Tatort“Rote Schatten“, RAF-Nostalgie und Lenins „Kinderkrankheiten des Kommunismus“

von Ralf Ostner

Wie es für die ältere Generation massig Dokumentationen über Hitler, das 3. Reich und Stalingradnostalgie gibt, so für die 68er Generation, die jetzt ins Rentenalter kommt zigfache Dokumentationen über die RAF, den deutschen Herbst und die Landshutentführung. Inzwischen wird die Landshut aus Brasilien nach Deutschland zurückgeholt, eine Gedächtnisstätte draus gemacht, das Olympiaattentat erhält eine Gedächtnisstätte und ebenso rege ist die Film- und Dokuproduktion dazu. Zum einen die 4-teilige RAF- Doku, Stefans Austs „Der Baader Meinhofkomplex“, der auch verfilmt wurde, während Aust inzwischen bei Springers n24/Weltkanal ist und da RAF-dokus fördert, dann die zahlreichen ZDF Info- und ARTEdokus über die RAF und nun eben zu bester Sendezeit im ARD der Tatort „Rote Schatten“, der uns wieder zu den Verschwörungstheorien zurückführt, ob das Ableben der Stammheimer RAF-Gefangenen nun Selbst- /oder Mord war. Auffällig ist, dass diese inflationären Massenproduktionen vor allem kriminalistisch, verschwörungstheoretisch, chronologisch gehalten sind, man zwar viel darüber berichtet, was die RAF so alles tat,aber weniger, was ihre politischen Ziele waren und was die RAF politisch darstellte und war. Selbst Archivare, die die RAF dokumentierten, schreiben inzwischen auf ihrer Webseite:

„Diese Seite wird nicht mehr gepflegt!

Diese Seite war viele Jahre lang die einzige Seite im deutschsprachigen Netz auf der man gebündelt Informationen zur Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF) finden konnte. Ich habe mit der Arbeit an dieser Seite 1997 begonnen und vielen der Inhalte merkt man dieses Alter auch an.

Inzwischen gibt es viel mehr und bessere Informationen zur RAF, vor allem in der Weblink:Wikipedia. Ich habe daher beschlossen, diese Seite nicht mehr weiter zu pflegen. Die Webseite bleibt als statischer HTML Abzug jedoch im Netz.

Andi (Oktober 2009)“

Unter Wikipedia findet man noch weniger Aufklärendes. Eigentlich ist die alte Dokuseite nur soviel wert, da sie erstmals die ganzen Bekennerbriefe über die RAF zumindestens mal ins Netz stelle, aber eben nie kommentierte, analysierte oder einer Kritik unterzog. Die RAF-Bekennerbriefe kann man nachlesen unter:

http://www.rafinfo.de/kommandos.php

Aber es fehlten viele Grundlagentexte der RAF, die diese auch herausgegebgen haben, wie etwa der von Horst Mahler oder/und Ulrike Meinhof verfasste Text über den Aufbau einer westeuropäischen Stadtguerilla.

Wir wollen daher einiges nachholen beim Verständnis der RAF. Zum einen erfolgte deren Gründung in mehreren Etappen: Von nächtelangen politischen und folgelosen Diskussionen in WG-Gruppen (Genug geredet und disikutiert: Zeit zu handeln!) , dem Kaufhausbrand, der die Konsumtempel der verbürgerlichten Arbeiterklasse angreifen wollte (Gewalt gegen Sachen) , zu dem Mord an Benno Ohnesorg (Ab jetzt wird zurückgeschossen) und der Gefangenenbefreiung Baaders, die als konstituitives Ereignis gelten dürfte und dann der Gründung einer Stadtguerila, die sich als Rote Armee Fraktion der antiimperialistischen „Befreiungskämpfe“in der 3. Welt sah, als deutsche Front eines internationalen Kampfes. Die RAF sah sich als erweiterte Front der internationalen „Befreiungsbewegungen“ der Peripherie gegen den Imperialismus, der FLN, der PLO, der MPLA, der SWAPO, des ANCs  im Kampf gegen den portugisischen Salazarfaschismus und das Apartheidregime Burensüdafrikas, des Vietcongs, dem Kampf der ETA gegen den Francofaschismus, der IRA gegen den britischen Imperialismus, alles Fronten gegen den Imperialismus, die nun auch in Deutschland eröffnet werden sollte, um dem Imperialismus das „imperialistische Hinterland“in den Metropolen mit seiner Militärarchitektur von Rammstein, Heidelberg, NATO oder eben dem Zentralcomputer in Stuttgart zu nehmen, in dem er sich ungestört entfalten kann und Aggressionskriege und Diktauren in aller Welt unterstützen konnte.

Die RAF war so das, was Lenin als „Kinderkrankheit des Kommunismus“bezeichnete. Lenin hatte einen Bruder, der Anarchist war und auch eine Bombe auf den Zar warf, wohingegen Lenin dies als politische Sackgasse empfand. Dies hat er in 2 wesentlichen Büchern festgehalten: „Die Kinderheiten des Kommunismus“ und „Was tun?“. In beiden vertrat Lenin die Auffassung, dass eine revolutionäre Partei am Anfang sich um eine Zeitung organisieren müsse, die zur Verbreitung der Parteizellen zentral sei, Massenagitation und -propaganda dadurch innerhalb der Arbeiterklasse und den Bauern entfachen müsse, die Arbeiterklasse die zentrale Instanz sein müsse, man eine Massenpartei und Massenbewegung initieren müsse und wenn die kritische Masse erreicht sei, dann eine Revolution, auch bewaffnet durchführen müsse.

Er stellte aber Fragen der Bewaffnung und des bewaffneten Kampfes an das Ende der politischen Abfolge. Ohne Massenbewegung mache auch keine militärische Bewaffnung ein Sinn, da isolierte anarchistische, bombenschmeissende und um sich schießende Terroristen kein Massenbewußtsein erzeugen würden, ganz im Gegenteil sich eher wegen ihres Stellvertretertums und mangels Verankerung in den Massen mittels Zeitung, Agitation und Propaganda nur ungelesene Bekennerbriefe hervorbringen würde. Eigentlich ist Lenin die beste Kritik eines Revolutionärs an der RAF und warum man diese eher als eine moralisch, anarchistische, sektiererische Gruppe sehen muss, deren Mißerfolg schon in ihrem politischen Ansatz determiniert war.Interessant ist, dass Lenin eine Bewaffnung der Massen ans Ende seiner Überlegungen zu einer Revolution stellt, die RAF die Bewaffnung der Revolutionäre, zumal vereinzelt und nicht als Massenbewegung an den Anfang aller Überlegungen.

Es fällt an den RAF- Schriften und dem was ihre Führer so verlauten ließ auf, dass sie keine konkrete Vorstellung von einer anderen Gesellschaft hatten, sie eher ANTI- imperialistisch, anti-faschistisch waren, man also wußte wogegen, aber nicht wofür man kämpfte und nie eine Schrift hervorbrachten , wie sie sich eine andere Gesellschaft vorstellten. Es gab nur einmal von Ulrike Meinhof eine kurze Passage, in dem sie sich auf Nordkorea berief, aber umgekehrt gibt es auch viele Hinweise darauf, dass der RAF der Realsozialismus der KPdSU auch nicht gefiel. Gesellschaftsvorstellungen waren das große Vakuum der RAF. Zumindestens hatten dies die Kommunisten mit ihrer planwirtschaftlichen Diktatur, aber die RAF eben nicht.

Die RAF war auch sehr moralisch: Alle Vertreter des Staates und des Kapitals waren „Schweine“. der Kapitalismus ein „Schweinesystem“ und konnten abgeschossen werden und indem man diese Leute beseitigte erhoffte man sich, dass die Demokratie ihre „liberale Maske fallen lässt und ihren Faschismus offen zeigt“. Also eine Art „Entlarvungsstrategie“, wenngleich sie wohl an eine Enthauptungsstrategie nie geglaubt haben können, da jeder abgeschossene Staats- und Kapitalvertreter eben durch das System ersetzt wurde. Die RAF sah sich als Rote Armee Fraktion des antiimperialistischen Kampfes des Vietcongs und aller sonstigen Befreiungsbewegungen der 3. Welt gegen den US-Imperialismus und seine deustch-„faschistischen“ Stellvertreter.Umgekehrt hat sich jeder Vertreter eben jenes Imperialismus angesichts der nadelstichartigen Anschläge der RAF niemals ernsthaft bedroht gefühlt, noch irgendwie Zweifel gehabt, dass diese Miniangriffe eine Staats- und Militärmaschine jemals ernsthaft angegriffen hätten oder zum Erliegen hätten bringen können. Von daher entfachten  die RAF-Anschläge zwar breite mediale und symbolische Wirkung, zumeist mit Hass gegen den Verursacher, aber eine reale Beeinträchtigung von NATO, Staat und dem imperialistischen Hinterland, die dessen Funktionsfähigkeit wesentlich gestört hätten gab es zu keinem Zeitpunkt. Die RAF verfolgte also eher eine militant-terroristische Symbolpolitik.

Zumal hatte die RAF keine Orientierung auf die Arbeiterklasse, sondern setzte vor allem auf Subkulturen und Randgruppen, wie dies der Vertreter der Frankfurter Schule Herbert Marcuse in seiner Schrift „Der eindimensionale Mensch“ formuliert hatte. Da die Arbeiterklasse verbürgerlicht sei und das Bürgertum faschistisch, bliebe nur noch der Rückgriff auf soziale Randgruppen, die man radikalisieren und bewaffnen müsse. Nicht umsonst konzentrierte sich ein wesentlicher Teil der Anfangsarbeit der RAF auf Waisen- und Erziehungsheime für Jugendliche, worüber Ulrike Meinhof ihren Film „Bambule“ drehte, Knackis oder aber Sozialistische Patientienkollektive, die psychisch Kranken klar machen sollten, dass sie keine psychischen Probleme hatten, sondern der Kapitialismus diese verursache und man diesen daher bekämpfen müsste–am besten mit der Waffe in der Hand als Psychotherapie.

Die RAF war also so die denkbar antileninistischste Organisation. Zwar sagen viele, dass die RAF zentralistisch, mit Hang zum Personenkult um Baader-Enslin und strikter top-down-Hierarchie leninitisch gewesen sei, aber die RAF reorganisierte sich locker nach dem Ableben der Stammheimer zur 2. Generation. Mag die RAF zwar hierarchisch gewesen sein, dem man noch einen Leninismus unterstellen könnte wie dies viele Neue Linke taten, so sollte man doch sehen, dass sie auch nach Enthauptung ihrer Führung sich schnell wieder zusammenfand. Könnte man noch sagen, dass die Nachfolge zuvor schon festgelegt war. Selbst wenn man die RAF organisatorisch als leninistisch sehen will, so doch kaum inhaltlich, da sie eben politisch eher Anarchisten ähnelte.

Zudem muss man auch betrachten, dass die RAF ihre Existenz auch nur mittels ausländischer Geheimdienste erhalten konnte—seien es arabische Staaten, die Sowjetunion und die DDR samt ihren Geheimdiensten. Zudem ist auch noch die Frage reingebracht worden, inwieweit die 3. Generation der RAF überhaupt noch real existierte oder nicht von (ausländischen) Geheimdiensten gesteuert wurde. So etwa die Doku „Das RAF-Phantom“ von Gerhard Wisnewksi, der behauptet, dass die 3. RAF-Generation in Wahrheit eine CIA-gesteuerte Truppe war, um konkurrierende deutsche Kapitalvertreter zugunsten des US-Kapitals zu beseitigen, sei es Deutsche Bank-Chef Herrhausen, der im Gegensatz zu US-Banken einen Schuldenerlass für die 3. Welt wollte oder Treuhand-Chef Rohwedder, der sich der Privatisierung der DDR- Betriebe mittels einer Reindustrialisierungsstrategie entgegengestellt hätte, deswegen vom privatsierungssüchtigen Kapital und seinen transatlantischen Organisationen beseitigt wurde. Bei Herrhausen weiß man nicht, wer es war, aber das Attentat setzte eine Logistik und ein technologisches Wissen vorraus, das bei Experten die Frage aufkommen lässt, ob dies überhaupt ohne Mitwirkung eines Geheimdienstes möglich war. Bei Rohwedder wurde ein Handtuch mit einem Haar von Grams gefunden, das aber ebenso besorgt und da hinterlegt worden sein könnte, um einen RAF-Bezug herzustellen. Grams erschoß sich/wurde erschossen, kann nichts mehr sagen, Hogefeld sagt nichts und die 3. Generation der RAF ist völlig unbekannt.

Andere Dokus wiederum sehen Stasi-Connections, wonach Rohwedder mittels der Untertsützung ehemaliger Stasinetzwerke beseitigt werden sein soll, da dieser gegen alte Seilschaften bei den Privatisierungen vorgehen wollte.Zumal man auch, wenn man die Anfänge der RAF bedenkt, nicht umhinkommt festzustellen, dass ein V-Mann des Verfassungsschutzes Urbach die ganze Szene aufwiegelte und mit Brandsätzen und Waffen belieferte. Es gibt auch die Theorie, dass der Verfassungsschutz und andere staatliche Organe den linken Terrorismus schürten, um die gesamte Linke zu diskreditieren, wie Rechte dies ähnlich nun bei dem NSU behaupten. Die Grundfrage: Warum sollten Staatsorgane aber Staatsfeinden, sei es von links oder von rechts, beim Morden helfen? Die einfachste Erklärung: Weil sie dadurch mithelfen können, die gesamte Linke oder die gesamte Rechte unmöglich zu machen. Die damalige Mordbrennerei der RAF diskreditierte alle kommunistischen Gruppen,  die spätere der NSU fällt heute auf alle nationalen Strömungen zurück.

Jedenfalls sollte daraus klar werden, dass die kleine, machtmäßig unbedeutende RAF sicherlich auch Spielball von Geheimdiensten war. Zudem war es ein Wahnsinn eine Stadtguerilla gründen zu wollen, waren doch Städte immer der Tod jeder Guerilla, auch ihrer Vorbilder der südamerikanischen Tupamaros, da dort alle Staatsgewalt und Überwachung zentralisert und allmächtig ist. Zumal BKA-Chef Herold mit seiner „Operation Wasserschlag“, bei der 130 000 Polizisten bundesweit zu Straßenkontrollen, Razzien, Grenzkontrollen an einem Tag mobilisiert wurden, die Machtverhältnisse ganz gut verdeutlichen. Von daher zeichnete sich die RAF vor allem durch großsprecherische Parolen aus, die eine größenwahnsinnige Selbstüberschätzung der eigenen Macht und Kräfte bedeutete. Heinrich Böll hat dies mal auf die Formel gebracht: 8 gegen 60 Millionen.Zwar hatte die RAF einige Tausende Unterstützer und Hunderttausende Sympathisanten, aber doch den Großteil der deutschen Bevölkerung, die 59 Millionen gegen sich und nach dem Deutschen Herbst zumal den Großteil aller Linken.



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