Motivationstrainer, das Individuum und der zoon politicon

Einer meiner nächsten Artikel geht über die Psychologie des Individuums und Motivationstrainer. Dazu noch zwei Links aus der Szene, die inhaltlich Quellenstoff liefern und auch in die Gebrauchswert und Tauschwertdiskussionen scheinbar einsteigen. Gibt es linke Motivationstrainer? Oder ist Motivationstraining nicht selbst schon falsch? Hier einmal die Gegendarstellung von Steffen Kirchner, einem mehr alternativen Motivationstrainer, der recht sympathisch und realpolitisch rüberkommt und die Guru-Motivationsmeditaionstrainer einer für seine Sicht recht grundsätzlichen Kritik aussetzt. Steffen Kirchner hat bei aller eigenen kapitalistischen Geschäftsmäßigkeit da noch so etwas wie ethisches Gewissen oder aber das schlechte Image der Guru-Motivationstrainer auf sein Geschäftsmodell haben ihn da zu dieser Gegendarstellung im Sinne der Rettung des eigenen Namens und Geschäfts veranlasst. Vielleicht auch eine Mischung aus beidem.

Gegendarstellung der Coaching-Branche – Reaktion auf Jürgen Höller Doku „Der Motivationstrainer“

Du kannst ALLES schaffen!? Warum Motivationstrainer Dich anlügen

Und ich möchte auch auf den gesellschaftlichen Kontext. Die Motivationstrainer unterscheiden sich in zwei wesentliche Fraktionen: Der Guru-Motivationstrainer, der erzählt, du kannst ales schaffen und nur auf das Ego setzt, das aber über einen Führer und Guru unter eigener Selbstaufgabe gehrochen werden soll, um so vermeintlich sein eigenes Ich zu entdecken und mittles Tschaka und Sinnsprüchen seine vermeintlichen Potentiale explodieren lassen zu können.Die Leute, die zu diesen Gurus gehen sind autoritär und wollen jemanden, der ihnen sagt, wo es lang geht. Ein Führer, ein Messias. Die Selbstaufgabe allen Individuums und Egos zur Opferbreitschaft zugunsten des neuen Messias, der ins gelobte Land führt

Die andere Fraktion der Motivattionstrainer, hat den David Precht gelesen und sein „Wer bin ich und wenn ja wieviele?“. Hier wird nicht vorausgesetzt, dass es einen Guru oder Jesus Christis  gibt, sondern einen Expertendiener, der die Komplexität der individuellen Persönlichkeitsformationen registriert und auf sie eingeht und nicht den Leuten das kleine Einmaleins zur Lösung erzählt, sondern das differenzierte Große Einmaleins wenngleich auch das eine große pluralistische Bandbreite und Spekrum hat und da keiner definieren will, was das Große am Großen Einmaleins sein könnte, weswegen wohl viele Leute lieber das kleine Einmaleins und Gurus oder Führer bevorzugen, die nicht so komplex, pluralistisch und differenziert sein wollen, sondern leicht verständliche Botschaften des Ichs verkünden, die nicht die anstrengende intellektuelle Arbeit der Reflektion und des Nachdenkens oder gar Denkens erfordern, also das eigene Ich.   Hier liegt auch der Unterschied: Die Konsumenten des Aldi-Psychomarkts der Guru-Motivationstrainer bestehen zu einem guten Teil aus hartarbeitenden unteren und den von der Deklassizierung bedrohten Mittelschichten Schichten, die gar nicht die Zeit oder das Wissen haben, um selbst nachzudenken, sondern die Dienstleistung einer einfachen Botschaft, die sie größer macht als sie sind und ihnen einen Führer gibt,konsumieren wollen. Einer, der für sie denkt und sie ideal groß macht.Oder wie Trump sagt: I´m your voice! Natürlich gibt es auch Motivationstrainer von Mittel- und Oberschichten, aber diese sind meist säkularer, selbstbewusster, reflektierender , erfolgreicher, weniger abhängig sind, dass sie ihr Ich nicht abgeben wollen, sondern nur verbessern wollen. Doch auch in der Ober- und Mittelschicht gibt es Guru-affine Menschen, wenngleich nicht so zahlreich. Die Massenhallen, die Kinderprediger von Bolsanaros Evangelikalen in Brasilien füllen und auf die Motativationstechniken von Guru-Motivationstrainern zurückgreifen., zeigen die Ignorierung des Ichs Ausbreitung selbst auf kindliche Schichten, die Messiassen und neuen Erlösern nachlaufen und deren Eltern eben Bolsanaro wählen.

Dennoch betonen beide Sorten von Motivationstrainern die dominante Rolle des Individuums, wenngleich die alternativen Motivationstrainer eingestehen, dass es gesellschaftliche, ökonomische, kulturelle oder sonstige Begrenzungen gibt.Die Guru-Motivationstrainer hingegen verabsolutieren das Ich, das Individuum, den eigenen freien willen sind Libertäre wie Ayn Rand , sind voluntaristisch, Wo ein Willem, da ein Weg, Du kannst alles schaffen, sie zerstören eigentlich jede Form des Individuums durch seine Verabsolutierung und gleichzeitiger Brechung und Aufgabe desselben durch ihre Gurugestalt wie bei der US Army oder Boot Camps. Kapitalismuskritik ist dies bei den sogenannten alternativen Motivationstrainern noch nicht oder auch gar mal ein Appell, sich nicht nur als Ego und alleiniges Individuum zu begreifen und als Einzelkämpfer bestehen zu wollen, sondern sich als zoon politicon gesellschaftlich, politisch und mit anderen Gleichgesinnten zu organisieren. Letzeteres haben die Gurus besser drauf, da diese Sorte Motivationskurs mehr über die Brechung aller Individualität bei offizieller Anbetung dieser funktioniert und dann Fixierung auf Glaubenssätze und Führer.

Interessant ist aber, dass solche Motivationsführer wie Gerd Höller oder Tschka-Bandrethel so erfolgreich snd. Aber interessanter ist, dass die Evangelikalen , die Islamisten und andere neoreligiöse und politische Bewegungen und ihre Führer wie Bolasanaro und Trump samt ihren Evangelikalen, Erdogan, Putin, Xi und andere, genau die Motivationstechniken der kritisierten Branchenführer benutzen und modernisiert haben, dass sie moderate politische Vertreter oder die katholische oder protestantische Establishmentkirche zugunsten der Evangelikalen , sogenannten Freikirchen und Islamisten verdrängen.

Auch ist die Frage: Warum braucht es Motivationstrainer? Fehlt es den Leuten an Motivation? Oft gar nicht, viele meinen auch sich individuell verbessern zu können, weil sie den immer höher werdenden Ansprüchen der kapitalistischen Leistungsgesellschaft, den technologischen Umbrüchen wie der Digitalisierung oder anderer Faktoren meinen durch individuelle Entwicklung und nicht Fortbildung gerecht werden zu können oder schätzen die gesellschaftliche Atmosphäre mit anderen zusammensein zu können–in der Hoffnung auf Gleichgesinnte.

Auch gibt es nicht die Ausbildung zum Motivationstrainer, die meisten sind nicht durch ein Psychotherapeutenstudium oder ähnliches akademisches oder gar wissenschaftliches Studium zu ihrem Beruf gekommen, sondern hatten zuvor Berufe, in denen Zuhören, Empathie, eigene Lebenserfahrung und vieleicht auch eigene Erfolgserfahrung aus dem eigenen Leben, durch das sie sich gut durchgekämpft haben sie dazu bewegt, anderen Menschen vermeintliche Lebenserfahrung zu verkaufen und Motivationstrainer zu werden. Zumal ja das früher übliche Zuhören oder Gespräche bei Ärzten, Pfarrern und ähnlich gestrickten Berufen ja meist von den staatlichen Stellen als unproduktives Geschwätze gekürzt worden ist und gar nicht mehr finanziell honoriert wird oder gesellschaftlich geschätzt. Daher haben Motivationstrainer, Homöopathen und artverwandte Berufe, bei dem es um das bezahlte Zuhören von menschlichen Problemen geht, solch eine Konjunktur. Zwar weiss man um die Wirkung von Zuhören, Gesprächen, menschlicher Zuneigung oder sozialen Kontakten in der sogenannten Schulmedizin, hatte diese dies früher ja auch gekannt, aber diese einfachen psychosoamtischen Wechselwirkungen werden gar nicht mehr heute in der vorherrschenden Medizin praktiziert. Daher wenden sich Leute der Alternativmedizin, Motivationstrainern oder artvberwandten Vertretern ihrer Art zu. Weil da eben zugehört und sich Zeit genommen wird, es zumal oft etwas ins Spirituelle und Wunderheilen und Neoreligiöses hineingeht, desöfteren auch mit dem einen oder anderen guten Lebenstip oder bildungsbürgerlich verwertbaren guten Lebensphilosophiezitaten. Zudem führt auch die zunehmende Einsamkeit und die Lösung sozialer Bindungen und Auflösung gesellschaftlicher Strukturen zu diesem Run.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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