Das Photo vom toten Flüchtlingskind–zwischen Emotionalität und Rationalität

Die Diskussion um die Massenimmigration und die Flüchtlinge hat schon lange die Sphäre einer rationalen Ebene verlassen, spätestens seit Gauck in Hell- und in Dunkeldeutschland einteilte und Merkel von Willkommenskultur fabulierte. AfD, Pegida, neonazistische und nationalkonservative Kräfte schüren Ängste, regierungsamtlich werden nur emotionale Hoffnungen und Modelltypen vom Flüchtling als Opfer, neuer und allseits hochqualifizierter Fachkraft, gehobener geflohener Mittelschicht gezeichnet und Zuversicht, Zweckoptimismus verbreitet. Auf die Frage, ob die Flüchtlinge „uns nützen“möchte ich erst gar nicht eingehen. Ein Teil werden Fachkräfte sein, ein Teil muss dazu ausgebildet werden, ein Teil wird „unnütz“sein und auch was kosten, aber so genau kann das keiner quantifizieren und Humanität bedeutet eben auch, dass man eben auch einen Teil „Kostgänger“ duldet und akzeptiert.Ein Teil wird kulturfremd oder bestenfalls für die Werte des Grundgesetzes zu assimilieren sein, ein Teil kulturelle Bereicherung und auch aufgrund seiner Opposition zum Islamismus und säkularer Erziehung kulturähnlich, ein Teil zwischendrin.Jedenfalls schwanken die manichäsitischen Propagandabilder vom hochqualifizierten IT-Informatiker von der Universität von Asmara oder Damaskus, dem kulturell bereichenden edlen Kulturschaffenden bis zum anderen Schreckensbild vom zukünftigen Sozialschmarotzer, Kriminellen, Krankheitsüberträger, kulturfremden Barbaren oder aber eben Terroristen. Zum Teil wird dies auch als moralische Wiedergutmachung für die deutsche Nazigeschichte gesehen: Deutsche waren ja auch mal Flüchtlinge, deswegen müsse man Empathie für die neuen Flüchtlinge haben. Selbst die deutschen Vertriebenenverbände betreiben nun deutsche Wiedergutmachung , in dem sie nun die Deutschen als vertriebenes Opfervolk und nicht mehr als Tätervolk darstellen,nachdem sie jahrzehntelange revanchistische Gebietsforderungen in den ehemaligen Ostgebieten glücklicherwiese haben fallen lassen. Die Bilder des toten Syrerjungen bewirkten eine weitere Emotionaliserung der Debatte, obwohl in Syrien wie auch im Greater Middle East Hunderttausende von Menschen, auch Kinder umgebracht wurden, Tausende im Mittelmeer schon zuvor ertranken, natürlich auch Kinder, von denen man auch tausende Bilder veröffentlichen könnte. Kinder machen sich immer gut zur Emotionalisierung. Sei es im Ersten Weltkrieg, als die britische Propaganda Deutsche als kinderfressende und „maneating Huns“darstellten, sei es das napalmverbrannte vietnamesische Kind während des Vietnamkrieges der USA, das einen wesentlichen Stimmungsumschwung in der amerikanischen Heimatsfront brachte, sei es während des Jugoslawienkriegs, als die serbische Armee einen Kinderbus beschossen haben soll, seien es die Lügengeschichten einer vom Propgandatrupp der Bush senior-Administration fabrizierten Kuwaiterin vor dem kriegsmitentscheidenden US- Kongress, dass die irakischen Truppen Saddam Husseins Babykästen in den Krankenhäusern geöffnet und die Babys getötet hätten, seien es die Storys Rudolf Scharpings im SPIEGEL während des Jugoslawienskrieges , dass serbische Soldaten schwangeren Frauen die Bäuche aufgeschlitzt hätten, um ihre Föten herauszuholen. Auch als Israel gegen die Aggression der Hamas vorging, gegen Raketenstellungen, die die Hamas in Kindergärten als menschlichen Schutzschilden versteckte, wurde Israel überall als „Kindermörder“dargestellt. Und mit dem Photo von dem toten syrischen Kind am Strand soll die Botschaft vermittelt werden: EU–Kindsmörder. Das stimmt zwar faktisch, aber emotionalisert die Debatte nur und führt nicht mehr zu rationalen Lösungsvorschlägen.Umgekehrt fragt man sich aber, warum diese Bilder immer nur im Zusammenhang mit der EU und Israel kommen, der breite Kindsmord durch Kriegseinwirkungen der muslimischen Dschihhadisten in Syrien, Irak, Nordafrika nie thematisiert wird. Interessant ist, dass der Islamische Staat zwar auch tausende von Kindern tötete, aber Kinder in seiner Enthauptungs- und Abschreckungsterrorpropanganda bisher nicht einsetzte, da ihm klar war, dass Kindsmord eben kulturübergreifend als Sakrileg gilt, man eher massenhaft Erwachsene öffentlich ermorden kann oder alte Kulturstätten zerstören,aber eben keine Kinder. Aber vielleicht kommt auch noch dieser Kultur- und Zivilisationsbruch bei der Post-IS-Ära islamistischer Gruppen, bei der dann auch die Kinder der kuffar und Ungläubigen youtubeträchtig abgeschlachtet werden–soweit sind wir immerhin noch nicht.Zumal aus islamischer und antisemitischer Sicht ja Kindsmordrituale immer nur den Juden und Israelis zuzuordnen sind.Das Merkelbild, dass viele Flüchtlinge immer in die Kamera halten und das Bild des toten syrischen Jungens am EU-Strand sind die zwei Seiten einer Medaille: Die der Forderung/Anklage und die ihrer Bedienung und der Dankbarkeit. Aber eben alles immer emotional, auf die Medien gerichtet, was ja verständlich ist angesichts der prekären Situation der Flüchtlinge, aber eben für rational denkende Politiker nicht der Leitfaden sein sollte.Kindsmord gilt kulturübergreifend als unterste und absolut schlimmste Sorte des Verbrechen, egal wieviele Erwachsene man killt, ob Frauen, Männer, ja selbst der Greis geniesst da angesichts des Kindsmord eher die Stellung des Entbehrlichen und ohnehin Vergänglichen. Von daher sollte man immer vorsichtig sein, wenn Kindsmord propagandistisch über Massenmedien verwandt wird,  da es zielstrebig an Emotionalität und nur begrenzt an Rationalität appelliert, aber umgekehrt gilt natürlich auch: Das Bild des toten Flüchtlingskinds erinnert uns zum einen zwar, dass sich hinter jeder Statistik Einzelschicksale massenhaft verbergen, wenn uns schon Erwachsenenschicksale nicht mehr rühren können oder wie heißt es: Ein toter Mensch ist ein Mord oder ein Verbrechen, Hunderttausende Menschen sind eine Statistik. Insofern hat das Bild des toten Jungens wie auch andere Bilder leidender Menschen einen  gewissen humanitären Erinnerungseffekt, wenn man über allgemeinpolitische Rahmenbedingungen der Politik doch mehr abstrakt spricht. Dennoch haben diese Bilder auch den Effekt, dass eine öffentliche Emotionaliserung einsetzt, die jegliche rationale Behandlung politischer Probleme verunmöglicht. Wie Rechte versuchen, die Flüchtlinge als Kriminelle, Kranke, Sozialschmarotzer, Terroristen darzustellen und die emotionale Sphäre der Angst zu gewinnen, so versucht dies die andere Seite, indem sie die Flüchtlinge nur als Edle Wilde, hochqualifizierte Arbeitskräfte, kulturelle Bereicherung und un anderen Idealisierungen darstellt. Zwei manichäistische Weltbilder stehen sich gegenüber: Hell- und Dunkeldeutschland, die beiderseitig die emotionale Ebene für sich nutzen wollen. Rationalität und Planhaftigkeit im Vorgehen sind da nicht gefragt, sondern es werden „Willkommenskulturen“ und neue deutsche Flexibilität propagiert, wo es doch eher eine Sache staatlich verantwortlichem Eingreifens, Planung und außenpolitisher Koordination sein sollte. Dem Gerede von „Flüchtlingsflut“, „Bevölkerungsaustausch“,“Flüchtlingstsunami“, „neuer Völkerwanderung“ kann man nicht mit „Willkommenskulturen“, unbestimmter „neuer deutscher Flexibiltät“und Improviationsvermögen  (juche, der deutsche Ordnungssinn und deutsche Spießer sind besiegt?!) angesichts offen gelassener Obergrenzen kontern, sondern nur mittels entschiedenem staatlichen und EU-Handelns.Die Grundfrage ist, wie man all diese Flüchtlingsströme, da man die Ursachen ja offensichtlich nicht kurz- und mittelfristig beseitigen kann, makropolitisch löst.Kritik kommt jetzt auch an dem neuen Menschenfeind Orban auf, der ja zugegebenermassen ein autoritärer, antisemitischer,  nationalistischer Politiker ist, aber eben mittels der Viesgardgruppe auch andere Osteuropäer um sich sammeln konnte, die eben eine andere Vorstellung von der EU haben als Merkel-/Steinmeier-Deutschland und Hollande-Frankreich. Die Kritik an Orban ist etwas schizophren: Lässt er die Flüchtlinge durch, beschwert sich Deutschland, dass er sie durchlässt. Baut er einen Zaun und versucht den Zustrom nach Deutschland zu verhindern, ist es auch wieder nicht recht. Diese Willkommenskultur und dieses „Hereinspaziert“ und die gleichzeitige Forderung nach einem zentralen EU-Quotensystem ohne klare Obergrenzen zu ziehen, ist meiner Ansicht nach irreführend.Einfacher wäre es, wenn deutschland-, wie EU-weit eine Obergrenze der aufzunehmenden Flüchtlingen beschlossen wird, die zu erwartenden Kosten taxiert werden und dann erst Verteilungsquoten anhand von Bevölkerungszahl, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskraft, Staatsverschuldung und Altersstruktur. Dass die osteuropäischen Staaten sich gegen ein Quotensystem wenden, hat vielleicht mehr damit zu tun, dass sie keinen Blankoscheck für einen abstrakten und allmächtigen EU-zentralen Verteilungsmechanismus geben wollen, bei dem die zu verteilende Menge und Obergrenze unklar bleibt und –einmal in Kraft–beliebig nach oben erhöht wird, ähnlich wie bei der EZB, wenn Draghi den Aufkauf von Staatsschuldpapieren für unbegrenzt erklärt: „Whatever it takes“, wo dann Bundesbankpräsidenten ala Jens Weidmann nur noch ohnmächtig und wirkungslos mal ihr Unbehagen äußern dürfen. Deutschland und Europa muss sich klar werden, wieviele Flüchtlinge es aufnehmen will, ob nun 1 MIllion, 2 Millionen, 3 Millionen, 4 Millionen, 5 Millionen, 7 Millionen, 8 Millionen, 9 Millionen, 10 Millionen–denn die von EU-Kommissionspräsident Juncker genannte Zahl von 120 000 Flüchtlingen für Europa ist bar jeder Realität und eine offensichtlich durchschaubare kleingeredete Zahl, um einen abstrakten Verteilungsmechanismus zu etablieren und die Zahlen dann hochzufahren. Juncker ist ein durchschaubarer Lügner und gerade diese Durchsichtigkeit schadet jeder rationalen Flüchtlingsdiskussion, da bei der Bevölkerung richtigerweise der Eindruck entsteht, dass die EU mal wieder „trickst“. Von daher wäre es zielführender und offener, die konkrete Zahl von 10 Millionen aufzunehmenden Flüchtlingen für die EU zu definieren und dann die Verteilungsfragen zu regeln.Und natürlich muss man auch klar kommunizieren und durchsetzen, dass nicht alle Flüchtlinge innerhalb der EU nach Deutschland kommen können, sondern eben auch mit EU-Ländern wie Bulgarien und Rumänien Vorlieb nehmen müssen, bei dem es nicht die teutonische First-Class-Deluxe- Versorgung gibt. Da macht dann Residenzpflicht wieder Sinn.Die Orientierungszahl von 10 Millionen muss natürlich nach Bevölkerungszahl, Wirtschaftskraft, Altersstruktur , Arbeitslosenquote und Staatsschuldquote verteilt werden. Dann käme man für Deutschland vielleicht auf 2,5 bis 3 Millionen Flüchtlinge, aber das wäre eine absehbar und klar definierte Obergrenze.Alles andere ist unehrlich und man drückt sich um die Formulierung klarer politischer Zielsetzungen. Bei einer Bevölkerungszahl von 505 Millionen Einwohnern der EU wären 10 Millionen Flüchtlinge gerade mal 2% der Bevölkerung–das scheint eine diskutierbare Grössenordnung, die der derzeitigen mengenmässigen Unbestimmtheit und angstmachenden Grenzenlosigkeit entgegenwirken könnte und auch den ganzen rechtsradikalen und rechtspopulistischen Hetzern den Wind aus den Segeln nimmt, bevor sie auch die politische Mitte radikaliseren können, wie auch die osteuropäischen Migrationsverweigerer zur klaren Positionierung zwingt. Desweiteren sollte die deutsche und französische Regierung klarmachen, dass die EU kein cherry-picking ist, d.h. nur EU-Subventionen kassieren zu wollen und sich das Beste vom Binnenmarkt rauszusuchen, aber auch keine Gegenleistungen zu bringen. Die Blockade britischer, südeuropäischer und osteuropäischer Provinienz sollte man vielleicht auch damit kommen, dass man das Verursacherprinzip der Flüchtlingsströme mal in Anschlag bringt und hier wäre die Beteiligung europäischer Staaten bei der Coalition of the willing George W. Bushs während des Irakkrieges 2003 in Anschlag zu bringen.Spanien, Italien, Großbritannien und die meisten Osteuropäer haben sich ja an diesem Krieg, der erst die Büchse der Pandorra öffnete aktiv beteiligt, diesen offen befürwortet, während Deutschland und Frankreich sich trotz aller Hetze nicht daran beteiligten, ja offen dagegen opponierten und nun wollen diese anderen europäischen Staaten am wenigesten für das von ihnen mitgeschaffene Elend aufkommen.Bevor wieder deutsche Geschichte bemüht wird, sollte man sie ihrer aktuellen Geschichte und Positionen beim Irakkrieg, wie auch bei Syrein und Lybien erinnern.Das Problem dürfte nur darin liegen, dass Merkel damals in transatlantischer Nibelungentreue sich in US-Medien für eine deutsche Beteiligung am Irakkrieg aussprach und offen gegen Schröder aus der Opposition heraus agierte, als sie an der Regierung war aber auch nichts mehr von Bundeswehr nach Irak wissen wollte. Merkels deutsche Vergangenheit und ihre Vergangenheit während des Irakkriegs schmälern dabei die historisch-moralische Argumentationsweise gegen etwaige Verantwortungsdforderungen seitens anderer europäischer „Partner“ in Richtung deutscher Geschichte und Wirtschaftskraft. Zum einen könnte Merkel dies also theoretisch nicht, zum anderen traut sich auch keiner die Supermacht USA für die Kriegsverbrechen und Nachfolgewirkungen des Irakkrieges von 2003 verantwortlich zu machen.Aber es ist es nett, wenn Obama und die USA Deutschland nun als den großen Retter in der Flüchtlingskrise, wie schon bei der Euro-Krise  preist, aber noch netter wäre es , wenn die USA ihr Supermachtgewicht in der UNO einbringen würden, um die finanziellen Resourcen für die UN-Flüchtlingslager im Libanon, Nordirak, Griechenland, Italien und Jordanien deutlich hochzufahren und auch einmal die Golfstaaten und Saudiarabien samt Organisation Islamischer Staaten einmal darauf zu drängen, ihren muslimischen Brüdern nicht nur über die Bewaffnung von Dschihhadisten allerortens im Greater Middle East und neuen Hauptstädten in Ägypten zur Hilfe zu kommen, sondern eben in den UNO-Flüchtlingslagern, die man zu Protostädten ausbauen könnte, um den Migrationsdruck zu nehmen satt den nächsten Protzwolkenkratzer in Dubai hochzuziehen. Das könnte Merkel, Steinmeier und die deutsche Außenpolitik bei Gesprächen mit ihren Partnern und „Freunden“ durchaus einmal einfordern, vielleicht auch offiziell als Antrag an die UNO.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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