Der blinde Fleck in der westlichen Islamismusforschung: Russische, chinesische und indische Perspektive fehlt

von Ralf Ostner

Was mir bei den meisten westlichen Islamismusforschern auffällt, ist, dass sie vor allem den Greater Middle East, also bestenfalls noch Af/Pak im Auge haben. Selbst das Middle East Forum von Daniel Pipes hat da nur eine Konzentrierung auf den Nahen Osten, speziell dazu dem Iran, die Muslimbrüder und die Türkei. Damit übersehen wir und negieren wir etwas die Entwicklung des Islamismus in Zentralasien, dem Kaukasus und den Republiken der Russischen Föderation. So ziemlich die einzigen, die das weitgehend berücksichtigen ist die Jamestown Foundation und ihr Terrorism Monitor. Am augenfälligsten wird dies, wie im Westen weitgehend die Entwicklungen in Tschetschenien ausgeblendet werden. Eigentlich erfährt man immer nur von dem Islamismus in diesem Gebiet bei spektakulären Zwischenfällen wie bei der Geißelnahme in dem Moskauer Theater samt Schwarzen Witwen oder der Besetzung der Schule von Beslan. Ansonsten nichts oder aber, dass die Russen ganz schlimme Menschenrechtsverletzer sind, mal ohne Betrachtung ihres Gegenübers, namentlich islamistischen Mordbrennern.

Der erste Tschetschenienkrieg war vor allem noch ein Krieg zumeist säkularer tschetschenischer Seperatisten, aber schon gegen seinem Ende übernahmen zunehmend wahhabistisch-salafistische Kräfte die Regie. Dementsprechend war auch der zweite Tschetschenienkrieg Putins eher ein Heiliger Krieg, ein Jihad gegen Rußland, bei dem die Islamisten die bestimmende Kraft waren.Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass etwa Dudajew, immerhin sowjetischer Fliegergeneral, Verbindungen zu Hekmatyar, aber auch zu Erdogan hatte. Die Verbindungen sollen über einen Pir, das Oberhaupt einer geheimen muslimischen Bruderschaft in Girne (Nordzypern), gelaufen sein. Aber das ist alles nicht ausreichend belegt und bedarf wirklich einer soliden orientalistischen und religionsgeschichtlichen Grundlagenforschung. Ich finde dies insofern wichtig, da bei unseren Betrachtungen die russische Perspektive etwas verloren geht und auch die Gründe, warum Rußland etwa in Syrien und andernorts  eingegriffen hat. Zum einen ist dies natürlich mit der alten, aus Sowjetzeiten bestehenden geopolitischen Allianz mit der syrischen Baathpartei Assads und den Militärstützpunkten in Laktatia und Tartus und deren Rolle für die russische Nahost- und Mittelmeerpolitik motiviert. Zum anderen besteht aber seitens Rußland durchaus ein Interesse auch den Islamismus zu bekämpfen, denn viele der islamistischen Kämpfer und Jihaddisten, auch des Islamischen Staates rekrutieren sich aus ausländischen, eben auch tschetschenischen, afghanischen und zentralasiatischen Islamisten.

Desweiteren wäre auch einmal interessant, inwieweit sich der Widerstand der Uiguren radikalisiert hat. Bisher waren da ja auch moderat muslimische. oft säkulare Kräfte, wenngleich auch seperatistische Kräfte wie der Weltuigurenkongreß führend. Aber auch das kann sich gewandelt haben. Bemerkenswert ist die chinesische Reaktion: Von den 10 Millionen in China, vor allem in Xinjiang lebenden Uiguren hat man 1 Millionen in Umerziehungslager verbracht. Das sind 10% der Bevölkerung, was schon exorbitant erscheint. Hat sich der uigurische Widerstand so islamisiert wie in Tschetschenien, ist dies eine Präventivmaßnahme oder erreicht Chinas ungewollt dadurch nicht gerade eine Radikalisierung, gegebenenfalls Islamisierung des uigurischen Widerstands? In unseren Medien kann man nichts darüber lesen. Nicht umsonst gibt es als Bollwerk für den Islamismus in dieser Region auch die Shanghai Cooperation Organization (SCO) , die gemeinsame Islamisten- und Terrorbekämpfung Russlands, Chinas und der zentralasiatischen Staaen recht drakonisch organisiert hat.

Selbige Entwicklung auch in Indisch-Kaschmir. Bis in die 70er Jahre dominierten noch säkulare Seperatisten, die ein von Indien UND Pakistan unabhängiges Kaschmir wollten. Gegen Ende der 70er, auch mit Unterstützung Pakistans unter Zia Ul-Haque und Nachfolgern dominieren nun islamistische Kämpfer die kaschmirische Unabhängigkeitsbewegung, wobei sie die Angliederung ans muslimische Paktistan anstrebe. Dabei hat der Kaschmirkonflikt zwischen Pakistan, den von ihn unterstützten Islamisten und Indien durchaus das Potential auf den Westen so immense Rückwirkungen wie ein sonstiger Konflikt im Greater Middle East zu haben.

Interessant, dass der Fall eines indisch-pakistanischen Krieges um Kaschmir schon bei der Studie

„Zu einer Gesamtstrategie in einer ungewissen Welt–Die transatlantische Partnerschaft erneuern“ der 5 Ex-NATO-Generale

General Dr. Klaus Naumann

General John Shalikashvili(USA)

Feldmarschall The Lord Inge(GB)

Admiral Jacques Lanxade(F)General Henk van den Breemen(NL) aus dem Jahre 2008

schon in ihrem Entwurf für eine neue NATO-Strategie thematisiert wurde–O-Ton:

„Gleichzeitig hat die globalisierte Welt eine strategische Umgebung geschaffen, diean Komplexität ohnegleichen ist. Die Bedrohung durch den kalten Krieg, mit einem rationalen Gegner war eindimensional und dominiert durch militärische Angelegenheiten.(…)Das Neue an der heutigen Globalisierung ist aber, dass sie es ermöglicht, dass lokale Risiken und Bedrohungen globale Gefahren werden können.

(…)Diese Verletzlichkeit des Westens durch die neue Abhängigkeit von den Dienstleistungen und der Produktion Asiens ist heute so stark, wie die europäischeAbhängigkeit vom ¨Öl des Mittleren Osten. F¨ur die Menschen im Westen ist es nicht ungewohnt während Krisen oder Kriegen im Mittleren Osten eine gewisse Erhöhung der Benzinpreise zu erdulden, aber sie sind nicht vorbereitet auf den vielplötzlicheren und einschneidenderen Kollaps, der durch eine Krise, welcher die indische High-tech Industrie beeinträchtigen würde, hervorgerufen könnte, ausgelöst durch einen Krieg mit Pakistan oder größere Unruhen. Die positivsten Nutzungender globalen Wirtschaft machen mit anderen Worten die Welt als Ganzes durchlokale Krisen verwundbar.“(S.12)

Von daher sollte man in der westlichen Islamismusforschung auch mehr die russische, indische und chinesische Perspektive berücksichtigen und auch die Entwicklung des Islamismus in Zentralasien, den Republiken der Russischen Föderation und Xinjangs sowie Kaschmirs berücksichtigen.



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