude“ sind aber zwei Themen. Zum einen der Antisemitismus. Zum anderen die Methoden der Hetzpropaganda. So neu sind die aber nicht. Goebbels, Hitler, Mussolini auf der Rechten, auf der Linken Lenin haben es vorgemacht. Lüge , zumal in Wiederholungsschleifen ist da eben eine Methode. Auch schon in Propaganda und Kriegspropaganda. Nichts Neues. Zumal man auch feststellen muss, dass jede Lüge auch einen wahren Kern hat, auf der sie aufbaut. Reale Probleme werden eben in eine gewisse Richtung interpretiert, personifiziert, ethnisiert, Sündenböcke gesucht und griffige, eingängige Scheinlösungen angeboten. Alles ist einfach zu lösen, man muss es eben nur radikal wollen und durchsetzen. Kein intelektuelles Gelabber, Rumgerede, Klartext und keine Skrupel.Fraglich, wie man dem entgegnen soll. Gegenlügen oder rationale Aufklärung oder mehr mittels emotionaler Propaganda oder eine Mischung aus allem, zumal je nach Zielgruppe.

Gestern lief im WDR und SWR und bezeichnenderweise nicht im ARD und ZDF wieder Holocaust.Interessant dabei finde ich, dass alle deutschen Antifaschisten und Intellektuelle wie die Gruppe 47 (Grass „Blechtrommel“, Böll, Enzensberger, Lenz „Deutschstunde“etc.) es seit 1945 nicht geschafft hatten, eine breite Debatte in der deutschen Bevölkerung darüber zu entfachen. Holocaust wurde als emotionalisierende Seifenoper seitens deutscher Intellektueller kritisiert und abgelehnt, als pietätlose Hollywoodkommerzmache und Trivilaisierung behauptet. Faktisch aber hatte Holocaust eine sehr positive aufklärerische Wirkung und die erste breite Debatte in der Nachklriegszeit über den Holocaust enfaltet. Ich kann mich auch noch erinnern,das ich als Jugendlicher Roots und Holocaust sah und dadurch antifaschistisch und antirassistisch geformt wurde. Wenn Deutsche gesellschaftskritische Filme machen, so sind diese immer todernst und depressiv. Die US-Amerikaner verbinden aktuelle und historische Themen mit Action und Emotion, manchmal trivial, manchmal aber eben auch nicht.Die Wirkung ist da allemal durchschlagender. Von daher kann man sich die Methoden des Holocaustfilms auch mal als Vorbild nehmen.Aber das beantwortet die Frage bezüglich Twitter, sozialer Medien noch nicht umfassend, die ein anderes Medium aufgrund ihrer Kürze sind. Habecks Rückzug aus den sozialen Medien ist aber geradezu lächerlich, da er der Rechten eine Kampffront überlässt.

Noch einige Bemerkungen, warum die rechte Propaganda so gut ankommt.

Zum einen, da die öffentlich-rechtlichen Medien gar nicht ihrem Bildungs- ind Informationsauftrag nachkommen. Gibt es regelmäßig ein oder mehrere geopolitische , geoökonomische, volks-/weltwirtschaftliche Magazine, die politische und ökonomische Zusammenhänge erklären? Nein. Vor allem nur Unterhaltung, Krimi, Quizshows, Traumschiffe, Kochstudios, Liebesschmonzetten und wie der ganze Schrott heisst. Die zusammengekürzten Politmagazine handeln zumeist auch nur noch mehr über Verbraucherschutz und einzelne Skandale, liefern aber keine Zusammenhänge geopolitischer oder weltwirtschaftlicher Natur. Die Talkshows gehen zwar schon mal tiefer ein, aber den Diskutanten sind auch nur maximal 1 1/2 minütige Beiträge möglich, um dann gleich unterbrochen zu werden. Der Presseclub am Sonntag ist da die Ausnahme von der Regel. Die wenigen Spartensender wie ARTE, ZDF info , Phönix haben da ab und zu mal etwas in der Auswahl, aber sind eben nur Nischenprogramme, zudem sie sich als Zielgruppe vor allem die Generation 50 plus haben, die jetzt in die Rente kommen vor lauter nostalgischen 68errevivals  von Woodstock bis Studentenbewegung und RAF handeln, aber kaum Aktuelles im Programm haben. Inzwischen hatte ARTE auch die einzige regelmäßige geopolitische Sendung „Mit offenen Karten“, die auch nur eine halbe Stunde dauerte zugunsten von Sarah Wiener-Kulinarischem und Toskanalinkenlandschaftsberichten gekippt. Das private Fernsehen ist völlig entpolitisiert, NTV und Springer-Austs WELT bringen Nazifilme über deren leitendes Personal, das droht zum Personenkult zu werden, Ufos, Superlative wie die giftigsten Tiere der Welt, die härtesten Knäste der Welt, die größten Bauwerke der Welt, etc. in Endlosschleife–auch ziemlicher Schrott.

Netflix und Amazon, das vor allem von jüngeren netzaffinenen Generation genutzt wird, hat einige wenige Dokumentationen, aber auch nicht sonderlich auf geopolitische und weltwirtschaftliche Zusammenhänge, vor allem aber Blockbuster, Actionfilme und seichte Unterhaltung. Die Jüngeren sind da auch nicht besser als die alten, auch ihre Medien nicht, die eher noch grottenschlechter sind.

Die sozialen Medien sind unübersichtlich. Auf Youtube haben vor allem Verschwörungstheorertiker und Rechte die Mediendominanz. Linkerseits ist da kaum was vertreten. Wenn man New World Order, Finanzkrise, Flüchtlkingskrise, Ukrainekrise eingibt, wird man fast nur auf rechte oder zweifelhafte Videos stossen. Auf Facebook kann auch keine reale Diskussion stattfinden, da geht es eher darum, iregndwelche passenden Photos, Viedos oder Kurzkommentare auszutauschen und Likes zu verteilen. Twitter ist auch nur für Kurzstatements ala Trump verwendbar–da bräuchte es eben griffige linke Gegentweets.

Hinzu kommt, dass seit der Finanzkrise, der Ukrainekrise und der Flüchtlingskirse aufgrund der Handlungen der deutschen Parteien und der mit ihnen verbundenen Medien bei vielen Teilen der Bevökerung ein Vertrauensverlust eingetreten ist. Man bedient sich da eben anderer alternativer Medien und da seitens der Parteien, der Linken,etc, dazu kaum etwas angeboten wird, wird die Alternativmedienszene von der Rechten dominiert.Wo gibt es ein linkes Breitbartnews oder massenhafte linke Youtubevideos?

Zuletzt muss man auch sagen, dass das Auslandskorrespondentennetz der Tageszeitungen wie auch Fernsehsender abgebaut wird und es auch nur noch wenige Journalisten ala Scholl Latour gibt, die geopolitische Dokus spannend zwischen Aufklärung und Karl-Mayabenteuertum arrangieren.

Zuletzt kommt auch noch, dass die heutigen Medien viel schneller sein müssen und Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt gar nicht oft überprüfen können, was zu einer höheren Fehlerquote führt, die aber dann aeben auch wieder als Lügenpresse verunglimpft wird. Doch gilt dies auch für die rechten Medien.

Zuletzt kommt aber auch noch hinzuz, dass man sich die Rechte nicht übermächtig vorstellen darf. Ihre Propaganda und Taten haben auch Widersprüche, die man weidlich ausbeuten könnte– von ihren Theorien bis hin zu ihren Taten, zumal auch ihre Fake News. Zumal die Politik Trumps, der FPÖ, Orbans mit dem Sklavengesetz. der Brexit ideale Gelegenheit sind vorzuführen, wohin der rechte Wahnsinn führt. Zumal die Linke aber auch durch die Political Correctness sich selbst lähmt, da sie bei der Verwendung von Begriffen geradezu jungfräulich agiert und übervorsichtig ist. Zuletzt sollte man das verharmlosende Geschwätz von den „Rechtspopulisten“aufhören. Das sind Rechtsradikale und so gehören sie auch benannt.



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