Coronakrise: Gesellschaftliche Akzeptanz von Toten versus Wohlstandsmaterialismus

In Folge der Coronakrise wird in den meisten Ländern entsprechend der WHO-Empfehlungen eine Ausgangssperre verschiedener Intensität verhängt, wobei Schweden da noch die Ausnahme bildet, Trump in dieser Richtung nur Empfehlungen ausspricht und es den Gouverneuren der jeweiligen Bundesländer überlaässt, wie sie handeln oder Bolsonaro und seine evangelikale Wählerbasis da auch sogar eine Kampagne für ein Leben wie bisher starteten, die von brasilianischen Gerichtshof als illegal erklärt wurde, zudem etliche Gouveneure, allen voran dem in Rio de Janeiro und die Drogenkartelle in den Favelas eine Ausgangssperre durchsetzten. Während China im wesentlichen die Provinz Hubei abriegelte und speziell die Stadt Wuhan, so wird dies nun wieder gelockert und die Produktion hochgefahren. Dennoch erklärte die chinesische Regierung gestern, dass doch noch die Gefahr einer zweiten Infektionswelle bestehe. Indien wiederum hat eine Ausgangssperre über das ganze Land und alle 1.3 Milliarden Inder verhängt und die Hundertmillionen Arbeitsmigranten und Tagelöhner tummeln sich nun an den Bushaltestellen und Bahnhöfen, um nach Hause zurückzukehren, was ideal für eine Masseninfektion von Covid 19 ist und die eigenen Maßnahmen fast konterkariert. Die Türkei isloiert vor allem die älteren Mneschen über 65 Jahre und empfiehlt dem Rest recht unverbindlcih eine Ausgangssperre, die aber nicht eingehalten werden muss.

Die Ausgangssperrung betrifft auch viele, ja fast alle Wirtschaftsszweige und der IWF verkündet schon, dass die Weltwirtschaft in eine Rezession gekommen ist, die sich je nach Länge der Ausgangssperre weiter vertiefen werde. Staat und Zentralbanken helfen  da vorerst mit Rettungsschirmen, Konjunkturprogrammen, Wirtschaftshilfen, Kurzarbeitergeld, Konsumgutscheinen, Steuersenkungen- und befreiungen, Mietaussetzungen,etc. mittels immenser Verschuldung, um ein Abgleiten breiter Massen in die Armut zu verhindern. In den industrialisierten Staaten und den emerging economies steht der bisher erreichte Wohlstand auf dem Spiel. Zumal sich hier auch eine enorme gesellschaftliche Umverteilung von Reichtum, wie auch eine Depression und Finanzkrise infolge einbrechender Witrschaftsaktivität, Pleitewellen, Massenarbeitslosigkeit und Verschuldung einstellen kann und wahrscheinlich auch wird. Von ökonomisch schwächeren Ländern einmal ganz abgesehen, wo dies zum Staatsbankrott bis zum Staatszerfall und weiteren failed state und Massensterben und Massenelend führen kann.

Der Druck seitens der Wirtschaft, etlicher Lobbygruppen, Teilen der Bevölkerung und auch seitens einiger Politiker schnellstmöglich wieder zum Normalzustand eines gewohnten wirtschaftlichen Lebens zurückzukehren steigt mit weiterer Länge der Ausgangssperre und der Antiseuchenmassnahmen.Trump hat nun erklärt, dass er mit 100 000 Toten rechne und mit einem Rückkehr zur Normalität bis zum Juni. Kritiker bezweifeln die Totenzahlen, meinen, er unterschätze das Ausmaß der Gesundheitskrise, rechnen eher mit 500 000 bis zu 2 Millionen Toten.

Hier werden also zwei Dinge abgewägt: Die gesellschaftliche Akzeptanz von Toten und der materielle Wohlstand, sowie die geopolitische wirtschaftliche Stellung der jeweiligen Wirtschaftsmacht. Trump als neomerkantiler Geschäftsmann legt da offensichtlich Wert auf letzteres. Die Frage ist, inwieweit eine geselsellschaftliche Aktzeptanz für Totenzahlen vorhanden ist. In Deutschland regen sich ja viele schon über 3000 Verkehrstote oder in den USA über die 3000 Toten des Twin Towers an 9-11, sind dafür bereit, drakonische Sicherheitsvorkehrungen bis hin zu Kriegen zu führen. Während etwa die jährlichen 50 000 Toten infolge von Schusswaffengebrauch in den USA als Normalzustand und Ausdruck eines Verfassungspatriotismus gesehen werden, die jedem das Recht auf das Tragen von Schusswaffen garantiert. Umgekehrt werden angeblich 500 000 Tote infolge von Rauchen als normal angesehen, wenngleich man doch die Tabaksteuern erhöht und Warnbildchen auf die Zigartetenpackungen druckt, wie umgekehrt die Umwelthilfe behauptet, es gebe 500 000 Tote durch Feinstaub und für großflächige Dieselverbote eintritt.

Man sieht also an den Beispielen,: Es kommt zum einen auf den Bereich an, der Totenzahlen produziert, also eine mehr subjektive gesellschaftliche Akzeptanz. Massensterben aufgrund von Pandemien erschien ein Problem,mit dem westliche Gesellschaften seit der Spanischen Grippe nicht mehr sonderlich konfrontiert wurden, wie dies nun mit dem Covid 19 ertsmals, zumal in globalen Ausmaß der Fall ist. Zwischen Coronaleugnern und Coronapessimisten gibt es ein breites Spektrum an Meinungen und Statsitiken ,die auch aufggrund der damals von der WHO ausgerufnenen Horroszenarien bei der Schweinegrippe, die niemals eintraten, Zweifel haben. Ein gewisser Grundkonsens scheint jedoch zu bestehen, dass Civid 19 ernster zu nehmen ist, über Verlauf der Seuche und die Totenzahlen schwanken die Schätzungen.

Trump schätzt, dass Covid 19 nicht so rabiat ist, es zu 100 000 Toten kommt und die Krise bis Juni ausgestanden ist. Kritiker halten dies für eine gnadenlsoe Unterschätzung des Ausmasses der Krise. Doch Trump kalkuliert auch den Materialismus, Hedonismus, Sozialdarwinsismus, Egoismus und den Konsumismus   breiter Teile der Bevölkerung ein. Denn man nehme einmal an, in den USA käme es zu 2 Millionen Toten, so könnte doch dadurch, dass die Wirtschaft wieder in Gang ist, der Wohlstand mit Ausnahme des 2 Billionen $- Verschuldungsprogramms gehalten werden kann, die USA wirtschaftlich nicht weiter absteigen und sich nicht wirtschaftlich nachhaltig schwächen und selbst ruinieren, ja ageopolitisch relativ besser als alle anderen Nationen herauskommen und dastehen, America wieder great again werden. So Trumps Kalkül und das seiner Unterstützer.

Zwar werden ihm Kritiker den Vorwurf machen, dass er billigend 2 Millionen Tote in Kauf genommen hat, doch die Frage ist ob solche moralischen Bedenken und die gesellschaftliche Akzeptanz da nicht verschoben werden. Zum einen  würden die Angehörigen der 2 Millionen Titen vielleicht zu seinen erklärten Gegnern werden, aber das wären eventuell  6 Millionen Wähler. Viele Teile der Bevölkerung könnten dies aber billigend in Kauf nehmen, nach dem Motto: Hurrah, wir leben noch und besser als der Rest der Welt, die Toten auch schon schnell wieder vergessen, zumal ebenso noch die Möglichkeit besteht mittels innenpolitischer oder außenpolitischer Manöver Patriotismus zu entfachen, der von den Toten ablenkt und eine neue Gefahr ins Auge nimmt. Vielleicht hofft er, dass er die Stimmung gegen das „chinesische Virus“ aufheizen, China für die Toten und Leiden in den USA verantwortlich machen und sich durch Handelskrieg oder andere Maßnahmen gegen China rächen kann.

Sozialdarwinisten hätten zudem nichts dagegen, wenn durch den Tod ärmerer Schichten, die nicht so Zugang zum Gesundheitssystem haben oder älterer Rentner mit Vorerkrankungen die Pensions- und Sozialsysteme nachhaltig entlastet würden, Überalterung vorgebeugt würde, im internationalem Rahmen sogar der Überbevölkerung.Und die Frage ist, ob solche Denkweisen nur auf Trump und seine Wähler und die USA beschränkt sind oder nicht ebenso in anderen Gesellschaften der Welt. Trump könnte sogar mit seiner Tour durchkommen. Aber vielleicht auch nicht. Schwer einzuschätzen.Aber wie Söder richtig sagte: Die Coronakrise ist auch ein „Charaktertest“.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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