Die Geschichte der russischen Exilorganisation NTS, Gleb Rahrs, die Rolle der Religion in Russland und Russlands Rolle in der Covidkrise – ein Interview mit Alexander Rahr

Global Review hatte die Gelegenheit mit dem Politikwissenschaftler Alexander Rahr ein Interview über Rußland, seinen Vater Gleb Rahr und dessen russische Exilorganisation NTS sowie die Rolle der Religion in Russland und der Rolle Russlands in der Covidkrise zu führen.

Alexander Rahr ist international angesehener Politikwissenschaftler, Politik- und Unternehmensberater, Publizist und  Buchautor.Die wichtigsten Lebensdaten:

Geboren am 2. März 1959 in Taipeh/Taiwan, verheiratet, zwei Kinder.

Aufgewachsen in Tokio, Eschborn im Taunus, München. Lebt seit 1999 in Berlin.

1980 – 88 Studium an der Ludwig–Maximilian-Universität München (Geschichte, Slawistik, Politik)
1977 – 90 Projektmitarbeiter, Bundesinstitut für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien, Köln

1982 – 94 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut von Radio Free Europe/Radio Liberty, München

1989 – 91 Forschungsaufenthalte in RAND Corporation (USA), Sowjetparlament (UdSSR), East-West Institute (USA)

1994 – 12 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Programmdirektor Russland/Eurasien-Zentrum (Berthold-Beitz Zentrum) am Forschungsinstitut der DGAP, Bonn/Berlin

2012 –  Projektleiter (Chefredakteur Russlandkontrovers.de) beim Deutsch-Russischen Forum, Berlin

2012 – 15   Senior Advisor Russia, Wintershall Holding, Kassel

2015 –   Senior Advisor, Gazprom Brussels (Berater für Deutschland und EU-Angelegenheiten)

Mitbegründer des Petersburger Dialogs, Valdai-Klubs, Yalta European Strategy, Berliner Eurasischer Klub, Verbands der Russischen Wirtschaft in Deutschland

Träger des Bundesverdienstkreuzes

Ehrenprofessor an der Moskauer Diplomatenhochschule MGIMO

Ehrenprofessor an der Moskauer Hochschule für Ökonomie

Global Review: Prof. Rahr, könnten Sie uns den wesentlichen biographischen und weltanschaulichen  Background Ihres Vater Gleb Rahr und den Beziehungen zu sich und Ihrer Familie geben?

Prof. Rahr: Das wohl einschneidendste Ereignis im Leben meines Vaters war seine Befreiung aus dem Konzentrationslager Dachau durch amerikanische Truppen vor genau 75 Jahren. Ein Jahr zuvor war Gleb Rahr von der Gestapo verhaftet worden, weil bei ihm anti-nationalsozialistische Flugblätter gefunden wurden. Mein Vater gehörte damals mit 24 Jahren der russischen Emigrantenorganisation NTS (Bund Russischer “Solidaristen“) an, die sowohl gegen den Nationalsozialismus als auch den Kommunismus gleichermaßen agitierte, wenngleich ohne großen Erfolg. Die Organisation NTS wurde von Hitler verboten. Ich hoffe sehr, dass ich trotz Corona-Krise, zu den Feierlichkeiten Ende April oder Anfang Mai nach Dachau kommen kann. Neben dem Gelände des ehemaligen KZ steht heute eine orthodoxe Kapelle, die mein Vater in den 1990er Jahren, noch vor seinem Ableben im Jahre 2006, mit aufbauen konnte. Sie erinnert an die Schrecken des KZ, die Ermordeten und Überlebenden. In seinen Memoiren, die wir nach seinem Tode veröffentlicht haben, beschreibt mein Vater eine rührende Szene. Das KZ Dachau wurde genau zum Osterfest 1945 befreit. Häftlinge, die noch auf den Beinen stehen konnten, schleppten sich zu einem spontan ausgerichteten Ostergottesdienst auf dem Gelände des KZ, den inhaftierte Athos-Mönchspriester zelebrierten. Niemals danach hatte mein Vater, der sich als gläubiger Christ sein späteres Leben lang mit der orthodoxen Kirche identifizierte, eine solch hinreissende Messe miterleben dürfen. 

Mein Vater wurde 1922 in Moskau in einer Kaufmannsfamilie geboren. Sein Vater konnte sich mit der Oktoberrevolution nicht anfreunden und ging 1924, als es noch möglich war, ins Exil. Gleb Rahr wuchs in Lettland auf, ging dort auf eine deutsche Schule. Nach dem Einmarsch der Roten Armee ins Baltikum, verließen die Rahrs mit dem letzten Ausreiseschiff 1940 ihre zweite Heimat und emigrierten nach Deutschland. Nach dem Krieg arbeitete mein Vater als Journalist und Aktivist bis 1974 für die Emigrantenorganisation NTS, lebte 5 Jahre lang in Taiwan und Japan, wo er russischsprachige Radiosendungen – die hinter den Eisernen Vorhang in die Sowjetunion gesendet wurden – produzierte. So kam es, dass ich 1959 in Taipeh geboren wurde. Zurück in Deutschland, publizierte Gleb Rahr ein Buch über die Kirchenverfolgung in der Sowjetunion, hielt Vorträge an amerikanischen Universitäten in Wiesbaden und Heidelberg, machte sich vor allem als Kirchenhistoriker einen Namen. Anfang der 1970er war er einer der beiden Gründungsväter der renommierten Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGVM) in Frankfurt. Von 1974 an arbeitete er dann als Redakteur für den US-Sender Radio Freies Europa in München. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991, durfte Gleb Rahr nach 50 Jahren wieder nach Russland zurück. Dort engagierte er sich erfolgreich für die Wiedervereinigung der Russischen Orthodoxen Kirche und der Russischen Auslandskirche, die 2007 erfolgte. Er kannte sowohl den alten, als auch den gegenwärtigen Patriarchen sehr gut. 2001 erhielt er die russische Staatsbürgerschaft, die seiner Familie 1924 aberkannt worden war, von Präsident Putin zurück. Mein Vater ist auf dem russischen Friedhof in Berlin-Tegel beigesetzt worden. 

Global Review: Ihr Vater Gleb Rahr war Mitglied der russischen Exilorganisation  NTS – Bund Russischer Solidaristen. Welche politische Positionen hatte die Gruppe, welches neue Russland stellte man sich und ihr Vater bei einem Sturz des sowjetischen Kommunismus vor. War dies eine Dachorganisation verschiedner Gruppen mit ienme Minimalprogramm oder eine eigenständige Organisation mit einem Maximalprogramm?Betrachtet man sich die russischen Exilanten,so war doch die Bandbreite von Faschisten über monarchistische Konservative wund Mystiker wie Solschenyzin,zu Trotzkisten und linker Opposition bis hin später zu solchen Demokraten wie Lew Kopelew. Welche politischen Positionen hatte da der NTS und was bedeutete sein „Solidarismus“? War damit ein Kooprporatismus wie bei Mussolini gemeint?

Prof. Rahr: Richtig ist, dass mein Vater sich bei NTS, dem Bund Russischer Solidaristen, engagierte und dort lange Jahre Einkommen bezog. Doch er gehörte nicht zum Führungsstab, auch nicht zu den Ideologen dieser politischen Organisation. NTS wurde von Söhnen und Töchtern der Weissgardisten Anfang der 1930er Jahre gegründet, die nach dem gegen die Roten verlorenen Bürgerkrieg, Russland für immer verlassen mussten. Zirka 2 Millionen „Weiße“ verließen Anfang der 1920er Jahre ihre russische Heimat und siedelten sich als Flüchtlinge und Asylsuchende in Europa an. Viele der Migranten assimilierten sich im Westen, doch viele blieben im antikommunistischen Widerstand in Frankreich und Deutschland aktiv. Die Kinder der Weissgardisten – die Generation meiner Eltern – waren größtenteils schon von westlichen Ideen geprägt. Mit dem Monarchismus der alten Weissgardisten, die dem Zaristischen Reich nachtrauerten, konnte NTS nichts anfangen. Der Begriff des Solidarismus wurde aus der katholischen Soziallehre des Theologen Oswald von Nell-Breuning (1890-1991) entnommen. Die Gründer von NTS wollten eine Politik, die alle Schichten einer Gesellschaft solidarisiert. Es war ein Versuch, rechte und linke Ideen miteinander zu verknüpfen, Kapitalismus und Sozialismus auf der Ebene höherer menschlicher Werte miteinander zu versöhnen. 

Ziel von NTS war es immer gewesen, das kommunistische System in der Sowjetunion zu stürzen und durch ein demokratisches zu ersetzen. Allerdings sprach sich NTS stets gegen die Auflösung der Sowjetunion in Nationalstaaten aus. Die UdSSR sollte durch einen demokratischen Völkerbund ersetzt werden. NTS sprach sich für eine freie Wirtschaftsordnung und die Abschaffung der Planwirtschaft aus. Die künftige Regierung sollte durch freie Wahlen legitimiert werden. NTS plante, sich als Partei bei den künftigen Wahlen in einem postkommunistischen Russland zu beteiligen. Der Nobelpreisträger Alexander Solschenitsyn sympathisierte mit dem Bund Russischer Solidaristen. Die Dissidentenbewegung in der Sowjetunion erachtete NTS dagegen als zu rechtskonservativ und zu wenig liberal. 

Als die Sowjetunion 1991 zerbrach, waren die Führungskader von NTS schon zu alt, um im neuen Russland eine politische Rolle spielen zu können. Ihnen fehlten auch die Geldmittel für politische Kampagnen, auch existierten keine politischen Kontakte nach Russland. Der Eiserne Vorhang blieb nicht folgenlos. Außerdem war NTS den meisten Russen unbekannt. Die Organisation war ja in der UdSSR verboten gewesen, der KGB bekämpfte NTS auch im Westen. Bombenanschläge gegen Emigrantenbüros, Vergiftungen, Morde – darüber kann man in der einschlägigen Literatur alles nachlesen. Einzelne Personen, wie Gleb Rahr, Schafften es, sich mit den neuen Eliten in Russland anzufreunden, wurden mit offenen Armen empfangen, errichteten sich neue politische Existenzgrundlagen im neuen Russland. Aber anders als im Nachkriegsdeutschland, wo politische Emigranten wie Willy Brandt als Helden in ihre von der Nazi-Herrschaft befreiten Heimat zurückkehrten, blieben die meisten russischen Emigranten im Russland nach dem Kommunismus Fremdkörper. Aber viele der Ideen von NTS wurden von den russischen Demokraten übernommen

Global Review: Mit welchen Mitteln wollte der NTS den Sowjetkommunismus besiegen? Scheinbar betrachtete man ja auch Hitler als Verbündeten, doch während die Wehrmacht und Nationalkonservativen für eine russische Exilorganistaion, die künftige Regierung eines freien Russlands werden würde, Sympathien hatte, so sah doch Hitlers diese als slawische Untermenschen.Hat der NTS da nicht oft auf die falschen Kräfte gesetzt?

Prof. Rahr: NTS hat niemals mit Hitler zusammengearbeitet, die Aktivisten von NTS saßen in Gefängnissen oder KZ. Es stimmt, dass einige Führer der Wehrmacht auf die sogenannte Russische Befreiungsarmee unter dem Kommando von General Andrei Vlasov setzten. Dieser General wurde von der Wehrmacht bei Moskau gefangengenommen. In der deutschen Gefangenschaft hegte er den Wunsch, eine Armee aus sowjetischen Überläufern und Kriegsgefangenen aufzustellen, die an der Ostfront gegen die Rote Armee kämpfen sollte, mit dem Ziel, Russland vom Bolschewismus zu befreien. Einige alte Exilrussen sympathisierten mit der Vlasov-Bewegung. Aber die breite Masse der russischen Emigranten verstand nur zu gut, dass Hitler die Russen als Untermenschen betrachtete. Hitler selbst wollte im Krieg gegen Stalin keine Fremdhilfe entgegennehmen. Letztendlich war es selbsttrügerisch von Vlasov und anderen Deserteuren anzunehmen, dass Hitler nach dem Niederringen der Sowjetunion ein freies, selbstständiges Russland akzeptieren würde. Vielmehr plante Hitler die slawischen Völker allesamt zu versklaven und Deutschland einen „Lebensraum“ im Osten zu beschaffen. Der NTS verstand von Anfang an, dass Hitlers Feldzug gegen die Sowjetunion ein Kolonialkrieg war. Wenn es seitens von Exilrussen zunächst Hoffnungen gab, das russische Volk gegen Stalin aufzuwiegeln, wurden solche Überlegungen durch die Schlacht von Stalingrad und die Belagerung von Leningrad eines Besseren belehrt. 1942 war klar, dass die sowjetischen Völker nicht für den Bolschewismus kämpften, sondern für ihr Vaterland.

Global Review:  War der NTS nur gegen den Kommunismus in der Sowjetunion oder sah er seine Aufgabe gegen den Kommunimsus weltweit? Ihr Vater war ja bei Radio Free Liberty in München und dann in Taiwan? War der NTS Mitglied der World Anti-Communist League, die ja eben in Taiwan gegründet wurde und  es heute noch unter dem neuen Namen World League for Freedom and Democracy gibt, der immer noch Mitglieder aus 100 Staaten angehören und die ihren Hauptsitz immer noch in Taiwan hat?Sehr viele Mitglieder waren aber Militärdikatoren, rechtsradikale Politker , die dort immer noch ihr weltweites Netzwerk unterhalten und gegen autoritäre Staaten wie Putin-Russland, die KP China, Kuba, Venezuela,etc. agieren? Gibt es den NTS noch, hat er sich aufgelöst oder haben Netzwerke von ihm überlebt?

Prof. Rahr: Der NTS wollte natürlich Teil einer breiten anti-kommunistischen Front sein. Zumal solche Bewegungen auch aus den USA und Großbritannien große finanzielle Zuwendungen erhielten. Russische Exilorganisationen sahen natürlich im Kommunismus eine existentielle Gefahr für die Welt. Deshalb kämpften Exilrussen an der Seite Francos im Spanischen Bürgerkrieg. Es herrschte Kalter Krieg und überall überwog das Schwarz-Weiß Denken. Und die Westmächte mit ihren Geheimdiensten setzten naturgemäß auf Exilgruppen, wie auf Kubanische Oppositionelle in der missglückten Schweinebuchtoperation. Der NTS glaubte, durch den Sturz der Kommunisten in Moskau die gesamte Welt von der Idee des Kommunismus befreien zu können. Er war aber sehr naiv zu glauben, dass die Amerikaner im Falle eines Zerfalls des Kommunismus in Moskau, eine NTS-Regierung, die für einen starken nationaldemokratischen russischen Staat eintrat, akzeptieren würden. 

Dass, was keine Macht der Welt damals vermochte, gelang in den 1980er Jahren Michail Gorbatschow. Er wurde – wenn auch unwissentlich – zum Totengräber des Kommunismus weltweit. Was NTS angeht, so haben mein Vater und seine Mitstreiter in den 1960er Jahren auf der Welt, ob in Taiwan oder Lateinamerika, Regierungen beraten, wie der Kampf gegen den Kommunismus organisiert werden könnte. Er war oft auf „Missionen“ unterwegs, von denen er noch nicht einmal meiner Mutter erzählen durfte. Aber mein Vater sah bald die Sinnlosigkeit des Unterfangens ein und konzentrierte sich auf Kirchenfragen. Die Rückkehr Russlands zum Glauben erschien ihm zusehends wichtiger, als der sture Kampf gegen ein kommunistisches System, das sich seit den 1970er Jahren immer weiter abstumpfte. Nach dem Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan, versuchte sich der NTS von Pakistan aus im Partisanenkrieg zu engagieren, von den Mudschahedin gefangengenommene sowjetische Soldaten in den Westen zu holen. Ich denke, dass diejenigen, die das versuchten, damit sich und den armen Soldaten keinen Gefallen getan haben. 

Global Review: Wenn Sie die Entwicklung Russlands nach dem Sturz des Kommunismus unter Jelzin und Putin sehen, inwieweit würde dieses Russland Gefallen beim NTS oder Ihrem Vater finden? Und welche Rolle spielte der NTS beim Sturz des Sowjetkommunimsmus und danch?

Prof. Rahr: In meinem Roman „2054: Putin decodiert“ lasse ich viele Stimmen aus der Vergangenheit sprechen. Ich finde, die Geschichte des „Exilrusslands“, die sich fern ab von der Sowjetunion abspielte, sollte künftigen Generationen nicht vorenthalten bleiben. Gute Frage – ob der NTS das Russland Jelzins oder das von Putin bevorzugt hätte. Der Klarheit willen, führe ich immer die Positionen zweiter großer russischer Denker des 20 Jahrhunderts an: auf der einen Seite des Nobelpreisträgers und Regimekritikers Andrei Sacharov, auf der anderen – Solschenitsyns. Für beide – Sacharov und Solschenitsyn – musste das kommunistische System in Russland verschwinden. Für Sacharov spielten dabei Freiheit, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit die dominierende Rolle. Für Solschenitsyn stand der Gedanke des Nationalstaates an erster Stelle – der Kommunismus war der Feind, nicht der starke Staat. Ich erinnere mich zahlreicher Diskussionen in den Emigrantenzirkeln. Frisch aus der UdSSR emigrierte Regimekritiker wollten, dass Russland alternativlos Teil des demokratischen Westens wird. So wollte es Jelzin in den 1990er Jahren auch. Im NTS wollte man den Zerfall des einheitlichen Staates unterbinden, Russland wurde als eigenständige Zivilisation angesehen, die um jeden Preis erhalten werden sollte. Andere Nationen sollten zum Bleiben im russischen Vielvölkerstaat überredet werden. Ehrlich gesagt, ich glaube, dass NTS heute aus patriotischen Gründen Putin näher stehen würde.

Global Review:   Ihr Vater war ein sehr religiöser Mensch, der die Sowjetunion wohl auch wegen ihres Atheismuses ablehnte. Welche Rolle spielte die Religion bei ihrem Vater und dem NTS in ihrer Weltanschauung? Wollten sie ein klerikalfaschistisches Russland (Modell Franco-Spanien), ein klerikal-autoritäres Russland, ein wertekonservatives Russland? Gab es auch mehr säkulare oder laizistische Exilorganisationen? WIe war das Verhältnis Religion und russiche Identität, auch in Richtung der Frag, ob Russland eine europäische oder asiatische Macht ist? Und wie sieht es heute unter Putin aus? Die Auseinandersetzungen um Pussy Riot in der orthodoxen Kirche, die die enge Verbindung von Putin mit der Religion kritisierten wurden ja im Westen als recht zentral herausgestellt, auch in Fragen Religion und Homophobie, Frauenrechten und Säkularismus? Welches Verhältnis hat Putin und die russisschen Eliten wie auch die Bevölkerung zur Religion? Sind die Russen ein religiöses Volk oder hat der Atheismus und strenge Säkularismus der Sowjetunion seine Nachfolgen gehabt?

Prof. Rahr: Es stimmt sicherlich, dass die Mehrzahl der russischen Emigranten die Sowjetunion auch wegen des Atheismus‘ und der Kirchenverfolgung abgelehnt hat. Der Kampf Lenins gegen die Religion, der zentraler Bestandteil der Oktoberrevolution war, war für sie das Böse schlechthin. Beim NTS spielte die Religion als Weltanschauung keine Rolle. NTS trat ein für einen laizistischen Staat. Der orthodoxen Kirche wurde aber eine zentrale Rolle bei der künftigen moralischen Erneuerung des russischen Volkes nach dem Ende des Kommunismus zugeschrieben. Vielen zaristischen, erzkonservativen Weissgardisten in der Emigration war NTS zuwider. Sie mögen klarikalfaschistisch gedacht haben, aber man darf nicht vergessen: für diese Menschen bleib die orthodoxe Kirche und Glaube, den sie von ihren Vorfahren geerbt hatten, die einzige große Stütze im Leben, vermutlich auch in der Politik. Sie konnten sich ein neues Russland ohne Wiederherstellung der Monarchie und Macht der Kirche nicht vorstellen. Für meinen religiösen Vater, der im Westen erzogen wurde, war Russland im christlich-byzantinischen Erbe eingebettet, er sah den Unterschied in der Ost- und Westkirche, fand ihn historisch legitimiert und keineswegs verwerflich. Auch er dachte, dass nur die orthodoxe Kirche den Menschen nach dem Kommunismus die richtigen Werte vermitteln könnte, wobei er aber eine demokratische Verfassung für Russland als ebenso wichtig begriff. Die Diskussion, ob Russland eine asiatische oder europäische Macht sei, sind seit Ewigkeit bekannt. Auch in der Emigration wurden sie weitergeführt und auf das kommende, anti-kommunistische Russland übertragen. Das Denken Putins ist mir, der in dieser Gedankenwelt gross geworden ist, nicht unbekannt. Putin ist wertekonservativ, sieht Russland als ein anderes Europa, in dem andere Traditionen und Werte hochgehalten werden. Es stimmt nicht, dass Putin die Russen im 21. Jahrhundert vom „richtigen Weg“ in den liberalen Westen angebracht habe. Das Gegenteil ist der Fall. Putin wollte, als er an die Macht kam, ein Bündnis mit dem Westen, wenngleich nicht auf gemeinsamen Werten basierenden, sondern auf Interessen. Das ist nicht zustande gekommen, und es ist müßig darüber zu streiten, wessen Schuld es war. Putin hat sich nach der mehrheitlichen Meinung seiner Bevölkerung gerichtet, und diese ist in der Masse sehr wertekonservativ. Gegen die eigene Bevölkerung kann Putin nicht regieren. In Wirklichkeit ist er liberaler, als 80 Prozent der Russen. Das mag man im Westen nicht glauben, aber trotzdem stimmt es. 

Global Review: Der Antijudaismus der russisch-orthodoxen Kirche und der Antisemitismus des Zarenhauses gingen ja eine unheilige Allianz ein. Die russisch-orthodoxe Kirche btrtachtete das Judentum wie das westliche Christentum und den Islam als feindliche Religionen und der zaristische Geheimdienst verfasste die erste moderne antisemitische Schrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“, in der behauptet wurde, dass die französische Revolution eine Verschwörung von Juden gewesen sei.Zaristen und Kirche waren ja antidemokratisch, antiauflärerisch und antiliberal. Das zaristische Russland war auch berühmt-berüchtigt für seine Judenpogrome, weshalb der US-jüdische Bankier Jacob Schiff dem zaritschen Russland einen Kriegskredit verweigeret und diesem dem feindlichen Japan gab, das dann 1905 im russisch-japanischen Krieg als erste asiatische Macht eine westliche Macht besiegte.Russische Antisemiten sahen sich daher bestätigt in ihrer jüdischen Weltverschwörungstheorie, sahen dann auch die Obktoberrevolution als Verschwörung von Juden, ja die jüdisch-stämmigen Atheisten wie Trotzki und Sinojew in der bolschwistischen Führung bestärkten sie in dieser Ansicht. Den russischen rechten Exilorganisationen, auch dem NTS wurden ja auch antisemitische, zumindestens antijudaistische Tendenzen nachgesagt.Wie verbreitet war der Antihudaismus und Antisemitismus in den Exilorganisationen und wie weit sind diese dann nach dem Fall des Kommunismus in Russland unter Jelzin und Putin immer noch verbreitet?

Prof. Rahr: Wir leben, Gott sei Dank, in einer aufgeklärten liberalen Welt und nicht mehr im Mittelalter. Wir haben Rassismus, Xenophobie und Antisemitismus mehr oder weniger überwunden, vor allem durch die Katastrophen des Zweiten Weltkrieges. Die Welt ist von den Gräueln des Holocaust für immer aufgeschreckt worden. Mir sind in Emigrantenorganisationen nach dem Krieg keine Fälle von Antisemitismus bekannt. Vor dem Zweiten Weltkrieg herrschte noch Antisemitismus in vielen europäischen Ländern. Es stimmt, dass sich unter den Emigranten aus dem zaristischen Russland Antisemiten befanden. Für sie gab es keinen Zweifel, dass die Oktoberrevolution das Werk jüdischer Extremisten und Regimegegner war. Sie wiesen darauf hin, dass die Mehrzahl der Mitglieder der bolschewistischen Führung Männer und Frauen mit jüdischen Namen waren. Historiker haben später festgestellt, dass nicht nur Juden, sondern auch andere Minderheiten die Oktoberrevolution aus Eigeninteressen unterstützt haben. Im zaristischen Russland waren ihnen Aufstiegschancen oft verwehrt. Stalin war beispielsweise Georgier. Viele Vertreter von Minderheiten machten Karriere unter den Bolschewiki, beteiligten sich an Repressionen. Es stimmt auch, dass die zaristische Geheimpolizei hinter dem ominösen, konspirativen „Protokoll der Weisen von Zion“ steckte, welches eine mutmaßliche internationale Verschwörung gegen das orthodoxe, zaristische Russland „aufdecken“ sollte. Aber ähnliche Verschwörungstheorien geisterten damals auch in anderen Teilen Europas, auch im heutigen Amerika, Russland und Europa. Im postsowjetischen Russland gibt es so wenig Antisemitismus wie im Westen. Was die Sowjetunion anging, so hatten es dort Juden oft schwer, in Führungspositionen aufzusteigen. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass die Sowjetunion von Nazi-Pogromen verfolgten Juden in Osteuropa Schutz gewährte und schliesslich Auschwitz befreite. 

Global Review: Die Sowjetunion begriff sich als atheistischer Staat.Wie sah die Religionspolitik aus? Gab es da verschiedene Phasen unter der Herrschaft Lenins, Stalins, Chrustschows, Breschnews, Andropows und Gorbatschows? Dr. Kulikov sagte Global Review, dass man sich die Religionspolitik der Sowjetuinion nicht so grobschnitzartig als nur Christenverfolgung vorstellen dürfe. Zumal viele Mitglieder der KPdSU, ja auch einige MItglieder des Politbüros ihre KInder und KIndeskinder in der russisch-orthodoxen Kirche hätten taufen und heriaten lassen? Sahen die Sowjetkommunisten die russische Orthodoxie veilleicht doch als Teil der russischen Tradition an, wenngleich sie selbst nicht gläubig waren?Kann man sich das Verhältnis wie zwischen Don Camillio und Pepone vorstellen oder wäre dies mehr eine verharmlosende Sichtweise?

Prof. Rahr: Als Stalin 1941/42 begriff, dass Hitler ihn besiegen konnte und dass seine kommunistische Parolen die eigene Bevölkerung nicht erreichten, suchte er einen Bund mit der zuvor zerstörten orthodoxen Kirche. Er setzte den Patriarchen wieder ein, erlaubte Gottesdienste und Heiligenverehrungen. Nach dem Ende des Krieges, stutzte er die Kirche wieder auf ein Mindestmaß zurück, aber verfolgte sie nicht mehr. Sein Nachfolger Nikita Chruschtschow schränkte die Kirche dann weiter ein. Es dauerte bis zur Perestroika Gorbatschows, dass die orthodoxe Kirche und der Islam ihre früheren Rechte und Einfluss in Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion zurückbekamen. Jelzin und Putin identifizierten sich mit dem Glauben und Kirche und gingen an Feiertagen zum Gottesdienst. Putin ist ein bekennender Christ. Die orthodoxe Kirche hat in den letzten 30 Jahren, so wie auch der Islam, wichtige gesellschaftliche Funktionen übernommen. Der größte Teil der Bevölkerung sieht die Kirche als Wahrer der alten Traditionen und Werte an, die für das heutige Russland existentiell sind. Während im Westen die Rolle der Katholischen und Evangelischen Kirchen zurückgeht, wird in Russland – in Umkehrung dessen, was im Kommunismus praktiziert wurde – nicht der Glaube, sondern der Atheismus quasi unter Strafe gestellt. 

Global Review: Welche Rolle ist der russisch-.orthodoxen Kirche in der bisherigen russischen Vefrassung und in der Verfassungswirklichkeit unter Putin zugewiesen? Und welche in der von Putin beabsichtigten neuen Verfassung, die ihm Herrschaft auf Lebenszeit garantieren soll.Gibt es Verfassunsgparagraphen die einen expliziten Bezug zu den wertekonservativen Moralvorstellungen der russisch-orthodoxen Kirche haben? Wieveiel Prozent der Russen sind überhaupt noch Mitglied der russisch orthodoxen Kirche?Zeigt diese ähnliche Auflösungerscheinungen wie die katholische oder protestantische Kirche im Westen? Ist es denkbar, dass Putin, sollte die russisch-orthodoxe Kirche sich Eigenwilligkeiten herausnehmen oder sich in Teilen oder als Ganzes gegen ihn stellen sollte, eine neue Repressionswelle erfolgt oder aber eine Kampagne gefahren wird, bei der Skandale der russisch-orthodoxen Kirche an die Öffentlichkeite gebracht werden vergleichbar mit dem Kindesmissbrauch oder Korruption  in der katholischen oder protestantischen Kirche im Weste? Oder ist eine solche Entwicklung nicht zu erwarten, da die russisch-orthodoxe Kirche sich zumeist mit den Mächtigen arrangiert hat?

Prof. Rahr: Auf diese Frage kann ich nur antworten: Russland will nicht Westen sein. Eine antikirchliche Entwicklung, wie in Westeuropa, kann ich mir in Russland in den nächsten 50 Jahren nicht vorstellen. In die Verfassung ist Gott aufgenommen worden – als traditioneller Wert und Religion wurde zum historischen Leitbild. Eine formelle Mitgliedschaft in der orthodoxen Kirche gibt es nicht, auch keine Kirchensteuer, keine Eintritte oder Austritte. Man kommt in die Kirche oder bleibt draußen. An großen Feiertagen sind die Kirchen in Russland überfüllt. Die meisten Russen lassen ihre Kinder taufen und vermählen sich kirchlich. Ist Russland ein christliches Land? Abtreibungen finden in Russland weiterhin in Maßen statt, inwieweit der Großteil der Russen wirklich glaubt und nicht einfach der Tradition „nachgeht“, vermag ich nicht zu sagen. Es gibt dahingehend keine soziologischen Untersuchungen.  

Global Review: Die Covidkrise hat die Welt überrascht. Wie beurteilen Sie diese Krise? Was sind die wesentlichen geopolitischen Veränderungen durch diese? Wird die Covidkirse die zwischenstaatlichen und geopolitischen Konflikte beendigen, den Neoliberalismus begraben, zu einem neuen sozio-ökonomischen Weltsystem du einer neuen multipolaren Weltrondung führen oder aber wird das Schisma zwischen den beiden Weltmächten USA und China erst recht eskalieren und die anderen Staaten sich da einreihen müssen und es erst ausgekämpft werden, bis eine neueWeltordnung entsteht?

Prof. Rahr: Die künftige Weltordnung nach der Corona-Krise kann nur schemenhaft konzipiert werden. Vielleicht ist sie auch bald überwunden, mit relativ wenigen Toten – dann bleibt alles wie beim Alten. Die bestehenden Konflikte werden weiter ausgefochten, die bisherigen Frontlinien existieren dann weiter bis zur nächsten großen Krise, die in den 2030er Jahren kommt. Wenn die Welt aber durch die Corona-Katastrophe wirklich durchgeschüttet werden sollte, wird sich vieles dramatisch ändern, wie 1945 oder 1990/91. Vielleicht kommt es im September beim Treffen der Staatschefs der Ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates in New York zu einer Art Neuauflage der Jalta-Konferenz von 1945, als nach dem Krieg sie Siegermächte die Welt neu ordneten. Doch wer sind die Siegermächte nach dem Sieg über die Pandemie? Aus heutiger Sicht wird China einen enormen Sprung nach vorne machen, weil es als erste Großmacht die Krise hinter sich lässt. Amerika wird sich bestimmt wieder hochrappeln. Schwieriger wird es für die EU, sie läuft Gefahr sich zu spalten. Russland wird als rohstoffreichstes Land der Erde und zweite Atommacht eine führende Rolle bei der Neuordnung der Welt spielen – die Frage ist, ob an der Seite des Westens oder an der Seite Chinas. Schlimm wird die Lage in den Entwicklungsländern. Neben einem wirtschaftlichen Kollaps in Afrika und dem Nahen und Mittleren Osten, droht den Menschen in diesen Regionen unerträgliches Leid und folglich eine Radikalisierung. Fest steht, dass durch westliche Liberalisierungsstrategien diese armen Regionen nicht gerettet werden können. In der internationalen Gemeinschaft wird der Ton rauer, weil Solidarität abhanden gekommen ist. Umverteilungskämpfe sind an der Tagesordnung. Ich finde, man sollte die jetzigen Konflikte, wie Syrien, Ukraine, Jemen, Iran versuchen aufs Eis zu legen und eine gemeinsame Zukunftsagenda gegen den gemeinsamen Feind zu entwickeln – den Virus. Wir sind vielleicht im Dritten Weltkrieg, gegen einen unsichtbaren aber hochgefährlichen Feind. Wir brauchen eine breite Allianz gegen ihn. 

Global Review: Russland wird ja momentan von zwei Krisen erfasst:; Zum einen die Covidkrise, zum anderen der Ölpreiskrieg, den Saudiarabien und die OPEC gegen Russland losgetreten hat. Putin will die Einbeziehung des US-Frackingöls in die Verhanlungen, Trump nicht, während er Russland und Saudiarabien zu einem Deal aufruft. Wie kann Russland diese Doppelkrise bewältigen und welche Rolle spielt und kann Russland in diesen Krisen spielen? Dr. Kulikov meinte:At best Russia can be a game changer, but not a global game player. Stimmen Sie mit dieser Einschätzung überein?

Prof. Rahr: Die Corona-Krise mag alles beim Alten belassen, das habe ich in der vorangegangenen Antwort angedeutet. Während der Finanzkrise vor zehn Jahren, dachte jedermann auch an die Apokalypse. Und sie fand – Gott sei Dank – nicht statt. Die Welt überlebte und alles lief so fort wie gehabt. Diesmal scheint die Krise ernsthafter zu sein. Die wirtschaftlichen Einbrüche in allen Ländern könnten soziale Verwerfungen, Unruhen, Umstürze mit sich bringen. Niemand will sie, aber sie können passieren. Die politische Landschaft in Europa könnte schon in wenigen Monaten eine völlig andere sein. Momentan sind, aus meiner Sicht, China, die USA, Deutschland (nicht die EU) und Russland die global Player. Der Ölpreiskrieg ist temporär, da der Green Deal wahrscheinlich aus Kostengründen ausgesetzt wird (in Deutschland nicht, aber überall sonst), werden fossile Brennstoffe in den 2020er Jahren eine Renaissance feiern. Der Zeitpunkt, wo sich Europa nur noch auf Erneuerbare Energien verlassen wollte, wird vertagt. Den Menschen in Deutschland fehlt noch etliche Phantasie für die Opfer, die die Weltgemeinschaft erbringen wird müssen, um die Krise zu bewältigen und die Welt stabil zu halten. Diese Opfer werden unvorstellbar sein, aber die Probleme sind zu meistern, wie sie nach 1919 und nach 1945 auch gemeistert wurden. In den 1990er Jahren musste der Westen ungeheuere Kraftanstrengungen unternehmen, um den Zerfall des Ostblocks in zivilisierte und ökonomisch tragbare Bahnen zu leiten. In den 2020er Jahren wird es nicht nur um die Neubesetzung des europäischen Ackers gehen. Wir werden nicht, wie jetzt, über einen Marschall-Plan für Südeuropa sprechen, wir werden über einen Marschall-Plan für Afrika, den Nahen und Mittleren Osten, Lateinamerika sprechen müssen, um die Welt, wie wir sie kennen, zu retten. 

Global Review: Erlauben Sie mir am Schluss eine persönliche Frage zu stellen. Falls Ihr Vater, der so viel in seinem Leben erlebt hat – vom Bürgerkrieg in Russland, Exil in Lettland, Okkupation des Baltikums durch Stalin, Flucht ins „falsche“ Hitler-Deutschland, KZ, antisowjetischer Widerstand im Kalten Krieg, Fall der Berliner Mauer, Ende der Sowjetunion, Rückkehr ins demokratische Russland, Aussöhnung mit dem ehemaligen Feind, Versöhnung der Kirchen – wie würde er wohl heute auf Ihre Russland-Aktivitäten blicken? Sie galten lange Zeit im Westen als ein ausgewiesener Osteuropa-Experte, doch 2013/14 wurde ihr Renommee in den deutschen Medien zerstört, weil Ihnen eine eindeutige pro-Kreml-Haltung nachgewiesen wurde. 

Prof. Rahr: Es stimmt, ich wurde, als die deutsch-russischen Beziehungen immer brüchiger wurden und der Krieg in der Ukraine begann, von transatlantischen Kreisen am Kommentieren der Politik gehindert. Ich empfand das als ungerecht. 25 Jahre nach der Wende, hatte ich immer versucht, Deutsche und Russen miteinander auszusöhnen. Ich habe medial immer zwei Seiten vertreten, die deutsche und die russische. Nach 2014 durfte ich das dann, nach Meinung der Medien, nicht mehr. Russland stand am Pranger, jeder, der Putin nicht verdammte, machte sich verdächtig und wurde zum Komplizen. Mein Vater hätte mich in dieser Situation sicherlich viel unterstützt. Ihm, der mehrere Epochenwenden in seinem Leben gesehen hatte, ging es stets darum, die ganz grossen Entwicklungslinien in der Geschichte zu verstehen. Bündnistreue, Gegnerschaften in der Weltpolitik sind nur auf Zeit, ändern sich nach den Umständen. Die grossen Linien bleiben. Was Russland angeht, würde er sagen: Russland hat sich, anders als Deutschland, das vom Nationalsozialismus von aussen befreit werden musste, 1991 vom Kommunismus selbst befreit. Dieses Russland gehört zu Europa. Ihm muss ein Platz in Europa zustehen. Es muss in Europa Platz sein für westlichen Liberalismus und russischen Traditionalismus. Das gemeinsame christliche Erbe eint alle Europäer. Jetzt, wo die grössten Gefahren für Europa von aussen kommen, müssen alle Europäer ihre Streitigkeiten begraben und gemeinsame Verteidigung ergreifen. Dazu gehört, dass man sich neu versteht. Für diese neue Phase der Aussöhnung – Matthias Platzeck hat gerade dazu ein Bestsellerbuch „Die neue Ostpolitik“ veröffentlicht, stehe ich gerne zur Verfügung. 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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