„Wäre ich Antisemit, hätte ich was gegen Juden“-über den Antisemitismusbegriff

von Ralf Ostner

In einer Diskussion darum, ob Israel ein „Verbrecherstaat“sei, der eine „Endlösung“der Palästinenserfrage wolle kam von mir der Vorwurf, ob es sich bei dieser Sorte Israelkritik nicht um versteckten Antisemitismus handele, darauf entgegnete der Kommentator:

“Wäre ich Antisemit, hätte ich was gegen Juden. ”

Diesen Begriff des Antisemitismus stellte ich mal infrage:

“Da hast du scheinbar die ganzen Diskussionen um primären, sekundären und tertiären Antisemitismus nicht mitbekommen oder eben auch die Diskussion um den strukturellen Antisemitismus aufgrund von verkürzter Kapitalismuskritik. Zur Erläuterung:

Der primäre Antisemit ist klassisch völkisch, benennt Juden als die erste und feindliche Rasse in einem weltweiten Rassekrieg um die Vorherrschaft einer Rasse, sieht das Judentum  nicht als Religion, sondern biologistisch als eine Rasse, der man nicht durch religiöse Konvertierung mehr entkommen kann wie beim religiösen Antijudaismus des Christentums, das Judentum muss ausgerottet werden als Rasse und da man dabei gehindert wurde, leugnet man den Holocaust oder versucht ihn zu relativieren oder als Machwerk der Zionisten und Juden selbst darzustellen, die über die jüdische  Warburgbank Hitler erst an die Macht brachten, um mittels des Holocaust einen Migrationsdruck auszulösen zur Besiedlung der palästinensichen Gebiete, um Israel gründen zu können.

Die modernere Variante dieses primären, mehr archaischen Antisemiten wiederum argumentiert nicht biologistisch, d.h. behauptet die Juden nicht als Rasse, sondern kulturalistisch als Kultur, die sich eben von allen anderen extrem unterscheide (Ethnopluralismus der Neuen Rechten). Zu dieser klassischen Variante des Primitivantisemiten gehörst du sicherlich nicht.

Der sekundäre Antisemitismus personifiziert und naturalisiert die Kapitalismusverhältnisse, entspringt der verkürzten Kapitalismuskritik, spricht vom raffenden und schaffenden Kapital, produktivem und spekulativem Kapital, der Herrschaft des Finanzkapitals, den Rothschilds, Goldmann Sachs, Warburgbank, der Ostküste, Greenspan, Kissinger, Rockefeller; USrael und den Bilderbergern-nach dem Motto: Geld regiert die Welt, die Juden regieren das Geld, ergo: Die Juden regieren die Welt–schon ist die Welt erklärt und diese Sorte Antisemit zweifelt dann ernsthaft am Realitätssinn eines Gegenübers, der der Ansicht ist, dass die Welt komplizierter sei als diese Bauernweisheiten. Diese zweite Form des sekundären ökonomistischen Antisemitismus hatte allgemeinen Zulauf vor allem während der Finanzkrise.Nun wird immer wieder kritisiert, dass  der Antisemitismusvorwurf eine Denunziation sei, wenn man ala Berthold Brecht ( „Das Verbrechen hat Name und Addresse“) konkrete Machthaber kritisieren würde für die Unzulänglichkeiten dieser Welt, aber es fällt eben auf, dass die zumeist genannten Namen immer Juden sind und die ganzen vorherrschenden nichtjüdischen Finanzorganisationen und Politiker, die bei weitem vorherrschend sind, eben nicht. Noch wichtiger ist aber, dass hier personifizierte Sündenböcke rausgesucht werden anstatt den Kapitalismus als System zu analysieren und zu kritisieren, der eben verschiedene ökonomische Charaktermasken hat. Und dem Kapital ist es egal, ob ein Jude, ein Hindu wie Anshu Jain, ein Schweizer wie Ackermann oder wie auch immer gearteter Mensch seine Kapitalfunktion der Akkumulation ausübt, nämlich den Mehrwert immer zu steigern.Es wird der Eindruck vermittelt ,wenn man ein Massaker an diesen leitenden Persönlichkeiten vollführen würde, alle Probleme gelöst seien. Aber das System wird dadurch eben nicht angegriffen, sondern sucht sich eben personellen Ersatz. Und die zumeist verbreitete Kritik an jüdischen Finanzorganisationen oder Politikern läuft dann eben schon auf eine Art Judenprogrom hinaus.Zudem wenn eben immer Juden als für das „spekulative“ Finanzkapital gesehen werden und das Finanzkapital eben die Leitung der Wirtschaft habe gegenüber der „produktiven Realwirtschaft“. Da wird eine künstliche Teilung, zumal personifiziert und ethnisiert aufgemacht, die eben den Zusammenhang zwischen beiden Sphären gar nicht begreift.

Der tertiäre Antisemitismus ist der unbewusst beleidigte Deutsche, der den Juden Ausschwitz in seinem kollektiven Unterbewusstsein niemals vergeben hat, nach psychischer Entlastung des moralischen Drucks sucht,aber weiss, dass man mit herkömmlicher Judenschelte wie in Fall des primären und sekundären Antisemitismus nicht sonderlich en vogue ist, sich daher auf den Judenstaat Israel projeziert,und kapriziert den Nahostkonflikt als das Zentrum aller Konflikte im Greater Middle East, als auch wesentlichen Fokus aller weltpolitischen Betrachtungen aufbauscht und seine Resentiments in die Form von Zionismuskritik packt.Und der geradezu akribisch jede israelische Schandtat vermerkt, um dann Nazivergleiche und Alarmismus im Namen der Menschenrechte zu streuen. Da mögen zwar Zehn- und Hunderttausende in muslimischen Staaten wegen IS, Boko Haram, Al Shabab, Taliban,etc. vertrieben und ermordet werden, da mögen auch andere Grosskriege und halbe Völkermorde ala Darfur oder im Sudan toben, aber der Gaza“krieg“mit 1500 Toten bestimmt die weltpolitische Wahrnehmungsagenda dieses Antisemitentypen, der zudem von Israel als „Kindermörder“ fabuliert, weil die Hamas ihre Raketenstellungen in Kindergärten plaziert oder von Gaza als „Open-Air-KZ“ oder von angeblichen „Endlösungsplänen“der Israelis schwadroniert. Auf diese Weise entlastet man sich der sogenannten immer noch als belastend wahrgenommenen“historischen Schuld“der Deutschen, ist also auch Nationalist, auch wenn man sich selbst als aufgeklärt, multikulturell und demokratisch als geläuterter Deutscher versteht, der nun die Welt und in dieser vor allem ausschliesslich Israel nach seinen moralischenMaßstäben bemisst.Moralischer Rigorismus und unterdrückter Nationalismus bilden hier einen siamesischen Zwilling.

An dir scheinen die ganzen Diskussionen über Antisemitismus der letzten 2 Jahrzehnte vorbeigegangen zu sein, da du dir Antisemitismus vor allem nur als primären Antisemitismus vorstellen kannst– ein Weltanschauungsmarxist , der in den Diskussionen der 70er Jahre sozialisert wurde und darin steckengeblieben ist. Antisemitismus kann in mindestens diesen drei Formen und auch als Mischformen aller dreier Antisemitismusformen auftreten, wobei Israelkritik oder Kritik an Banken oder am Kapitalismus damit per se noch nicht antisemitisch wäre. Aber es kommt eben darauf an, wie man Israel kritisiert.Ich selbst kritisiere Israel aufgrund der Siedlungsexpansion im Westjordanland, bin aber kein Unterstützer DER Palästinenser, sondern nur der säkular-demokratischen PLO unter Abbas, die das Existenzrecht Israels anerkennen, dem Terror abgeschworen haben und das Osloer Abkommen einseitig eingehalten haben, während Israel sich daran nicht gehalten hat und die Hamas schon gar nicht. Generell sollte man nicht von Völkern sprechen, da es innerhalb jeder Bevölkerung höchst unterschiedliche politische Gruppen gibt, die zumal oft gegenüber sich selbst radiakler sind als gegenüber ausländischen Völkern, wofür die zunehmende Zahl der Bürgerkriege spricht.Wenn ich etwas unterstütze, dann sind es gewisse Parteien oder Gruppen innerhalb eines Landes und auf Weltbasis, die gemeinsame politische Vorstellungen haben, aber niemals Völker als Kollektive.Ich bin auch für Wirtschaftssanktionen gegen Israel, um die Expansion der Siedlungen im Westjordanland und damit die Verhinderung jeglicher Zweistaatenlösung zu stoppen und rückgängig zu machen. Ebenso befürworte ich Wirtschaftssanktionen gegen die Hamas, um deren Dikatur im Gaza zu stürzen, wie auch deren Konfrontationskurs und ihre Vernichtungsabsichten gegen Israel und die PLO zu schwächen.Aber warum sollte ich mich mit einer religiös-fundamentalistischen, zumal liquidatorisch-antisemitischen Hamas solidarisch erklären, die einen Gottesstaat will, die PLO und alle säkular-demokratischen Menschen unterdückt, eine Diktatur will, Irael nicht anerkennt und auslöschen will, Terrorismus als primäres Instrument ihrer Politik sieht? Es kommt also darauf an, wie man Israel kritisiert und wen man unterstützt und mit welchen Mitteln. Zumal kommt es auch darauf an, welchen Stellenwert man dem Palästinakonflikt in seinen weltpolitischen Betrachtungen gibt und es gibt nun einmal wesentlich mehr und grössere Konflikt- und Kriegsherde als die ewige Kabale zwischen Israel und den Palästinensern, zumal nicht einmal die muslimischen Staaten dem eine solche Priorität einräumen, wie dies tertiäre Antisemiten immer tun.

Ein ebenso beliebtes Klischee ist die Israel-Lobby in den USA oder das Klischee von USrael, womit gemeint ist, dass Israel und die US-Juden oder Israel über die US-Juden die USA bestimmen würden. Natürlich gibt es AIPAC, aber es gibt auch J-Street ( in Europa J-Call) und  zu glauben die entscheidende Kraft in den USA seien die amerikanischen Juden, die Politik, Finanzen und Medien kontrollieren würden, und die Interessen Israels vertreten würden oder von Israel gelenkt seien, geht an der Realität vorbei. Zwar gibt es viele Juden in diesen Bereichen, aber sie sind nicht vorherrschend.Meistens werden Greenspan, Rockefeller, Kissinger, Goldmann Sachs, die Rothschilds genannt als Chiffren einer jüdischen Weltherrschaft und Herrschaft der Juden über die USA, sei es in Politik, Finanzsystem oder eben über die Fed. Dabei wird auch der Fed eine Macht zugestanden, die vor allem über Juden wie Greenspan und Bernanke kontrolliert sei, die die Rolle einer Zentralbank gnadenlos überschätzt und zugleich da dies eben nicht so haltbar ist,  auch wieder schnell von der Fed als einer Privatbank spricht, die dann auch wieder von Juden kontroliiert sei, vor allem Rothschild und Goldmann Sachs. Um eine Analyse der Fed im weltkapitalistischen System oder von Zentralbanken allgemein im Weltkapitalismus  geht es diesen „Analytikern“ schon gar nicht, sondern nur darum, dass diese als Zentrale des Weltgeldes von Juden unterwandert und beherrscht sei im abwechselnden Modus: Als Zentralbank oder eben der Fed als geheimer Privatbank, bei der die Juden wieder alle Zügel der Herrschaft hätten. Die Frage ist dann: Wenn man die Juden entfernt, wird dann die Fed anders?

Zumal: Eine einfache Liste der höchsten Ämter der USA, in denen lauter Nichtjuden sitzen würde schon zeigen, wie antisemitisch diese Sichtweise ist. Und auch von der Logik her: Genauso könnte man von einer Vorherrschaft der Afrikaner und der Afrikalobby sprechen, weil Obama als Schwarzer und Afroamerikaner US-Präsident wurde. Oder von einer Herrschaft der Islamlobby, weil Barack „Hussein“Obama angeblich ein Muslimvertreter sei, wie dies die Tea Party und die Birtherbewegung paranoisiert.Die US-amerikanischen Juden machen gerade mal 5% der US-Bevölkerung aus, sind auch politisch kein homogener Block und über die Position Israels zur Besiedlung wie auch zur Zweistaatenlösung sehr unterschiedlicher Ansicht. Die meisten US-Juden sehen sich auch ganz patriotisch als US-Amerikaner und nicht in erster Linie als Juden oder gar Israelis.

Zu glauben Israel würde über diese 5% US-Juden über die USA bestimmen, weil diese 5%  US-Juden als homogener Block, scheinbar unter einer geheimen und zentralen Parallelregierung die USA bestimmen würden und Jude halt gleich Jude sei, ist jenseits aller Realität. Eher ist es umgekehrt: Bioamerikaner und vor allem die 80 Millionen religiösen Evangelikalen, die über Political Action Comitees (PAC) verfügen, üben Druck auf die US-Politik aus Israel als heiligem Land für ihre religiösen Erlösungsphantasien im Nahen Osten beizustehen und die Besiedlung zu fördern.Die bioamerikanischen80 Millionen US-Evangelikalen instrumentalsieren Israel und die US-Politik um ihre religiösen Vorstellungen in Nahost durchzusetzen. Natürlich wird diese US- Unterstützung seitens Israel gerne wahrgenommen, aber es ist schon klar, wer hier Koch und Kellner ist: Die bioamerikanischen US-Evangelikalen, die sich zumeist auch  aus White Anglo Saxon Protestants (WASP) rekrutieren sind die wesentliche „Israellobby“ und nicht die US-Juden.

Und Israel als “Verbrecherstaat”zu titulieren, das eine neue “Endlösung”der Palästinenserfrage wolle, während man die antisemitisch-liquidatorische Hamas als legitime Vertretung der Palästinenser betitelt, ist da eben schon sehr zwielichtig und entspricht mehr dem Typ des tertiären Antisemitismus.


Ein Kommentar zu “„Wäre ich Antisemit, hätte ich was gegen Juden“-über den Antisemitismusbegriff”

  1. Aus dem Artikel ergab sich noch folgende Diskussion mit Floh Beck, der die Frage stellt, ob meine Positionen zur Siedlungspolitik Israels nicht selbst tertiärer Antisemitismus seien:
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    „Hi Ralf

    Deine Terminologie ist natürlich Deine Sache. Gewöhnlich heißt aber Dein
    „sekundärer“ Antiseitismus „struktureller Antisemitismus“ und Dein
    „tertiärer“ dafür „sekundärer“. Nennen wirs mal Antisemitismus I, II und
    III.

    Deine Unterscheidung bringt die Unterschiede gut auf den Punkt und
    verbindet sie mit der Motivation. Über Details kann man natürlich
    streiten: Der primäre Antisemit muss sich nicht unbedingt die
    Vernichtung des Judentums auf die Fahnen schreiben und an die Stelle
    einer biologistischen Interpretation tritt ja heute eher eine
    essentialistisch-kulturalistische; das ist aber alles nicht so
    entscheidend, sondern der primäre Antisemit ist in der Tat einer, der
    was gegen Juden hat.

    Beim Antisemitismus II würde ich schon genauer unterscheiden: Einerseits
    ist die Personifizierung der Kapitalverhältnisse noch kein struktureller
    Antisemitismus; andrerseits fallen diejenigen, die sagen, die Juden
    regieren die Welt, für mich unter die primären Antisemiten. Der primäre
    Antisemit kennt keine nicht-personale Herrschaft (und affirmiert die
    personale) bzw. macht „die Juden“ für ihre Effekte verantwortlich (und
    für die Zersetzung der personalen Herrschaft). Der Antisemitismus II
    heißt „strukturell“ deswegen, weil die Effekte jener nicht-personalen
    Herrschaftsverhätlnisse den Machenschaften von (mehr oder minder
    geheimnisvollen) Personengruppen zugeschrieben werden – ohne sie aber
    explizit mit „den Juden“ zu identifizieren.

    Beim Deinem tertiären Antismitismus halte ich den Begriff des
    „kollektiven Unterbewusstseins“ für problematisch; den braucht man hier
    auch nicht. Antisemitismus wegen Auschwitz kann verschiedenes heißen:
    Erstens die Motivation zum Antisemitismus durchaus auch primärer
    Ausprägung – d.h. der Entlastung von Schuld, weil der Judenhass schon
    irgendwie gerechtfertigt gewesen sei, obwohl es natürlich zu weit
    gegangen sei, etc. Zweitens, und das scheint bei Dir im Vordergrund zu
    stehen, als Entlastung in dem Sinne, dass „die Juden“ auch nicht besser
    seien. Und drittens als moralische Entlastung in dem Sinne, dass die
    Deutschen aus Auschwitz mehr gelernt hätten als die Juden. Das alles
    wird dann mit selektiven oder schlicht falschen Belegen untermauert.

    (Für Deinen Zweck war es natürlich angemessen, Deinen Punkt nicht durch
    zu viele Differenzierungen zu verdunkeln.)

    Wesentlich scheint mir aber, dass der tertiäre Antisemitismus immer
    wieder Versatzstücke des primären reproduziert: z.B. „Kindermörder“,
    Karikaturen, aber auch die Tatsache, dass dem Staat Israel Eigenschaften
    zugeschrieben werden, die der primäre Antisemitismus den Juden
    zuschrieb: unverwurzelt, unecht und künstlich zu sein.

    Etwas befremdlich finde ich Deinen Schlussabsatz. Sowohl die
    Gegenüberstellung der „säkular-demokratischen PLO“ und der
    „antisemitisch-liquidatorischen Hamas“ und die Selbstverständlichkeit
    mit der Deine „Kritik“ aus der Siedlungspolitik resultiert. Diese
    Siedlungspolitik ist eben AUCH eine Folge dessen, dass der Gaza-Abzug
    alle Hoffnungen enttäuscht hat. Und die Hamas ist nicht zu trennen von
    ihrer Unterstützung durch Saudi-Arabien und den Iran, was allein es
    schon problematisch macht, von einem israelisch-palästinensischen
    Konflikt zu sprechen.“
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    „Hi Floh,

    ja, vielleicht hätte ich lieber Antisemitismustyp I, II und III schreiben sollen, da es für primären und sekundären Antisemitismus schon andere, gebräuchlichere Definitionen gibt und das dann etwas verwirrend wirkt.Ebenso hast du recht, dass der moderne Rassist und Antisemit eher kulturalistische Zuordnungen denn biologistische vornimmt (Ethnopluralismus der Neuen Rechten,etc.).Ebenso, dass verkürzte Kapitalismuskritik noch nicht gleich struktureller Abntisemitismus ist, zwar die Tendenz dazu begünstigt, aber dazu noch einen eigenständigen Zwischenschritt braucht..
    Noch zur Siedlungspolitik im Westjordanland: Diese erfolgte eigentlich schon seit den 90er Jahren, also lange vor dem Gazaabzug und zwar gleichgültig, ob die Arbeiterpartei oder der Likud an der Regierung war– man erhöhte die Zahld er Siedler von 50 000 auf 200 000 und dann unter Netanjahus Herrschaft wiederum auf 400 000.Die Siedlungspolitik also als Enttäuschung des Gazaabzugs darstellen zu wollen, ist da etwas schief. Es geht einfach um Landnahme und Vertreibung, um eine Zweistaatenlösung zu verhindern. Ebenso könnte ja Israel, wenn es so enttäuscht wäre, den Gaza wieder besetzen und mit der Hamas Schluss machen anstatt die PLO im Westjordanland, die sich an alle Bestimmungen des Osloer Abkommens gehalten hat dafür zu bestrafen.“
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    „Hi Ralf,

    Auf die „Siedlungspolitik“ gehe ich jetzt bewusst nicht mehr ein, weil
    ich ja weiß, dass du zu allerhand – auch dem Normalbürger obskur
    geltendend Konflikten – gerne eine dezidierte Position beziehst: dass es
    bei Dir also in keinem Fall einem strukturellen Antisemitismus
    geschuldet ist.

    Aber ganz kann ichs mir doch nicht verkneifen. 1.) Plötzlich gibt es keine
    Parteien mehr, keine Interessen, keine Strategien: „man“ erhöhte sie
    Zahl der Siedler. Das „man“ sind die Juden. Ich will damit nicht Dir
    Antisemitismus vorwerfen, wohl aber dass Du Leuten, die ich ganz klar
    als strukturelle Antisemiten bezeichnen würde, zu große Zugeständnisse
    machst. 2.) Bei der Siedlungspolitik gehe es nur um „Landnahme und
    Vertreibung“. Aber darum geht es natürlich nicht, wie Du auch weißt und
    nachschiebst: „um eine Zweistaatenlösung zu verhindern“. Aber bei der
    sogenannten Zweistaatenlösung kommt es halt darauf an in welcher Form
    und in welchen Grenzen sie geschieht. Und dabei ist das
    Sicherheitsinteresse Israels doch nachzuvollziehen – weshalb ich Die
    Selbstverständlichkeit, mit der deswegen für Wirtschaftssanktionen
    plädierst NICHT nachvollziehen kann. 3.) Du meinst, es komme darauf an,
    „wie“ man Israel kritisiere; aber dass man sich mit der Forderung nach
    Wirtschaftssanktionen gegen Israel solidarisch erklären kann, zeigt doch
    ein Missverhältnis: objektiv wären solche Sanktionen doch viel mehr
    gerechtfertigt gegenüber der BRD, meinetwegen auch den USA, vielleicht
    Iran, Saudi-Arabien, etc. Aber das ist es utopisch, kompliziert und in
    allen Konsequenzen zu bedenken. Aber im Falle Israels ist reine
    Moralität angesagt. Hast Du das zuvor nicht selbst kritisiert?

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    „Hi Floh,
    Zur Siedelungspolitik Isreals. Erstens habe ich darauf hingewiesen, dass sich diese im Westjordanland schon seit den 90er Jahren vollzieht, also als Hamas im Gaza noch nicht herrschte und zudem sich die PLO an das Osloer Abkommen hielt. Zweitens habe ich nicht von „den Juden“gesprochen, sondern davon, dass egal ob Arbeiterregierung oder Likud diese Siedlungsprogramme vorangetrieben wurden–das habe ich mir ja nicht ausgedacht und verallgemeinert.Drittens hat Netanjahu ja selbst erklärt, dass er gar keinen palästinensichen Staat wolle,d.h. es steht ja gar nicht zur Debatte, wie der aussehen soll (wobei die PLO da ja Konzessionen bezüglich Sicherheitsfragen an die israelische Regierung gemacht hat, z.B. demilitarisierter Staat), sondern er lehnt einen solchen grundsätzlich ab.Viertens hast du noch mit keinem Wort einmal zur konkrten PLO-Politik Stellung genommen, was du an ihr kritisierst, hast dich aber gegen eine Zweiteilung in liquidatorisch-antisemitische Hamas und säkuklar-demokratische PLO ausgesprochen, wobei du das nicht bnegründest und mir das eben so vrokommt, dass du durch die Hintertür wieder ein Kollektiv „das palästinensische Volk“ einführen willst.Vielleicht sollte ich den Antisemitismusartikel auch noch um eine Rubrik Philosemitismus ergänzen, der ja die andere Seite der Medaille ist. Dazu verkürzt du meine Forderung. Ich habe gesagt: Wirtschaftssanktionen gegen die israelische Regierung wie gegen die Hamas (z.B. finde ich auch die Blockade des Gazastreifens gerechtfertigt). Da ich beide für einen Friedensprozess nicht förderlich und eben die PLO als einzig moderate Kraft ansehe, der mit der Ermordung Rabins durch einen isrealischen Rechtsradikalen der Ansprechpartner verloren gegangen ist, ist das auch logisch.Auch die Tatsache, dass sich die PLO tortz Vertragsverletzungen seitens Israel und der Hamas über 2 Jahrzehnte geradezu sklavisch an die Vereinbarungen des Osloer Abkommens gehalten hat, finden bei dir keine Würdigung. Auf konkrete politische Positionen gehst du gar nicht ein, sondern entpolitiserst quasi den Konflikt.Was soll das mit Antisemitismus, bzw. tertiärem Antisemitismus zu tun haben?“