Erdogan versus Böhmermann versus Merkel: Ein Schmähgedicht und seine Folgen

von Ralf Ostner

Jan Böhmermann, der seitens Erdogan vor einem deutschen Gericht wegen seines „Schmähgedichts“verklagt wurde, hat nun wieder gegen Merkel geklagt, die sich gegen ihn ausgesprochen hatte und sich somit in den Satirestreit zugunsten Erdogans eingemischt hatte. Merkels Intervention wird nun allerortens kritisiert, so auch vom Chefredakteur des Münchner Merkurs Anastasiadis, der dies als „Lehrstück“ bezeichnet, wie man sich gegenüber Despoten nicht verhalten solle und empfahl auf den Merkelschen Kotau zu verzichten.

Wenn Georg Anastasiadis vom Fall Böhmermann als Lehrstück spricht, so ist dieser Fall zum einen recht exemplarisch, zum anderen aber auch sehr speziell. Es kommt immer auch auf die Verlaufsform an. Konkret kann man dies sehen, als Rudi Carell in seiner ÖR-Wochenshow einen Witz über das Geistige Oberhaupt des islamofaschistischen Iran Khomeini machte und diesen mit einem Büstenhalter zeigte. Die Reaktion war ein aufgebrachter Lynchmob Tausender fanatischer Regimeanhänger vor der deutschen Botschaft in Teheran, die deutsche Flaggen verbrannten und drohten die Botschaft zu stürmen und das Botschaftspersonal wie schon im Falle der US-Botschaft als Geißeln zu nehmen. Der damalige Außenminister Genscher musste intervenieren und Carell entschuldigte sich öffentlich, da er keine religiösen Gefühle verletzen wolle.

Wie sehe es aus, wenn Erdogan auf das Böhmergedicht auf ÖR-Neo mit ähnlichen Aktionen gekontert hätte? Wie hätte Merkel oder Maas dann reagieren müssen, wenn sich dies zur zwischenstaatlichen Affäre auswächst? Ganz so einfach ist dies nicht und dass Erdogan eine Individualklage einreichte, macht die Sache einfacher. Umgekehrt hätte Merkel auch auf eine Kommentierung verzichten können. Ich selbst halte das Böhmergedicht.- für geschmackslos und billig effekthascherisch. Dass Erdogan ein Sodomist und „Ziegenficker“ sein soll, ist unterstes Niveau, zumal es an der Türkei mehr zu kritisiseren gibt. Zum einen die Islamisierung, zum anderen die Deportation von 200 000 Regimegegnern oder seine Unterstützung für islamistische Mordbrennermilizen in Syrien und Irak , der islamofaschistischen Muslimbrüder sowie die passive Duldung des Islamischen Staats, so ziemlich alles, was Böhmermann gar nicht erst erwähnt oder erwähnenswert findet.

Der Umgang mit islamistischen Führern ist riskant, wie der Fall Charlie Hebdo oder eben Rudi Carell zeigt.Im ÖR traut sich eigentlich nur noch Dieter Nuhr Witze über den Islam zu machen in seinem Programm „Nuhr dran glauben“. Nuhr konzentriert sich aber mehr auf inhaltliche Kritik, als über konkrete religiöse, muslimische oder islamistische Personen oder gar Führer zu lästern. Doch selbst dies geht vielen zu weit.Von der Lippe und andere Showgrössen verzichten da explizit darauf, „weil man da nur Ärger bekommt“und biedern sich feige-opportunistisch an. Sie fürchten schon vorab Gegenwind, sei es seitens der Muslime und Islamisten oder der postkolonialen Multikulti-GenderfeministInnen, die jegliche Islamkritik als „islamophob“labeln. Da funktioniert die Selbszensur.

Ebenfalls ist auffällig, dass es seitens deutscher Kabarettisten, Comedians und sonstiger Komiker kaum Satiren über Putin, Xi, Orban, Bolsanaro und andere Despoten mit Ausnahme eben von Trump gibt. Die Frage, wie man mit diesen umgeht ist auch unstritten. Schon Charlie Chaplins „Der Diktator“, in welchem er Hitler und Mussolini ins Lächerliche zog, war umstritten, da viele der Ansicht waren, dass diese Darstellungsform diese Dikatoren und ihren Personen- und Führerkult weniger demontiere, sondern eher verharmlose , relativiere und als ungefährliche und nicht Ernst zu nehmende Witzgestalten darstelle, über die man herzlich lachen kann. Chaplin selbst vertrat diese Ansicht selbstkritisch  später auch.



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