Interview mit General a.D. Wittmann zur AfD in der Bundeswehr:“Aber der wichtigste Grund ist die Verharmlosung der Verbrechen des Nationalsozialismus“

Global Review wollte ein Interview mit General a.D. Wittmann führen, dessen Offenen Brief gegen die AfD-Infiltration der Bundeswehr wir schon veröffentlicht hatten. Aus Zeitgründen konnte General a.D. Wittmann unsere Fragen nicht beantworten und hat uns den Nachdruck eines Inteviews genehmigt, das von der Neuen Berliner Presse mit ihm gehalten und an zahlreiche Regionalzeitungen verbreitet wurde. Hier das Interview und danach nochmals die Interviewfragen, die wir gestellt hatten. Vielleicht werden diese durch den Nachdruck des Interviews teilweise beantwortet.

Herr Wittmann, warum halten Sie es für unzulässig, dass Soldaten sich der AfD anschließen?

Wittmann Ich halte es nicht für unzulässig, aber persönlich könnte ich diese Partei nie wählen – allein schon wegen ihres Führungspersonals. Aber der wichtigste Grund ist die Verharmlosung der Verbrechen des Nationalsozialismus. Ich verweise nur auf den Ausspruch von AfD-Chef Alexander Gauland von Hitler und NS-Zeit als „ein Vogelschiss“ in 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte. Das schlägt allem ins Gesicht, was wir in der Bundeswehr an politischer Bildung, Erinnerungskultur und Traditionsrichtlinien pflegen.

Unterwandert die AfD die Bundeswehr?

Wittmann Der CDU-Politiker Friedrich Merz hat jedenfalls nicht ganz unrecht mit seiner Sorge, dass Bundeswehr und Polizei tendenziell an die AfD verloren gehen könnten. Es gibt Anzeichen dafür, dass diese Partei sehr bewusst versucht, Soldaten in die AfD hineinzuziehen.

Welche Anzeichen?

Wittmann In Hannover kandidiert nun der ehemalige Luftwaffen-General Joachim Wundrak als AfD-Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters. Der erste Drei-Sterne-General, der sich öffentlich zu dieser Partei bekannt hat. Es gibt  Berichte, wonach unter den rund 35 000 AfD-Mitgliedern  circa 2000 Berufssoldaten sind – wobei solche Schätzungen nicht überprüfbar sind. Und dann hat die AfD im Bundestag vor Kurzem ein Strategiepapier zur „Streitkraft Bundeswehr“ vorgelegt: Das liest sich zunächst sehr glatt, enthält aber eine Menge sehr problematischer Einzelheiten. Das alles kann man schon Unterwanderung nennen.

Was ist problematisch an dem Strategiepapier?

Wittmann Es enthält einerseits viel Selbstverständliches, es nennt unstrittige Defizite beim Namen. Aber es gibt auch sehr rückwärtsgewandte Passagen. Zum Beispiel die Forderung, die deutsche Armee müsse in der Lage sein, das deutsche Staatsgebiet 20 Tage lang autonom zu verteidigen, wofür ein deutscher Generalstab zu bilden sei. Das lehne ich ab.

In dem Papier fällt ja vor allem die Sprache auf, zum Beispiel die Formulierung, jeder einzelne Soldat müsse zum „unerbittlichen Kampf im Gefecht“ befähigt und motiviert werden.

Wittmann Natürlich muss die Bundeswehr tapfer kämpfen, das ist ja Teil des Diensteids. Aber diese Formulierung, vor allem das Wort „unerbittlich“, erinnert mich an Nazi-Durchhaltebefehle: Es wird Rücksichtslosigkeit eingefordert. Da sehe ich einen Widerspruch zu den Wertvorstellungen der Bundeswehr und auch zum Kriegsvölkerrecht.

Es gibt nun Streit um den Kommandeur Innere Führung, Generalmajor Reinhardt Zudrop. Er soll in einer internen Dienstversammlung gegenüber Untergebenen die AfD als nicht wählbar für Soldaten erklärt haben. Die AfD wittert einen Skandal und fordert seine Suspendierung.

Wittmann Jeder Staatsbürger und damit jeder Soldat hat natürlich das Recht, die Partei zu wählen, die er will. Deswegen gibt es im Dienstrecht die Vorschrift zur Zurückhaltung der Vorgesetzten. Ob dagegen verstoßen wurde, wird nun geprüft. Ich halte es aber grundsätzlich für angemessen, dass man in der Bundeswehr auch sagt, dass man diese Partei nicht wählt und warum – und dass man sich  vor allem auch kritisch mit ihren   Vorstellungen  über die künftige Bundeswehr auseinandersetzt.

Was sollte mit Zudrop geschehen, wenn er tatsächlich das Neutralitätsgebot verletzt hat?

Wittmann Wenn der Kommandeur tatsächlich über das Ziel hinausgeschossen sein sollte, sind ja mehrere Konsequenzen denkbar; auch eine Belehrung oder Ermahnung zum Beispiel. Ich warne vor einer Dramatisierung nach dem Motto: Der General muss weg. Damit wäre die Forderung der AfD erfüllt – und das würde ich für sehr schwerwiegend halten.

Warum ist die AfD attraktiv für Militärangehörige?

Wittmann Die Bundeswehr ist natürlich Abbild der Gesellschaft. Wenn in der Bevölkerung zehn bis 15 Prozent die AfD wählen – warum sollte  das in der Truppe ganz  anders sein?  Zudem ist es soziologisch altbekannt, dass uniformierte Männerbünde wie Bundeswehr oder Polizei eine gewisse Anziehungskraft auf Leute mit Vorliebe für autoritäre Strukturen ausüben. Damit dennoch nicht die Falschen kommen, haben wir sorgfältige Überprüfungen durch den Militärischen Abschirmdienst und klare Konsequenzen bei extremistischen Vorkommnissen.

Im Osten wirbt die AfD für sich mit dem Argument, den Enttäuschten eine Stimme zu geben. Gilt das auch für die Bundeswehr?

Wittmann Es gibt dort natürlich Enttäuschungen über die Defizite und die Langsamkeit, mit der diese  behoben werden: Das Zwei-Prozent-Ziel wird bestritten, Beschaffung und Instandhaltung sind strukturell ineffizient – in der öffentlichen Wahrnehmung: Die U-Boote tauchen nicht, die Panzer fahren nicht, die Flugzeuge fliegen nicht. Zum anderen gibt es Defizite in unserer Diskussion über Sicherheitspolitik; zu wenig Rückhalt im Parlament und zu wenig öffentliches Interesse.

Wie könnte man dem begegnen?

Wittmann Ich werbe zum Beispiel für eine jährliche Grundsatzdebatte  im Bundestag über die Sicherheitspolitik. Bislang ist das allenfalls bei den Mandatsverlängerungen Routine-Thema.

Helfen Freifahrtkarten für Soldaten bei der Bahn?

Wittmann Es mag symbolisch erscheinen, aber wenn damit die Bundeswehr  in der Öffentlichkeit wieder etwas sichtbarer ist und die Soldaten sich  stärker gewürdigt fühlen, ist das sicher nicht schlecht.

Mit General a.D. Klaus Wittmann sprachen Guido Bohsem
und Ellen Hasenkamp

https://www.lr-online.de/nachrichten/politik/interview-mit-klaus-wittmann-_kann-man-schon-unterwanderung-nennen_-39642917.html

Global Review: General Wittmann, Sie haben einen offenen Brief an den ehemaligen 3 -Sternegeneral Wundrak geschrieben, in dem Sie dessen Mitgliedschaft in der und Kandidatur für die  AfD kritisieren. Inzwischen sollen über 20% der Bundeswehrangehörigen AfD wählen, viele Bundeswehrler Mitglied sein,aber was hat Sie konkret bewogen zum jetzigen Zeitpunkt zu agieren? Dass bisher nur niedere Ränge wie Junge oder Pazderski das Problem waren oder dass  nun ein hochrangiger Militär übergelaufen ist? Sehen Sie da wie die ehemalige Verteidigungsministerin von der Leyen ein Haltungsproblem in der Truppe?

Global Review: Wie schätzen Sie denn die AfD selbst ein? Ist dies eine rechtsradikale Partei, eine NPD light, eine parteigewordene Harzburger Front zwischen Nationalkonservativen und Rechtsradikalen? Oder nur eine weitere konservative Partei oder nur eine Protestpartei?

Global Review: Womit erklären Sie sich die AfD-Zugehörigkeit von so vielen Bundeswehrangehörigen? Ist es das Geschichtsbild, das vielzitierte Haltungsproblem und die Hoffnung auf die Rückkehr zu einem Militärstaat nach preußiischen Vorbild und einer Großmachtrolle für Deutschland in der Welt oder mehr die Unzufriedenheit über die kaputtgesparte und desolate Bundeswehr?Sind weitere Erosionserscheinungen in der Truppe wahrscheinlich?

Global Review: Für wie gefährlich halten Sie die Forderung der AfD nach einem „Aufstand der Generäle“? Sind Szenarien wie der Kappputsch oder der Ludendorf/Hitlerputsch zu erwarten, vielleicht auch noch in Verbindung mit rechtsradikalen Massenaufmärschen und -demos vor dem Kanzeleramt oder Bundestag, wie Höcke, Gauland und Meuthen dies gerne würden?

Global Review: Sie haben in ihrem offenen Brief auf das Soldatengesetz verwiesen. Die AfD hat nun den Spieß umgedreht und im Zusammenhang mit dem Chef der Inneren Führung Zudrop, der vor der AfD warnt ebenso auf das Soldatengesetz und die Neutralität von Militärangehörigen hingewiesen. Wie verhält sich das und welche Institution ist zuständig Verletzungen des Soladatengesetzes festzustellen und zu ahnden? Könnte die AfD Klage gegen General Zudrop einreichen und Recht bekommen? Gibt es da Präzedenzfälle oder wäre dies einer?

Global Review: In Ihrem offenen Brief halten Sie viele AfD-Forderungen unter Punkt 3 wie die Wiedereinführung der Wehrpflicht, der Einsatz des Militärs im Inneren, Militärgerichte. u.ä. für entweder illusorisch oder aber für verfassungsmäßig bedenklich. Welcher Staat und welche Rolle des Militärs schwebt der AfD nach Ihrer Meinung nach vor, wenn man das AfD-Programm realisieren würde?

Global Review: Welche Reaktionen gab es auf Ihren offenen Brief von Politik, Medien, Militär im aktiven und nicht mehr aktiven Dienst, bei den Offizieren und an der Basis? Ist das überblickbar? Sind Sie ein Rufer in der Wüste oder warum sind bisher nicht andere offene Briefe gefolgt und hat es keine massenwirksame Diskussion in den Medien darum gegeben?

Global Review: Die Bundeswehr, das britische und das US-Militär hat Pläne in seinen Schubladen wonach bei Klimakatastrophen das Militär der zentrale Krisenmanager wird. Sei es nun in Bezug Katastrophenschutz, sei es in Bezug auf der  Garantie der inneren Ordnung, sei es in der Sicherung der nötigen Infrastrukturen und Bedrohungen im Ausland. Ist unter solch einem Szenario auch eine Art Ökoputsch des Militärs denkbar, weil die politischen und zivilen Stellen nicht ausgerüstet und vorbereitet sind auf solche Szenarien?

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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