Bundeswehrwerbung- wie stellen Kritiker sich diese denn vor?

Die Bundeswehr hat auf der Freizeitmesse free in München versucht Nachwuchs zu werben, was auf Kritik stiess, da hier so getan würde, als ginge es bei dem Beruf des Soldaten um eine Art Tourismus in  landschaftlich exotische Ländern und Hobbyfreizeitvertreib. Die Bundeswehr solle ihre Werbung realistischer und anders gestalten.Fraglich ist schon, wenn die Bundeswehr ihren Dienst als Freizeitaktivität oder bessere sportliche Fitnessorganisation darstellt. Aber was ist denn die Alternative, wenn man sonst an dem Militär und seiner Funktion nichts auszusetzen hat? Als Egoshooterballerer, Drohnenvideospieler und Ramboabentuerer will man aber auch nicht, dass sie sich darstellt. Karl-Mayabenteuertum und Blitzkriegtourismus ala Wehrmacht in fremde Länder würde ihr auch kritisert.Würde sie nur als gutzahlender Karriereweg dargestellt, würde auch wieder bemängelt, dass man hier nur geldgeile und gedungene Söldnergestalten wolle.

Umgekehrt kann man auch nicht damit Werbung machen, wenn man wie pazifitische Peaceniks mehr Realisnus einfordert und die Risiken betont und Soldaten mit heraushängenden Gedärmen, Verkrüppelungen und postraumatischen Kriegszitterersymptomen, zerstörte Städten und blutige Schlachtfeldern zeigen würde.Bundeswehrsoldaten als heroische Helden und mutige Krieger darzustellen würde in unserer postheroischen Gesellschaft wiederum als kritikloser pathetischer Militarismus ausgelegt. Mit Erfolgen der Bundeswehr inhaltlich zu werben, ist auch nicht einfach,verliert sie samt NATO doch gerade den Afghanistankrieg nach 18 Jahren kaum wahrgenommenen Dauereinsatzes, zumal viele in Auslandseinsätzen keinen Sinn sehen, eigentlich nur noch die Landesverteidigung bliebe–in diesem Fall würde wieder bemängelt, dass man Russland als Feindbild aufbaut. Zumal seit Abschaffung der Wehrpflicht der gesellschaftliche Austausch zwischen Militär und Bevölkerung auch sehr eingeschränkt ist und der Nachkriegspazifismus gegen alles Militärische sehr ausgeprägt ist. Ja, wie soll die Bundeswehr denn da überhaupt Werbung machen, damit sie akzeptiert würde, da die Kritiker ja deren Existenzberechtigung und deren Verteidigungsauftrag gar nicht ins Zentrum ihrer Kritik stellen?

Dass Bundeswehr und Politik mit solch Nebenanreizen wie Tourismus, Gehalt und Sport werben, zeigt, dass sie nicht wirklich an ihren Verteidigungsauftrag glauben oder nicht bereit sind, diesen offen zu kommunizieren und als Anreiz für etwaige Rekruten sehen.

Eine offensive Bundeswehrwerbung wäre, wenn die Bundeswehr den Verteidigungsauftrag plastisch und konkret durchdekliniert und ins Zentrum aller Werbung stellt:

Wir schützen die globalen Handelsrouten, damit sie auch ungestört im Supermarkt einkaufen und ungestört Güter des täglichen Lebens haben können

Wir schützen die Energie- und Rohstoffsicherung, damit sie im Winter nicht frieren müssen und  die Wirtschaft ungestört produzieren kann und sie ihren Arbeitsplatz nicht verlieren

Wir schützen Deutschland vor Cyberattacken, damit sie nicht ohne Strom, und Wasser im Dunklen beim Blackout strategischer Infrastrukuren in Existenznot kommen

Wir helfen der Bevölkerung bei klimawandelsbedingten Wetterextremen wie Winterchaos , Hochwasser oder Sturmfluten

Wir schrecken potentielle Aggressoren vor einer Invasion und Strangulation Europas ab, damit Europa auch in den nächsten 70 Jahren in Frieden und Freiheit leben kann.

Wir stabilisieren andere Länder, damit diese in Frieden und ohne Armut leben können und bekämfpen somit Fluchtursachen.

Wir helfen bei der Anti-IS-Koalition und dem Kampf gegen den Islamismus, damit andere Staaten und Europa nicht deren genoizidialer Terrorherrschaft und deren Terrorismus ausgesetzt sind.

Es fällt auch auf, dass all diese offiziellen Punkte des Verteidigungsauftrags im Weißbuch stehen, aber an die Bevölkerung, Multplikatoren und Medien oder eben mittels der Bundeswehrwerbung nicht nach außen dringen. Man hat wieder den Eindruck, dass da eine kleine verschworene Sicherheitselite und ihr Berliner Establishment sich vor der Bevölkerung versteckt und geheim und unbegründet irgendwelche krummen Kriegsvorbereitungen ausklügelt. So kann man kein Vertrauen erwecken, noch Soldaten rekrutieren, die aktiv und offensiv für den Verteidigungsauftrag aus voller Überzeugung eintreten und nicht an Geld, Auslandstourismus oder Sport , vielleicht noch Studium und Kita interessiert sind. Schon interessant, dass die Bundeswehr nicht einmal ihren eigenen Auftrag zentral als Werbemittel ins Zentrum stellt.

Es wäre auch denkbar, dass die Bundeswehr Werbung macht nach dem Vorbild von „Kentucky Fried Movie“ nach dem Modell der Witze über eine Werbung der Aluminiumindustrie. Im Vorspann sieht man eine völlig harmonische Hausfrau in ihrer Küche samt Opa und Hauskatze. Alles okay? Dann wird die Frage durchklieniert, wie denn dieser Haushalt ohne Aluminium ausehe, wobei es dann zu Chaos und Zusammenbruch kommt.Genauso könnte die Bundeswewhr eine Kunstfigur Oma Frieda kreiren, die deren Bedrohtheit vom normalen Leben durchexerziert, insofern es die Bundeswehr nicht gibt.

Fürchtet sie, dass dann Linke sagen würden: Das rechte Militär mit der historischer Last von 2 Weltkriegen dient imperialistischen Rohstoff- und Kapitalinteressen der Konzerne zur Ausbeutung der 3. Welt als militärischer Geleitschutz für die Expansion des Kapitals und seiner Interessen  ? Oder dass Rechte wie die AfD oder NPD sagen würde: Die Bundeswehr ist eine US-Söldnerarmee, die nicht im deutschen Interese unterwegs ist und muss wieder als Wehrmachtgrossmacht samt Massenvernichtungswaffen, Atommacht und Hochseeflotte aufgerüstet werden? Da gebe es ja etwas zu diskutieren, aber selbst das dürfte nicht der Grund sein. Es scheint auch daran zu liegen, dass den meisten potentiellen Bewerbern der Verteidigungsauftrag eigentlich egal ist, dies für idealistischen Humburg halten oder eben nur Vorwände für andere Zwecke, zumal eben Politik und Militär aufgrund des weitverbreiten Nachkriegspazifismuses und angesicjhts einer postheroischen Gesellschaft Sicherheitspolitik gar nicht grösser in die Diskussion bringen, da sie massive Widerstände befürchten.

Ein ehemaliger deutscher Diplomat schrieb noch dazu:

„Lieber Herr Ostner,

Sie legen den Finger auf eine offenkundige Schwachstelle unserer Sicherheitspolitik: Die Nachwuchswerbung und das Marketing. Die Leute, die das Geschäft im bzw. für das BMVg betreiben, sind meinem Eindruck nach drittklassig, während im 18. Jahrhundert die Werbeoffiziere oft sehr qualifiziert waren. Schillers Vater, ein durchaus bedeutender praktischer Botaniker, gehörte zeitweise zu ihnen.

In den USA wurden in den vergangenen Jahrzehnten auch an den führenden Universitäten die Reserve Officer Training Centers (ROTCs) wieder geöffnet und spielen bei der Nachwuchswerbung und -förderung eine bedeutende Rolle. Das müssten Sie mal in Deutschland einführen: Rot-Grün-Gelb etc. würden Amok laufen von wegen Militarisierung der Hochschulen. Dafür nehmen die Leute dann in Kauf, dass der Offiziers- und Unteroffiziersnachwuchs aus politisch zweifelhaften Kreisen kommt.

Kurzum: Nachwuchswerbung für die Truppe muss politisch zur Chefsache werden, aber sie interessiert UvL ebensowenig wie ihre Vorgänger.“

Daraufhin kommentierte ein deutscher Bundeswehroffizier:

„Meiner Ansicht nach liegt es nicht nur an der Drittklassigkeit der Werbeoffiziere, sondern erst einmal daran, dass Politik und Gesellschaft die Bundeswehr und ihren Auftrag immer noch recht ablehnend gegenüberstehen. Die bisherigen Regierungen haben es auch versäumt Sicherheits- und Verteidigungspolitik der Bevökerung zu kommunizieren. Auch der Afghanistankrieg und dessen Sinnhaftigkeit wurde nie ernsthaft diskutiert oder thematisiert. Dass die Sicherheit Deutschlands am Hindukusch verteidigt wird, wurde  „Basta!“-mäßig als Parole rausgegeben,  nie weiter begründet und man hat sich eigentlich über diesen Auslandseinsatz 18 Jahre lang zumeist ausgeschwiegen. Wenn die Politik nicht die Sinnhaftigkeit der Bundeswehr und ihres Verteidigungsauftrages offensiv und massenmedial positiv herausstellt (Gegner wird es immer geben), sondern sich eher verschämt darüber ausschweigt  oder gar nicht zur Diskussion stellt, ist auch nicht zu erwarten, dass die Bundeswehr oder ihre Werbeoffiziere positiv nach außen wirken können.“

 

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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