Kurze Anmerkungen zum britischen und deutschen Humor

von Ralf Ostner

Britischer Humor oder was dafür gehalten wird–der wird meiner Ansicht nach über Gebühr hochgejubelt. Zumal, wenn man Witze über britischen Humor und seine Anhänger macht, deutsche Liebhaber desselben todernst und gar nicht humorvoll reagieren, ja dies geradezu als Sakrileg sehen.   Angeblich versteht man dann die feinsinnigen Pointen nicht. Dinner for One wird da ja als Sternstunde britischen Humors gesehen und läuft auf deutschen Öffentlichrechtlichen seit Jahrzehnten als Silvesterritual. Zwar ist die Grundidee, dass der Butler für die alte Dame die verschiedenen Rollen ihrer verstorbenen Verwandten einnehmen muss ganz amüsant, aber nicht jahrzehntelang und ich kann diesen running gag eines sich besaufenden Butlers nicht mehr ertragen und schalte da erst gar nicht mehr ein. So schwarz und feinsinnig wie immer behauptet ist aber der britische Humor auch nicht und der Otto-Normalbrite schon gar nicht. Es sei denn, man hält Nigel Farage für britisch-witzig und den Brexit zum Totlachen, ja für ein gelungenes Stück britischer Realsatire und war noch nie in einem working class-Pub, wo eher der platte, oberflächliche, zumeist rassistische und sexistische Volkswitz grassiert, der an Grobheit und Derbheit nichts vermissen lässt. Diese Unterschicht wird ja in Little Britain aufs Korn genommen. Und viele Briten sind keineswegs schwarzhumorig oder etwa ironiebegabt.

Wenn also von britischem Humor gesprochen wird, sind meistens herausstechendsten Medienvertreter  gemeint: Monte Python fand ich ambivalent. Ein paar treffende Milieustudien und viele gekonnte Anspielungen, aber eben auch viel Klamauk, sei es „Die Ritter der Kokusnuss“, „Das Leben des Brian“oder „Der Sinn des Lebens“. Mr. Bean–naja, ganz drollig, aber da ist der historisierende Shakespearische Black Adder eher zu empfehlen, wenngleich über die Zeit dann doch etwas langatmig. Interessant fand ich den US-amerikanischen Mr. Bean-Kinofilm–da wurde der britisch-humorige Mr. Bean hollywoodisiert und witzig war da nichts mehr, sondern alles nur noch krachend blöd und eher zum Ärgern als zum Lachen.Am besten finde ich noch solche britischen Serien wie „Yes, Minister“. Das ist die Sorte britischen Humors, mit dem ich mich am ehesten anfreunden kann. Und wenn man Peter Sellers als britischen Humor sehen will trotz US-Hollywoodproduktionen, so waren doch sein „Der Partyschreck“ und „Küss meinen Schmetterling-Ich liebe Alice D.“ sehr gelungen, wenngleich es dann mit dem „Rosaroten Panther“wieder sehr flach wurde. Das ist dann schon wieder mehr US-amerikanischer Humor der Marke „Die nackte Kanone“, „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“oder „Kentucky Fried Movie“ oder „Bananas“oder „Was sie schon immer übr Sex wissen wollten“ von Woody Allen oder neuerdings „Scary Movie“ oder „Hot Shots“.

Der deutsche Humor ist auch in Änderung, insofern er nicht nur auf die Zoten Kölner Faschingsbarden beschränkt aufgefasst wird und früher ja auch eine Bandbreite von Karl Valentin, Loriot (so hanseatisch-bürgerlich, dass es schon britisch anmutete) , Gerhard Polt (bayerisch-krachledernd-derb) bis hin zu Heinz Erhardt und dann den unsäglichen Otto, Dieter Krebs und Didi Hallervorden als Spektrum hatte, wobei er auch solche Spitzenleute wie Harpe Kerkeling hervorbringt. Ich hatte mal ein interessantes Gespräch mit einem Briten und Amerikaner. Die meinten, Deutsche kenne man auf Partys von früher als jene Leute, die versuchten einen in tiefgründig philosophische und politische , zumal recht ernsthafte Gespräche zu verwickeln, eigentlich eher als humorlose Spaßbremsen ohne jegliche Lockerheit, ja eher mit Verbissenheit und Verkrampftheit- der bierernste Teutone und Hunne eben, der je nach Klassenzugehörigkeit dann eben rumproletet oder sich als dialektischer Hegelscher Wein- und Weltgeist in Weltschmerz versenkt und darin versinkt. Naja, etwas sehr pauschal. Als hätte es unbeschwerte Frohgeister und beschwingte Blödelköpfe wie Otto und Heinz Erhardt und ihre zahlreichen Anhänger und Nachahmer nie gegeben. Aber nun zur Pointe:

Diese deutsche Humorlosigkeit habe sich aber mit den 90er Jahren geändert, da es in Deutschland immer mehr Comedians nach US-Vorbild gebe und zumal auch die Loveparade ein Ausdruck hedonistischer, witziger Lebensfreude und einer Spassgesellschaft sei.Die meisten Deutschen seien sehr viel lockerer, witziger, unverkrampfter, relaxter und easy geworden. Als exemplarische Vertreter dieser Loveparadezeit galten Stefan und Erkan, die den Kanakproletwitz einführten, Stefan Raab, Guildo Horn, Atze Schröder und Thomas Gerhardt. Vielleicht wollte er auch sagen:amerikanisch-oberflächlicher, wenn man schon in solch nationalen Kategorien denkt. Es gibt ja auch ganz gute Synthesen zwischen dem klassisch mehr ernsten politischem Kabaret und der neuen Comedy, wie etwa Dieter Nuhr oder Switch, Extra3 oder die mehr infotainige und mehr volkspädagogische Anstalt, aber leider überwiegen plumpe und primitive Blödelcomedians wie Mario Barth und Konsorten, die auch bei Mediamarkt und Aldi auftreten, die mewhr die Kundschaft von solchem Unterschichten-TV wie RTL2 ( „Die Geissens“, „Die Wollnys“, „Jung, pleite, verzweifelt“, „Berlin-Tag und Nacht“, Köln 50667,etc.)zu bedienen scheinen. Also scheinbar auch klassenabhängig der Humor, aber dies soll jetzt keine soziologische Doktorarbeit werden. Ich frage mich aber, ob das wirklich so positiv ist. Oft sehne ich mich nach jenen politisch-philosophischen Langeweilern auf den Partys zurück., da oft gar nicht mehr geredet und diskutiert wird, sondern sich nur noch in Geblödel, Karriere-, Fitness-, Markenangeberei und Smalltalk ergangen wird oder man sich taubstumm mit lautstarker Musik, bei Jüngeren mit Technomusik volldröhnt und einem nur noch Tanzen, Buffettstürmen und Sichbesaufen bleibt.

Und wenn man diese nationalen Unterschiede versucht aufzulösen, weil sie in dieser Absolutheit und vermeintlichen Spiegelhaftigkeit niemals existierten und existieren noch existieren werden: Ist die Form und der Inhalt des Humors eine Frage der Klasse, des Alters,der Hautfarbe (Rasse darf man ja nicht mehr sagen)  des Geschlechts (man sollte Gender sagen) oder einfach der jeweiligen politischen Einstellung, die trotz gemeinsamen Alters, Geschlecht, Hautfrabe,  gemeinsamer Klasse und/oder  eben gemeinsamer Nation durchaus unterschiedlich sein kann? Darf man dann keine Witze mehr über diese Kateogorien der Unterschiedlichkeit  und Klischeses oder eben auch partiellen Unterschiede machen, die aber die Basis der meisten Witze sind und auch von den jeweiligen Gegenübers solcher Unterschiede als witzige Frotzeleien angesehen werden, die die Unterschiedlichkeit akzeptieren, aber die Gemeinsamkeit trotz dieser Unterschiedlichkeiten propagieren und mehr als witiziger Appell von Toleranz und Zusammenleben in Einigkeit bei aller Diversität angesehen werden und alle Unterschiede nicht zu ernst zu nehmen.

Dass es nicht völlig homogene Völker und Kollektive gibt ist richtig. Dennoch dürfte es so eine Art allgemein verbreiteten Mainstreamwitz geben, der weder von politischen Autoritäten noch sonstigen Leuten als störend empfunden wird und der grossen Bevölkerungsmenge entspricht. Und politische Witze: Selbst zu Zeiten des Nationalsozialismus gab es Hitler- und andere subtile Witze in der Bevölkerung, die penibel von der GeStaPo registriert und als Indikator für die Befindlichkeit im Volk aufgefasst wurden. Analoges in der DDR und der Sowjetunion.Das kann man auch im Film „Das Leben der anderen sehen“, wo selbst der Stasimann einen Honneckerwitz macht, bei dem er dessen Aufhängen am Telefon fordert. Oder heute in China. In den sozialen Medien wurde Xi Jinping aufgrund seines Lächelns mit Winnie Pooh, dem Bären dargestellt, weswegen dies jetzt in China verboten ist. Ich würde da nochmals unterscheiden in Witze in autoriären und liberalen Ländern. Bei ersterem ist der politische Witz verboten. In Nordkorea stände darauf Umerziehungslager und KZ.In Südkorea ist dies wieder anders. In Nordkorea und China wie auch Russland oder der Türklei gibt es auch keine Satiresendungen im Fernsehen.Bestenfalls ging ein solch unpolitischer Blödelcomedian wie Mario Barth.Autoritäre Herrscher verstehen keinen Spass.

Umgekehrt wird diese neue Humorigkeit in westlichen und liberalen Demokratien auch wieder eingebremst durch eine überbordende Political Correctness, die zwar den positiven Effekt hat, dass rassistische Negerwitze und herrenmenschwitzige Frauenzoten ein wenig eingedämmt wurden, aber dann auch jedes Spielen mit Mentalitäten, Stereotypen, Archetypen und Klischees verunmöglicht wird, die eben auch Grundlage der meisten Witze und eines guten Teils des Humors sind. Aber diese genderfeministisch-ökopostkolonialen Neoautoritären werden durch ihre zensorische Strenge und Hyperkorrektheit selbst wieder zum Objekt humoriger Witze, ja machen sich selbst zu Witzfiguren und Zielscheiben breiten Gespötts–von Dieter Nuhr bis hin zu Switch. Anderes Beispiel:

Auch ein Indikator für jungen deutschen Humor: Zum einen jetzt die europaweiten Schülerdemos für Klimaschutz, deren Anführer recht weltmissionarisch und ernst für die ökologische Wende eintreten. Gleichzeitig kursieren auf den Schulhöfen Ökowitze, wie mir mein Neffe berichtete, etwa:

Wie nennt man eine übergewichtige Vegetarierin?
Wie nennt man eine Demonstration von Veganern?

Biotonne und Gemüseauflauf.

 

 

Ein Bekannter kommentierte den Artikel noch wie folgt:

 

„Lieber Herr Ostner,

da kann ich nur zustimmen, der berühmte britische Humor wird überschäzt oder von der Spitze, die wirklich gut ist, herunter-extrapoliert. Und die Legende von der deutschen Humorlosigkeit stammt wohl noch aus den feindseligen Zeiten in den Weltkriegen.
Am Anfang habe ich die Heute-Show von Welke noch ganz lustig gefunden, der hat sich aber überlebt und merkt es nicht, das ist zu viel slapstick. Sein ehemaliger Mitstreiter Ehring (xtra3) dreht ganz schön auf.
Und small talk kommt ganz auf die Umstände und die beteiligten Menschen an. Da geht auch oft genug Politik, Soziologie, Philosophie, zum Glück. Aber die ÖRlichen Fernsehserien sind nicht für uns gemacht, obwohl von uns mitfinanziert.
Nettes Thema, machen Sie weiter!
Gruss aus Singapur,
Wolfgang Sachsenröder“


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