Greta und Notre Dame-Sehnsucht nach quasireligiösen Symbolen und Figuren als Vorbote tektonischer gesellschaftlicher Erschütterungen

Die Karwoche begann mit zwei quasireligiösen Ereignissen. Den Brand von Notre Dame und der Audienz von Greta Thunberg beim Papst.

Notre Dame- es war kein islamistischer Anschlag ala 9 11 und World Trade Center, es waren scheinbar auch nicht die Gelbwesten–atheistische Kirchenschänder? Vielleicht war es auch nur so profan, dass ein Bauarbeiter eine abgerauchte Zigarette wegschnipste.Der arme Kerl kann einem dann auch schon jetzt leidtun. Oder es waren mangelnde Sicherheitsstandards infolge der Sparzwänge der neoliberalen Austeritätsprogramme. Zumindestens: Es fehlt ein äußerer, organisierter Feind ala der IS oder ein bisher verborgener innerer Feind, um daraus eine lange Kampagne zu machen.Bestenfalls noch ein Einzeltäter, dem dann mittels eines vermuteten Motivs oder einer Gruppenzugehörigkeit eine ideologische Nähe zu anderen politischen Organisationen zuordnen könne. Eine mögliche Kriminalisierung würde aber Verschwörungstheorien beflügeln, ob der Brand von Notre Dame kein Insidejob Macrons wäre und auch als billige Sündenbocksuche und Instrumentalisierung aufgefasst. Ein anderer Bekannter glaubt an Brandstiftung, zumal er im Vorfeld Artikel in der FAZ gelesen hätte, in denen von gehäuften antiklerikalen Schändungen in Frankreich berichtet worden sei,aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass sich daraus kein Lubbe samt Reichstagsbrand draus konstruieren lassen wird.Auch der Glöcknerr von Notre Dame scheidet aus.

Die Hoffnung auf einen Lubbe von Notre Dame und eine dahingehende Ursachenforschung könnte aber auch zu anderen Ergebnissen führen. Zum Beispiel, dass mangelnde Brandvorschriften infolge Personalmangels oder Lockerung der Sicherheitsvorschriften infolge von neoliberaler Deregulierung und EU-Austeritätsprogrammen verantwortlich wären. In diese Richtung argumentieren jetzt schon die Trotzkisten der 4. Internationalen und Melenchon und Le Pen könnten dieses Muster genauso übernehmen und behaupten, dass die EU und ihre Austeritätspolitik verantwortlich für die Vernichtung des französischen Nationalsymbols, der europäischen Christenheit und eines Weltkulturerbes der menschheitlichen Zivilisation wäre. Im Extremfall würde dann auch noch Merkel und Deutschland verantwortlich gemacht für den Brand von Notre Dame.Letztendlich hätte dann Merkel Notre Dame und damit Frankreich abgefackelt.Also mal abwarten, ob und wie die Gruppendynamik verschiedener politischer Kräfte den Brand eines alten Gebäudes weiter symbolisch und politisch aufladen werden.

Eine Freundin meinte heute, sie sei zwar betroffen, aber letztendlich handele es sich nur um ein Gebäude, nicht einmal Menschen seien zu Schaden gekommen und die Hilfe wird nun weltweit angekündigt—anders als beim Jemenkrieg, wo jeden Tag ungemeldet Hunderte und Tausende sterben und sich die Welt und die Medien gar nicht zum Handeln oder irgendwelcher Solidarität oder Empathie  gezwungen sieht. Scheinbar hoffen einige politische Kräfte, den Brand von Notre Dame nun symbolschwanger und identitässtiftend für nationale und europäische Einigkeit einsetzen zu wollen, um gesellschaftliche und innereuropäische Widersprüche zu überspielen oder gar zu mildern. Aber warten wir einmal ab, wielange der Notre Dame-Hype hält. Möglich, dass in 2-3 Wochen kaum mehr jemand darüber spricht.

Auch wäre es schwierig Europa mittels solch eines Wiederaufbauprojekts medial über eine mindestens 5-jährige Dauerberichterstattung zu einen und diese aufrechtzuerhalten. Also eher unwahrscheinlich. Man wird schon sehen, wenn Macron nächste Woche sein Reformprogramm vorstellt, wie groß die nationale Einheit da ist. Schon beginnend mit einfachen Fragen, warum weltweit und national Milliardäre und Regierungen aller Länder ein altes Gebäude wiederherstellen wollen, sich mittels großzügioger Spenden fast selbst enteignen, aber nicht genug Wohnungen angesichts der Wohnungsnot in Frankreich, Deutschland, Europa und andernorts bauen wollen oder können und sich mit sonstigen Gebäuden nur bereichern und rumpsekulieren.

Zum anderen: Ich selbst bin ja eher der Ansicht, dass man versuchen sollte Europa durch konkrete Projekte zu einigen wie durch eine Europäische Seidenstraße Marco Polo 2, einem europaweiten Infrastruktur- und Digitalisierungsprojekt, das  sowohl symbolisch-visionären wie auch materiellen Nutzen hat.Die Chinesen haben mit ihrer Neuen Seidenstrasse mehr visionäre Ausstrahlungskraft als ein europäisches Wiederaufbauprojekt Notre Dame je haben könnte, zumal es eben keinen materillen Wohlstandsnutzen bringt und auch innerhalb einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft auch nie diese quasireligiöse Ausstrahlungskraft haben könnte, denn sich nun einige europäische Idnetitäts- und Einigungsstifter erwarten.

Notre Dame als Identitätsstifter für Europa, Greta Thunberg als „Prophetin“(Kathrin Göring Eckhardt), als „Jesus, der auf einem Esel unter Palmwedeln einreitet“ (Zitat: prominenter katholischer Bischof), Greta im Europaparlmaent und Greta nun beim Papst–irgendwie beänstigend, nach welchen quasireligiösen Erlösersymbolen und -figuren Europa sich sehnt und noch meint retten zu können.Mir wird unheimlcih über diesen Geisteszustand.Soll Greta Europa und die Welt retten wie damals die Jungfrau von Orleans Frankreich? Oder Notre Dame die Europäer und das christliche Abendland so zusammenschweissen wie die US-amerikaner infolge des Anschlags aufs World Trade Centers und dem Wiederauffbau mittels des Freedom Towers oder wie sich dies etwa Bolsanaro erhofft, dessen Außenminisert auf einen christlich-konservativen Pakt zwischen Trump-USA, Putin-Rußland und Teilen Europas hofft? Vergleiche dazu auch Joachim C. Fests Buch „Hitler eine Karriere“, in dem  er die Heilserwartungen und das Erstarken des Wunsches der Bevölkerung nach Heilsstiftern , identitätsstifteneden Symbolen und Erlöserfiguren in den 20 er und 30er Jahren darstellt.Meistens künden solche Phänomene aber von bevorstehenden tektonischen gesellschaftlichen Umbrüchen und die Stduie der Businessweek“ Germany´s Fragile Future“ müsste auch in „Europe´ Fragile Future“ umgeschrieben werden, da dieses Unsicherheitsgefühl angesichts einer ungewissen Zukunft mit all den damit verbundenen Zukunftsängsten ja auch europaweit, wenn nicht gar weltweit gegeben ist und Trump, Xi, Putin, Bolsanaro, Erdogan, Orban ihre Erfolge auch diesen Erlösungshoffnungen verdanken, die nun auch auf Europa übergreifen und mittels Greta und Notre Dame als Gegenerlöser beantwortet werden sollen.

Ein wenig erinnert Greta und das Anwanzen europäischer Politiker, zuletzt Manfred Webers von der konservativen EVP und CSU an Peter Greenaways Film „Das Wunder von Macon“.in dem ein Kind als heilig angesehen wird und jeder davon etwas haben will, zuerst imagefördernd oder geistig von der Anwesenheit und der Aura, bis die gierige Meute dann das vermeintlich heilige Kind physisch in seine Einzelteile zerreißt, zerfleischt und noch ein Stück Reliquie erhofft zu bekommen.

Ein Kind und ein altes Gebäude als Hoffungsträger Europas–scheinbar scheint sonstiges Personal verbraucht oder nicht existent noch mehr charismatisch oder auf irgendwelche rationalen Argumente für ein säkulaes Europa setzend.Der ehemalige Hoffnungsträger Macron ist so verbraucht wie inzwischen Papst Franziskus nach der Mißbrauchskonferenz des Vatikans,Weltenretterin Merkel tritt ab,  deswegen scheint man sich nun die Aura von quasireligiösen Figuren wie Greta und Symbolen wie Notre Dame in der Hoffnung auf eine spirituelle Erweckung und Stärkung zu Nutze machen zu wollen. Was wiederum ein Bankrotterklärung für die vielgepriesenen Werte und Überzeugungskraft rationaler Argumente der Aufklärung und der westlichen Demokratie ist.

Der Rest der Welt lacht sich tot, dass die Europäer sich Rat von Kindern holen , das Wahlalter senken wollen und sich auf mittelalterliche Gebäude als Hoffnung der europäischen Einigung kaprizieren. Dann kann man das wiederaufgebaute Notre Dame samt anderen europäischen Industriemuseen  als asiatischer Tourist als Teil vergangener europäischer Geschichte wie Notre Dame ansehen, da die Europäer eine eigene Europäische Seidenstraße und einen eigenen EU-Hightechfonds verschlafen haben, der sie noch hätte einigen und wiederaufstehen lassen hätte können.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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