„Beträchtliche Erfolge“ bei US-Verhandlungen mit den Taliban-der Krieg ist verloren

von Ralf Ostner

Laut US Sonderbeauftragten Khalizad und US-Aussenminister Pompeo machen die Gespräche der USA mit den Taliban „beträchtliche Erfolge“. Dennoch bestehen die Taliban auf einem islamischen Staat, den Rückzug aller ausländschen Truppen, lehnen Gespräche mit Vertretern der afghanischen Regierung weiterhin ab. Schleierhaft, wie ein Frieden in Afghanistan aussehen soll und worin die Erfolge zu sehen sind, zumal nicht einmal eine Waffenruhe ausgerufen wurde. Wie es aussieht wollen die USA raus aus Afghanistan und diese Tatsache noch als „Erfolg“ umdeuten. Ob der Staat unter einer säkularen oder Talibanregierung ist, scheint ihnen egal. Hauptsache die Taliban erklären sich bereit keine Al Kaida und internationale Dschihhaddisten zu beherbergen und den Islamischen Staat zu bekämpfen, was ja die eigentliche US-Forderung 2001 nach 9-11 war. Anders kann ich mir die „beachtlichen Fortschritte“bei den Verhandlungen nicht erklären.Nun kehrt wahrscheinlich bald auch die Bundeswehr zurück.

Was Deutschland will, ist recht unerheblich–das bestimmen die USA und Trump. Ohne die USA wird keiner diesen Krieg weiterführen. Ich schätze das Mandat der Bundeswehr wird noch einmal verlängert , weil es sich „nur“ um einen Teilabzug handelt-mit der Einschränkung, dass bei einem völligen Abzug der USA und bei Gefahr eines vollständigen Machtübernahme der Taliban auch die Bundeswehr abziehen wird.

Die Deutschen sind auch nicht bei den Verhandlungen mit den Taliban eingebunden. Abzug, ja selbst Teilrückzug bedeutet mittelfristig die völlige Machtübernahme der Taliban. Die wollen die ganze Macht und nicht nur einen Teil.Vergleichbar mit der Vietnamisierung des Vietnamkriegs und Südvietnam 1975, was da jetzt abläuft. Aber richtig ist, dass es dazu in Deutschland bisher keine Debatte gibt–aber die gab es während der ganzen 17 Jahre Afghanistaneinsatz nicht.Das war immer ein Krieg, der in der deutschen Öffentlichkeit faktisch gar nicht stattfand.

Letztendlich fragt sich, ob sich die Taliban an einen Friedensvertrag halten werden, der vorsieht, dass sie keine Al Kaida und internationalistischen Dschihaddisten unterstützen und den Islamischen Staat bekämpfen. Trump hat schon lange nicht mehr das Ziel eines säkularen oder gar demokratischen Afghanistans. Sollten die Taliban die Macht in Afghanistan und Kabul  übernehmen, bleibt die Frage wie es dann weitergeht. Werden dann die verbliebenen Regierungstruppen und Oppositionellen sich ein Territorium halten können, wie einst die Nordallianz unter Massud in Nordafghanistan.Welche Länder würden eine Talibanregierung dann wie einst Turkmenitstan  anerkennen?  Desweiteren dürfte es zu erheblichen Flüchtlingswellen kommen, zuerst nach Pakistan, Iran Zentralasien, die diese Länder auch destabilisieren könnte, zumal ein solchr Sieg auch Islamisten in diesen Ländern Auftrieb geben könnte und man nicht vergessen sollte, dass Pakistan Atomwaffen hat. Sicheres Herkunftsland wäre auch nicht mehr, so dass sich fragt, ob es dann eine Flüchtlingswelle geben könnte, die dann auch Richtung Europa drängt. Ebenso bleibt zu fragen, ob Iran und Pakistan überhaupt bereit wären neue Flüchtlinge aufzunehmen. Zumal sollte man nicht vergessen, dass Iran und Taliban-Afghanistan 2000 ja schon einmal kurz vor einem Krieg standen, wobei ein derartiger Konflikt Trump ja auch noch gefallen könnte bei seinem kommenden Konflikt mit dem Iran.Desweiteren bleibt abzuwarten, was aus dem Haqqaninetzwerk nach dem Tod Haqqanis wird, ob dieses desintegriert und sich jeweils Taliban oder Islamischen Staat anschliesst oder eigenständig weiterbestehen kann.

China ist auch schon in Verhandlungen mit den Taliban. Afghanistan könnte Bestandteil der Neuen Seidenstrasse werden, auch als Ergänzung zum China-Pakistan-Economic Corridor (CPEC) , wie auch die alten Pläne für die Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-India-Pipeline(TAPI) realisiert werden könnten. Nachdem die USA Wirtschafts- und Militärhilfe für Pakistan gestrichen haben, das Land auch vor der Pleite steht, hat China ihm einen Kredit gegeben und überlegt Saudiarabien in CPEC zu investieren. China, Pakistan und Saudiarabien erhoffen sich wohl eine Mässigung der Taliban, dass sie keinen internationalen Terroristen und Dschihhadisten ala Al Kaida oder uigurische Dschihhadisten als safe haven und Operationsbasis dienen wie einst Osama Bin Laden. Letztendlich wurde die US-Invasion in Afghanistan dadurch ausgelöst, dass sich die Taliban nach 9 11 trotz Ultimatums der USA schützend vor Osama Bin Laden stellten und ihn nicht auslieferten. Nun hofft man, dass die Taliban sich vielleicht mit Afghanistan saturiert geben könnten, keine internationalen Dschihhadisten unterstützen und vielleicht sogar als Stabilitäts- und Ordnungsfaktor für die Neue Seidenstrasse fungieren könnten. Pakistan würde zudem einen Sieg der von ihm unterstützten afghanischen Taliban als Zugewinn an strategischer Tiefe gegen den Erzrivalen  Indien betrachten, müsste aber gleichzeitig darauf achten, dass die afghanischen Taliban nicht die umstrittene Durandlinie infrage stellen oder gar auf die Idee kämen auch die pakistanische Taliban oder andere pakistianische Islamisten zu unterstützen. Zumal eine Machtübernahme von Islamisten in Pakistan dann auch Atomwaffen in deren Händen bedeuten würde. Spätestens ab diesem Zeitpunkt müsste der Westen wieder eingreifen.

Die Frage ist auch, ob China mittel- und langfristig nicht selbst einmal in die Lage kommen wird, in Afghanistan oder Pakistan oder vielleicht auch beiden intervenieren zu müssen, da das Projekt der Neuen Seidenstrasse durch islamistische Kräfte gefährdet wird, die Gefahr besteht, dass Islamisten die Macht in Pakistan ergreifen, die pakistanische Atomwaffen drohen in islamistische Hände zu geraten und China dies verhindern muss, auch um einem indischen und/oder US-amerikanischen Eingreifen in Pakistan, das die geopolitische Situation Südasiens fundamental ändern könnte, zuvorzukommen.Es bleibt sehr zu beobachten wie sich der Islamismus auch nach einer eventuellen Machtübernahme der Taliban in Afghanistan weiterentwickelt, auch in Hinblick auf Zentralasien und die SCO, die aber besser für diesen Fall gerüstet sein dürfte.

Und es bleibt zu hoffen, dass die USA und der Westen nicht wieder so blöd und idiotisch sind, islamistische Kräfte als Sabotagetrupps gegen die Neue Seidenstrasse nutzen zu wollen wie sie dies einst gegen die Sowjetunion oder den Panarabismus taten. Nach 9-11 ist aber die Hoffnung gross, dass aus diesem Fehler gelernt wurde, wenngleich die NSS ja Großmachtskonflikte mit China und Russland als oberste Priorität benennt und Terrorismus, inklusive islamistischen Terrorismus eine eher sekundäre Rolle zugesteht.



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