Kurznotiz: Macron will ENA auflösen-neues Staatsverständnis oder populistischer Anti-Establishmentreflex?

Beachtlich ist Macrons Absicht die ENA aufzulösen. Die ENA war Frankreichs Eliteuni schlechthin, die den franzöischen Staat mit Politikern und Staatspräsidenten wie Holland, Chirac und eben Macron oder Verwaltungsbeamten massenhaft belieferte und erdrückend eng mit dem französichen Staat verbunden war, ja als dessen Elitepool galt, zumal er fast nur Großbürgersöhne aus dem Pariser Raum rekrutierte und die Provinz und den Rest des Landes vergaß. Sieht Macron in der ENA nun einen schädlichen verfilzten staatlichen Etatismus, der innovatives Denken und Regieren verhindert oder ist dies mehr ein Reflex auf populistische Antiestablishmentreflexe? Zumal die Gelbwesten und andere Macronkritiker der Linken und Rechten ihn nicht nur als Zögling des Finanzkapitals und der Rothschilds kritisierten, sondern eben auch als Establishmentgünstling der ENA.

Will Macron sich nur taktisch vom Establishment distanzieren oder ein neues Staatsverständnis und auch ein dahingehendes reformiertes, neues Bildungssystem? Würde Putin die Lomossowuni auflösen? Oder Xi Jinping die Qinghua- oder Jiaotonguni? Oder Trump die Ivy Leagueunis wie Harvard, Yale , MIT, oder Stanford? Bisher ist noch kein Politiker weltweit auf die Idee gekommen eine solche prominente Uni wie die ENA aufzulösen zu wollen.

Die ENA wurde auch von anderen Bildungsinstitutionen kritisiert, allen voran von der Ecole de Guerre Economique, die die Verfilzung und das eingefahrenene Denken staatlicher Bildungsiunstitutionen und vor allem der ENA angriffen und ankündigen die Nachkriegsgeneration an Unternehmern durch eine neue Elite abzulösen, die den Erfordernissen der Globalisierung besser entspricht. Die EGE betrachtet Freihandel als Wirtschaftskrieg und bildet ihre Absolventen dafür aus. Bleibt zu beobachten , inwieweit Macron solche Insititionen als Alternative zur ENA vorschweben. Zwar ist die EGE keine Allgemeinausbildung, eine Miniinstitution gegen die ENA, bildet auch nicht so viele hochrangige Kader aus, aber fördert neue Eliten in innovativen Lehrplänen , die sowohl Wirtschaftswissenschaften theoretisch wie praktisch und Informationstechnologie und Geisteswissenschaften umfassen, wobei sie anglosächsische Lehren nicht leugnet aber auch nicht als alleinglücklichmachend ansieht:

Schule für Wirtschaftskrieg

Schule für Wirtschaftskrieg ist keine allgemeine Ausbildung  

Die « Ecole de Guerre Economique » (Schule für Wirtschaftskrieg auf Deutsch) ist keine allgemeine Ausbildung. Sie wurde 1997 gegründet, um zwei tiefe Lücken in der Grundausbildung und der Weiterbildung zu schliessen:

1- die Berücksichtigung der Informationskonflikte in der Vorstellung der Strategien von Unternehmen, Administrationen und Gebietskörperschaften;

2- die Problematik des Mächtewachstums der Nachkriegszeit in einem weltweiten angespannten Handelsaustausch.

Im Gegenteil zu den, dem amerikanischen Bildungsstandart angepassten, Unterrichtstrukturen, platziert sich die EGE gegen den Strom dieses Nivellement der Gedanken. Selbst wenn die EGE den ängelsächsischen Beitrag nicht abstreitet, hat sie ihr eigenes pädagogisches Vorbild entworfen. Dies liegt der Vergleichsanalyse von National- und Supranationalsystemen, Technologietransferen zwischen Militär- und Zivilumgebungen und der fortschreitenden Bedeutung des Offensivmanagements der Informationen in der Entwicklung der wirtschaftlichen Tätigkeit zugrunde.

Die EGE ist ebenfalls eine Schule, die die Rhetorik unterstützt, um die Schlagkräftigkeit der Unternehmen im heutigen weltweiten Wettbewerb zu fördern. Es handelt sich nicht mehr allein um Kommunikation, sondern um eine Abdeckung des Marktplatzes durch Produktion von Kenntnissen und der Fähigkeit, die zahlreichen Angriffe der Informationsgesellschaft zu kontern.

Der progressive Tritt in den Ruhestand der leitenden Angestellten der Nachkriegsgeneration erfordert eine neue Art von Ausbildung der nachfolgenden Führungskräfte in der Beherrschung des Wettbewerbs. Die Nachwuchsgenerationen sollen dementsprechend ausgebildet werden, um Druck und Prüfungen, die sie in der Zukunft erwarten, standzuhalten. Die Aufgabe der EGE ist es letztendlich, zu dieser neuen Lehrmatrize beizutragen. Um zwischen Theorie und Praxis einen operationellen Zusammenhang zu finden, bevorzugt EGE eine interdisziplinäre Annäherung der Geisteswissenschaften und eine funktionelle Annäherung der Informationstechnologien. Die Legitimität unserer Ausbildung ist die Folge unserer privilegierten und permanenten Beziehungen zu den öffentlichen und privaten Akteuren des Wirtschaftskriegs.

https://www.ege.fr/index.php/l-ecole/presentation/schule-fur-wirtschaftskrieg.html

Aber es bleibt einmal abzuwarten, ob Macron die Auflösung der ENA überhaupt in die Realität umsetzt oder dies nicht eher eine Drohung im Sinne einer Reform der ENA gedacht ist, etwa nach fortschriuttlicheren Lehrplänen ala EGE oder die Forderung im Nachhinein ohnehin wieder einkassiert wird.

Ein befreundeter deutscher Ex-Diplomnat schrieb mir noch zu dem Thema:

„Lieber Herr Ostner,

wie Sie vielleicht wissen, bin ich selbst ENARCH. Die Direktorin der Schule, Frau Loiseau, habe ich bei meinem letzten längeren Aufenthalt in Paris 2017 erlebt. Sie war Macrons Spitzenkandidatin bei den Europawahlen und zeichnete sich durch treffende Bemerkungen über den Herrn Weber aus Niederbayern aus.

Macron ist ein typisches ENA-Produkt und weiß daher genau, dass er ebenso wie einst Giscard d’Estaing von den anciens camarades höchst kritisch gesehen wird – zu Recht. Übrigens auch von mir. Deshalb will er die Schule loswerden. An ihre Stelle treten dann die Absolventen von Science Po, die es ebenso wie Madame Loiseau nicht geschafft haben, den Concours der ENA erfolgreich zu absolvieren.

Aus meiner Sicht ist Macron ein Blender, Sarkozy 2.0.! Ein Jammer, dass Alain Juppé zu alt war, um 2017 mit der Aussicht auf Erfolg ins Rennen zu gehen. Er hat etwa als Bürgermeister von Bordeaux in der gesamten Region segensreich gewirkt.“

Klingt nach Konkurrenzbewusstsein zwischen ENA und SciPo. Macron eher als Verräter und Versager an der ENA, der sich als Quasiaußenseiter rächen will. Ob diese mehr auf persönliche und charakterliche Faktoren abstellende Antwort erschöpfend ist, weiß ich nicht und es bleibt die weitere Entwicklung der ENA zu beobachten. Ich schrieb noch:


„Ich wußte nicht, dass Sie auf der ENA waren. Für mich ist es aber schwer zu beurteilen, inwieweit Macron ein ENA-Außenseiter war, der nun persönliche Rache nimmt, ein schwarzes Schaf und „Blender“, da es umgekehrt auch einen elitären Corpsgeist gibt, der solche Looser wie Hollande eher schützt als einen anfangs allseits gefeierten Hoffnungsträger Macron. Wie dem auch sei. Ich finde den Vorgang einzigartig, dass ein Präsident eine Eliteuni abschaffen will. Wie gesagt: Xi würde auch nie fordern die Qinghau oder die Jiaoptong abzuschaffen, Putin nicht die Lomossowuni oder Trump Yale, Harvard oder Stanford. Ein für meine Begriffe weltweit ein sehr einzigartiger Vorgang. „


Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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