Pakistan und seine Islamisten– in wessen Händen bleibt die erste muslimische Atombombe?

von Ralf Ostner

Der Sit-In und die Proteste von Islamisten in Pakistan, die nun zur Resignation des pakistanischen Justizministers führten und bei denen das Militär sich nicht traute einzuschreiten, zeigt recht klar, wie gefährlich noch die Bedrohung durch den Islamismus bleibt. Vor allem in einem Land mit Atomwaffen. Auch nach 14 Jahren War on Terror ist in Afghanistan und Pakistan ist keine Beruhigung festzustellen. Trumps Ankündigung, dass der Westen in Afghanistan „gewinnen“ solle, geht da wohl etwas an den Realitäten vorbei.Bestenfalls ist eine labile Stabilität erzielbar, zumal ja Trump auch alle Gelder für ein nation-building entgegen des Rates seiner Experten gekürzt hat.Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich die Lage in Pakistan entwickelt, wenn China den China-Pakistan-Economic-Corridor bauen will–ob dieser Anschlagsziel von Islamisten wird, zumal ja auch belutschische Seperatisten Widerstand angekündigt haben.

Die Islamisten, die die Hauptstraßen von Islamabad, Karachi, sowie anderen Städten blockierten sind evolutionäre und nicht militante Islamisten, die mittels Wahlen und Volksbewegung eine islamistische Diktatur erzielen wollen. Sie sind also nicht die pakistanische Taliban, die durch Terroranschläge und Terrorismus sowie bewaffneten Kampf die Macht in Pakistan erringen will, zumal sich der Islamische Staat zwar inzwischen schon in Afghanistan festgesetzt hat neben der afghanischen Taliban, dem Haqqaninetzwerk, anderen bewaffneten „Widerstandsgruppen“ und einigen Warlords, dennoch schaffen diese bewaffneten Gruppen eine grenzüberschreitende Grauzone und ein Hinterland, das militanten Gruppen und Terroristen zuarbeitet. Zumal eben auch die pakistanische Armee und ihr Geheimdienst ISI Teile der afghanischen Taliban unterstützt, um so genannte strategische Tiefe gegen die von den USA und Indien unterstützte afghanische Zentralregierung zu erhalten, während sie die pakistanische Taliban bekämpft, die gegen pakistanische Politiker, Militärs und Polizisten Anschläge verübt. Dennoch vermischen sich in den Grenzgebieten afghanische und pakistanische Taliban und ist alles nicht so einfach voneinander zu trennen in diesem terroristischen Sumpf und Biotop.

Pakistan hat es mit einer doppelten Bedrohung zu tun: Mit einem gleichzeitigen Erstarken militanter und evolutionärer Islamisten. Erstere bekämpft die pakistanische Regierung und sein Militär zwar militärisch, aber gegen die evolutionären Islamisten, die mittels scheinbar ziviler Volksbewegungen vorgehen, ist Regierung und Militär recht hilflos, wie das Verhalten angesichts der neuesten Blockaden ganzer Städte zeigt. Zudem können sich beide Bewegungen auch faktisch, wenngleich nicht organisatorisch ergänzen.

Als Ali Jinah Pakistan gründete, wollte er vor allem einen säkularen muslimischen Staat, der demokratisch sein sollte. Doch zumeist wurde Pakistan von Militärregierungen regiert, die sich zudem in zwei Kriege mit Indien über Kaschmir begaben und immer noch islamistischen Terroristen, die Kaschmir zurückerobern wollen, Ausbildungslager und Rückzugsräume in Pakistan gibt. Zudem muss man sehen, dass während des Kalten Krieges unter dem Militärdikator Zia Ul-Haque eine breite Islamisierung der pakistanischen Gesellschaft, wie auch Teilen des Militärs betrieben wurde.

Ich habe  gerade das Buch der jungen pakistanischen Friedensnobelpreisträgerin Malala  „Ich bin Malala“gelesen. Ich dachte erst, dass dies naives Kinderbuchgeschwätz sei, aber man erfährt sehr viel über die Geschichte Pakistans und Afghanistans wie auch dem Islam. wie auch über die Islamisierung des Landes nach der Ermordung des säkularen Politikers Zulfikar Ali Bhuttos:

„Um das Volk zur Unterstützung der Militärregierung zu veranlassen,startete General Zia eine Kampagne zur Islamisierung,  die uns zu einem anständigen islamischen Land machen sollte, und ließ unsere ideologischen wie geographischen Landesgrenzen von seiner Armee verteidigen.Er erklärte unserem Volke, es sei Pflicht seiner Regierung zu gehorchen, weil sie islamische Prinzipen vertrat. Zia wollte uns sogar vorschreiben, wie wir zu beten hatten, in jedem Distrikt setzte er salats ein, Gebetsausschüsse, sogar in unserem abgelegenen Dorf, und ernannte 100 000 Gebetsinspektoren.Davor waren Mullahs fast so etwas wie Witzfiguren gewesen– mein Vater sagte, auf Hochzeitsfeiern hätten sie bloß in einer Ecke herumgehangen und seien bald gegangen.Aber unter Zia wurden sie einflußreich, und man berief sie, unter ihnen meinen Großvater, als Erzieher und Prediger nach Islamabad. Unter Zias Regierung wurde das Leben der pakistanischen Frauen noch stärker eingeschränkt.Unser Staatsgründer Muhammed Ali Jinnah hatte einmal gesagt: „Kein Kampf kann gewonnen werden, ohne dass die Frauen den Männern zur Seite stehen.Es gibt zwei Mächte auf der Welt; die eine ist das Schwert, die andere ist der Schreibstift. Es gibt aber noch eine dritte Macht, stärker als die zwei, nämlich die Macht der Frauen“.

Aber General Zia führte Gesetze ein, nach denen die Zeugenaussage einer Frau vor Gericht nur halb so viel galt wie die eines Mannes..(…) Eine Frau konnte ohne Erlaubnis des Mannes nicht einmal ein Bankkonto eröffnen. (…) Damals wurden viele Madrasa-Schulen eröffnet.Den Religionsunterricht, den wir deenyat nennen, wurde durch einen Islamunterricht ersetzt, der für pakistanische Kinder bis heute Pflicht ist. Unsere Geschichtsbücher wurden neu geschrieben, darin wird Pakistan als eine „Festung des Islam“ bezeichnet, als gäbe es diesen Staat schon länger als erst seit 1947. Die Geschichte wurde überhaupt neu erfunden, so dass es so aussah, als hätten wir die drei Kriege gewonnen, die wir gegen unseren großen Feind Indien geführt und verloren haben. “

Geschildert wird auch, wie die USA den islamistischen Militärdiktator aktiv bei der Indoktrinierung der Jugendlichen und Männer für den Dschihhad unterstützte:

„Mein Vater meint, Dschihad, der heilige Krieg gegen Nicht-Muslime sei in der Region stark von der CIA unterstützt worden. Die Kinder in den Flüchtlingslagern erhielten sogar von einer amerikanischen Universität eigens für afghanische Flüchtlinge herausgegebene Schulbücher, in denen sie Rechenaufgaben lösen mussten wie: „Wenn von zehn russischen Ungläubigen fünf von einem Muslim getötet werden, bleiben fünf übrig.“

(Malala Yousafzai: Ich bin Malala, Knaurverlag 2013, S. 50-52)

Interessant in dem Buch auch die Schilderung des Werdegangs von Malalas Vater, der zwischen islamistischen und säkular-sozialistsischen Identitäten schwankte:

„Der ältere Talib sprach in solch ruhmreichen Worten vom Dschihad, dass mein Vater sich begeistern ließ.Er wies meinen Vater permanent darauf hin, dass das Leben auf Erden kurz sei und dass es für die jungen Männer im Dorf wenige Möglichkeiten gebe. Unsere Familie besaß kaum Land, und mein Vater wollte nicht nach Süden gehen und sich in den Kohlebergwerken verdingen wie viele seiner Klassenkameraden. Das war harte, gefährliche Arbeit, und die Särge derer, die bei Einstürzen der Schächte ums Leben kamen, trafen mehrmals im Jahr bei uns ein.Das Beste, das die meisten Dorfjungen sich erhofften,  war, nach Saudiarabien oder Dubai zu gehen und auf dem Bau zu arbeiten. Daher hörte sich die Vorstellung vom Paradies mit 72 Jungfrauen verlockend an. Jeden Abend betete mein Vater zu Gott: „O Allah, bitte lass es zwischen den Muslimen und Ungläubigen Krieg geben, damit ich in deinem Dienst sterben und ein Märtyrer werden kann.“

Eine Zeitlang schien ihm seine Muslim-Identität wichtiger zu sein als alles andere in seinem Leben. Er schrieb sich nun Ziauddin Panpiri-die Panpiri waren eine religiöse Gruppierung- und ließ sich einen Bart wachsen. Heute sagt er, es war eine Art Gehirnwäsche. Er glaubt, er hätte womöglich sogar daran gedacht, ein Selbstmordattentäter zu werden, hätte es die damals schon gegeben.

Aber er war von früh auf ein skeptischer Junge, der selten etwas für bare Münze nahm, obwohl unsere Ausbildung in den staatlichen Schulen in sturem Auswendiglernen bestand und es den Schülern nie erlaubt war, Fragen zu stellen.

Etwa zu der Zeit, als er darum betete, als Märtyrer in den Himmel zu kommen, lernte er den Bruder meiner Mutter kennen, Faiz Mohammed. Bald ging er in seiner Familie ein und aus, er wurde regelmäßiger Gast in der Hujra ihres Vaters. Dort sprach man über Lokalpolitik. Es trafen sich dort Mitglieder mit pakistanisch-nationalistischen Zielen, die gegen den Krieg waren. Damals gab es ein berühmtes Gedicht von Rahmat Shah Sayel, dem Dichter aus Peshawar, der ein Gedicht über meinen Namen geschrieben hatte. Er bezeichnete das Geschehen in Afghanistan als „Krieg zwischen zwei Elefanten“ – USA und Sowjetunion. Es sei „nicht unser Krieg“. Seiner Ansicht nach waren die Paschtunen nur „das Gras, das von den stolzen Tieren zertreten wurde“.Mein Vater hat mir dieses Gedicht oft vorgetragen, als ich noch klein war, aber ich habe damals nicht begriffen, worum es ging.

Mein Vater war stark beeindruckt von Faiz Mohammed.Er fand, es habe Sinn, was er sagte, wo es um die Abschaffung des feudalistischen und kapitalistischen Systems in usnerem Lande ging. Diesselben großen Familien würden seit Jahrzehnten alles beherrschen, während die Armen immer ärmer wurden. Er war hin- und hergerissen zwischen den zwei Extremen, zwischen Säkularismus und Sozialismus auf der einen Seite, militantem Islam auf der anderen Seite Er landete irgendwo in der Mitte.“

(Malala Yousafzai: Ich bin Malala, Knaurverlag 2013,  S. 54-56)

Das Beispiel zeigt eigentlich ganz gut, wie gewisse Identitäten von seiten von Großmächten und Staaten zur Durchsetzung ihrer imperilialistischen Ziele, sowie zur innenpolitischen Stärkung der staatlichen Macht gefördert werden und wie auch seitens des Rezipienten die soziale Stellung und die Lösung der sozialen Frage, die durch eine gewisse Identität als Lösungsweg erhofft wird, eine fundamentale Rolle spielt. Es zeigt auch, dass Identitäten gemischt sein können, eklektizistisch, ja synketrisch, nicht immer etwas Fixes, sondern Prozesshaftes und Reversibeles sein können, insofern man es nicht mit einem Unbelehrbaren und Fanatiker zu tun hat.

Zumindestens hat Pakistan heute eine breite Landschaft islamistischer Parteien, wenngleich die Volkspartei (People´s Party) der Bhuttos wie auch die Konservativen noch relativ stark sind, doch zeigen die Strassenbesetzungen und das Nichteingreifen des Militärs, wie schwach die säkularen Parteien angesichts des islamischen Konsenses in der Gesellschaft inzwischen sind. Wie aber  umgekehrt auch fraglich ist, inwieweit das Militär noch säkular ist oder jene evolutionären Islamisten unter Zia Ul Haque nicht etwa islamistische Zellen innerhalb diesem gebildet haben. Anders als das türkische Militär blieb diese Säkularisierung innerhalb des pakistanischen Militärs nicht so erhalten und selbst beim türkischen Militär baut nun Erdogan dieses um. Ein islamistsiches Pakistan mit Atomwaffen könnte ein Eingreifen der USA, Indiens und/oder der NATO bewirken, da man nach Nordkorea einer islamistischen Atombombe und eventuell iranischen Atomwaffen sicherlich nicht mehr zusehen würde.



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