Gesundheitspolitik statt Politik mit Pandemien


von Wolfgang Sachsenröder

Ist Covid-19 ein Wuhan-Virus oder ein China-Virus? Ob der Ursprung der spezielle Markt in Wuhan war, kann man vielleicht noch nicht endgültig beantworten. Wir wissen, daß in Fledermäusen mehr Viren leben als in anderen Wildtieren und daß manche der zahlreichen Arten als lebendes Virenlabor herumflattern, das ständig neue Varianten generieren kann. Die Virologen und Fledermausexperten arbeiten intensiv und international vernetzt an der Aufdeckung der Zuammenhänge, unter anderem gemischte chinesische und amerikanische Wissenschaftlerteams. Mit der exponentiell steigenden Anzahl der Infektionen steigt die Verunsicherung der Bevölkerungen weltweit, denn bei der heutigen globalisierten Interdependenz und dem Massentourismus werden die Viren keine Landesgrenze respektieren.

Politische Kommunikation und Informationspolitik werden insofern in der Pandemie und ihrer Bekämpfung zu einem entscheidenden Faktor, wobei schon jetzt klar wird, daß die nationalen Unterschiede kaum größer sein könnten. Während Taiwan, Korea, Hongkong und Singapur, aber auch das als Ursprungsland kritisierte China, erfolgreicher operieren als die meisten Länder außerhalb Asiens, wird von einigen Politikern das alte „blame game“ gespielt. Mit dem Finger auf andere zu zeigen hat eine lange Tradition, besonders in Europa, aber auch zwischen Europa und den USA.
Die Syphilis wurde erst nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus in Europa bekannt und wütete schon drei Jahre danach epidemisch in Neapel. Sie wurde abwechselnd und je nach nationaler Sichtweise als „italienische Krankheit“ oder „Franzosenkrankheit“ bezeichnet, verbreitete sich aber rasch über ganz Europa und darüber hinaus.


Die „Spanische Grippe“, die 1918/19 weltweit 50 Millionen oder mehr Menschenleben forderte, hatte ihren Ursprung keineswegs in Spanien. Medizinhistoriker halten es inzwischen für erwiesen, daß diese höchst ansteckende Virusgrippe in Haskell County, Kansas, entstanden ist, das in den 1890er Jahren ein Ansturm von Siedlern erlebte, die dort pro Familie 65 Hektar Prärie zugeteilt bekamen und vor allem Rinder, Schweine und Geflügel züchteten. Die offenbar dabei durch mutierende Viren entstandene Pandemie brach dann 1918 in Militärlagern in Kansas aus, wo amerikanische Rekruten auf den Einsatz im Ersten Weltkrieg vorbereitet wurden. Obwohl Tausende erkrankten und viele innerhalb weniger Tage starben, wurden Zehntausende in den Krieg in Europa geschickt und verbreiteten das Virus. Um den innenpolitisch kontroversen Kriegseintritt der USA nicht zu gefährden wurde die Presse massiv zensiert und mit Strafen von bis zu zwanzig Jahren Gefängnis bedroht. In Frankreich und England wurden Berichte über die Grippe ähnlich unterdrückt, aber nicht so in Spanien, das nicht am Krieg beteiligt war. Das führte dann absurderweise zur Verbreitung der Bezeichnung „Spanische Grippe“, eine rein politisch motivierte und generierte Fehlbezeichnung.


Das „Fingerzeigen“ ging allerdings noch weit darüber hinaus. Der deutsche Kriegsgegner und seine in den USA wohlbekannte pharmazeutische Industrie, Bayers Spitzenprodukte Aspirin und das ebenfalls in Amerika sehr erfolgreiche Husten- und Beruhigungsmittel Heroin, das erst intravenös so gefährlich wurde, legten es nahe, daß die „Hunnen“ auch die Grippe-Epidemie verursacht haben könnten. Im September 1918 verkündete der Sanitätsoffizier Philip Doane offiziell, daß die Deutschen in Europa Epidemien ausgelöst hätten und es deshalb keinen Grund zur Annahme gäbe, daß sie mit den USA „schonender“ umgehen würden.

Ähnlich diskriminierend für einzelne Länder wurden inzwischen mehrere andere ansteckende Krankheiten bezeichnet. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Globalisierung bereits durch die Dampfschiffahrt erheblich fortgeschritten war, nannte man eine Cholera-Epidemie, die im indischen Ganges-Delta entstanden war, „Asiatische Cholera“. Eine praktische Folge war unter anderem, daß Mekkapilger aus Süd- und Südostasien strengeren Quarantänebestimmungen unterworfen wurden als die „hygienischeren“ Europäer auf den gleichen Reiserouten. Hantavirus und Ebolavirus wurden nach den gleichnamigen Flüssen in Korea und der Demokratischen Republik Kongo benannt, nachdem sie von westlichen Wissenschaftlern identifiziert worden waren.

Natürlich hätten sie auch an allen möglichen anderen Stellen auf dieser Welt entstehen können. Insofern ist die Entscheidung der WHO sehr positiv zu sehen, Covid-19 ortsunabhängig zu benennen, auch wenn das dem amerikanischen Präsidenten nicht in seinen Handelskrieg mit China passt. Es bleibt zu hoffen, daß sich Politiker, die praktisch ausnahmslos keine medizinischen Experten sind, selbst wenn sie Gesundheitsministerien leiten, auf ihre politische Kernaufgabe konzentrieren, nämlich über die medizinisch und politisch gebotenen Maßnahmen zu entscheiden. Dazu gehört die ehrliche Kommunikation aller wichtigen Informationen für die verunsicherte Bevölkerung und die Bekämpfung von Gerüchten und objektiv falschen Informationen. Beschwichtigung gehört dazu mit Sicherheit nicht.

Singapur, den 20. März 2020

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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