Altstädte als kapitalistisches Sehnsuchtsparadies

Gastautor: Genova

Alexander Schwab (1887 bis 1943), Kommunist, Publizist und Architektursoziologe, schrieb 1930 in seinem „Buch vom Bauen“ über alte deutsche Städte wie Rothenburg ob der Tauber oder Nürnberg:

Von weither kommen die Menschen gereist, um solche Städte zu besichtigen. Meist wissen sie selbst nicht genau, was ihnen daran so gefällt. Wahrscheinlich ist es bei den meisten die unbewusste Sehnsucht zurück nach einer Zeit, die zwar gewiss nicht so idyllisch war, wie man sie sich heute gern vorstellt, – denn in all diesen Städten ist in ihrer Blütezeit viel Blut geflossen – aber doch nach einer Zeit, die nicht den wilden Konkurrenkampf des entfesselten Kapitalismus kannte. Wo so Giebel neben Giebel steht, ahnt man das wohlhabende oder auch bescheidene, aber wirtschaftlich sichere Leben, getragen und gehegt von der Zunft der Kaufmannsgilde, die dafür sorgen, dass jeder seine Nahrung bekommt, als Geselle, als Meister als Ratsherr.

Bürgerliche Romantik, ein Zurücksehnen nach besseren Zeiten, wohl auch ein Stück Angstgefühl vor den Problemen der Gegenwart und Zukunft, deren Bewältigung sich ein Kleinbürgergemüt nicht vorstellen kann, dazu sicher noch ein Blick durch die rosenrote Brille – kurz: Illusionen und die Selbsttäuschungen einer rückwärtsgewandten untergehenden Klasse, das ist es, was solche alten Städte populär machen.

Klingt auch neunzig Jahre später aktuell. Vielleicht ist der Unterschied, dass man heute die populären Altstädte in Großstädten wie Frankfurt wieder aufbaut – besser gesagt: eine verklärende Disney-Variante von ihnen – und sie komplett durchkapitalisiert. Die Menschen mit Kleinbürgergemüt, die heute von weither gereist kommen, um sie zu besichtigen, empfinden vermutlich die gleiche Sehnsucht nach dem bescheidenen, aber wirtschaftlich sicheren Leben, sie empfinden Angst vor den Problemen der Gegenwart und der Zukunft und haben die rosarote Brille auf. Und genau dort, in diesen verheißungsvollen Räumen, dem Paradies, tobt sich das Kapital besonders erbarmungslos aus.

Alexander Schwab bezeichnete sich völlig selbstverständlich als Kommunisten. Heute macht das kaum jemand mehr. Ein weiterer Sieg des Kapitals. Die einzig vorstellbare Welt ist heute eine kapitalistische und auch das Paradies kann nur eine solche sein.

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Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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