Slawische Seele- Leidensmasochismus und Schwermütigkeit oder Lebensfreude?

Slawische Seele- Leidensmasochismus und Schwermütigkeit oder Lebensfreude?

Wenn die Rede von der slawischen oder russischen Seele ist, dann wird diese zumeist mit Leidenssadomachosadismus, Melancholie und Schwermütigkeit gleichgesetzt:

„Die russische Seele und die Lust am Leiden

Hintergründe einer Mentalität

Dem russischen Volk wird gern eine Neigung zur Schwermut attestiert. Als Grund dafür wird eine Folge von Erschütterungen und Katastrophen seit den Anfängen des Landes genannt. Denn die russische Geschichte ist von vielen Gräueln geprägt worden – vom Mongolesturm, dem Tatarenjoch, dem Petersburger Blutsonntag bis zu den barbarischen Ausprägungen im Stalinismus seit der Oktoberrevolution. Dabei haben die Schrecken der nationalen Geschichte dazu geführt, dass die Menschen sich intensiv in ihre Leidensfähigkeit vertieften.(…) Im Elend des gerade durchlebten Augenblicks keimt das Bewusstsein des künftigen Seelenheils mehr wie eine süße Illusion als wie ein Versprechen.“

https://www.deutschlandfunk.de/die-russische-seele-und-die-lust-am-leiden.1184.de.html?dram:article_id=185459

Ich höre mich gerade auf You Tube mal in die russische (nicht klassische) Musik rein. Von Kalinka, Katyusha, Kosackenlieder, Sovjethymnen, Rock, Pussy Riot bis Folk.

Ob nun Songs der Roten Armee, Katyusha oder der Kosakensong—allesamt etwas pathetisch, aber durchaus lebensfroh, dynamisch und vielleicht etwas schnulzig, aber keineswegs melancholisch oder schwermütig, eher schon kämpferisch:

Hier die sexy Rotarmistin, die lebensfroh singt, im folgendem Song eine schüchterne, zurückweisende Katyusha mit unschuldigen Rehaugen, Lieschen Unschuld, das von einem Rotarmisten umgarnt , erobert und sexuell belästigt wird und heute wohl im Westen als klarer Fall für eine Me-too-Kampagne dienen würde:

Dann auch noch der Kosackensong, der aber weder depressiv, noch melancholisch oder schwermütig noch alzu kitschig klingt:

Und selbst bei  der Opposition in der Form von Pussy Riots „Putin will you learn how to love“ sind nur die 5 Anfangssekunden mit kurzem Klaviergeklimper etwa melancholisch, um sich dann zu einem wütenden  dynamisch- punkigrockigen Kampflied dramatugisch zu entladen und energetisch zu explodieren, bei dem man sich mit Kosaken herumprügelt:

Ein Lied gefällt mir da auch ganz gut von der Folkgruppe Otava Yo-voller Lebensfreude, wenngleich auch im Hintergrund ein paar ganz leise wehleidige Töne mitschwingen:

Für mich ist das ganze Gerede um die russische Seele, die schwermütig, melancholisch und dem Leiden zugeneigt sei, etwas arg klischeehaft.Mag es zwar Tatarensturm, Mongolensturm, den Despotismus des Zarenreichs und den Totalitarismus des Kommunismus und die ganzen Kriegen gegeben haben, so höre ich in den meisten diesen russischen Liedern eine unwahrscheinliche Lebensfreude heraus. Otava Yo ist so der Anti-Tschaikowski oder was man als Tschaikowski hält. Scheinbar scheint sich der Eindruck der leidenssadomasoschistischen Slawenseele vor allem durch die klassische russische Musik und Literatur gebildet zu haben.Hier noch ein Anti-Tschaikowski:

Hätten die Russen nicht auch diese Lebensfreude hätten sie ihre ganze Leidensgeschichte gar nicht durchstehen können. Und selbst Tschaikowski war nicht so schwermütig und dunkel, wie in einigen seiner von slawischen und kulturpessimistischen Seelenforschern- und mythenbildern selektiv ausgesuchten Liedern. Wer die russische Seele liebt, liebt auch schwermütig- melancholische Musik. Aber nicht nur die Lust am Leiden, sondern auch überschwenglich-quicklebendige Lebensfreude charakterisiert die Musik solch berühmter Komponisten wie Chatschaturjan, Dvorák, Schostakowitsch, Ljadow oder Tschaikowski.

Eher zwei Gemütszustände, wobei der eine den anderen überkompensieren will. Das kollektive Unterbewusstsein der Leidensgeschichte sucht Kompensation oder aber der Lebenstrieb lässt sich nicht von dem Leiden unterbringen. Die Leiden können die Lieder nur wehleidig eintönen, aus denen aber die Lebensfreude und der Lebenwillen sich erhebt und als Hauptmotiv herausklingt. Auch wenn man Russland mit Eis, Schnee, Lebensfeindlichkeit und skandinavischen Selbstmordenraten infolge von Kältedepression assoziiert und sich kein blühendes Leben und nur zwischenmenschliche Kälte in dem Land von Väterchen Frost vorstellen kann. Ein anderes Lied Reelroad spricht davon, dass man in diesem riesigen Land Russland sich allein fühle und auf sich selbst gestellt sei und es nicht wagt zu weinen—hier mehr Leiden, aber zugleich die Preisung der Gemeinschaft, die dies kompensiert:

Ein Bekannter meinte zu mir zudem, dass die slawische Seele Blödsinn sei, da die Russen seiner Ansicht nach ein sehr rationales und vernunftgesteuertes Volk seien, was sich in ihren Leistungen beim Schachspielen und der Wissenschaft zeigen würde. Obgleich die Frage ist, ob ein emotinaler Mnesch nicht auch zu Leistungen in den MINT-Fächern fähig sein kann und nicht auch zugleich Emotionen haben kann. So stark scheinen die Emotionen nicht zu sein, dass sie normale Logik verhindern.

Seitens Putinbashern wird oft eine Paranoia der Russen zitiert angesichts der Ostexpansion der NATO und an die traumatischen Erfahrungen Russlands mit zwei Weltkriegen verwiesen, die heute nicht mehr sein müsse. Bezeichnenderweise wurde aber auch niemals thematisiert, dass Russland die NATO-Erweiterung und die Entwicklung neuer Waffensysteme durch die USA auch als Bedrohung sehen könnte. Rein die westliche Perzeption. Vergessen schon Peter Scholl-Latours Buch und Film „Russland im Zangengriff zwischen NATO, Islam und China“, der einmal realpolitisch die russische Perspektive einnahm wie dies auch Vertreter der westlichen realistischen und neorealistischen Schule wie Morgenthau. Kindermann oder Mearsheimer getan hätten. Heutigen Medienleuten scheint aber das Scholl Latoursche Einfühlungsvermögen in die andere Seite zu fehlen und man versucht dies alles zu psychopathologiseren und nur auf die slawische Seele, die Putin hätte oder altvernativ die slawische Seele des Volkes, die Putin ausnütze als Erklärungsmodell zu haben.

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