Neubewertung der Tibetfrage im Wasserresourcenkonflikt?

Der Dalai Lama tritt für „bedeutungsvolle Autonomie“ Tibets ein, ist nun als politischer Führer der Tibeter zurückgetreten und hat den ersten säkularen Ministerpräsidenten durch die Exilgemeinde als seinen Nachfolger wählen lassen. Damit ist er nur noch geistiger Führer der Tibeter und hat die politische Gemeinde säkularisiert und demokratisiert, ja den alten Paternalismus aufgegeben. ahnlich wie der König von Bhutan nun von oben eine Demokratie in seinem Königreich einführte und das Bruttonationalglück als nationales Ziel als Gegenentwurf zum Bruttosozialprodukt westlicher Gesellschaftssysteme auserkor. Doch der Dalai Lama geht über politische Änderungen seiner Exilgemeinde noch wesentlich weiter. Was mit grundsätzlichen Überlegungen zur Wiedergeburtslehre und der Demokratisierung begann

http://www.dalailama.com/biography/reincarnation

, nimmt nun konkrete Formen an.So erklärte er, dass die Institution des Dalai Lamas historisch relativ jung sei und keineswegs eine Notwendigkeit. Es sei zu überlegen die Institution des Dalai Lamas abzuschaffen. Das ist so, als ob der Papst erklärt, man solle die Institution des Papstes abschaffen, was bisher noch keinem katholischen Würdenträger eingefallen wäre. Sorgten diese Erklärungen schon für gewaltige Unruhe innerhalb des tibetischen Klerus, bei tibetischen Traditionalisten und Konservativen, so setzte der Dalai Lama dem noch die Krone auf. Er will nun die Wiedergeburtslehre abschaffen, wonach der Dalai Lama eine Wiedergeburt in einem Kind ist und als solcher inthronisiert wird. Hintergrund ist, dass schon bei der letzten Wahl des Panchem Lamas der Dalai Lama ein Kind aussuchte und Peking eben ein anderes. Während der vom Dalai Lama präferierte Kandidat nun in China verschwunden ist, inthronisierte China nun das ihm genehme Kind. Damit sich dies nicht auf der Ebene der Nachfolgewahl des Dalai Lamas wiederholt und ein Dalai Lama von Pekings Gnaden inthronisiert wird, ist der Dalai Lama nun bereit, die Wiedergeburtslehre selbst abzuschaffen. Dies stösst zum einen auf heftigen Widerstand im tibetischen Klerus und der Traditionalisten, zum anderen schwingt und spielt sich nun ausgerechnet Peking als Bewahrer der Traditionen des tibetischen Buddhismus inklusive der Wiedergeburtslehre auf , die China weiterhin als gültig ansieht. Neben diesen politischen und religiösen Neuerungen, versucht der Dalai Lama nun auch die Weltgemeinschaft für die Sache Tibets mittels des sich zuspitzenden Wasserresourcenkonflikts in Asien zu mobilisieren. Im Himalaya und speziell in Tibet entspringen die meisten grossen Flüsse Indiens, Chinas und Südostasiens, wie der Mekong, der Bramaputra und andere. China plant nun mittels des sogenannten Himmelskanals riesige Stausseen in Tibet, sowie die Umleitung der Wasserresourcen bis nach Peking und Shanghai, um den Wassermangel Chinas zu befriedigen. Gleichzeitig würde dies aber bedeuten, dass dadurch Indien und Südostasien gehörige Wassermengen fehlen würde, was ökologische und tiefgreifende ökonomische Folgen haben kann. Zunehmend kommt nun bei Teilen der Tibeter die Hoffnung auf, dass man vielleicht die Unabhängigkeit Tibets mittels eines Wasserkonfliktes zwischen Indien und Chinas befördern könne. Am deutlichesten äußerte dies schon die tibetische Rangzenallianz:

„Die Möglichkeit, dass Anarchie und Chaos ausbrechen, ist sehr real. Sollte es dahin kommen, dann würde sich sicher eine Chance auftun, die Unabhängigkeit Tibets zu erreichen. Natürlich müssen wir solche Momente entschlossen und energisch nutzen. Die Chinesen, wie schwach und desorientiert sie auch sein mögen, werden Tibet mit Sicherheit nicht friedlich oder freiwillig hergeben. Zugleich muss betont werden, dass Rangzen nicht erreicht wird, indem man einfach abwartet, bis China sich selbst zerstört. Die Tibeter können den Prozess fördern, indem sie Tibet von innen heraus destabilisieren und internationale wirtschaftliche Aktionen gegen China organisieren.(…)Auch wenn China letzten Endes doch nicht auseinanderbrechen sollte, sondern durch die heutigen Beschwernisse nur geschwächt wird, so besteht dennoch für die Tibeter die Möglichkeit, eine Situation herbeizuführen oder zu befördern, in der die Ressourcen Chinas in einem gefährlichen Maße überbeansprucht werden und in der sich die Führung in Peking gezwungen sieht, darüber nachzudenken, ob es klug ist, auf Kosten der eigenen Stabilität und Integrität Chinas an den peripheren Kolonien festzuhalten.(…) Der Kampf um Rangzen ist ein revolutionärer Kampf. Er muss die Sache derer sein, die Mut, Hingabe und Opferbereitschaft haben. Er sollte kein Werkzeug aus der Wahltrickkiste tibetischer Politiker sein, keine Maschine, die einem Stipendien und Pfründen verschafft, Karrieren oder Geschäfte fördert, zur Einwanderung in die USA verhilft und denjenigen, die sich gern unter den Größen des Showbusiness und unter den Reichen und Berühmten tummeln möchten, Gelegenheit dazu verschafft. (…)Bislang hat der Kampf, der innerhalb Tibets stattfindet, kaum mehr als moralische Unterstützung von außen erfahren, und selbst in diesem Punkt ist unser Beitrag äußerst zwiespältig gewesen. So ist etwa der gegenwärtige Rückgang der Aktivitäten innerhalb Tibets gewiss weitgehend eine Folge der massiven Niederschlagung durch die Chinesen, aber ebenso auch unserer taktisch unklugen Ankündigung eines bevorstehenden Dialogs mit China sowie des Appells der Exilführung, Aktivitäten, die der Wirtschaft Chinas schaden, einzustellen und ihres Aufrufs zu einem “konstruktiven Umgang” mit China. (…) Wang übersieht auch nicht Indiens Rolle in der Angelegenheit und räumt überraschenderweise ein, dass die Tibeter geistig, kulturell und sogar physisch Indien viel näher als China stehen. Er beschreibt, wie chinesische Beamte aus der Qing- und der Guomindang-Zeit oft über Indien nach Lhasa fuhren, weil das viel bequemer war. Wang sieht in dieser Nähe der beiden Nationen eine große Gefahr, denn er weiß, dass sich Indiens militärische Fähigkeiten seit 1962 gewaltig verbessert haben und die indischen Verteidigungsausgaben in den achtziger Jahren fast doppelt so schnell gestiegen sind wie die chinesischen und heute sogar höher sind als diese, obwohl auch China seine Ausgaben erheblich gesteigert hat. Er beruft sich auf ausländische Militärexperten, die “der Auffassung sind, dass Indien heute die besten Bergtruppen der Welt hat, die die härtesten Strapazen aushalten und am besten ausgerüstet sind und die jeden chinesischen Angriff erfolgreich abwehren können”.

http://www.global-review.info/2011/02/17/tibet-die-rangzen-allianz-und-der-nationalismus/

Während der Dalai Lama noch auf eine friedliche Lösung der Tibetfrage setzt, auf eine „meaningful autonomy“im Dialog mit Peking, sowie Hoffnungen auf die von ihm auf 400 Millionen geschätzten chinesischen Buddhisten und dem Druck der internationalen Öffentlichkeit und anderer Staaten, nun auch mittels des Wasserkonfliktes um Tibet, setzt, dürften Teile des tibetischen Jugendkongresses sowie der Rangzenallianz hier schon andere Optionen ausloten. Inwieweit es realistisch anzunehmen, dass Indien Tibet militärisch besetzen könnte und es zu einem Krieg mit China ankommen lassen würde, muss sich erst noch zeigen. Dennoch scheinen Teile der tibetischen Gemeinde ihre Hoffnungen auf eine derartige Option zu setzen, erst recht nach dem Tod des Dalai Lamas. Letztendlich wird aber in Indien und in den USA entschieden, inwieweit man die tibetische Karte spielen will, ob Neu Delhi eine ernsthafte Bedrohung durch Chinas Wasserprojekte in Tibet und dem Himalaya sieht und diesen entgegentreten will oder die USA zur Einschätzung kommen, dass ein Konflikt ziwschen China und Indien vielleicht sogar dem Asian Pivot zuträglich wären. Dazu spielt auch die Frage eine Rolle, ob solch ein eventueller Krieg um Tibet logistisch überhaupt führbar ist, Indien tibetische Guerillagruppen unterstützen würde oder Indien die jeweiligen Staudämme einfach mittels Raktenangriffen zerstört. Aber das Eskalationsrisiko dürfte enorm sein. Zuerst dürfte es Indien mittels politischer Mittel und der Mobilisierung der internationalen Öffentlichkeit und dem diplomatischen Druck seitens eines Bündnisses der Wasserunterlaufstaaten versuchen zumal es auch möglich ist, dass China angesichts seines Images im selbstproklamierten harmonischen Asien Zugeständnisse an Indien und die ASEAN-Staaten macht und deren Besorgnisse berücksichtigt.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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