Mittelschicht als Demokratisierungsfaktor–der US-Mythos der middle class

In all den Modernisierungstheorien spielt die Mittelschicht eine überragende Rolle. Ab einem gewissen Pro-Kopf-Einkommen sei die Mittelschicht an dem tipping point, an dem sie politische Partizipationsrechte einforde und erkämpfe.Dabei wird die Mittelschicht als liberal, progressiv und homogen geschildert.

Türkei, Brasilien, Indien, nun auch Ägypten wird als neue Mittelstandsbewegung beschrieben und als sehr hoffnungsvoll allerortens in den Medien geschildert.

Aber eine andere Frage: Ist die Mittelschicht überhaupt an der Beseitigung der Armut und des Analphabetentums interessiert? Ein Artikel in der ZEIT schreibt über Ägyptens Mittelschicht, dass diese keinen Gemeinsinn hätte und selbst Teil des Problems sei–Zitat:

Doch ist unklar, wer eine Übergangsregierung führen wird. Die Nominierung des Friedensnobelpreisträgers ElBaradei scheiterte am Widerstand der islamistischen Nur-Partei. Auch ahnen inzwischen viele Ägypter, dass die Opposition an der Macht wahrscheinlich ebenso wenig zustande bekommen wird wie die zuvor abgesetzte Muslimbruderschaft. Denn die Auflehnung der liberalen Mittelschichten gegen die Vorherrschaft der frommen Herren ist das eine, ihre langjährige Mitverantwortung für die unsagbaren sozialen Zustände das andere. Erst jetzt, wo diese selbst von Stromsperren und Spritmangel betroffen waren und die zehrenden Alltagsprobleme der Armen auch bei ihnen angekommen waren, fanden sich die Wohlhabenden wieder ein in den Reihen der Protestierer.

Endlich habe man das eigene Land zurückerobert, jubelt die Menge auf dem Tahrir-Platz und winkt enthusiastisch jedem Militärhubschrauber zu. Doch welches Land meint sie? Ägyptens Mittelklasse hat praktisch keinen Bürgersinn. Den meisten geht jedes Gefühl dafür ab, was für eine Sklavenhalter-Gesellschaft seit Jahrzehnten unter ihren Augen existiert. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist ungebildet und bitterarm. Die Schulsysteme verkommen und sind total überlastet, weil viele der Reichen kaum Steuern zahlen und das dem Staat vorenthaltene Geld in private Schulen und Universitäten für den eigenen Nachwuchs stecken. Und genauso wie in ihrem Privatleben verhalten sich Ägyptens Mittelschichten auch im politischen Leben. Ein Gefühl für das Gemeinwohl aller haben sie nicht. Die eigenen Interessen sind alles, was für sie zählt. Hauptsache die eigene Wohnung ist sicher und sauber, was geht mich da der Hausflur oder gar der Müll auf der Straße an?“

eine Frage, die mich immer beschäftigt ist, ob es nicht ein Denkfehler ist anzunehmen, dass Mittelschichten immer progressiv und liberal wären.Hierzu ein Exzerpt aus meinem Buch „Als China gelb wurde“:

Zu glauben, die politische Entwicklung in China würde sich primär auf die Mittelschichten stützen, ist angesichts des breiten Kontingents an Bauern, Wanderarbeitern und Arbeitern eine recht exklusive, idealtypische und vereinfachende Denkweise. Eher wahrscheinlich sind hier schon Bündnisse zwischen diesen Schichten und Klassen, wie es auch wahrscheinlich ist, dass diese Schichten und Klassen gar nicht so als geschlossene, homogene Blöcke auftreten. Auch zeigt etwa die Entwicklung in Thailand, in der die neuen Mittelschichten und die alten Eliten (ja sogar eine Prinzessin ist beteiligt)in der antidemokratischen Volksfront antidemokratische Forderungen gegen die populistische, demokratisch gewählte Regierung Samak stellen (Abgeordneten sollen ernannt und nicht mehr vom Volk, vor allen den Bauern gewählt werden), dass das elitäre Bewußtsein der neuen Mittelschichten nicht unbedingt eine demokratische Beteiligung der Bauern und Arbeiter wünscht, d.h. das Bürgertum auf eine demokratische Standesgesellschaft hofft, in der diese Stände von politischer Partizipation ausgeschlossen werden. China müsste erst einen doppelten Emanzipationsprozess durchlaufen, um eine Demokratie nach westlichem Vorbild zu werden: Den seines Bürgertums/seiner Mittelschicht gegenüber der KP China, sowie der der Bauern- und Arbeiterklasse gegenüber beiden.

Hierbei ist es durchaus möglich, dass sich die neuen Mittelschichten mit den alten Eliten wie nach der gescheiterten Revolution 1848 in Deutschland gegen die Arbeiter und Bauern verbünden, zumal ein beträchtlicher Teil der neuen Mittelschicht aus kollektiveigenen Eigentumsmischformen mit dem Staat und in organischer Verbindung mit diesem hervorgegangen ist und unabhängige Klein- und Mittelunternehmer erst ein neueres Phänomen sind. Zudem vertragen sich die Unternehmerinteressen dieser neuen Mittelstandes partiell sehr gut mit denen der KP China; da letztere die Rechte und Löhne der Arbeiter in großem Umfange beschneidet. Selbst Sun Yatsen glaubte nicht an eine Demokratisierung Chinas in einem Schritt, sondern wollte als zweite Stufe eine Erziehungsdiktatur dazwischenschalten, in der sich zum Staat loyale Bürger herausbildeten und auch die Arbeiter und Bauern im staatskundlichen Sinne erzogen würden.

Die potentiellen Kollateralschäden einer möglichen Demokratisierung  Chinas werden oft kaum beachtet bei Befürwortern des demokratischen, bzw. kapitalistischen  Friedens, sondern hier dominiert ein Zukunftsoptimismus der sich am Modell der friedlich und unblutig verlaufenen „soft revolutions“ im Gebiet des Warschauer Paktes 1989 und Nachfolgezeit orientiert oder von einer „friedlichen Evolution“ ausgeht, wonach sich mit den wirtschaftlichen Liberalisierungen zwangsläufig langfristig auch die politischen Liberalisierungen und eine von der Mittelschicht getragene Demokratie einstellen werde .Die Mittelschicht nimmt in diesen Modellen eine Rolle als Subjekt und Träger des historischen und gesellschaftlichen Fortschritts ein, die sonst nur dem der Arbeiterklasse beim historischen Materialismus des Marxismus gleichkommt. Überspitzt könnte man sagen: Die Ideologie der Mittelschicht als Träger einer demokratischen Transformation ist der historische Materialismus des Bürgertums. Dabei wird die historisch negative Rolle der Mittelschichten und des Bürgertums ausgeblendet, sei es wie sie im aufsteigenden Deutschen Reich unter Wilhelm 2 vorherrschte und in der Figur und im gleichnamigen Roman von Heinrich Mann “Der Untertan“ verkörpert wird, oder ebenso vergessen scheint die unterstützende Rolle des Kleinbürgertums und der Mittelschichten bei der Machtergreifung faschistischer Diktaturen in Deutschland, Italien und anderen europäischen Ländern,d.h. seiner Radikalisierung durch die Wirtschaftskrise 1929. Dass hier nationalistisch verblendete, aggressive, innenpolitisch antidemokratische und autoritäre Mittelschichten hervorgehen, die bereitwillig und mit Hurrah in zwei Weltkriege hetzten, wird unterschlagen. Vorbild ist vor allem das anglosächsische Bürgertum und dessen Mittelschichten (middle class), das sich relativ totalitarismusimmun erwies und—mit Ausnahme des Mc Carthyismuses- nicht den autoritären Makel des deutschen Bürgertums hatte und  die Klassen  soziologisch in  einer geradezu missionarischen Mittelschichtenideolgie auflöste. Kurz: Das Bürgertum und die Mittelschichten werden in den Demokratisierungstheorien als vorwiegend liberal und demokratisch portraitiert und die neuen Debatten um eine Neue Bürgerlichkeit versuchen den unter den 68ern als Protofaschisten gescholtenen Bürger samt einhergehender kleinbürgerlicher Familie wieder zu rehabilitieren.Lipsets Theorie der Radikalisierung der Mitte wird wieder hintenangestellt, der Bürger als Träger der liberalen Gesellschaft gesehen.“

Die Frage ist eben, ob die Mittelschicht überhaupt soviel Gemeinsinn hat, ob sie überhaupt ein Interesse an der Veränderung der Zustände hat oder aber ob die Arbeiter und Bauern nicht selbst als politische Kraft aktiv werden müssen, um hier überhaupt den Druck zu entfalten, der politische Reformen möglich macht.Der edeutsche Sozialstaat und die soziale Marktwirtschaft wären ohne Existenz und Kampf der Arbeiterbewegng, Marxismus und Sozialdemiokratie auch nicht möglich geworden.Und man sieht ja: Seit der Kommunismus verschwunden ist und die Sozialdemokratie in der Krise ist, hat sich der Neoliberalismus durchgesetzt, dessen krönender Erfolg die weltweite Fianzkrise ist.

Dazu ist es z.B. falsch, die Proteste in Ägypten als Mittelschichtphänomen per se zu sehen, denn auch die Muslimbrüder sind keineswegs nur Arme, sondern rekrutieren sich in den Führungsetagen aus eben jenen Mittelschichten, sind Ärzte, Juristen, Geschäftsleute, Ingenieure (z.B. Mursi selbst ist Ingenieur wie auch damals Erbakan in Deutschland Maschinenbau studiert hat und aus der Milli Görus seine islamistische Partei formte).

Die Mittelschicht ist keineswegs so homogen wie angenommen, noch per se liberal und progressiv. Wie gesagt: Die Ideologie von der Mittelschicht als Träger des historischen Fortschritts ist eine US-amerikanische Ideologie des Bürgertums und hält der empirischen Gegenüberstellung so stand wie der historische Materialismus des Marxismus.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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