Ghana und der weltweite unwoke Backlash

Ghana und der weltweite unwoke Backlash

Zwei interessante Artikel, die auf die unterschiedliche Wahrnehmung von Kolonialismus, Westen, Gazakrieg , LGBTIQ- Rechten und Holocaust  innerhalb des angeblich homogen antisemitische Global South hinweisen und für mehr Differenzierung plädieren. Zuerst:

„Holocaust und Kolonialismus: Die Mythen der Anderen

Ein Blick auf deutsche Befindlichkeiten von Togo aus: Beobachtungen bei einer Tagung zur Erinnerungskultur an der Universität Lomé.

Wir werden beobachtet. Wie geht Deutschland mit seiner Geschichte um, mit seiner doppelten Gewaltgeschichte? Die Beobachter sind keineswegs nur Essay schreibende New Yorker Intellektuelle, sondern – viel leiser, viel weniger beachtet – auch afrikanische. Ich komme gerade aus Togo zurück, von einem internationalen Kolloquium über politische Macht, kollektives Gedächtnis und nachkoloniales Erinnern.

Eingeladen hatte die Germanistik der Universität Lomé, es kamen GermanistInnen aus Benin, Kamerun, der Elfenbeinküste, aus Brasilien sowie von deutschen Unis. Was ich da zu suchen hatte? Schon springen wir ins Erstaunliche: Eine Forschungsgruppe in Lomé diskutierte ein Semester lang mein Buch „Den Schmerz der Anderen begreifen“ und lud mich dann ein, zur Eröffnung der Tagung zu sprechen.

Ein Fall von „regards croisés“, sich kreuzenden Blicken: Die Tonlage meines Buchs, für ein verunsichertes deutsches Publikum geschrieben, enthielt für LeserInnen in Togo auch ethnografische Hinweise. Wie sorgsam Deutschlands geschichtspolitische Debatten verfolgt werden, registrierte ich mit einer gewissen Beschämung. Schon mir, der Eingeweihten, erscheint manches kaum rational vermittelbar. Wie wirkt dies alles auf Menschen aus Cotonou, Abidjan oder Yaoundé, die an einer eigenen intellektuellen Kartografie der Welt arbeiten?

Sie waren höflich, blieben es auch, als etwas Seltsames geschah. Die Tagung kam mit finanzieller Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdiensts zustande, doch der deutsche Botschafter mochte sein Grußwort plötzlich nicht mehr halten, der Repräsentant des DAAD erkrankte abrupt. Weil im Titel eines Vortrags die Buchstaben BDS vorkamen, war offensichtlich aus dem Mutterland „Alle Mann auf Tauchstation!“ gekabelt worden.

Differenziertes Geschichtsverständnis

Lieber eine Riege westafrikanischer Professoren brüskieren als bei irgendeinem Fuzzi in Deutschland einen Antisemitismus-Alarm auslösen – ungewollt ein luzider Beitrag zum Gegenstand der Tagung, zumal in einer ehemaligen deutschen Kolonie. Ein Kameruner spöttelte über die „Mythen der Anderen“, die es zu dechiffrieren gelte.

Togo ist nicht Südafrika – Gaza und Israel spielten in Lomé kaum eine Rolle. Palästina dient dort nicht als Folie, um darauf die Befreiung von diversen Abhängigkeiten zu projizieren. Als Gegenpol zum aufgebrachten Südafrika, das mit Palästina die Traumata der eigenen Geschichte verbindet, mag das stille Togo gleichfalls exzeptionell sein. Oder illustrieren beide Extreme womöglich, wie heterogen der Globale Süden tatsächlich ist, allein im Spektrum Afrikas?

Von Lomé aus betrachtet wirkten die „Global South United“-Slogans auf Berliner Pro-Palästina-Demonstrationen wie Fabrikate romantischer Wünsche. Aber auch die gegenteilige, feindselige Pauschalisierung in manchen Feuilletons ist ja von Begierden getrieben: Wer alles Postkoloniale als antisemitisch stilisiert und den Globalen Süden als judenfeindlich, will ins Wanken geratene Hierarchien restaurieren, auf eine sehr deutsche Weise.

Zivilisatorischer Dünkel kleidet sich heute in die Rede, nur der Holocaust sei ein Zivilisationsbruch; das lag für meine afrikanischen GesprächspartnerInnen auf der Hand. Sie drückten Empathie für die jüdische Leidensgeschichte aus, akzeptierten damit jedoch kein Geschichtsbild, das die Tragödien des Kontinents auf hintere Plätze verweist. Einige hatten zu den Verflechtungen zwischen Nationalsozialismus und Kolonialismus gearbeitet; ihnen war bewusst, wie toxisch die deutsche Debatte dazu ist.

Nostalgie für die deutsche Kolonialzeit

Gleichwohl zeigen sich eben in den Biografien von Männern, die ihre Erfahrungen als Kolonialbeamte in Togo anschließend in den Dienst des NS-Machtapparats stellten, personelle und ideologische Kontinuitäten. Sie zu erforschen, hieß es in Lomé, parallelisiere keineswegs die Verbrechen. Jenseits der Universität ist Togo für das Bemühen um ein gerechteres Weltgedächtnis ein schwieriges Pflaster.

In der Bevölkerung fungiert eine gewisse Nostalgie für die deutsche Kolonialzeit als imaginäre Plattform, um die fortdauernde Abhängigkeit von Frankreich, der zweiten Kolonialmacht, zu beklagen. Historische Gräueltaten der Deutschen werden bislang auch in Schulbüchern eher beschwiegen, doch tritt allmählich die Realität ans Licht: Strafexpeditionen, Deportationen, Raub von Schädeln, Experimente an Kranken.

Aufklärend an dieser Front wirken nicht Historiker, sondern Germanisten: Sie können die Kolonialakten lesen, identifizieren Geraubtes in deutschen Museen und Depots. Bald sollen erstmals menschliche Gebeine zu Gemeinschaften in Nordtogo zurückkehren. Der Kampf richtet sich also nicht nur gegen eine deutsche Larmoyanz, die vom Bild der vermeintlichen Musterkolonie ungern lassen möchte, sondern ebenso gegen einheimische Widerstände.

Togo ist eine Art Familiendiktatur, der profitable Beziehungen nach Europa wichtiger sind als irgendein postkolonialer Impuls. Und viele junge Menschen wollen nur weg, träumen von Migration und lernen massenhaft Deutsch als vermeintliches Ticket in ein besseres Leben. Der Dekan der philosophischen Fakultät, der mich eingeladen hatte, sieht das mit Trauer. Postkoloniale Abhängigkeit zu überwinden bedeutet aus seiner Sicht: Lebensumstände zu schaffen, die jungen Leuten das Bleiben ermöglichen.

Wir saßen vor meiner Abreise lange in einer Bank, auf Euros wartend, in die ich meine Barschaft zurückwechseln wollte. Der westafrikanische Franc ist außerhalb der regionalen Währungszone nicht konvertierbar. Ein koloniales Spielgeld zugunsten französischer Interessen, eine tägliche Demütigung. Sie wird von den Menschen, die ich kennenlernte, ertragen, nicht akzeptiert.

Holocaust und Kolonialismus: Die Mythen der Anderen – taz.de

Desweiteren ein interessanter Artikel in der Jungle World über die Anti- LGBTIQ- Gesetze in Ghana.

07.03.2024

Ghana will Homosexualität noch stärker kriminalisieren

Egalitäre Diskriminierung

In Ghana wurde ein neues Gesetz beschlossen, welches »unnatürliche« Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten kriminalisieren soll. Ausgerechnet bei deren fein differenzierter Aufzählung orientiert sich der Gesetzgeber an westlichen Gepflogenheiten.

Von

Hanno Hinrichsteilen

Ein ungeheuerlicher Trend zeichnet sich ab: Nachdem bereits in Uganda ein Gesetz zur Kriminalisierung von Homosexualität in Kraft gesetzt wurde und Kenia danach strebt, seine entsprechenden Gesetze zu verschärfen, hat auch das Parlament in Ghana einem solchen Entwurf zugestimmt. Das sogenannte ­Gesetz für sexuelle Menschenrechte und Familienwerte soll alle »unna­türlichen« Formen von Sexualität und Geschlechts­identität unter Strafe ­stellen. Vor fast drei Jahren haben es Oppositionspolitiker vorgelegt und am 28. Februar wurde es schließlich einstimmig angenommen. Um in Kraft zu ­treten, fehlt bloß noch die Unterschrift des Präsidenten Nana Akufo-Addo von der liberalkonservativen New Patriotic Party.

Eigentlich gibt es in Ghana längst ein Gesetz, mit dem Homosexuelle verfolgt werden – es wird nur kaum angewandt. Die unter britischer Kolonialherrschaft eingeführten Rechtsnormen sind 1960 bruchlos in das Strafgesetzbuch übergegangen und gelten bis heute.

Das Strafmaß liegt bei bis zu drei Jahren Haft, so auch im neuen Gesetz. Härter soll fortan die Parteinahme für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten geahndet werden: Fünf Jahre Gefängnis wäre die Höchststrafe, zum Beispiel für finanzielle Unterstützung oder öffentliche »Propaganda«. Zudem sollen alle NGOs, die in diesem Bereich arbeiten, aufgelöst werden.

Dass binnen kürzester Zeit eine so erfolgreiche homophobe Massenbewegung entstehen konnte, ist erstaunlich.

Die Kampagne für den Gesetzentwurf galt damals als Reaktion auf die Eröffnung des ersten LGBT-Zentrums in der Hauptstadt Accra. Anfang 2021 feierte die Community im Beisein internationaler Gäste den Fortschritt der ghanaischen Gesellschaft. Darauf folgten unerwartet heftige Anfeindungen durch Kirchen, Parteien und aus der Gesellschaft, so dass die Einrichtung schon nach einem Monat wieder schließen musste. Wenig später wurden 16 Frauen und fünf Männer inhaftiert, weil sie an einem Netzwerktreffen für LGBT-Rechte teilgenommen hatten.

Dass binnen kürzester Zeit eine so erfolgreiche homophobe Massenbewegung entstehen konnte, ist erstaunlich. Noch im Jahr 2017 ergab eine Umfrage der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association, dass immerhin 60 Prozent der ghanaischen Bevölkerung der Meinung seien, Homo- und Bisexuelle sollten dieselben Rechte wie Heterosexuelle haben. Das neue Gesetz zielt auf das Gegenteil ab – und doch scheint es dafür große Unterstützung in der Bevölkerung zu geben.

Einen Wendepunkt könnte die 2019 in Ghana abgehaltene Konferenz des World Congress of Families (WCF) dargestellt haben. Denn der Impuls für den Gesetzentwurf kam Recherchen des US-Nachrichtensenders CNN zufolge von dieser Veranstaltung. Beim WCF handelt es sich um ein Netzwerk von Rechten aus den USA und Evangelikalen, das sich im Kampf gegen Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe bereits einen Namen gemacht hat. Nicht nur in Ghana, sondern auch in Uganda und Nigeria soll es als Stichwortgeber für homosexuellenfeindliche Gesetzentwürfe fungiert haben.

In der Tat ist dem ghanaischen Gesetzentwurf ein zeitgenössischer »westlicher« Sprachgebrauch anzumerken, der sich mit seinen rückschrittlichen Forderungen auf eigenartige Weise verschränkt. Angesprochen wird nicht mehr bloß Homosexualität, sondern jedwede Form von Sexualität und Geschlechtsidentität, die von der Norm abweicht. Das geläufige Akronym LGBT wird zu LGBTTQQIAAP+ erweitert, um auch Asexualität, Pansexualität und weitere queere Identitätskategorien zu erfassen. So wird das Paradigma des queeren Diskurses – alle sexuellen und geschlechtlichen Identitäten »sichtbar zu machen« – unverhofft ins Negative gewendet. Die bloße Identifikation mit einer dieser Kategorien soll fortan ausreichen, um staatlich verfolgt zu werden.

Bisher stand die ghanaische ­Regierung dem Westen in vielen politischen Fragen nahe, zum Beispiel in ­ihrer Position zum Ukraine-Krieg.

Auf bizarre Art macht sich der Gesetzgeber die Forderung nach Gleichberechtigung zu eigen. Die alten Formulierungen im Strafgesetzbuch seien ungerecht, weil sie bloß penetrative ­Sexualhandlungen ahnden, wird argumentiert. »Das derzeitige Gesetz scheint Männer zu diskriminieren, da der Geschlechtsverkehr zwischen ­Personen weiblichen Geschlechts beispielsweise nicht erfasst wird«, heißt es im Bericht des Ausschusses für konstitutionelle, rechtliche und parlamentarische Fragen. Die Lösung des Problems lautet also: egalitäre Diskri­minierung.

Der Ausschuss hatte sich nach der ersten Lesung mit dem Gesetzentwurf befasst und zahlreiche Anhörungen sowie Auslandsbesuche anberaumt, um den Entwurf schlussendlich mit marginalen Änderungen an das Par­lament zurückzugeben. Nachdem kein einziger Abgeordneter seine Stimme dagegen erhob, kann jetzt nur noch der Präsident das Inkrafttreten verhindern. Allerdings hatte Akufo-Addo bereits angekündigt, in dieser Entscheidung dem Willen der Mehrheit zu folgen.

Schwierigkeiten bringen. So haben die USA und die Vereinten Nationen den Parlamentsbeschluss bereits scharf verurteilt. Bisher stand die ghanaische ­Regierung dem Westen in vielen politischen Fragen nahe, zum Beispiel in ­ihrer Position zum Ukraine-Krieg. Wirtschaftlich ist Ghana ein wichtiger ­Kooperationspartner im »Marshallplan mit Afrika«, der aus dem G20-Gipfel 2017 in Hamburg hervorgegangen ist. Noch im ­Oktober 2023 war Bundeskanzler Olaf Scholz daher bei Akufo-Addo zu Besuch. Das Gesetzesvorhaben erwähnte er dabei mit keinem Wort, sondern lobte den ghanaischen Rechtsstaat als Stabilisator in der Region.

jungle.world – Egalitäre Diskriminierung

„Unerwartet“ und „erstaunlich“. Scheinbar hat die Umfrage der woken LGBT-NGO da eher ihre urbane Bubble und Echokammer befragt. So repräsentativ scheint das nicht gewesen zu sein. Da hielt man Musterland Ghana scheinbar fortschrittlicher und moderner, zumal die ja im Ukrainekrieg nicht auf Seiten Putins sind. LGBTIQ-NGOs werden  jetzt gleich auch verboten von den angry black men und women. .Ja, fast wie bei Putin, den sie doch nicht unterstützen. Ja, so eine/r versteht da die Welt nicht mehr. Vielleicht kann ja noch Fancy Faeser mit Regenbogenarmbinde da in Ghana schlichten.

Ein befreundeter Professor meinte noch:

“ LGBTTQQIAAP+

Das ist allerdings erstaunlich. Man meint fast zu sehen, dass die Ghanaer über eine erhebliche Menge Sarkasmus verfügen, indem sie das lange Zeit über ständig wachsende Kürzel selbstständig um ein paar zusätzliche Buchstaben erweitert haben.

Ich habe seit langem den Verdacht, dass Widerstand gegen die westliche Auflösung des traditionellen Geschlechterbegriffs eine der machtvollsten Legitimationen für Regierungen in allen Ländern der nicht westlichen Welt darstellt. Da scharen sich alle zusammen, weil sie wissen, dass sie große Teile der Bevölkerung auf diese Weise hinter sich bekommen. Die Genderbewegung fliegt als Boomerang mit doppelter Geschwindigkeit zurück. Die Butlersche Gendertheorie schweißt so unterschiedliche Regime wie dasjenige Xi’s, Putins, Erdogans, aber eben auch zahlreicher afrikanischer Länder zusammen.

Ich würde meinen, dass in vielen dieser Gesellschaften Homosexualität so normal war wie bei uns auch, dass aber die Betonung der Rechte von Homosexuellen als eine Errungenschaft der modernen westlichen Gesellschaft dazu führt, dass deren Freiräume in anderen Ländern am Ende kleiner werden, weil sich die Mehrheitsgesellschaft dadurch bedroht fühlt.

Die Vokabel „homophob“ durfte in dem Aufsatz nicht fehlen. Ich fürchte, sie ist der Boomerang, von dem ich oben sprach.“

Menschenrechte umfasste noch alle Menschen, feministische Außenpolitik wie von Baerbock bei der MSCC verkündet bestenfalls dann noch erhofft eine imaginäre „Hälfte des Himmels“, zumal mit Größenwahn ala Claudia Roth, die verkündete , dass deutsche „feministische Außenpolitik das Ziel haben muss, weltweit das Patriachat zu stürzen“. Und nun mit dem Genderfeminismus vor allem nur nochmals noch weniger Menschen einer marginalen Minderheit sexueller Orientierung als Leitfaden für die Gesellschaft, was ja dann noch schwieriger als die zumeist schon gescheitere Menschenrechts- und feministische Außenpolitik ist, zudem auch ahistorisch die verschiedenen gesellschaftlichen Bewußtseinsstände zwischen Industrieländern und gerade aus archaischen Stammes- und Agrargesellschaften, die gerade in die sogenannte Moderne durch die Globalsierung katapultiert werden. Ja wenn man all das ignoriert, dann sind solche unwoken Backlashes wie eben nicht nur in Ghana dann auch „erstaunlich“ und „unbegreiflich“, zumal wenn man das kulturrevolutionär und kampagnenmäßig durchpeitschen will, unwoken Kulturkämpfern eben die Steilvorlage gibt.

Dass autoritäre Regime genau auf solch einen unwoken Backlash, auch seitens der Mehrheitsbevölkerung rechnen, auch in Deutschland und wie das Pentagon schon 2013 noch als „geopolitical asset“ sehen, ist noch in dem anderen Global Review- Artikel ausführlicher dargestellt:

USA: WOKE IMPERIUM GOES BROKE? UNWOKE INTERNATIONALE, UNWOKER ULTRAIMPERIALISMUS UND UNWOKER WELTFRIEDEN?

 21. Februar 2024  Ralf Ostner

USA: Woke Imperium goes broke? Unwoke Internationale, unwoker Ultraimperialismus und unwoker Weltfrieden? – Global Review (global-review.info)

Kommentare sind geschlossen.