Worst case-Szenario: Islamisten mit Atomwaffen-rationale Akteure oder nukleare Selbstmordattentäter?

Neben der vielitierten dirty bomb, sind denkbare Szenarien, dass sich der Iran Atomwaffen zulegt oder die muslimische Atombombe Pakistans einmal in die Hände von Islamisten kommt. Hierbei stellt sich die Frage, ob man es dann mit diesseitsorientierten Machivellisten und rationalen Akteuren handelt, die einer Kosten-Nutzenrelation unterliegen oder um jenseitsorientierte nukleare Selbstmordattentäter, die irrational und apokalyptisch handeln.Diese Diskussion wurde anhand des Irans auch schon vor dem Atomdeal geführt und war schon eine breite Diskussion im Gange, ob die USA einen nuklearen Iran eindämmen und abschrecken könnten.

Anstoss hierzu gab Frederick Kagan vom American Enterprise Institute mit einem von Carnegie gesponserten Beitrag „Deterence Misapplied—Challenges in Containing a Nuclear Iran“, der auch Diskussionsgrundlage vom Council on Foreign Relations wurde. Frederick Kagan kommt zu dem Schluss, dass aufgrund der intrasparenten und unberechenbaren Machtstrukturen im Iran es unmöglich sei, eine Strategie der Eindämmung und Abschreckung zu entwickeln:

Deterrence Misapplied

Challenges in Containing a Nuclear Iran

Author: Frederick W. Kagan, Resident Scholar, American Enterprise Institute

Given the nature and structure of its government, is it possible to contain an Iran with nuclear weapons? In this discussion paper, sponsored by the Carnegie Corporation of New York, Frederick W. Kagan explores the applicability of deterrence—from a historic and theoretical perspective—to the Iranian regime. Kagan concludes that for numerous structural and strategic reasons, it is impossible to assess with any confidence that the Islamic Republic with nuclear weapons could be contained or deterred.

http://www.cfr.org/iran/deterrence-misapplied/p22291

Das American Enterprise Institute griff diese Fragestellung auf und stellte auch einmal die Frage

„Can a Nuclear Iran be contained or deterred?“.

http://www.aei.org/article/foreign-and-defense-policy/regional/middle-east-and-north-africa/can-a-nuclear-iran-be-contained-or-deterred/

Während in diesem Beitrag noch einige Skepsis mitklingt, hat sich das American Enterprise Institute nun in einem neueren Beitrag „Containing and deterring a nuclear Iran“optimistischer geäussert:

http://www.aei.org/article/containing-and-deterring-a-nuclear-iran/

Parallel dazu bejaht auch Kenneth Pollack beim Council on Foreign Relations die Frage, ob ein nuklearer Iran abgeschreckt werden könne und skiziiert in seinem Beitrag „Deterring Nuclear Iran“auch die konkreten Massnahmen hierfür.

http://www.cfr.org/iran/deterring-nuclear-iran/p22292

Kurz: In den wichtigsten Denkfabriken der USA ,selbst denen der Neocons eingeschlossen bereitet man sich schon gedanklich auf das Faktum eines nuklearen Irans vor und entwickelt dementsprechende  Eindämmungs- und Abschreckungsstrategien.

Eine wichtige und zentrale Frage hierbei ist, ob man von der Annahme ausgehen kann, dass es sich bei dem Iran um einen rationalen Akteur handelt.Frederick Kagan etwa stellt noch in seinem Beitrag die These auf, dass es möglich sei, dass es im Iran eine apokalytptische Fraktion gebe, die den eigenen Untergang des Landes und sich selber willentlich einkalkuliere—weswegen man es nicht mit rationalen Akteuren zu tun haben könnte–ergo: Abschreckung und Eindämmung nicht wirken könnten. Während Kagan noch davon ausgeht, dass der Oberste Geistliche Führer des Iran Ajatollah Khameini einen nuklearen Konflikt vermeiden würde,  sieht er in solchen  Leute wie Ahamdinedschad und Ajatollah Mesbah-Yaszdi eine apokalyptische Fraktion, die selbst  in einem Atomkrieg ihr eigenes Leben bereit sein wären zu opfern, ja die gesamte Nation.

Damit ist Kagan aber ein Aussenseiter. Die anderen Beiträge gehen davon aus, dass selbst Ahmadinedschad und Ajatollah Mesbah-Yaszdi rationale Akteure wären, die sich vor der Auslöschung ihres eigenen Lebens und ihres Machtapperates, ja auch der Nation fürchten und daher passende Objekte zu nuklearen Abschreckungsstratgien wären. Kurz: Die gängige Lehrmeinung in den USA ist, dass selbst Ahmadinedschad ein „Maulheld“ im Grassenschen Sinne wäre, wenn es zur Gefahr der nuklearen Auslöschung komme.Verwiesen wird auch auf die Erfahrungen mit der Sowjetunion im Kalten Krieg, wobei das dort abzuschreckende Atompotential noch eine viel grössere Dimension gehabt hätte.

Motto: Wenn die Abschreckung gegen eine hochgerüstete Sowjetunion funktionierte, dann erst recht bei einem weit weniger gerüsteten Iran.

Als Beweis für apokalyptische Anwandlungen Ahmadinedschads wird gerne das Zitat gebracht, wonach er im Oktober 2005 gesagt haben soll, dass man „Israel von der Landkarte löschen“solle.Dabei handelte es sich aber um eine falsche Übersetzung.

(Näheres zu dem Zitatenstreit siehe: http://www.arbeiterfotografie.com/iran/index-iran-0034.html)

Die Arbeiterphotographie ist zwar ein dezidiert einseitig-antizionistisches Vlatt..Tatsache bleibt aber, dass sie im Falle des Ahmadinedschadszitats einmal richtig lagen. Deutsche Medien und die dpa haben inzwischen selbst erklärt, dass sie mit der Übersetzung „to wipe Isreal out of the map“ falsch übersetzt haben. Der Artikel des Guardian und die Auseinandersetzung in der New York Times um dieses Zitat belegen dies auch. Ahmadinedschad sprach davon, dass „Israel aus den Seiten der Geschichte verschwinden“ und sich auflösen würde, ganz so wie die Sowjetunion oder das Apartheidsregime in Südafrika.In diesem Zitat kommt mehr über die Stratgie Ahmadindeschads und des Irans zum Ausdruck, als die meisten Leute wahrnehmen wollen.Der Iran will Israel nicht nuklear auslöschen—er weiss zu gut, dass er dann bei einem Zweitschlag selbst ausgelöscht würde.Michael Wolfsohn hat in der Talkshow von Günther Jauch am 15.4.2012 im ARD die eigentliche Gefahr der iranischen Atomwaffe für Israel viel präziser formuliert:

Wenn der Iran erst mal 1-3 Atombomben habe, könne Israel diesen auch nicht mehr angreifen. Die Abschreckung sei dann beiderseitig. Nicht nur Iran würde Israel nicht nuklear angreifen, sondern Israel könne auch Iran nicht nuklear mehr angreifen. Das würde aber bedeuten, dass konventonelle Kriege unterhalb der Atomschwelle wieder denkbar seien, zumal wenn Ägypten, Syrien, Jordanien unter die Herrschaft der Muslimbrüder komme und die Hamas und Hisbollah mit grösseren Waffen als ihren jetzigen Silvesterkrachern, den Kassamraketen, bestückt würden. Israel könnte dann in einen konventionellen Rüstungswettlauf gezwungen werden, den dieses Land ökonomisch nicht verkraften könnte. Zumal mit Anschlägen seitens Hamas und Hisbollah inklusive möglicher konventioneller Kriegsdrohung seitens der dann von den Muslimbrüdern beherrschten Nachbarstaaten, könnte Israel langsam ausbluten und viele Israelis auswandern, was dann den Staat Israel langsam auflösen liesse.Dies scheint eher die Strategie, die der Iran beabsichtigt, als Israel und dann sich selbst in einem nuklearen Inferno untergehen zu lassen. Kritiker dieser Sicht verweisen darauf, dass Hisbollah und Hamas mit ihren Miniraketen Israel nicht auslöschen und wirklich bedrohen könnten, ja selbst Iran im Falle von Mittelstreckenraketenangriffen eine massive israelische Vergeltung zu erwarten habe, die ihn abschrecken würde nebst Cyberkrieg, zumal der Iran auch mehr mit der Option einer Atomwaffe spiele, um durch die alleinige Inaussichtstellung damit Zugeständnisse des Westens zu erhalten.

Zur Frage der Islamisten als rationalen Akteuren sind auch die Äußerungen von US-Vizepräsident Pence nach der Warschauer Anti-Irankonferenz auf der Münchnr Sicherheitskonferenz in Richtung eines irrationalen iranischen Akteurs, die zeigt wie aktuell diese Frage wieder wird:

„Auch sei es an der Zeit, dass sich die Europäer aus dem Atomabkommen mit dem „mörderischen revolutionären“ Regime Irans zurückzögen. Einen Tag nach seinem Besuch im Nazi-Konzentrationslager Auschwitz wiederholte er seinen schon am Donnerstag in Warschau erhobenen Vorwurf, Iran plane „einen neuen Holocaust“ und versuche sich die Mittel dafür zu verschaffen – eine Anspielung auf das Atom- und Raketenprogramm der Islamischen Republik.

Irans Außenminister Mohammad Javad Zarif verwehrte sich entschieden gegen diese Angriffe. „Der Holocaust war ein Desaster. Doch niemand, auch der US-Vizepräsident nicht, darf mit dem Holocaust Stimmung machen“, sagte er dem Spiegel.“

https://www.sueddeutsche.de/politik/sicherheitskonferenz-pence-yang-huawei-nord-stream-1.4333309

Der Iran scheint eher ein rationaler Islamistenakteur, insofern der Oberste Geistige Führer Khameini aufgrund seines Alters nicht eher das Jenseits sucht und dortige Belohnung für die Auslöschung Israels, was aber nicht einmal israelischerseits jemals so befürchtet wird. Ob der Islamische Staat oder pakistanische Islamisten ebenso rationale Akteure wären, darüber gibt es keine Literatur, da sich noch niemand mit diesem Worstcase real beschäftigt hat.

Bisher kennt man nur die Beispiele säkular-kommunistischer Regime wie der Sowjetunion und Chinas in Konfrontation mit säkular-demokratischen Staaten wie den USA, sowie die Kubakrise und das NATO-Manöver Marble Archer in den 80er Jahren, bei denen beide Blöcke nahe an einem Atomkrieg waren, sich aber beide Akteure als rationale Aktuere erwiesen. Mao-China, das unter Mao in seiner Polemik gegen die KPdSU verkündete, dass die Sowjetunion revisionistisch sei und den Atomkrieg scheue, den China aufgrund seiner Bevölkerungszahl locker durchstehen könne, hatte nie die Chance aufgrund nicht fortgeschrittenerer Atiomtechnologie und Trägerwaffen es jemals aufs Äußerste ankommen zu lassen.Trumann stetzte Mc Arthur ab, als dieser Taiwan mit Atomwaffen ausrüsten wollte und auch den Atomwaffeneinsatz gegen China plante und mit Patton einen Zangenangriff aus Europa zugleich gegen die Sowjetunion, Mc Arthur wurde abgesetzt, Patton starb bei einem Autounfall.

Die Sowjetunion wiederum distanzierte sich unter Chrustschow von Mao- China, als dieses versuchte es in eine Taiwankrise zu verwickeln und auf dessen nukleare Unterstützung hoffte, wie Chrustschow dann auch nach der Kubakrise davor warnte, dass aus Strohfeuern Flächenbrände werden könnten, weswegen sich die Sowjetunion da Zurückhaltung in Sachen Weltrevolution auferlegte. Als die Sowjetunion während der Suezkrise mit Atomschlägen gegen Großbritannien drohte, sorgten die USA dafür, dass sich GB, Frankreich zurückzogen. Atomschläge gegen Nordvietnam während des Vietnamkriegs verwarf man gleich wegen einer möglichen sowjetischen Vergeltung. Aus einem Interview der Los Angeles Times mit dem damaligen Vizepräsidenten der USA unter Reagan George H. Bush mit dem Journalisten Scheer in der Los Angeles Times vom 24.1.1980  :

Scheer: Erreicht man mit diesen strategischen Atomwaffen nicht einen Punkt, wo wir uns gegenseitig so oft vernichten können, … daß es wirklich keine Rolle mehr spielt, ob man zehn oder zwei Prozent drunter liegt oder drüber?

Bush: Ja, wenn sie glauben, daß es in einem nuklearen Schlagabtausch nicht so etwas wie einen Sieger gibt, dann macht das Argument Sinn.Ich glaube das nicht.

Scheer: Wie gewinnt man einen nuklearen Schlagabtausch?

Bush: Man hat eine Überlebensfähigkeit der Kommando- und Kontrollstrukturen, Überlebensfähigkeit von Industriepotential, Schutz eines Prozentsatzes der Bürger, und man ist in der Lage, dem Gegner mehr Schaden zuzufügen, als der einem zufügen kann. Auf diese Weise kann es einen Sieger geben.

Die damaligen USA drohten mit ihrer National Security Council (NSC)-Direktive unter Colin S. Gray mit „führbaren, gewinnbaren und begrenzten Atomkriegen“ gegen die UdSSR. Dennoch hielte sich beide Seiten für rationale Akteure, was verhinderte, dass die Kubakrise und Marble Archer trotz hohem Gepoker und beiderseitigem nuklearen Säbelgerassel nicht zum 3. Weltkrieg führte.

 

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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