Antiamerikanismus und neuer deutscher Moralnationalismus

Interessante Sichtweise eines oppositionellen Chinesenfreundes über die USA und Deutschland. Er interpetiert den Antiamerikanismus als Ausdruck eines neuen deutschen Moralnationalismus, der die Kriterien des amerikanischen exceptionalism und des Vorbilds des Leuchtturms der Demokratie für die Welt übernehmen will, dabei aber die realen Machtverhältnisse etwas ausblendet und meint, dass am deutschen Wesen die Welt genesen müsste. Wie der beste Transatlantiker geht er davon aus, dass das politische System der USA autoritarismusresistent genug sei, eine 300 jährige Erfolgsgeschichte habe und die check and balances auch trotz Trump und lebenslanger konservativer Mehrheit im Supreme Court auch in Zukunft wirksam seien.Er schrieb:


„Ja, der Preis den Welt-Imperium-status und die Weltpolizeirolle zu haben ist das, dass man für alle menschlich verursachte Misere, vor allem Kriege verantwortlich gemacht wird. Ich kann mich daran erinnern, das erste große Weltereignis das ich in Deutschland erlebt habe, war 911, und die erste große Demo, war die gegen den kommenden Irak-Krieg, bei der alle Schüler von Freiburg auf der Straße waren, dagegen sind die Fridays for Future Kinder zahlenmäßig nur Partisanen. Du hast auch noch den Vietnamkrieg in der anderen E-Mail als ein Trauma für die Amerikaner genannt, ich denke er es war auch Ein Trauma für die meisten Menschen in der Freien Welt. Seit dem Ende vom Kalten Krieg lebte der Westen zuerst ein Jahrzehntlang in Euphorie und hielt Freiheit und Demokratie für selbstverständlich und unbesiegbar. Der Aufstieg Chinas mit seinem Anti-demokratischen und freiheitsgefährdenden schleichenden Expansion hat der Westen unterschätzt, bis wir heute ein China haben, das sogar von vielen aus dem Westen als eine Alternative zur US-Vorherrschaf gesehen wird.

Der Antiamerikanismus in Deutschland hat seine Wurzel in der Bildung, meiner Meinung nach, genauer gesagt im Formen des neuen Nationalbewusstsein der Deutschen. Die Deutschen müssen die guten Demokraten sein, besser als der Sieger Amerika, und was Menschenrecht oder die Rettung der Welt angeht, muss Deutschland automatisch eine höhere Moralische Position einnehmen und von oben herab den Sieger und tatsächlichen Ordnungshüter der Welt Amerika betrachten. Vieles von dem unbegründeten Überlegenheitsgefühl stammt von einer Art Wunschdenken. Dabei vergiss man, dass Amerika als die älteste Demokratie in modernem Sinne ununterbrochen besteht seit fast 300 Jahren und als das Erfolg für ein Freiheitsexperiment der Leuchtturm für die Völker der Welt darstellt.“

Ein befreundeter Diplomat kommentierte dies noch so:

„Ihr chinesischer Freund ist ein sehr kluger Mensch. Ich stimme seiner Analyse zu, bis auf einen Punkt: es geht bei den Deutschen nicht mehr um ein neues Nationalbewusstsein, sondern um einen neuen gesellschaftlichen Konsens.

Das mag Ihnen als Begriffshuberei erscheinen, ist aber doch wichtig, denn dieses gesellschaftliche Bewusstsein ist (erscheint?) anders als ein nationales Bewusstsein europäisch und global anschlussfähig. „Kamala Harris ist eine von uns“!“

Ich habe mal nachgefragt:

Noch eine Frage:War der Faschismmus europäisch und global nicht anschlussfähig.? Soweit ich weiss gab es ja in ganz Europa faschistische Bewegungen und mit dem Antikominternpakt war Nazideutschland auch in Asien mit Japan anschlussfähig,wie auch mit Chandra Bose in Indien.Und ist Deutschland mit Ausnahme von Klimaschutz und Freihandel wirklich so europäisch und global anschlussfähig bei Wertepolitik, Flüchtlingspolitik, Energie- und Verkehrswende, auch angesichts der Tatsache, dass selbst aus der G7 inzwischen eher eine G5 geworden ist?

Die Antwort des Diplomaten:

„Lieber Herr Ostner,

genau! Der Faschismus kam aus Italien und war nicht – nicht – Bestandteil eines spezifisch deutschen Nationalbewusstseins, sondern Teil eines internationalen gesellschaftlichen Denkens, das von Argentinien bis nach Ostasien reichte. Der Nationalsozialismus war mit seiner Rassendoktrin qualitativ etwas anderes!“

Meine Replik:

„Es geht mir eher um den Begriff der Anschlussfähigkeit.Der Faschismus knüpfte in allen Ländern am Nationalismus an,war keineswegs spezifisch italienisch und zumal ein generelles politischer Ausdruck der kapitalistischen Wirtschaftskrisen, die über den Weltmarkt global wurden wie jetzt die ganzen rechtspopulistischen und rechtsradikalen Bewegungen von Trump bis Orban, Salvini, Le Pen oder Putin.Der Antisemitismus des Nationalsozialismus unterschied diesen zwar von den anderen mehr klerilfaschistschen oder den philosemitischen Tojodiktatur, aber Faschisten waren die Nazis ebenso. Ich hatte mal mit Thomas Barnett,dem US‘-Avangardisten der Globalisierung die Diskussion über connectivity,die sein zentrales Kriterium war und worunter er Anschlussfähigkeit an den globalisierten Weltmarkt meinte.Da gab es in seinem Buch A Blueprint for Action core states,die völlig anschlussfähig waren und gap states,die es nicht waren.Er forderte dann Globalisierungskriege gegen die gap Staates,um diese anschlussfähig zu machen. Dazu sah er internationale Armeen vor, die sich neben den USA vor allem auch aus China und Indien global rekrutieren sollten, weil er meinte das Interesse an der Globalisierung würde alle zwischenstaatlichen Konflikte zwischen den core states beendet haben.Eine Annahme, die auch Brzezinski mit seiner Vision von einer sinoamerikanischen G2 und einem Chimerica hatte.“

Der chinesische Oppostionelle meinte noch zu den Begriffen neuer gesellschaftlicher Konsnes und Nationalbewusstsein der Deutschen:

„In meinem Vokabular oder Verständnis ist der neue gesellschaftliche Konsens auch das neue Nationalbewusstsein. Nur will man es im Lande unbedingt anders nennen. Das Formen des neuen Nationalbewusstseins hat unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg als Deutschland noch in der Ruine lag angefangen, die 68er und der Mauerfall haben gravierende Wirkungen entfaltet. Eine Nation ohne Geist ist genau so schlimm wie bei einem Menschen. Das Entbehren von Stolz auf eigene Streitkräfte, Traditionen und Geschichte, und praktisch alles was mit NS in Verbindung gebracht werden kann, hat dazu geführt, dass das Prozess bei den deutschen besonders strapaziös war.

Ich sehe auch den Vorteil von diesem unkonventionellen Formen des Nationalbewusstseins darin, dass Deutschland angesichts der rasanten Entwicklung der Welt in der Sache Werte ziemlich erneuerungsfähig und anpassungsfähig ist. Gegenüber der moralischen Besserwisserei steht auch der Vorteil, dass die durchschnittlichen Bürger des Landes durch die übertriebene moralische Erziehung tatsächlich überdurchschnittlich in der Welt sind, wenn es um Umweltschutz, Nachhaltigkeit der Entwicklung, Friedensliebe und Bereitschaft zu Hilfeleisten, usw. geht. Wenn eine Militärparade bei einer nationalen Feierlichkeit in einem diktatorischen Land als selbverständlich gilt, in einem Land wie Frankreich mit dem selbst aufgeblasenen Grandeur zur Tradition zählt, in einem Land wie Polen als Erinnerungskultur, braucht man hier im Lande gar nicht über die Notwendigkeit oder Nutzen der Parade sprechen. Durch die Entbehrung dieses Spaß, was Trump gern zum 4. Juli auch gern hat, wird einfach Geld, Zeit und Energie gespart.

Salz der Erde und Licht der Welt zu sein, hat zwar seinen Preis, aber auch seinen Lohn. Mich interessiert seit langem eine Art nationaler Psychologie der Deutschen und vor allem ihr Bildungsprozess. Denn ich sehe eine Parallele zum Formen des neuen Chinesischen Nationalbewusstseins (oder besser des gesellschaftlichen Konsens) nach der KP-Herrschaft. Vieles, worauf wir früher und jetzt stolz sein können oder dürfen, wird als wertlos oder gar schädlich für eine neue Gesellschaft bewertet, viele universell geltende Werten müssen wir noch ganz fleißig lernen und uns aneignen. Die Ambition eines großen Landes muss auch neu definiert werden. Da dient Deutschland möglicherweise mit Vorbehalt und Vorsicht als unser Vorbild. „

Ein anderer Kommentator meinte noch, dass dieser zivilreligiöse Moral(inter)nationalismus keineswegs common sense in der deutschen Bevölkerung sei, sondern eher der ihrer Eliten, übersieht aber dass viele Aspekte international teilweise durchaus anschlussfähig sind jenseits der Flüchtlingspolitik:

„Kann man doch gar nicht so runterbrechen. Jenes zivilreligiöse „Nationalbewusstsein“, mit den seltsam divergierenden Komponenten aus negativem bzw. Anti-Patriotismus und schuldstolzem, moralisch überheblichem globalen Sendungsbewusstsein, die, spätestens seit 2015 Ideologie gewordene, Neurose sicherlich der Politik und der chattering classes, aber mit Sicherheit nicht Deutschlands als Ganzem. Und du musst da gar nicht mit der AfD kommen, nicht die AfD zu wählen, heißt noch nicht, dieser abstrusen Weltanschauung anzuhängen und die Willkommenshymne zu singen.

Ich glaube nicht, dass andere Nationen diesen wie gesagt mittlerweile zur Ideologie geronnenen deutschen Gemütszustand nachvollziehen, noch zur Maxime erheben werden, auch China nicht. Es ist im Grunde die Synthese beiden Aussagen Churchills über uns: man hat sie entweder zu den Füßen, oder an der Kehle. Mit Racketens Schwert der Hypermoral z.B.“


Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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