Bewegung für die kulturelle Renaissance Europas: Neues Europäisches Bauhaus

Bewegung für die kulturelle Renaissance Europas: Neues Europäisches Bauhaus

Im Freitag ist ein Aufruf zur Schaffung einer neuen europäischen sozialen und kulturellen Bewegung erschienen, die eine neue Renaissance Europas auch in kultureller Hinsicht bewirken soll, zumal an der interdisziplinären Schnittstelle von Kultur, Architektur und Technologie. Das Ganze wird zudem auch unter geopolitischen soft power-Kriterien verstanden, die die transnationale Kultur Europas mehr betont haben möchte. Zentraler Gedanke , Schlagwort und catch phrase hierbei ist hierbei die Idee von einem Neuen Europäischen Bauhaus:

„Europa eine Seele geben

Aufruf Für einen kulturellen New Deal als Herzstück des europäischen Konjunkturprogramms ist es noch nicht zu spät

Die Verfasser*innen 5

Der amerikanische Geopolitiker Joseph Nye erinnerte vor kurzem daran, dass eine der großen Stärken des europäischen Projekts seine transnationale Kultur ist. Diese gemeinsame Kultur, die für jeden, der die Europäische Union von Außen betrachtet, eine Selbstverständlichkeit ist, scheint uns Unionsbürgern immer weniger bewusst zu sein und wird zu oft vernachlässigt. Das schwächt unsere Fähigkeit, gemeinsam zu denken und die Zukunft zu gestalten, und das in einer Zeit, in der die europäische Einheit mehr denn je unumgänglich ist. Sie ist Voraussetzung dafür, dass wir unser Schicksal selbst in der Hand haben und es nicht mehr erleiden müssen.

Es stimmt, dass durch die Schaffung der Kultusministerien nach dem Zweiten Weltkrieg und die Kulturpolitik vor allem der letzten Jahrzehnte, die Besonderheit jeder einzelnen europäischen Kultur in den Vordergrund gerückt und dabei unser gemeinsames kulturelles Erbe vernachlässigt wurde. Jede neue Institution, die ihre Nützlichkeit unter Beweis stellen wollte, hat durch diese Blindheit eher das hervorgehoben, was uns trennt, als das, was uns zusammenführt. Zuweilen hat sie sogar – ungewollt – Nationalismus, Populismus und Korporatismus begünstigt, zum Nachteil der universell ausgerichteten Schöpfung, die einst das Genie Europas war. Genau diese Dynamik muss durchbrochen werden. Ein anderer Ansatz hätte darin bestehen können, sowohl unsere Verschiedenheiten als auch unsere Gemeinsamkeiten zu schätzen und daran zu arbeiten, unserer Besonderheiten in eine europäische Perspektive zu rücken, was niemand besser als der polnische Mediävist Bronislaw Geremek zu tun wusste.

In ihrer Rede zur Lage der Union eröffnete EU-Kommissionspräsidentin Ursula Von der Leyen eine neue Perspektive, indem sie das Projekt eines Neuen Europäischen Bauhauses skizzierte. Die Herausforderung ist groß: Es geht darum, einen neuen urbanen öffentlichen Raum zu schaffen als Ergebnis einer interdisziplinären Zusammenarbeit an der Schnittstelle von Architektur, Kultur und neuen Technologien, die auch den ökologischen und digitalen Wandel unserer Städte beschleunigen könnte.

Das europäische Bauhaus spiegelt ein erstes Bewusstsein der europäischen Behörden dafür wider, dass sich das Konjunkturprogramm nicht auf eine Reihe von Investitionen in Höhe von zig Milliarden Euro beschränken darf, die von steifen Beratern in Schlips und Anzug in Form von „PowerPoint-Präsentationen“ gezeigt werden. Im Gegenteil: Das europäische Konjunkturprogramm muss Teil einer echten sozialen und kulturellen Bewegung sein, die in der Lage ist, die Herzen und Köpfe unserer Mitbürger zu gewinnen.

Die Kultur hat unter der Pandemie am meisten gelitten

Diese Fähigkeit, sich vom Terrain der Vernunft auf das der Gefühle zu bewegen, Einheit zu schaffen und gegen den grassierenden Populismus anzukämpfen, verstand Eleanor Roosevelt als grundlegende Voraussetzung dafür, dass sich die amerikanischen Bürger den New Deal von Präsident Roosevelt aneignen. Dank der First Lady enthielt der New Deal eine starke kulturelle Komponente. Das Projekt „Federal Number One“ förderte den Zusammenhalt der Nation und schuf den Boden dafür, die Vereinigten Staaten von Amerika zu einer außerordentlichen Kulturmacht werden zu lassen, obgleich bis dahin die europäische Kultur der Maßstab war. Amerika konnte so eine Soft Power entwickeln, die auch neun Jahrzehnte später noch einen Grundpfeiler seiner Macht darstellt.

Jetzt, während die nationalen Parlamente über das europäische Konjunkturprogramm debattieren, ist noch Zeit, einen europäischen kulturellen New Deal zu schaffen von echter kulturellen Dimension, der an die europäischen Traditionen der Renaissance anknüpft und Kunst, Technik und Technologie miteinander verbindet. Dies ist umso wichtiger, als die Kultur zusammen mit dem Flugverkehr und dem Tourismussektor seit Beginn der Pandemie am meisten gelitten hat. Jenseits des Tabus eines echten, föderal verwalteten europäischen Haushalts ist es nun an der Zeit, ein noch mächtigeres Tabu zu brechen: die Identitätsneutralität. Diese hat dazu geführt, dass die europäischen Institutionen die Kulturpolitik vernachlässigen und jede symbolische Dimension systematisch ablehnen, zugunsten eines Pragmatismus ohne Seele und Gefühl.

Es gibt drei Bedingungen, um die Kultur in den Mittelpunkt des europäischen Projekts zu stellen. Erstens, dass sich die Verantwortlichen des Kulturbetriebs Initiativen der Kommission wie das Neue Europäische Bauhaus, die Aktionspläne für Medien und Demokratie, die eine starke kulturelle Dimension enthalten, oder das neue Programm „Kreatives Europa“ zu eigen machen und die treibende Kraft beim Vorschlagen transnationaler Projekte werden.

Die Welt ist dabei, sich neu zu erfinden

Dabei besteht dringender Handlungsbedarf: Der Bericht „Rebuilding Europe, 2nd European panorama of cultural and creative industries“ verdeutlicht die katastrophalen Auswirkungen der Pandemie auf die Nachhaltigkeit eines Sektors, der heute 7,6 Millionen Arbeitsplätze in der gesamten Union repräsentiert. Er macht aber auch die Notwendigkeit massiver europäischer Investitionen deutlich, um die Kreativität einer Welt zu fördern, die dabei ist, sich neu zu erfinden.

Die zweite Bedingung ist, dass die Mitgliedstaaten der Kultur einen echten Platz in ihrem Konjunkturprogramm einräumen und sie zu einer effektiven Priorität für langfristige Investitionen machen, mit dem Mindestziel, 2 % der Gesamtressourcen für Kultur aufzuwenden, wie vom Europäischen Parlament vorgeschlagen. Drittens sollte auf europäischer Ebene eine breitere Dynamik entwickelt werden, die von der „Federal Number One“ und bestimmten Projekten wie dem „Writers’ Project“ inspiriert ist. Diese haben die Entstehung einer modernen amerikanischen Kultur ermöglicht, die auf der Vielfalt der Erzählungen beruht. Unter diesen Voraussetzungen scheint es uns möglich, dass eine kontinentale öffentlich-private Partnerschaft rasch Gestalt annimmt, die Behörden, Universitäten, Schulen, Stiftungen, öffentlich-rechtliche Medien und vor allem die Europäische Rundfunkunion, Künstler, große Mäzene und die Zivilgesellschaft zusammenbringt. Ein solches Projekt, das man „Odysseus“ nennen könnte, um seinen Ehrgeiz zu signalisieren, würde die Kunst und die Menschlichkeit wieder in den Mittelpunkt des europäischen Projekts stellen und der Union den Atem geben, der ihr so sehr fehlt.

Die Verfasser*innen

Giuliano da Empoli, Schriftsteller, Ex-stellvertretender Bürgermeister verantwortlich für Kultur in Florenz, Präsident des Volta-Think Tanks

Guillaume Klossa, Autor, ehemaliger Direktor der Europäischen Rundfunkunion, Gründer des Think Tanks EuropaNova und der Bewegung Civico Europa. Neuste Veröffentlichung: Eine europäische Jugend (Une jeunesse européenne, Grasset)

Carlos Moedas, ehemaliger EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation, Vorstandsmitglied der Gulbenkian Stiftung

Isabel Pires de Lima, Wissenschaftlerin, ehemalige Kulturministerin Portugals, Vizepräsidentin der Serralves-Stiftung

Fernando Savater, Philosoph und Schriftsteller

Sasha Waltz, Choreographin und Tänzerin

André Wilkens, Direktor der Europäischen Kulturstiftung

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/europa-eine-seele-geben

Die Idee eines Neuen Europäischen Bauhauses wurde zuerst auf der Konferenz des Bundes Deutscher Architekten im Mai 2019 thematisiert und in einer programmatischen Erklärung des Titels „Das Haus der Erde- Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land“ zusammengefasst, dann in Folge weiter von einem Unterstützerkreis , der die Unternehmer Schellenberg und Mohn, die Grünenvorsitzende Annalena Baerbrock bis Kunstschaffende oder Regisseure wie Volker Schlöndorf umfasste, in der „Erklärung von Caputh“ im Dezember 2019 weiterentwickelt. Erstere Erklärung sei hier dokumentiert:

 „Das Haus der Erde. Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land

19. August 2019

Angesichts des fortschreitenden Klimawandels hat der 15. BDA-Tag in Halle (Saale) am 25. Mai 2019 zu einer Diskussion über geänderte politische Rahmenbedingungen, über die verantwortliche Haltung von Architektinnen und Architekten und über ein neues gesellschaftliches Narrativ eingeladen. Schließlich hat der BDA-Tag das BDA-Positionspapier „Das Haus der Erde“ beschlossen.

Das Positionspapier steht auch unten zum Download als PDF bereit.

„Planet Home“:  This manifesto in English translation

Prolog

Der Traum vom ewigen Wachstum ist geplatzt.
Reduktion ist keine modische Attitüde, sondern Überlebensnotwendigkeit.
Ökologisches Umsteuern braucht Ideen und Kreativität.

Was wollen wir hinterlassen? Wir haben nur diese eine Welt. Für ihren Erhalt tun auch wir als Architektinnen und Architekten, als Stadtplanerinnen und Stadtplaner zu wenig.

Dabei ist unsere Vorstellungskraft, unsere Phantasie zur Beantwortung der Frage, wie wir zukünftig leben wollen, von großer Bedeutung. Diese Zukunft gestalten wir jetzt. Eine Konzeption von Städten, Infrastrukturen, Wohnhäusern, Fabrikations- und Bürogebäuden entscheidet, ob Menschen ihr Leben besser in Einklang mit der Umwelt bringen können. Architekten und Stadtplaner sind Impulsgeber, und ihre gebauten Werke können Katalysatoren für ein Umdenken sein.

Vor zehn Jahren haben Architekten, Stadtplaner und Ingenieure mit dem Klimamanifest „Vernunft für die Welt“ eine Selbstverpflichtung formuliert, um gemeinsam mit Bauindustrie und Bauherren einen ökologischen Wandel im Planen und Bauen zu erreichen (www.klima-manifest.de).

In den vergangenen zehn Jahren wurden zwar Veränderungen erreicht, doch die Erfordernisse des Umweltschutzes wurden allenfalls an der Oberfläche berührt. Dies ist auch Ergebnis einer stillschweigenden Rollenverteilung, wonach von der Politik Rahmenbedingungen erwartet werden, eigenverantwortliches Handeln darüber hinaus aber ausbleibt. Eine Kombination aus milder Zerknirschung, Besorgnis um den eigenen Status und mangelndem Mut für eine radikale Änderung unserer Lebenswirklichkeit, die immer noch vom Wachstumsgedanken getrieben wird, stößt – seit langem – an Grenzen.

Wir müssen mehr tun, um der Verantwortung unserer Profession und der Relevanz von Architektur angesichts der Klimakrise gerecht zu werden. Natürlich werden wir alleine die Welt nicht retten. Unsere Mitverantwortung für die globalen Auswirkungen des stetig steigenden Ressourcenverbrauchs fordert uns jetzt als Vorreiter einer klimagerechten Architektur. So können wir ein Umdenken im größeren Kontext initiieren.

Neben den ökologischen werden auch die sozialen Folgen des Klimawandels immer deutlicher. Klimagerechtigkeit betrifft die gesamte Menschheit. Ein friedliches Zusammenleben und das Vertrauen in gesellschaftliche und politische Systeme werden auf internationaler, ja sogar auf europäischer Ebene immer stärker von den weitreichenden Klimafolgen bedroht.

Der Qualität der Architektur und des Bauens kommt eine grundsätzliche Bedeutung zu. Erst ein Gebäude, das sich aufgrund seiner architektonischen Qualität über Jahrzehnte in der Nutzung bewährt und damit die derzeit wirtschaftlich kalkulierte Lebensdauer von 30 bis 50 Jahren bei weitem übersteigt, wird dem Nachhaltigkeitsgedanken gerecht und ist im Sinne der Gesellschaft werthaltig.

Für die Umsetzung unserer Selbstverpflichtung brauchen wir ein gemeinsam von öffentlichen und privaten Bauherren, von Bauindustrie und Handwerk sowie von Bauindustrie und Wohnungswirtschaft getragenes Bekenntnis zu einem Umsteuern. Die Wahrung unserer Lebensgrundlagen darf nicht dem freien Spiel der Märkte anheimgestellt werden.

Postulate

I. Politisch denken und sich einmischen

Es ist genug. Täglich verstoßen wir, verstoßen Gesellschaft und Politik gegen den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Mit der westlichen Lebenseinstellung, alles jederzeit machen und haben zu können, ist es vorbei. Unser Leben muss sich an einem neuen, ökologisch vertretbaren Maß ausrichten.

Wir dürfen nicht länger warten, bis sich das von Lobbyisten beeinflusste Zögern und Abwarten ändert. Wir müssen politisch denken und handeln, müssen uns einmischen, Eigeninitiative entwickeln und zivilen Ungehorsam proben. Wir müssen zeigen, dass der tägliche Umweltwahnsinn, wie beispielsweise der ungebremste Flächenfraß, der Vorrang von Neubauten oder der Fetisch Mobilität, nicht alternativlos ist. Ansonsten brauchen wir über eine Zukunft nicht mehr nachzudenken. Wir sind dran.

II. Erzählungen für ein neues Zukunftsbild

Wir sind aufgefordert, ein ökologisch verantwortliches Leben zu imaginieren, zu ermöglichen und mitzugestalten. Mit Phantasie, mit kreativem und konzeptionellem Denken können Architekten und Stadtplaner ein motivierendes und begeisterndes Zukunftsbild entwerfen.

Damit ökologische Verhaltensweisen akzeptiert und praktiziert werden, müssen sie vorstellbar und erlebbar werden – sinnlich und wirklichkeitsnah. Architektur kann in Städten und Regionen ein starker Motivator für ein ökologisches Umdenken sein, das nicht als Verzicht, sondern als Gewinn sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft erfahrbar wird.

III. Achtung des Bestands

Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen. Priorität kommt dem Erhalt und dem materiellen wie konstruktiven Weiterbauen des Bestehenden zu und nicht dessen leichtfertigem Abriss. Die „graue Energie“, die vom Material über den Transport bis zur Konstruktion in Bestandsgebäuden steckt, wird ein wichtiger Maßstab zur energetischen Bewertung sowohl im Planungsprozess als auch in den gesetzlichen Regularien. Wir brauchen eine neue Kultur des Pflegens und Reparierens.

IV. Einfach intelligent

Die technische Aufrüstung zu „intelligenten Gebäuden“ und das Übermaß oftmals ökologisch fragwürdiger Dämmmaterialien führen nicht zu langlebigen und energetisch nachhaltigen Bauten.

Eine dem Klimawandel gerecht werdende Architektur nutzt und reguliert mit typologischen, konstruktiven und thermischen Strukturen die jeweiligen klimatischen Bedingungen für ein Wohlbefinden der Nutzer. Referenz können dabei tradierte regionale Bauweisen sein. Das Einfache ist letztlich übertechnisierten Konzepten überlegen.

V. Bauen als materielle Ressource

Alle zum Bauen benötigten Materialien müssen vollständig wiederverwendbar oder kompostierbar sein. Nur so kann die gigantische Menge an Verpackungen, Umverpackungen und Materialien im Bauprozess und für das Gebäude selbst reduziert werden.

Es gehört zum architektonischen Entwurf, Rezyklate im Neu- und Umbau mit einem gestalterischen Anspruch einzusetzen und zu erreichen, dass ganze Bauteile später selbst wieder zur Ressource werden. Verbunden ist damit ein ökologischer Anspruch an die Materialien und deren Verwendung.

VI. Vollständige Entkarbonisierung

Eine Entkarbonisierung erfordert einen Paradigmenwechsel im Material- und Energieeinsatz. Der Verzicht auf Materialien, die in ihrer Herstellung viel CO2 emittieren, tritt als wichtiges ökologisches Kriterium an die Stelle der Energieeffizienz.

Statt energieintensiv erzeugter Materialien wie Beton und Stahl liegt der Schwerpunkt auf natürlichen Materialien wie Stein, Holz und Lehm. Ebenso verlangt eine Entkarbonisierung den Einsatz emissionsfreier Baumaschinen im Bauprozess und eine CO2-neutrale Energieversorgung der Gebäude.

VII. Neue Mobilitätsformen

Mobilität ist nicht allein eine infrastrukturelle Aufgabe. Hier entscheidet sich, wie umweltverträglich wir uns bewegen und über welche Lebensqualität Städte verfügen. Mobilität muss als konzeptionelle und gestalterische Aufgabe von Architekten und Stadtplanern verstanden werden, um grundsätzlich ein ökologisch und klimatisch verträgliches Mobilitätsverhalten zu erreichen.

Die „Stadt der kurzen Wege“ weist als gültiges Leitmotiv einer gesamtheitlichen Entwicklung Fußgängern, Radfahrern und dem öffentlichen Nahverkehr eine Priorität gegenüber dem motorisierten Individualverkehr zu. In Verbindung mit attraktiven öffentlichen Räumen entstehen so wieder lebendige Städte. Ebenso ist der Zusammenhang zwischen Stadt und Region zu denken, der statt einer Zunahme des Verkehrs eine neue Infrastruktur schafft, die die Voraussetzung für neue Mobilitätsformen bildet.

VIII. Polyzentralität stärken

Die gewachsene Polyzentralität Deutschlands muss gestärkt werden, um das konjunkturinduzierte Wachstum der Städte einerseits und den rasant zunehmenden Pendlerverkehr andererseits zu begrenzen. Klein- und Mittelstädte sind dafür als Wohn- und Arbeitsorte mit hoher Lebensqualität in ihrem kulturellen und sozialen Angebot und ihrer wirtschaftlichen Basis zu festigen.

Städtebau und Architektur sind Bausteine für ein neues ökologisch orientiertes Verständnis von Gemeinschaft und Region und stützen so die Vielfalt von klimatisch verträglichen Lebensmöglichkeiten in Deutschland.

IX. Kultur des Experimentierens

Ideen und Vorschläge für klimagerechte Lebens- und Verhaltensweisen, mit denen wir nachfolgenden Generationen eine Zukunft auf der Erde bewahren können, waren noch nie so vielfältig wie heute.

Durch Experimentieren und Lernen, durch Navigieren und Korrigieren dieser Ideen entstehen Innovationen, die Angebote für einen ökologischen Verhaltenswandel auf unterschiedlichen Ebenen eröffnen. Dafür können dezentrale und miteinander vernetzte Reallabore als Katalysator wirken, in denen Architekten und Stadtplaner gemeinsam mit verschiedenen Akteuren experimentell an intelligenten und kollektiven Lösungen arbeiten.

X. Politische Versuchsräume

Neue Ideen brauchen angemessene politische Räume für ihre Erprobung. Experimentierklauseln im rechtlichen Rahmen schaffen den nötigen Freiraum für Innovationen und für die Anpassung von politischen Regulierungen an neue Entwicklungen. Insofern sind solche Experimentierräume ein wichtiger Pfeiler für eine zeitgemäße, dem Nachhaltigkeitsgedanken verpflichtete Politik und Verwaltung.

Perspektiven

Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplaner arbeiten kreativ und gestalterisch. Gute Gestaltung wird dabei zu einem sinnlich wahrnehmbaren Ausdruck für das neue Verantwortungsgefühl, das die Bauten sichtbar vertreten. Den Zukunftsglauben an eine nachhaltige Entwicklung können wir stärken, indem wir zeigen, dass durch kreatives Unterlassen und Reduzieren neue Lebenswelten entstehen. Ein konzeptionelles Weiterdenken des bereits Vorhandenen in unseren Städten und Regionen wird dann zu einem wichtigen Teil des gesellschaftlichen Narrativs, das nicht moralisiert, sondern den Gewinn der ökologischen Wende betont. Dafür müssen wir die Chancen neuer Tätigkeitsfelder aufnehmen und uns komplexeren Prozessen stellen.

Auf dem 15. BDA-Tag am 25. Mai 2019 in Halle / Saale beschlossen.

„Planet Home“:  This manifesto in English translation

Diese Ideen wurden nun auch von EU-Kommissionspräsidentin Urusla von der Leyen aufgenommen, die dem Projekt Unterstützung im Rahmen der EU zusagt, sowie dieses Neue Europäische Bauhaus auch als Teil des umfassenderen Green New Deal der EU verstanden wissen will, aber auch nicht eine monotone EU-Einheitsarchitektur, sondern eine vielfältige europäische Architektur behauptet haben zu wollen, für die die EU nur die Rahmenbedingungen setzen solle.

In einem Kommentar auf Baunetz erläutert David Kasparek die genaueren Zusammenhänge:

„19.10.2020

Neues Europäisches Bauhaus

Zu Ursula von der Leyens EU-Initiative

Ein Kommentar von David Kasparek

Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 16. September dieses Jahres ihre Rede zur Lage der Europäischen Union hielt, stieß das im architektonischen Fachdiskurs hierzulande auf erstaunlich wenig Resonanz. Das muss zunächst nicht viel heißen: Die wenigsten Äußerungen aus Brüssel und Straßburg erzeugen ja einen sonderlich großen Widerhall in Deutschland. Dass die Rede dieses Mal aber so geräuschlos verklang, erstaunt dann doch, denn von der Leyen kündigte nichts weniger an als die Einrichtung einer gesamteuropäischen Architekturinstitution, von der EU initiiert und gefördert.

Im für die architektonische Fachwelt besonders interessanten Teil der Rede sagte von der Leyen: „Unsere Gebäude verursachen 40 Prozent unserer Emissionen. Sie müssen weniger verschwenderisch, weniger teuer und nachhaltiger werden. Und wir wissen, dass sich der Bausektor sogar von einer Kohlenstoffquelle in eine Kohlenstoffsenke verwandeln kann, wenn organische Baumaterialien wie Holz und intelligente Technologien wie KI eingesetzt werden. (…) Aber dies ist nicht nur ein Umwelt- oder Wirtschaftsprojekt: Es muss ein neues kulturelles Projekt für Europa sein. Jede Bewegung hat ihr eigenes Aussehen und ihre eigene Ausstrahlung. Und wir müssen unserem Systemwandel eine eigene Ästhetik geben – um Stil und Nachhaltigkeit miteinander in Einklang zu bringen. Aus diesem Grund werden wir ein neues Europäisches Bauhaus errichten – einen Raum der gemeinsamen Schöpfung, in dem Architekten, Künstler, Studenten, Ingenieure und Designer zusammenarbeiten, um dies zu verwirklichen.“

Interessant ist dabei mehrerlei: Zum Ersten das Bekenntnis zur Gestaltung als kulturellem Gut, das für die Bevölkerung in der EU und ihre Institutionen einen relevanten Mehrwert darstellen kann; zum Zweiten der Hinweis auf das Potenzial einer Kohlenstoffsenke dank veränderter Konstruktionen und zum Dritten die Genese der Idee. Ursula von der Leyen wird in Umweltthemen nämlich unter anderen vom Klimaexperten Hans Joachim Schellnhuber beraten, der als eine der renommiertesten Stimmen im Bereich der Klimafolgenforschung weltweit gilt. Schellnhuber hatte Ende letzten Jahres einen Kreis unterschiedlicher Akteur*innen nach Caputh vor die Tore Potsdams geladen. Mit dabei waren neben anderen Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die Bundesvorsitzende der Grünen Annalena Baerbock, Unternehmerin Brigitte Mohn, Künstler Ólafur Elíasson, Regisseur Volker Schlöndorff – sowie Architekt*innen wie Annette Hillebrandt, Heiner Farwick und Werner Sobek. Diese illustre Runde verständigte sich am 16. Dezember 2019 auf eine „Erklärung von Caputh“. Sie ist mit „Das Bauhaus der Erde“ überschrieben und nimmt wiederum direkten Bezug auf das Papier, das der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA am 25. Mai 2019 in Halle an der Saale unter dem Titel „Das Haus der Erde“ verabschiedete.

Es ist ein bemerkenswertes Papier, das Schellnhuber und seine Mitstreiter*innen da aufgesetzt haben: Es nimmt die Architektur und den gesamten Bausektor in die Pflicht, ihren Teil zum Erreichen der Pariser Klimaziele beizutragen. Mit Verweis darauf, dass der Hoch- und Tiefbau-Sektor mit seinen unveränderten Konstruktionsmethoden „den Großteil des verblebenden Kohlenstoffbudgets der Menschheit aufzehren“ dürfte, wird eindringlich an die globale Verantwortung der Architekturschaffenden appelliert. Im Klartext heißt das: Holz, Lehm und nachwachsende, Kohlenstoff bindende Rohstoffe statt Beton. Da dies aber in „Politik und Öffentlichkeit weitgehend unbekannt“ sei, so das Papier, müsse vor allem auch auf politischer Ebene gehandelt werden: Die Bauhaus-Idee solle wieder aufgegriffen und mithin ein holistisches Gestaltungsverständnis mit einem positiv in die Zukunft gerichteten Blick verbunden werden. Den Initiatoren von „Das Bauhaus der Erde“ ist dabei klar, dass „die Wirklichkeit am Bauhaus dem humanistischen Ideal nicht immer gerecht wurde“. Spannend wäre es dennoch, die Idee eines ganzheitlich agierenden Denklabors in unsere Zeit zu transferieren und die akuten Fragestellungen mit EU-Förderungen behandeln zu können. Viele Architekt*innen haben darüber in der Vergangenheit nachgedacht, manche Versuche wurden unternommen. Gesamtgesellschaftlich wirkungsvoll konnte aber keiner dieser Ansätze verfangen.

Welche baulichen Lösungen dabei helfen können, ist einigen in der Fachwelt hinlänglich bekannt – Initiativen wie Architects for Future fordern schon seit geraumer Zeit ein grundsätzliches Umdenken. Allein: Viele Architekt*innen haben ihr Handeln noch immer nicht nachjustiert, auch und vor allem mit Hinweis auf die politischen Rahmenbedingen. Die notwendige Abkehr vom Beton, eine Hinwendung zu Kohlenstoff bindenden Materialien und Kreislaufwirtschaft – all das greift nach der „Erklärung von Caputh“ nun auch Ursula von der Leyen in ihrer Rede direkt auf, bis hin zum Titel des Papiers. Mit einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung an diesem Wochenende unterstreicht sie all dies noch einmal und schreibt hier, die EU wolle „eine neue Europäische Bauhaus-Bewegung“ anstoßen.

Fünf Projekte sind dafür in den kommenden zwei Jahren geplant. „Sie sollen ein kreatives Experimentallabor und Andockstelle für europäische Industrien sein und Ausgangspunkt für ein europa- und weltweites Netzwerk, das die wirtschaftliche, ökologische und soziale Bedeutung über das individuelle Bauhaus hinaus erweitert“, so von der Leyen. Die EU wolle dem unlängst angestoßenen Green Deal helfen, mehr Fahrt aufzunehmen, aber auch „den notwendigen gesellschaftlichen Diskurs über neue Bauweisen und Designformen anregen“. Wenn die Verankerung eines solchen Diskurses gelänge, vor allem aber die Schaffung eines gestalterischen Möglichkeitsraums im Rahmen eines großangelegten Reallabors, wäre in der Tat viel gewonnen, um die Pariser Klimaziele mittels Architektur zu erreichen. Und die Architektur selbst könnte so, als integraler Bestandteil des Erfüllens dieser Ziele nämlich, jene auch in der gesellschaftlichen Breite wahrgenommene Relevanz erlangen, die von Architekt*innen zuletzt immer wieder vergeblich eingefordert wurde“.

https://www.baunetz.de/mobil/meldung.html?cid=7446687

Zuletzt noch dokumentiert der Gastbeitrag von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in der FAZ, in dem Sie nochmals Werbung für die Neue Euopäische Bauhausbewegung macht und diese nochmals näher erläutert:

„Tech-Konferenz DLD : Ein Neues Europäisches Bauhaus

  • Von Ursula von der Leyen
  • -Aktualisiert am 21.02.2021-15:37

Wir wollen lebenswerten und bezahlbaren Wohnraum schaffen für immer mehr Menschen – und zugleich Klima und Umwelt schützen. Ein Gastbeitrag.

Wie wichtig das Zusammenspiel von Politik und Kultur, Kreativität und Technologie, Wirtschaft und Kunst ist, hat schon einer der Gründungsväter unserer Europäischen Union  gewusst. Im Jahr 1954 schrieb der damalige französische Außenminister Robert Schuman: „Europa. Sicher, es ist essentiell, am wirtschaftlichen Wiederaufbau zu arbeiten, militärische Sicherheit zu garantieren und es politisch zu organisieren, damit wir abermalige blutige Konflikte verhindern. Aber was würden all unsere Anstrengungen wert sein, wenn wir nicht gleichzeitig in der Lage sind, eine solide und tiefe Basis in den kulturellen Beziehungen zwischen den europäischen Ländern zu schaffen? Hier formt sich der europäische Geist, und der Geist wird alles andere Formen.“

Schöner kann ich es nicht sagen. Schuman wusste, wie wichtig es ist, Wachstum und harte Wirtschaftsfaktoren mit Kultur und Emotion zu verbinden. Und genau das wollen wir mit unserem Projekt, dem Neuen Europäischen Bauhaus, erreichen.

Einmal mehr stehen wir vor grundlegenden Fragen unserer Zeit. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sind heute kaum abzuschätzen. Aber schon jetzt hat sie unsere Sicht auf viele Dinge des alltäglichen Lebens verändert. Dazu gehören in jedem Fall auch die Fragen nach gutem Wohnen, besserem Zusammenleben und der Stadt oder des Dorfes der Zukunft. Diese Pandemie ist auch eine Chance umzudenken, wie wir künftig zusammenleben und mit der Natur umgehen wollen.

Neue Gesetzesvorschläge im Sommer

Schon vor der Pandemie trieb die Sorge um unsere Umwelt und den Klimawandel viele Menschen um. Den meisten ist klar, dass wir die Grenzen unseres Planeten besser respektieren müssen. Und dass auch wir unsere persönliche Lebensweise überdenken müssen. Aus diesem Grund hat die Europäische Union dem Europäischen Green Deal Priorität eingeräumt. Europa soll bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent werden. Um das zu erreichen, müssen wir schon jetzt ehrgeiziger werden.

Deshalb haben wir vorgeschlagen, die Klimaziele schon für 2030 erheblich zu verschärfen – von 40 auf 55 Prozent. Und in diesem Sommer legen wir eine ganze Reihe an Gesetzesvorschlägen auf den Tisch, um die Versprechen einzuhalten.

Wir haben gute Voraussetzungen, um das zu schaffen: Unsere europäische Wirtschaft ist schon jetzt Weltmarktführer in zahlreichen nachhaltigen Technologien, mit weiteren Investitionen in Innovation und Forschung werden wir das in den kommenden Jahren stärken. Und mit den massiven Aufbauhilfen haben wir erstmals auch die Mittel, um vehement in den grünen Wandel zu investieren. Der Europäische Green Deal öffnet einen breiten Fächer an Möglichkeiten. Er ist unsere neue Wachstumsstrategie.

Deshalb ist gerade jetzt die richtige Zeit für eine neue europäische Bauhaus-Bewegung, die sich diesen Herausforderungen stellt und hilft, kluge und attraktive Antworten zu entwickeln. Das Neue Europäische Bauhaus soll eine Brücke sein. Eine Brücke zwischen der Welt der Wissenschaft und Technologie und der Welt der Kunst und Kultur.

Die historische Bauhaus-Bewegung hat vorgemacht, wie das gehen kann. Es ist beeindruckend, wie es die Bauhaus-Künstlerinnen, -Architekten und -Designerinnen innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit geschafft haben, unsere Welt nachhaltig zu verändern. Ihre Spuren ziehen sich bis heute über den Globus – sei es im Stadtzentrum von Tel Aviv, wo sich in manchen Straßen ein im Bauhausstil entworfenes Gebäude ans nächste reiht, sei es in Stoffen und Textilien, die nach Bauhaus-Mustern gewebt sind, sei es in zahlreichen Kunstwerken und Gemälden, die unsere Museen schmücken. Das Bauhaus, das seine Wurzeln in Weimar und Dessau hatte, prägte den sozialen und wirtschaftlichen Übergang zur Industriegesellschaft und ins 20. Jahrhundert. Hundert Jahre später erfordert der Europäische Green Deal ein ähnlich umfassendes Umdenken gepaart mit Kreativität und Innovation.

Gebäude und Infrastrukturen sind ein entscheidender Faktor im Kampf gegen den Klimawandel und für eine nachhaltige Wirtschaft. Sie sind für mindestens 40 Prozent aller Treibhausgasemissionen in der Europäischen Union verantwortlich. Dazu kommt, dass moderne Konstruktionen meist vor allem Zement und Stahl nutzen. Das sind Materialien, deren Herstellung immens viel Energie verbraucht und direkt CO2 freisetzt. Das historische Bauhaus hat auf diese Materialien gesetzt, um den Herausforderungen der Industrialisierung gerecht zu werden und das Wohnen bezahlbar zu machen. Die Form folgte der Funktionalität. Heute müssen wir einen Schritt weitergehen. Die Form des Neuen Europäischen Bauhauses folgt Funktionalität und der Gesundheit unseres Planeten. Wir wollen lebenswerten Wohnraum schaffen für die wachsende Zahl an Menschen – und gleichzeitig Klima und Umwelt schützen.“

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/digitec/neues-europaeisches-bauhaus-bezahlbarer-wohnraum-und-klimaschutz-17205418.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Das Neue Europäische Bauhaus mit Betonung auf Funktionalität und energetischer Klimagerechtigkeit, das nicht mehr Beton wie das alte Bauhaus während der Industrialisierung , sondern CO2-neutrale Baustoffe und energiesparende Architektur samt intelligenter Infrastruktur verwenden als auch Neubauten und energie- wie auch klimanegative Abrisse minimieren möchte und polyzentrisch Stadt und Land organisieren will, wird ja teils schon in Entwürfen von smart und green cities mit damit einhergehenden grünen Mobilittskonzepten ersonnen. Mal sehen, ob die KP China bald auch mit einem Neuen chinesischen Bauhaus nachzieht, insofern sie dies nicht schon bei den smart cities auf ihrer New Silkroad getan hat. Während von der Leyen anders als die vorigen Erklärungen auch die Wichtigkeit von nicht nur klimagerecht-ökologischen, sondern auch bezahlbarem Wohnraum artikuliert, ist die Frage aber inwieweit das ernst gemeint ist, wenn man die Besitz-, Eigentums-, Bodenrecht- und Machtverhältnisse nicht thematisiert, Mieten und Bodenpreise weiterhin als Betongold inflationieren und viele Mieter vielleicht durch die ökologische Modernisierung und Luxussanierung vertrieben werden und die Gentrifizierung katalysiert wird.

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