Massendemos für Demokratie, Mahnungen „unserer“ Wirtschaft und Umfragehoch der AfD

Massendemos für Demokratie, Mahnungen „unserer“ Wirtschaft und Umfragehoch der AfD

Massendemos für Demokratie, Buntheit, ja vielleicht auch offen gegen die AfD oder allgemeiner gegen Rassismus oder Antisemitismus, manchmal scheinbar austauschbar, die inziwschen schon wieder abflauen, nun die mögliche Einstufung der gesamten AfD als rechtsextrem und schon erste Parteiverbotsaufrufe. Zudem  Warnrufe von BDI. DIHK und anderen Wirtschaftsverbänden, dass eine AfD wegen Dexits und Remigration und ausländerfeindlichem Klima notwendige ausländische Fachkräfte vertreiben wurde, mindestens 2 Millionen Arbeitsplätze oder auch „katastrophale Wohlstandsverluste „ bedeuten würde an die Adresse von AfD- Wählern, sich nicht selbst zu schaden. Ebenso Fraetzschers gewerkschaftsnahes  DIW, das aufgrund des AfD- Wahlprogramms sozial Schwache und Arbeitern vorrechnete, dass sie am meisten unter einer AfD zu leiden hätten., in der irrigen Annahme, die auch Sahra Wagenknecht teilt dies wäre ihre Stammwählerschaft und Hauptklientel.

Nun warnt auch die Bayerische Wirtschaft, sieht die Ampelregierung und ijre Politik aber auch als Ursache des Erstarken der AfD und frodert Korrekturen, stillschweigen vielleicht auch eine neue Regierung, zumal das Wort von der „Schicksalswahl“ ins Spiel gebracht wird:

SCHICKSALSWAHL“: Bayerische Wirtschaft stellt sich vor Europawahl gegen die AfD

AKTUALISIERT AM 21.03.2024-19:00.

Für die bayerische Wirtschaft wäre ein Erfolg der radikalen Kräfte vom rechten Rand in den Europawahlen ein Schreckensszenario. Deshalb hat die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) am Donnerstag eine Kampagne für Europa gestartet. Für VBW-Präsident Wolfram Hatz steht bei den Wahlen am 9. Juni viel auf dem Spiel: „Es geht um Demokratie, um Stabilität und natürlich auch darum, wie wir in Europa unseren Wohlstand wahren können.“ Hatz spricht von einer Schicksalswahl, in der seiner Ansicht nach verhindert werden muss, dass rechtspopulistische Parteien wie die AfD die Oberhand gewännen. Diese Kräfte wollten Europa von innen aushöhlen und zerstören.

„Miserable Politik der Ampelregierung“

Für die bayerische Wirtschaft lautet die Losung: „Europa wählen.“ Dazu gehören für den Wirtschaftsverband alle Parteien der politischen Mitte, nicht aber die AfD und auch nicht die Linke. Zu ihrer virtuellen Wahlkampfarena am 6. Juni hat die Vereinigung die Spitzenkandidaten von CSU, Freien Wählern, Grünen, SPD und FDP geladen. Hatz machte klar, dass es in seinem Verband und in dessen Haus der bayerischen Wirtschaft keine AfD geben wird. Dass die in Teilen rechtsextreme Partei in Umfragen bislang so gut abgeschnitten hat, ist seiner Ansicht nach auf die „miserable Politik der Ampelregierung“ zurückzuführen. Er warnte aber jene Wähler, die mit der AfD deshalb sympathisieren, weil sie mit der Bundesregierung unzufrieden sind. Ein Wahlerfolg der AfD würde viele Arbeitsplätze kosten.

„Nicht mehr Geld, sondern mehr Pragmatismus“

Auch wenn die Europäische Union nicht perfekt sei, sei sie das Beste, was dem Kontinent in seiner von fürchterlichen Kriegen geprägten Geschichte widerfahren sei, erklärte Hatz. Kritiklos steht die bayerische Wirtschaft Brüssel nicht gegenüber. „Wir brauchen und wir wollen keinen europäischen Superstaat, der alle Lebensbereiche kleinteilig reguliert“, sagte Hatz. Stattdessen solle die EU sich auf die wesentlichen Aufgaben konzentrieren. Für die VBW gehört dazu, echten Mehrwert für die Unternehmen zu schaffen.

Der Verband spricht sich für eine Europäische Verteidigungsunion aus, in der die gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU-Mitgliedstaaten vertieft wird. Brüssel hat nach Ansicht der VBW über den Binnenmarkt und die Währungsunion Wohlstand geschaffen, den es nun mit besseren Standortbedingungen zu verteidigen gelte. Hatz verwies auf den Inflation Reduction Act, mit dem die Vereinigten Staaten vormachen, wie die Transformation der Industrie unkompliziert gefördert werden könne. In Europa sind ihm die Förderbedingungen viel zu komplex, unsicher und bürokratisch. „Es geht hier also nicht um mehr Geld, sondern um mehr Pragmatismus“, sagte der VBW-Präsident.

Bayerische Wirtschaft stellt sich vor Europawahl gegen die AfD (faz.net)

Man erinnere sich: Die Mahnungen der britischen Wirtschaft und auch der City of London haben dann auch keinen Brexit verhindert, auch wenn der recht knapp und per Referendum kam.

Nun folgt auch ein 80jährier Firmenpatriarch der einen offenen Brief persönlich an seine Belegschaft schreibt, nicht AfD zu wählen:

„“Ist einfach zu wenig“

Schrauben-Milliardär Würth spricht sich in Schreiben an Mitarbeiter offen gegen AfD aus

Montag, 18.03.2024 | 21:18

Der Milliardär und Unternehmer Reinhold Würth hat sich in einem fünfseitigen Schreiben an alle seine Mitarbeiter gewandt. In diesem positioniert er sich klar gegen die AfD und empfiehlt seiner Belegschaft diese Partei nicht zu wählen.

„Bloß wegen ein bisschen Spaß an der Freude Rabatz zu machen und aus Unmut über die Ampelregierung die AfD zu wählen, ist einfach zu wenig“, schreibt der Unternehmer Reinhold Würth (88) in einem Rundschreiben an seine rund 25.000 Beschäftigten. Darüber berichten mehrere Medien übereinstimmend.

Eigentlich habe sich das Unternehmen von Würth selbst auferlegt, sich nicht zu den politischen Geschehnissen zu äußern, heißt es im Schreiben. Der Milliardär schließe sich aber den Demonstrationen gegen Rechtsextremismus an und erkenne aktuell keine wirtschaftliche Notlage. „Geht es uns in diesem Land einfach zu gut?“, so Würth in dem Schreiben weiter. „Ich wette, dass der durchschnittliche AfD-Wähler über ein eigenes Auto verfügt und mindestens einmal im Jahr in den Urlaub fährt.“

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„Was will die AfD im Rahmen dieses Systems ändern?“

Aus Sicht des Unternehmers sei es „wunderbar, dass unser Deutschland eine Ampelregierung aushalten kann, die in vielen Teilen wie ein Hühnerhaufen durcheinander rennt und doch trotzdem das eine oder andere positive Gesetz auf den Weg bringt.“ Würth, der als einer der reichsten Menschen in Deutschland gilt, fragt sich zudem. „Was will die AfD im Rahmen dieses Systems ändern?“

Die Würth-Gruppe gilt als das weltgrößte Unternehmen für Befestigungstechnik und hat einen Jahresumsatz von etwa 20.4 Milliarden Euro. Insgesamt beschäftigt die gesamte Gruppe über 87.000 Mitarbeiter.

Würth spricht sich in einem Schreiben an Mitarbeiter offen gegen AfD aus – FOCUS online

In der rhetorischen Frage liegt eben vielleicht auch schon die Antwort. Die AfD will nichts i Rahmen dieses Systems, also der Demokratie ändern, sondern dieses System, die Demokratie weg und mindestens in eine autoritäre Diktatur umwandeln. Und das scheint weiter ungebrochenes Gefallen zu finden und trotz oder wegen kann die AfD sogar ein Umfragehoch verzeichnen:

„AfD im Umfragehoch: Studie entlarvt Mythen über Wähler der Rechtspopulisten

Stand:21.03.2024, 19:02 Uhr

Von: Laura May

Was würde passieren, wenn die AfD-Politik umgesetzt wird?

Laut Umfragen könnte die AfD bei den Bundestagswahlen 2025 zweitstärkste Kraft hinter der Union werden – mit Stimmen aus unterschiedlichen Milieus.

Berlin – Der AfD-Wähler ist alt, männlich, ungebildet und ostdeutsch? So einfach ist das nicht. Es sind nicht nur sozial abgehängte Protestwähler, die den Rechtspopulisten ihre Stimme geben wollen. Die versprochene „Alternative für Deutschland“ interessiert Menschen aus verschiedenen Umgebungen.

Einige Mythen über die AfD stimmen nur bedingt. Wie die Welt berichtet, sind etwa zwar die Mehrheit der AfD-Wähler männlich, aber 44 Prozent davon sind Frauen. Auch die Idee, dass die AfD nur wegen Ostdeutschland so stark ist, stimmt nur bedingt. Zwar wählen sie im Osten überproportional viele Menschen, doch 76 Prozent der AfD-Wähler leben im Westen.

Viele AfD-Wähler hätten lieber eine Diktatur als die Ampel-Koalition

Dasselbe gilt für den Bildungsgrad. Zwar haben rund 75 der potenziellen AfD-Wähler Haupt- oder Realschulabschluss, 18 Prozent jedoch Abitur. Am ehesten stimmt die These, dass junge Menschen eher selten die AfD wählen. Am stärksten punktet die Partei bei den 50- bis 59-Jährigen, 40 Prozent der Befürworter sind über 60. Insgesamt erreicht die AfD jedoch bei nahezu allen Bevölkerungsgruppen ein zweistelliges Ergebnis.

Zwei Kritikpunkte haben dabei fast alles potenziellen AfD-Wähler gemeinsam: Sie sind unzufrieden mit der Ampel-Koalition und wünschen sich weniger Migration nach Deutschland. Darüber informiert zeit.de nach einer Analyse eines Datensatzes der Deutschen Gesellschaft für Wahlforschung und des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaft. Zweimal im Jahr wurden dafür etwa 10.000 Deutsche befragt.

Acht Millionen Deutsche wollen bei der Bundestagswahl 2025 AfD wählen

82 Prozent der Befragten geben an, mit der Bundesregierung „völlig unzufrieden“ zu sein. 83 Prozent wollen die Einwanderung einschränken. Viele haben das Gefühl, dass sie zu viele Steuern zahlen und ihre Meinung nicht frei äußern können – die Mehrheit ist von wirtschaftlichen Zukunftsängsten geplagt. Außer von den Grünen bekommt die AfD Zulauf aus allen Parteien. Die Mehrheit der Wähler sieht sich selbst nicht als rechts und ordnet sich politisch in der Mitte ein.

Etwa acht Millionen Menschen wollen bei der nächsten Bundestagswahl ihr Kreuz bei der AfD machen. Laut Erhebungen verschiedener Meinungsforschungsinstitute, zusammengefasst auf der Plattform DAWUM (Darstellung und Auswertung von Wahlumfragen) am 21. März, würde die AfD auf rund 18 Prozent kommen, wären am Sonntag Bundestagswahlen. Hinter der konservativen Union (CDU/CSU) wären die Rechtspopulisten damit zweitstärkste Kraft. Trotz bewiesener rechtsextremistischer Tendenzen.

Die Demokratiedemos scheinen recht wirkungslos geblieben zu sein, sollte man dieser Umfrage glauben. Auch immer die Mär, dass AfDler vor allem prekäre Hartzler seien, denen man mit etwas mehr Bürgergeld ihre Protestwahl austreiben können. Nein, eben vor allem Bürgertum, Kleinunternehmer, Mittelschicht, zumal auch im Westen, eben die „Radikalisierung der middle class“ wie dies Lipset einmal bezüglich des Faschismus sagte. In der Überschrift“ Viele AfD-Wähler wollen lieber eine Diktatur als die Ampelregierung“. Das soll dann nicht rechtsradikal sein? Aber im Text wird diese Umfragefrage gar nicht erwähnt. Dennoch haben ja schon frühere Umfragen gezeigt, dass es inzwischen nicht nur mehr um eine Politikverdrossenheit, sondern auch um eine Demokratieverdrossenheit handelt, die viele mit einem anderen System ersetzt haben willen, inzwischen auch unter Unionmitgliedern. Man fragt sich, ob die Leute AfD „trotz erwiesener rechtsextremistischer Tendenzen“ wählen oder inzwischen nicht in immer zunehmenderen Maße gerade deswegen.

Eine gute Ilustration dessen ist mal ein Bericht über AfD- Wähler mi Focus, mal nicht prekäres Ostdeutschland, sondern Westdeutschland, wie es eben wertekonservativ oft anzutreffen ist. Auch so die Hauptthemen: Flüchltinge, Pädogrüne, die Hoffnung auf eine Unions/AfD- Regierung samt Mäßigung unter Weidel und das die bestimmend sei. Das ist genau Höckes Kalkül ,der inzwischen das Sagen in der AfD hat, aber sich eben noch die Weidel als Schafspelz hält, zudem der auch aufgrund ihres Stipendiums bei der Konrad- Adenauer- Stiftung, DAAD und Chinastudienaufenthaltsamt kurzzeitiger Beschäftigung bei Goldmann- Sachs ja auch Wirtschaftskompetenz nachgesagt wird, trotz Dexitforderung in der Financial Times und AfD- Dexit wohl auch hoffen, dass das nur lauter antirechte Propaganda von Teilen der Wirtschaft sind, die man nicht mehr als „unsere Wirtschaft“, sondern scheinbar eher als Teil „von denen da oben“ auffaßt, zumal eben in dieser Sicht die Ampelregierung und vor allem die Grünen Deutschland deindustrialisieren und ruinieren und es nicht schlimmer kommen könne. Und die Weidel wird dann Deutschland vor Höcke retten, aber vielleicht ist der auch nicht so rechts. Naja, ein schlagende Burschenschafter dabei, was ja weniger verwundert. Doch hier zuerst mal noch der Erfahrungsbericht von Nena Brockhaus im Ficus, wenngleich der auch nicht ganz repräsentativ ist, aber scheinbar die Grundtendenz ganz gut darstellt.:

Ich mit AfD-Wählern in der Dorfkneipe – ein Satz über die Grünen macht mich baff

Samstag, 09.03.2024 | 20:31

 

In der INSA-Umfrage liegt die AfD aktuell bei 19,5 Prozent. Öffentlich bekennt sich kaum einer zur Wahl der AfD. Ich habe zwei AfD-Wähler getroffen. Schenken Sie mir einen Augenblick für die andere Meinung.

AfD-Wähler sind dumm, rechtsextrem, bösartig, wohnen im Plattenbau, im Osten. So erscheinen mir die Stereotype dieser Tage. Die Lust, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, geht gegen null. Ich halte unsere fehlende Debattenkultur für gefährlicher als die AfD.

Laut Umfragen gab es in der Bundesrepublik noch nie zuvor so große Bedenken, seine politische Meinung frei zu artikulieren wie heute: Nur 40 Prozent  der Deutschen glauben, Meinung frei äußern zu können. Die Zahlen sind alarmierend. Was ist mit unserem Interesse an der Sichtweise anderer Menschen  bloß passiert? Unserer Freude an politischer Debatte?

Mein Abend mit AfD-Wählern

Ich habe kürzlich erst einen Abend mit AfD-Wählern verbracht. Zufällig. Nicht in Sachsen. Nicht im Plattenbau. Nicht im näheren Bekanntenkreis. Sondern an dem beschaulichsten Ort, den ich kenne. Dort, wo ich zur Schule ging: Willich am Niederrhein, gut 50.000 Einwohner, die nächste Metropole Düsseldorf ist 20 Minuten entfernt, bis zur holländischen Grenze sind es keine 40 Kilometer. Willich ist kein Krawall-Ort. Es ist mehr wie Monopoly mit Reihenhäusern und Doppelhaushälften. Alles hier ist sehr behütet, strukturiert.

Im Sommer fahren die Lehrer, Anwälte, gehobene Angestellte und Handwerker mit ihren Kindern mit dem Fahrrad über die Felder, spielen im Club Tennis, gehen ins Freibad De Bütt. Im Kreis Viersen, zu dem Willich gehört, hatte die CDU bis vor ein paar Jahren noch die absolute Mehrheit. Bei der jüngsten Bundestagswahl kam die Partei noch locker über 35 Prozent. Auch der Willicher Bürgermeister ist selbstverständlich CDUler.

Willich steht für viele Dörfer und Kleinstädte Deutschlands. Für die Orte, an denen fern von Hafermilch und Gender-Debatten ein konservativ-christliches Leben geführt wird. Nach langer Zeit bin ich mal wieder im Dorf und steuere die Eckkneipe an, um die Wartezeit auf mein Taxi zu verkürzen. Setze mich an den Tresen, bestelle mir ein Glas Wein, komme mit zwei Männern ins Gespräch. Schnell finden wir einen gemeinsamen Nenner. Wir kennen dieselben Leute, besprechen, was aus wem geworden ist. Das übliche eben.

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Irgendwann reden wir dann über Politik. Natürlich über Bundespolitik. Natürlich über die Flüchtlingsfrage. Natürlich über die AfD. Mein Gegenüber erscheint mir wie der Prototyp des Willichers: Typ Schwiegersohn, konservativ gekleidet, fleißig, strebsam. Ich wäre jede Wette eingegangen, dass er CDU wählt.

„Ich will die ganzen Flüchtlinge hier nicht“

Bis er plötzlich sagt: „Ich wähle die Alternative für Deutschland.“ Meine Reaktion: „Warum?“

Er: „Aus Überzeugung. Ich will die ganzen Flüchtlinge hier nicht.“ Es gehe ihm um den Wunsch nach einem echten konservativen Korrektiv im Bundestag, das er in der Merkel’schen Zeit nicht gefunden hat und auch beim heutigen Führungspersonal vermisse. Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz sei ein Umfaller. Der wolle sogar mit den Grünen koalieren. Sein Freund stimmt zu. Auch er sagt, dass er die AfD wählt und schaut mich an, als hätte er gerade eine Heldentat vollbracht und wartet nun gespannt auf meine Reaktion.

Ist AfD wählen etwa das neue Rauchen? Etwas, das man vor seinen Eltern, Familienmitgliedern und beim ersten Date lieber erstmal geheim hält? Die beiden Männer kommen immer mehr in Fahrt. Das Establishment habe auf ganzer Linie versagt und deswegen – so ihre gemeinsame Argumentation – bliebe nur noch eine Alternative, die Alternative für Deutschland eben. Ob ich das denn nicht selbst erkennen würde?

Satz macht mich baff: „Die Grünen wollten Sex mit Kindern“

Ich frage die beiden, ob sie überhaupt wissen, wofür die AfD wirklich steht. Kennen sie das Parteiprogramm? Wollen sie nur das Chaos bei der Migration beenden oder sollen Polizisten an der Außengrenze auf Flüchtlinge schießen dürfen? Erwartungsvoll schaue ich die beiden an. Typ Schwiegersohns Antwort beinhaltet bloß einen einzigen Satz: „Die Grünen wollten Sex mit Kindern.“

Ich bin baff. Mit dieser Antwort habe ich nicht gerechnet. Ich entgegne, dass es zwar stimme, dass in den Anfangsjahren die Position pro Pädophilie von Minderheitsströmungen innerhalb der Grünen besetzt worden wäre, sich die Grüne Partei davon aber klar distanziert. Und was überhaupt habe die weit zurückliegende grüne Vergangenheit mit seiner Stimme für die AfD zu tun?

Die Argumentationskette von dem Typ Schwiegersohn: Sobald die AfD in Regierungsverantwortung komme, werde sie sich mäßigen. Die extremen antidemokratischen Strömungen würden sich ausmerzen. Genauso wie damals bei den Grünen. Dafür werde die AfD einen starken und  möglichst konservativen Einfluss auf den Koalitionspartner haben. Sein Wunsch sei schwarz-blau. Und Alice Weidel sei doch auch wirklich super, intelligent, eine Königin.

Höcke nein, aber Weidel schon

Ich schüttele mit dem Kopf: „Du wählst mit deiner Stimme nicht bloß Alice Weidel und einzelne Punkte im Parteiprogramm, die dir gefallen. Du wählst auch einen wie Björn Höcke und viel schlimmer eine Partei, die in Teilen als gesichert rechtsextrem gilt. Wirst du deiner Rolle als verantwortungsvoller Wähler gerecht, wenn du der AfD mit voller Wahlstimme die gesamte Macht in die Hand gibst?“

Typ Schwiegersohn gibt zu: Gut, den rechten Höcke müsse man loswerden. Aber er wähle auf Bundesebene ja auch nicht Höcke. Sondern Weidel. Und er wolle jetzt auch nochmal klarstellen, dass er kein Rechtsextremist ist. Er sei während seines Studiums mal in einer Burschenschaft gewesen. Er habe sogar einen Schmiss. Ob ich eigentlich wüsste, was das ist, ein Schmiss. Eben jene Burschenschaft sei ihm dann aber zu rechts gewesen und er sei ausgetreten. Er habe auch nichts gegen Flüchtlinge, aber wolle, dass diese sich integrieren und nicht einfach jeder kommen kann. Und die etablierten Parteien würden beim Thema Migration jawohl komplett versagen.

Wir müssen die Meinung der anderen tolerieren

Meinen Einwurf, dass die AfD Höcke braucht, weil viele AfD-Wähler eben genau darauf stehen, wischt Typ Schwiegersohn vom Tisch. Sein Tischnachbar, nickt eifrig und verkündet erneut: Ja, ich wähle die AfD. Viel mehr sagt er an diesem Abend nicht. Ihn scheint unsere politische Diskussion zu langweilen. Auch ich bin nun etwas erschöpft. Die anderen zwei auch. Wir bestellen die nächste Runde. Weißwein für mich. Alt Bier für meine zwei Diskussionspartner. Der Wirt stellt uns Schnäpse auf den Tisch. Wir werden uns heute nicht mehr einig. Das Taxi am Ende teilen wir uns trotzdem. Ich setze die zwei bei sich zu Hause ab und fahre weiter nach Düsseldorf.

Wann haben Sie das letzte Mal mit jemandem diskutiert, der so gar nicht Ihrer Meinung war? Meinungsfreiheit wird nur dadurch verteidigt, dass wir von ihr Gebrauch machen. Wir müssen nicht mit dem einverstanden sein, was unser Gegenüber sagt, aber wir müssen die Meinung der anderen tolerieren. Das Recht auf Meinungsfreiheit verteidigen. Das Recht auf Andersartigkeit. Oder wie der Schriftsteller Theodor Fontane seinen Romanhelden Dubslav von Stechlin sagen lässt: „Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.“

Ich mit AfD-Wählern in der Dorfkneipe – ein Grünen-Satz mach mich baff – FOCUS online

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