Maoismus , Trotzkismus und die deutschen K-Gruppen-Warum Popper und Adorno siegten

Der Maoismus ist ein Phänomen der westlichen Linken, das innerhalb der anderen marxistischen Gruppen in den 70er Jahren aufkam. Was zeichnete ihn aus?Zum einen die Unterschiede zwischen dem maoistischen und marxistischen Weltbild. So z.B. die Frage des Klassenantagonismus.Während die Moskauadepten davon ausgingen, dass sich entsprechend des historischen Materialismus eine Zwangsläufigkeit des Kommunismus einstelle und die KPdSU  im Ostblockkommunismus schon die höchste unabänderliche Stufe erreicht sah, so sah Mao immer wieder die Rückfallsgefahr zurück zum Kapitalismus in Form des Revisionismuses und des Reformismuses (vgl. auch die Auseinandersetzung mit Deng Xiaoping und Liu Shaoqi „die kapitalistischen Wegbereiter“–deswegen initierte er auch die Kulturrevolution) und kritisierte den Sowjetkommunismus nach Stalin und seit Chrustschow als revisionistisch, sozialimperialistisch ja als schlimmeren Feind als den US-Imperialismus. Die Ostpolitik Brandts kritisierten die Maoisten auch als Ausverkauf Deutschlands an den Sozialimperialismus Marke Sowjetunion und sahen in Nixon-USA und in Strauss die eigentlichen Verbündeten gegen die UdSSR. Aber viel grundsätzlicher war der Streit um die Frage des Klassenantagonismus: Mao hatte die Idee eines ewigen Klassenkampfes, der nie zu einem Ende kommen werde, er sah das eher daoistisch mit Ying und Yang, wo der Widerspruch den Keim des nächsten Widerspruchs in sich trage und somit eine ewige Existenz, die man ewig bekämpfen müsse, in sich trage. Hier wären die Ideen Trotzkis von der „permanenten Revolution“gar nicht so fern, passten aber eben nicht ins Schema der zumeist sich neben Mao auch auf Stalin berufenden Maoisten.Desweiteren wurde die Kulturrevolution von westlichen Linken gerne als Jugendrevolution dargestellt, „das Alte zerschlagen, um das Neue aufzubauen“, weg mit Traditionen, feudalistischem Brauchtum, der alten Kultur, weg mit den Lehrern und Professoren, weg mit den revisionistischen Parteiapperatschiks–das heißt: Die Kulturrevolution wurde zum einen als Aufstand der Jugend, zum anderen auch als antiautoritär begriffen und wurde bei der westdeutschen Linken eben auch als Kulturrevolution und nicht als Machtkampf zwischen zwei Fraktionen der autoritären KP China begriffen. Die Berufung auf einen antiautoritären Jugendaufstand der Roten Garden steht natürlich zu den völlig autoritären Hierarchiestrukturen der K-Gruppen und der KP China in diametralen Gegensatz, wie auch dem beabsichtigten  totalitaritären Zentralismus Mao Zedongs, der sich nur seiner Widersacher entledigen wollte, aber darüber sah man einfach hinweg.Die Unterscheidung vieler Marxisten des Kapitals und des Imperialismus in eine Tauben-und Falkenfraktion oder Kapitalfraktionen kannte der Maosimsus auch nicht–für ihn war das ein homogener Block, der nur ein wenig taktierte–ein homogener imperialistischer Kapitalblock war nur der Marionettenspieler, der taktisch sich verschiedener Akteure bediente, aber eben ein Monolith war. Ähnlich war auch die Affinität der Maoisten für Stalins Sozialfaschismustheorie, wonach die SPD nur der Zwillingsbruder der NSDAP in der Arbeiterklasse sei.Drittens muss man auch sehen, dass Mao den Bauern primär als revolutionäres Subjekt ansah und nicht eben mehr die Arbeiterklasse.Das schuf anfangs eine grosse Affinität zu antiimperialistischen 3-Weltgruppen–wenngleich immer in Konkurrenz mit den Moskauadepten, die ja die PLO, die MPLA,die Panarabisten, die Sandinisten, die FLMN und andere lateinamerikanische Guerillaformationen  unterstützten, wenngleich die Maoisten in vielen 3-Weltkomitees an Zuspruch verloren, als die Komplizenschaft Maochinas mit dem US-Imperialismus immer deutlicher wurde. Doch viel grundsätzlicher: Mit der maoistischen Position des Bauerntums als wesentlichem Subjekt des Klassenkampfes stand Mao im übrigen in Gegensatz zu Stalin und Trotzki, auch wenn dies die Stalinisten oft vergessen machen wollen, zumal sich auch viele Maoisten sowohl auf Stalin wie auf Mao berufen. Ein weiterer Widerspruch, der solange gekittet werden konnte, wie es den Stalin-Mao-Pakt um den Koreakrieg gab,der dann aber unter Chrustschow aufbrach, was eben auch ganz wesentlich zur Entstehung der deutschen Maoisten beitrug, die dann mit dem Nixonbesuch (also dem Bündnis eines kommunistischen Staates mit den urkapitalistischen USA) und dem kommunistischen Bruderkrieg zwischen Rote-Khmer-Kambodscha und Onkel-Ho-Vietcong- Vietnam wiederum in eigene Widersprüche gerieten. Viertens und das ist meine eigene Interpretation handelte es sich bei Stalin und Mao auch um Nationalbolschewisten. Schon Stalin führte die Theorie von „Sozialismus in einem Land“ein, die Trotzki stark kritisierte und Mao sah im Kommunismus auch im wesentlichen ein Mittel, um die Größe Chinas zu befördern–das zeigte sich auch unter anderem daran, dass Mao China nie in den Verbund der Sowjetunion eingliedern ließ, wie auch Vietnam, Kambodscha oder Nordkorea dies nicht taten.Das erklärt meiner Ansicht nach auch, warum Teile der Maoisten im späteren Leben deutsche Nationalisten wurden oder Rechtsradikale Affinitäten mit Mao und der „Juche“-Ideologie Kim Ilsungs aufwiesen.Ihnen gefiel der Nationalismus innerhalb der Nationalbolschewisten sehr gut und wenn man sich die Broschüre des Arbeiterbunds „Damit Deutschland den Deutschen gehört“ liest, so finden sich hier auch viele Anleihen an den nationalistischen Kurs der Endzeit-KPD, die auch als die Scheringerlinie bekannt wurde. „Damit Deutschland den Deutschen gehört“war im übrigen auch Liedgut der Thälmann-KPD „Der Rote Wedding“–nicht umsonst zitiert der Nationalbolschewist Jürgen Elsässer diese Zeilen auch immer wieder für seine Querfront (Zitat Elsässer: „Ernst Thälmann–Kommunist und deutscher Patriot“).Viele Maoisten argumentierten sehr nationalistisch, sahen in einer kommunistischen Wiedervereinigung Süd- und Nordvietnams, Süd- und Nordkoreas, Süd- und Nordyemen wie auch der DDR und der BRD eher eine nationale Frage, für die der Kommunismus die Lösung , bzw. das Mittel, aber weniger der Inhalt sein sollte.Auch zu erwähnen ist wie sich immer wieder penetrant auf „Volk“ von Volkskrieg bis Volkskommune berufen wurde.Ein letzter Punkt: Der Maosimus unterschied sich auch vom Sowjetkommunismus durch die sogenannte „Massenlinie“.Diese ist sehr volutaristisch und glaubt, dass man Technologie, Schwerindustrie und mangelnde Produktivität durch Massenaktionen kompensieren könne.Fast ein wenig amerikanisch anmutend: Wo ein Wille, da ein Weg. Berühmt hierfür war der Große Sprung nach vorne Ende der 50er Jahre, bei dem anstatt eine zentrale Stahlindustire aufzubauen in ganz China in jedem kleinen Hinterhof kleine Stahlöfen errichtet wurden und alles Eisen, das man zusammensammelte eingeschmolzen wurde. Das wurde von Moskau damals scharf kritisiert und endete auch recht zielstrebig in einer Hungerskatastrophe. Die Massenlinie konnte man auch während des Koreakrieges sehen, wo die die Parole „Hirse und Gewehre“ ausgegeben wurde, was bedeutete, dass China nicht auf Rüstungstechnologie setzte, sondern auf Massenheere und Menschenwellen setzte, die man den hochgerüsteten USA entgegenwarf- ohne Rücksicht auf Verluste.Ein anderes Beispiel ist die „Anti-Spatzenkampagne“, bei der Mao den Spatz als Schädling und Volksfeind erklärte und die Massen allerortens in China vom Dorf bis zu den Städten Spatzen killten. Die Folge war, dass sich die Insekten massenhaft vermehrten und die Ernten vernichteten.Auch die Kulturrevolution folgte dieser Massenlinie.Den Moskauer Kommunisten mutete diese Massenlinie schon etwas obskur an, man kannte bestenfalls „Stachanowbewegungen“.Dadurch wirkte der Maoismus mehr als von den Volksmassen getragen als der mehr bürokratisch erscheinende Apperatschikkommunismus sowjetischer Prägung. Ein weiterer Punkt der K-Gruppen war, dass sie die ewige weiterfortschreitende Verelendung des deutschen und internationalen Proletariats behaupteten, ständig ein neues 1929 an die Wand malten, während die deutsche Arbeiterklasse ein nie dagewesenes Wirtschaftswunder erlebte und die Rückständigkeit der damals als „3.Welt“empfundenen Staaten als Produkt des Kolonialismus, des Neokolonialismus wahrgenommen wurden–die Dependenztheorie genoss höchste Beliebtheit, die forderte, dass 3. Weltsstaaten sich von der Abhängigkeit vom Weltmarkt abkoppeln müssten. Auch letzteres wurde mit der Zeit widerlegt, da gerade die 3. Weltstaaten, die sich in den Weltmarkt integrierten den meisten Wohlstandszuwachs hatten–wofür das asiatische Wirtschaftswunder stand, das im krassen Gegensatz zu Afrika stand.Und auch Nordkorea wurde seit den 60er Jahren zielstrebig von Südkorea überholt, Südostasien erlebte wie Japan und Taiwan, Hongkong ein Wirtschaftswunder, was dann auch die Volksrepublik China unter Deng Xiaoping dazu brachte, China in den Weltmarkt zu integrieren mit inziwschen beachtlichen Erfolgen. Desweiteren verkündeten die K-Gruppen und vor allem die Maoisten die Unvermeidbarkeit eines 3. Weltkrieges–auch im Atomwaffenzeitalter, wobei sie den Einsatz von Aromwaffen auch nicht als Gefahr sahen, da der US- Imperialismus nur ein „Papiertiger“sei und laut Mao China auch nach einem Atomkrieg genug Bevölkerung hätte, um den Klassenkampf weiterzuführen.Dies brachte Mao auch in einen Gegensatz zu Chrustshcow, der betonte, dass „ein Zündfunken einen Flächenbrand entzünden“ könne, speziell nach der Kubakrise 1962, während Mao dies als Feigheit und Revisionismus ganz wie Che Guevara sah.Jedenfalls verkündten die ganzen K-Gruppen immer wieder aktuelle Faschismus- und Weltkriegsgefahr und da dies eben nicht eintraf, wurden sie auch als alarmistisch und unglaubwürdig angesehen und wie Zeugen Jehovas, die vor dem Armaggedon, Weltuntergang und Jüngsten Gericht warnten, wahrgenommen.

Einige Marxisten sagen, die Maoisten hätten die Schriften der Frankfurter Schule falsch gelesen oder nicht genug „reflektiert“. Da sollte man sich die Frage stellen, ob die Maoisten überhaupt die Schriften der Frankfurter Schule gelesen haben, bzw. überhaupt „reflektierten“ oder nicht eben auf andere Hauptquellen wie der Generalpolemik der KP China zur KPdSU zurückgriffen.

Unterschied zwischen der Frankfurter Schule und den K-Gruppen ist, dass letztere den Begriff der „Ambivalenztoleranz“(Adorno) nicht zuließen.Auch wurden sexuelle und psychologische Ansätze ala Wilhelm Reich als „Subjektivismus“, „bürgerlicher Individualismus“ und bourgeoise Gefühlsdueselei zurückgewiesen. Ziel war eine proletarische seelelose, autoritäre , nicht reflektierende Kampfmaschine, die ihre Triebe unterdrückte und alle Gesichtspunkte des Lebens, auch der Ästhetik und Mystik nur unter dem Paradigma der propagandistischen Verwertbarkeit für den Klassenkampf sah.Die ganzen K-Gruppen bedienten eigentlich gerade den von der Frankfurter Schule kritisierten „autoritären Charakter“, da sie streng ökonomistisch-materilaistisch orientiert waren, zumal eben auch Widersprüche von Indiviualismen nicht zuliessen, sondern die völlige Unterordnung unter ein Kollektiv fordern, dass die Theorien Lenins, Stalins und Maos als absolute Wahrheit empfanden.
Als Lesetip von Roland Rottenfusser „Als Spiritueller unter Linken“, wobei ich selbstkritisch zugestehen muss, dass ich mich da selbst als solch intoleranter Revolutionärstyp wiedererkannt habe:

„Die gleichzeitige Anwesenheit des Verschiedenartigen in ein- und demselben Menschen als Ursache für Verfolgung – ein höchst originelles Konzept. Adorno meinte wohl etwas Ähnliches wie Unbestimmtheit, wenn er von „Ambivalenztoleranz“ sprach. Das Fehlen der Fähigkeit, Ambivalenz in sich zuzulassen, war für ihn ein Merkmal des autoritären Charakters.(…)
Woher kommt es, dass bestimmte Linke in diesem Punkt absolut unversöhnlich sind? Ich muss hier ein bisschen weiter ausholen und die Geschichte der linken Spiritualitätsfeindlichkeit streifen. Ihre Grundlage ist die Interpretation der neueren Sozialgeschichte als Verschwörung von Kapital und kirchlicher Vertröstungstheologie. Diesbezüglich wirkte bei vielen Genossen noch Lenins radikales Verdikt nach: “Jede Idee von jedem Gott ist die gefährlichste Abscheulichkeit”. Ebenso natürlich die marxistische Religionskritik vom „Opium des Volkes“. Am prägnantesten zeigt sich die Kirchen-Verschwörungstheorie der Linken in Bertolt Brechts fulminantem Stück „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“. (…)

http://hinter-den-schlagzeilen.de/2015/04/29/als-spiri-unter-linken/

http://hinter-den-schlagzeilen.de/2015/04/30/als-spiri-unter-linken-22/

Man sollte auch nicht vergessen: Viele Maoisten rezitierten eben aus jener theoretisch, wie umfangreich sehr dürftigen Maobibel–da hatte man nicht zu viel zu lesen wie etwa das 3-bändige Kapital oder die umfangreiche Dialektik der Aufklärung, aber griffige Parolen.Da braucht man nicht soviel zu lesen und kann lautstark ein paar griffige Slogans skandieren.Vielleicht waren die Maoisten eher auch lesefaul und fuchtelten gerne mit der kleinen roten Maobibel herum, erweckten damit auch einen Anschein von Radikalität und Militanz, die sie revolutionär in der Form erschienen liessen, was mancher auch für revolutionär in den Inhalten hielt. Von den Maoisten kenne ich im wesentlichen nur den Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD und die MLPD–die speisten ihre Führungsleute aber weniger aus ehemaligen Adepten der Frankfurter Schule, sondern aus ehemaligen KPD- Mitgliedern wie Helge Sommerock oder Willy Dickhut, die infolge des sowjetisch-chinesischen Brudertwists unter Chrustschow in den 60er Jahren zu Maoisten wurden ( Hauptquelle dieser Leute ist auch die Generalpolemik der KP China an der KPdSU aus den 60er Jahren und keineswegs die Schriften der Frankfurter Schule). Bei den anderen K-Gruppen kenne ich mich nicht so aus–aber es mag schon seltsam anmuten, dass Leute, die Adorno, Horkheimer, Marcuse, u.a. gelesen haben, dann zu Maoisten werden können.Vielleicht liegt auch der Anknüpfungspunkt zwischen Frankfurter Schule und dem Maoismus in dem mehr daoistisch begriffenen Klassenantagonismustheorien und der Idee einer antiautoritären, antirevisonistischen Kulturrevolution. Heutige ehemalige Maoisten findet man  neben den Grünen (die vor allem dem etwas undogmatischeren KB entstammen) vor allem bei ARTE , die da ein Kaleidoskop von „Revolutionärsein“über die verschiedensten Kulturphänomene–vom Hippie bis zum Sponti, von der Homosexuellenbewegung und jeglicher Subkultur bis zur Studnetenbewegung aufmachen–ganz im Sinne von Herbert Marcuses „Der eindimensionale Mensch“, in dem er alle Subkulturen als das eigentliche revolutionäre und gesellschaftsverändernde Subjekt ausmachte–und da passte das Image der maoistischen Kulturrevolution als antiautoritäre Jugendbewegung der Roten Graden ins Panoptikum.Hier wird also wieder die Versöhnung mit der Frankfurter Schule gesucht, indem man nun auch alle Subkulturen und Widersprüche als revolutionär erklärt.Aber die Frankfurter Schule wurde von der damaligen maoistischen  Seite, wie auch orthodox marxistischen Seite vor allem erst einmal als Verräter des Marxismus, Totengräber des proletarischen Klassenkampfes und vor allem „nur“ als Kulturkritiker angesehen, also als Überbaukulturreformer, die nicht den ökonomischen Unterbau revolutionieren wollten,der aber nur eine zentralistisch geplante, totalitäre Planwirtschaft mit einem Politbüro des Zks als übergeordnete Monopolstelle haben sollte. Also die deutsche Post als Vorbild haben sollte, auf die sich Lenin zigmal berufte. Die modernistische Variante war, dass man einen neutral wirkenden Technokratenkreis als Zentralstelle oder aber eben einen Zentralcomputer an diese Stelle setzte, aber zentralistisch, autoritär, monopolitisch war all dies und wurde auch gegenüber der „kleinbürgerlichen dezentralen Produktionsweise“, die ohnehin vom Monopolkaitkaismus abgelöst werde, dargestellt, um eben den Staatsmonopolismus zu fordern. Auch hier versprach der Maoismus mit seinem dezentralistischen Großen Sprung nach vorne und der Massenlinie eine dezentralistische Volksmassenpartizipation.Aber: Die ganzen Ideen der Frankfurter Schule von sexueller Repressivität, Ambivalenztoleranz, repressiver Desublimation, die Bedeutung der Psychologie des Individuums, ja auch die Massenpsychologie, die Bedeutung von Subkulturen,etc. gingen völlig unter. Exemplarisch hierfür ist die Polemik innerhalb der trotzkistischen 4. Internationale an der Frankfurter Schule, die auch von den Marxisten der alten orthodoxen Linken über die Neue Linke verfasst sein könnten:

https://www.wsws.org/de/articles/2009/02/ste1-f03.html

Ein Freund schrieb mir dazu:

„Was Du zum Maoismus schreibst, klingt recht einleuchtend. Mich
interessiert aber halt vor allem das, was man die theoretische Genesis
der K-Gruppen nennen könnte. Man kann deren Politik natürlich einfach
für falsch halten (was ich ja auch mache) und es damit genug sein
lassen. Oder man kann sich an individual- und gruppenpsychologischen
Erklärungen versuchen, die mich meistens nicht befriedigen. Meine Frage
ist: Gibt es theoretische Gründe, warum die Leute zu Maoisten wurden –
gab es also eine *Reflexion*, kann man diese theoretische Reflexion
rekonstruieren und lässt sie sich immanent kritisieren?

Den Hintergrund in der kritischen Theorie habe ich vielleicht ein wenig
überzeichnet, das ist aber im Einzelfall auch schwer nachzuweisen, weil
wir es ja nicht mit Publizisten sondern mit sich Theorie aneignenden
Studenten zu tun haben. Im Prinzip gab es da drei Phasen: (1) zwischen
1968 und 1969 gab es eine Radikalisierung in Richtung
Kapitalismuskritik, die z.T. einherging mit der Erfahrung der eigenen
Erfolglosigkeit (sowohl gegenüber der Polizei, wie auch in der sog.
Randgruppenarbeit). (2) 1969-1970 wurden dann unzhählige (studentische)
Basisgruppen, Stadtteilgruppen, Arbeiterbasisgruppen, etc. gegründet.
Damit einher ging die Kritik der rein studentischen Bewegung und hier
kam auch die Begeisterung für Mao hoch. (3) Ab 1970 konsolidierten sich
diese Basisgruppen dann zu K-Gruppen. Wichtig ist dabei, dass in der
zweiten Phase (fas9 timmer gesagt wurde: „WIR müssen die antiautoritäre
Phase beenden, WIR haben mit der antiautoritären Phase einen Fehler
gemacht“. Und dieser Fehler war: Die Studenten seien mit den Folgen der
kapitalistischen Konkurrenz konfrontiert worden und hätten dagegen
rebelliert – aber eben nur individuell; individuell aber würden sie
entweder auf der Strecke bleiben oder eben doch wieder im System
ankommen.

Der „Maoismus“ ist nun aber auch keine ganz einfache Sache, weil er eben
in der Regel nicht Studium der „Theorien von Mao“ bedeutet hat (dazu
sind die auch zu dürftig). Erstens beudeutete Maoismus eben jene
Generalpolemik, also die Kritik an der sowjetischen Absage an Revolution
im Westen und ihrer Zuwendung zu einer Systemkonkurrenz; für
revolutionäre Studenten in den Metropolen war das eine fast
zwangsläufige Position: Maoismus = Antirevisionismus. Zweitens bedeutete
Maoismus oft bloß eine Generalisierung dieser Generalpolemik, also
Antirevisionismus = Revolution statt Reform. Und drittens war Maoismus =
Kulturrevolution. Und die ist – trotz der vehementen Kritik von z.B.
Horkheimer – ein Anknüpfungspunkt für die antiautoritäre Bewegung, denen
die Kulturrevolution nicht zuletzt ein Aufmucken gegen die Autoritäten
war, die man hindern wollte ihren Senf weiter zu verbreiten. Rezipiert
wurden im Wesentlichen der KPCh-Beschluss und ein paar begeisterte
Reiseberichte westlicher Intellektueller.“

 

Meine Antwort:

Was du nicht explizit erwähnst, aber indirekt tangierst, ist die sogenannte „Organisationsfrage“, die der antiautoritären Phase folgte und diese wurde eben fast allesamt in den Kontext einer damals als historisch notwendig empfundenen (Wieder-) Aufbau einer kommunistischen Partei gestellt. Die Studentenproteste, die ganzen antiautoritären Formen des Widerstands waren gescheitert, Paris 68, wo es fast zu einem Generalstreik gekommen wäre, war gescheitert, die antiautoritäre Linke war gescheitert. Von daher stellte sich die Frage, ob soviel Spontatnität, Antiautoritarismus und Unorganisiertheit gut sein könne oder eben nicht zum Scheitern der neuen antiautoritären Linken geführt habe. Lenins „Kinderkrankheiten des Kommunismus“wurden schnell Standardlektüre,da sie sich mit den Verwirrungen von Spontanismus und Anarchismus und dessen notwendigem Scheitern befassten.Da kam man eben zur Organisationsfrage und der Frage einer Partei oder aber einer bewaffneten Avantgarde ala RAF. Auf der Linken blieb neben den Spontis fast nichts mehr, die Hippies kamen zwar auch als mehr soft revolution und Subkultur im Sinne von Marcuse auf, wurden aber von den orthordocxen und neuen Linken eher als unpolitisch mit ihrem „Make Love not War“ und ewigem Haschischgerauche und Volldröhnen angesehen.Daher suchten  viele enttäuschte unorganisierte 68er-Revolutionäre dann auch Anknüpfungspunkte an die alte KPD oder sonstweitige kommunistische Parteien wie eben die KP China, die KPdSU,etc.1968 wurde die prosowjetische DKP wieder zugelassen, während die Maoisten schon in der Namensgebung Verrat an der alten KPD und am Kommunismus witterten.
1970 exitsierte hier vor allem die Spaltung zwischen der Chrustschow-/Breschnew-Sowjetunion und Mao-China. Es war noch nicht die Zeit, als Nixon China besuchte, dies erfolgte erst zwei Jahre später, als die meisten K-Gruppen sich schon organisatorisch etabliert hatten.Auch kämpften Vietcong und Rote Khmer noch einig Seit an Seit.Das sollte sich dann infolge des Nixonbesuchs ändern und stürzte die Maoisten sehr schnell wieder in eine Identitätskrise. Interessant ist, dass es auch keine Titoisten gab und die Trotzkisten in Deutschland eine völlige Randerscheinungen blieben (bis dann eben die trotzkistische SAG/der Linksruck nach dem Ende der KPdSU Anfang der 90er Jahre einen kurzfristigen Höhenflug erlebte,der aber in einer jähen Bauchlandung endete).

Auch ein interessantes Detail ist, dass sich die ganzen maoistischen Gruppen, ob nun KBW, KB, KPD, KPD ML, KDP AO,etc. wieder auflösten oder eben den Weg durch die Institutionen machen wollten und dann in den Grünen aufgingen (Volmmer, Kretschmann, Trittin, Schmierer,u.a.). Übrig geblieben ist eigentlich nur die MLPD und der als Minigruppe der Arbeiterbund zum Wiederaufbau der KPD in der Tulbeckstrasse/München (wobei die sich ja auch in zwei Gruppen aufgespalten haben–die Zugfraktion und den ursprünglichen Arbeiterbund).Noch zum KBW:

„Einige seiner ehemaligen Mitglieder waren und sind später in der Bundes- und Landespolitik in führenden Positionen aktiv (Reinhard Bütikofer, Winfried Kretschmann, Ursula Lötzer, Krista Sager und Ulla Schmidt).“ (KBW/Wikipedia)

Ich hatte geschrieben, dass der Nixonbesuchin China und sich das daraus ergebende Bündnis Mao-USA die Maoisten vor eine erste Identitätskrise gestellt habe.Was dem etwas zu widersprechen scheint, ist, dass z.B. der KBW erst 1973, also ein Jahr nach dem Nixonbesuch gegründet wurde:

„Der vergleichsweise spät, am 12. Juni 1973, in Bremen gegründete KBW baute auf einer erfolgreichen Zusammenarbeit verschiedener lokaler bzw. regionaler Zirkel auf. Er war schwach in den größten Städten der Bundesrepublik. In West-Berlin waren SemlerHorlemann mit der KPD/AO stärker, in Hamburg der Kommunistische Bund (KB), in München der Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD und in Stuttgart war der Kommunistische Arbeiterbund Deutschlands (KABD) erfolgreicher als der KBW. In vielen mittleren Städten aber und auch im Bundesmaßstab war der KBW bis zu seiner Auflösungsphase die stärkste Gruppe der sog. ML-Bewegung, d. h. der K-Gruppen“ (KBW/Wikipedia)

Möglicherweise hat man aber dieses Bündnis als revolutionäre Notwendigkeit betrachtet—zumal, wenn Stalin mit Hitler einen Pakt machen konnte, warum dann nicht Mao mit Nixon Ähnliches? Zumal tobte die Kulturrevolution noch, starb Mao erst 1976 und erfolgte der wirtschaftspolitische Kapitalismuskurs Chinas  erst ab 1979 unter Deng Xiaoping.Mit dem Scheitern Maos in China, dem kommunistischen Bruderkrieg zwischen Vietnam und Pol-Pot-Kambodschas, wie auch dem Bekanntwerden der Massenmorde der Maoisten und Pol Pots, als auch dem Ausbleiben des Aufstandes der vermeintlich unterdrückten Volksmassen in Westdeutschland, wechselten die meisten Maoisten in die neue Partei der Grünen und wurden Reformisten.

Warum der Trotzkismus eine Randerscheinung nicht nur in Deutschland bis in die 90er Jahre blieb, ist eine gute Frage. Zum einen muss man sehen, dass die Trotzkisten von allen anderen kommunistischen Parteien und Gruppen verfolgt und heftigst bekämpft wurden. Desweiteren die Schauprozesse der Komintern und der Terror der Tscheka, die Trotzki auch in Mexiko ermorden ließ.Nicht zu vergessen der Hitler-Stalinpakt, in dem alle von Stalin abweichenden Kommunisten, vor allem die Trotzkisten, einander ausgeliefert und umgebracht wurden.Der Trotzkismus war war also organisatorisch, wie auch finanziell geschwächt und ausgedünnt, vor allem in Europa und Russland und konnte eigentlich nur eine Exilexistenz in anglosächsisch-demokratischen Staaten führen, die als letzte Zufluchtsorte blieben, aber dann auch in der Mc-Carthyära verfolgt wurden. Ebenso zog der bedingungslose Internationalismus der Trotzkisten die doch noch sehr nationalistisch geprägten Arbeiterschaften nicht sonderlich an. Trotzkis Kritik an der Politik der Komintern,  an Stalins Sozialismus in einem Land und seine Forderung den Kommunismus zu entnazifizieren, galt zudem als konterrevolutionärer Spaltungsversuch der kommunistischen Bewegung.Zudem galt der Sowjetkommunismus als Sieger des Zweiten Weltkriegs als historisch richtig und brachte den Stalinisten sehr viel Legitimität.Dann spalteten sich die Trotzkisten auch noch mehrmals–es gab nicht nur eine 4. Internationale.Dazu die theoretischen Streitigkeiten über den Charakter des Sowjetkommunimsumus–für die einen eine „degenerierte Bürokratie“, für die anderen,wie z.B. Tony Cliffs SWP (aus der die SAG und der Linksruck in Deutschland hervorging) ein „Staatskapitalismus“(Cliffs Buch „Staatskapitalismus“wurde hierfür die theoretische Basis).Während die orthodocen Trotzkisten nach dem Fall der Sowjetunion keine Zuwächse verzeichneten, blühte die SWP kurzfritsig aufgrund ihres „Staatskapitalismus“-Ansatzes auf, zum anderen, da sie sehr aktionstümelnd auftrat, sich also in die Antifabewegung, dann die Golfkriegsbewegung, dann die Antiglobalisierungsbewegung stürzte und als deren beste Aktivisten hervortraten. Aber wie dies so ist: Ist die Bewegung einmal vorrüber, verlassen die Sympathisanten zumeist auch wieder die Organisation, die es versäumt hat hier Kader theoretisch zu schulen.Viele verließen aber die SAG/den Linksruck/die SWP auch, da eben deren „demokratischer Zentralismus“zentralistisch und keineswegs demokratisch war und zumal eben auch ein Personenkult um Tony Cliff aufgebaut wurde, der die internatioanle Bewegung von London aus zentralistisch leitete. Also die Versprechung anders als der bürokratische Staatskaptalismus Stalinscher Prägung zu sein, wurde nicht eingelöst und führte zur Desillusionierung in die Organisation, wie aber auch in den Kommunismus selbst–ähnlich wie bei den K-Gruppen und Maoisten, die dann in den Grünen als Reformisten aufgingen.

Ein letzter, aber wesentlicher Punkt ist: Zwar konnten die Trotzkisten aufgrund ihres bedingungslosen Internationalismus kurzfristig im Zeitalter der Globalsierung aufblühen, aber wie alle anderen K-Gruppen und die Stalinisten und Maoisten konnten sie die „neuen Bewegungen“ von Frauenemanzipation, Homosexuellenbewegung,Minderheitenbewegungen nicht integrieren, da all dies als Nebenwidersprüche, die vom proletarischen Klassenkampf abhalten angesehen wurden, dem sich diese Gruppen unterordnen und auf ihre Erlösung in einem fernen Kommunismus abwarten sollten. Da gingen die Feministen, Homosexuellenbewegungen, Minderheitengruppen lieber eigene Lobbywege und wurden innerhalb der parlamentarischen Demokratie eher wahrgenommen als innerhalb der K-Gruppen. Zuletzt sollte man auch noch sehen, dass die ganzen K-Gruppen sehr binär und schubladenmäßig und eben keineswegs dialektisch dachten oder gar eine Ambivalenztoleranz zuliessen, wie dies die bürgerliche Demokratie tat. Von daher spalteten sich all diese K-Gruppen, waren auch nicht integrativ für neue oder andere Gedanken, während das parlamentarische System sich eher an geläuterten Ex-Marxisten wie  Karl Poppers „Offene Gesellschaft“ und an Herbert Marcuses „Repressiver Desublimitation“orientierte und besser mit Widersprüchen und deren Kanalisierung umgehen konnte und diese humaner ausgestaltbar machte–zumal eben auch nicht in Form von der Exekution und mittels des Massenmordes von Andersdenkenden wie eben im Faschismus oder dem Kommusimus, den all diese K-Gruppen als Vorbild propagierten.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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