AfD nennt sich bürgerlich-der Bürgerkrieg um den Begriff bürgerlich

Morzaufregung, nachdem Gaulan erklärt hat, die AfD sei eine bürgerliche Partei und Höcke auch. Exemplarisch hierfür ist folgender Beitrag des SPIEGELs:

„AfD nennt sich „bürgerlich“ Das ist Bürgerbeleidigung

AfD-Leute inszenieren sich nach ihren Wahlerfolgen als „Vertreter des Bürgertums“. Dabei stehen sie für das genaue Gegenteil. Warum wir den Begriff nicht kampflos preisgeben dürfen.

Ein Debattenbeitrag von Nils Minkmar

Wenn vom Bürgertum, von Bürgerlichkeit die Rede ist, starten wilde Assoziationen: Man denkt an Kleiderordnung und Benimmregeln, an Jägerzäune und gutbürgerliche Küche. Walter Kempowski nannte sein Buch „Tadellöser & Wolff“, in dem die Geschichte seiner Rostocker Familie geschildert wird, einen „bürgerlichen Roman“, und sicher ist Loriot der Inbegriff bürgerlichen Humors.

Jetzt preist sich die AfD als bürgerliche Opposition, Alexander Gauland nennt seine Leute die „Vertreter des Bürgertums in diesem Land“, auch wenn der Brandenburger Spitzenkandidat Andreas Kalbitz sein halbes Leben in rechtsextremen Kreisen verbracht hat.

Der Begriff: Bürger als Ehrentitel

Historisch sagt das Adjektiv bürgerlich aus, dass etwas nicht zum Adel, zum Klerus oder zu Arbeitern und Bauern gehört – Kategorien, die heute nur noch begrenzte Informationen vermitteln. Der Begriff des Bürgers hat sich immer gewandelt, in letzter Zeit ist er eher positiv belegt. Als Bürgerin, als Bürger darf und soll man sich um die Belange des Gemeinwesens kümmern, sich engagieren

https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/afd-nennt-sich-buergerlich-das-ist-buergerbeleidigung-debattenbeitrag-a-1285112.html

Wie richtig dargestellt war Bürger historisch eben eine Klassenzuordnung. Mit dem Aufkommen der Volksparteien wurde es zum Synonym für Staatsbürger und Wahlbürger, der ein jeder sei. Arbeiter, Proletarier wollte keiner mehr sein, das klang eher wie Neger und die Arbeiterklasse verbürgerlichte ja zumal auch im prosperierenden Nachkriegsdeutschland. Die Mileus lösten sich scheinbar auf. Mit den 68ern.die zumal aus meist klassischen bürgerlichen Häusern kamen und der linken Kritik am Nationalsozialismus, den die Linke als Ausdruck eines radikalisierten Kleinbürgertums analysierte, war Bürger eher ein Schimpfname im Sinne von Schildbürger, Spießbürger, Kleinbürger, Großbürger, Bourgeosie und wähnten sich die aus dem eigentlich Bürgertum kommenden Studenten als Vorhut der Arbeiterklasse und des Proletariats, das sich aber eher lieber selbst auch als neues Bürgertum begriff, weswegen die erhoffte Revolution und die einhergehenden Klassenanalysen in der Boom-BRD auch keinen fruchtbaren Boden fande, bei den sozialpartnerschatlich erzogenen Lohn- und Gehaltstsabhängigen. Zudem galt Arbeiter auch als Prolet und Unterschicht, zu der der Facharbeiter, Angestellte oder Lohnarbeiter sich nicht mehr zählen wollte. Es gab auch in der Sprachregelung keine Arbeiter und Kapitalisten mehr, sondern bestenfalls Arbeitnehmer, die Arbeit nehmen und Arbeitgeber, die Arbeit geben.

Spätestens seit dem Zusammenbruch des Kommunismus wollten alle nur noch Bürger, Mittelschicht oder eben Mitte seinund dann gleiberechtigt auch als Bürgerinnen angesprochen werden. Geradezu als gebe es keine Klassen und Schichten mehr. FDP-Westerwelle amüsierte sich bestens über den Werbevideo, bei dem ein Althippie in seinem Bauwagen mit seiner Tochter sitzt und sich über den kleinbürgerlichen Spießer im gegenüberliegenden Haus als Spießer spricht, die Tochter aber entgegnet: „Dann möchte ich auch Spießer sein!“. Die SPD erklärte zumal nicht mehr Partei der Arbeiter zu sein, sondern Partei der Arbeit. Nun ja, arbeiten tut ja jeder irgendwie, ob nun als Unternehmer, Selbständiger oder eben als Arbeiter oder Angestellter. Hier wurde die grosse Klassenharmonie propagiert, die durch die soziale Marktwirtschaft gleiche Bürger und eine grosse Mitte schuf. Spätestens aber mit dem Neoliberalismus als radikaler Variante des Kaptalismus kam spätestens mit der Finanzkrise die Kritik auf, dass es mit der Gleichheit der Bürger nicht so weit her sei. Aber bestenfalls sah man da euine vom neuen Prekariat bedrohte Mitte. Und links und rechts gab es dann auch nicht mehr, alles war Mitte und Bürger. Empört ist der linke, konservative oder liberale Bürger nun, dass auch nationalkonservative und rechtsradikale Bürger den Bürgerbegriff für sich in Anspruch nehmen.

Wobei ja viele bei der AfD dem klassischen Kleinbürgertum eben entspriungen, das sich nun eben rechtsradikalisiert.Wie Trotzki diese Radikalisierung desKleinbürgertums mit ihrer Zwischenstellung zwischen Arbeiterklasse und Großkapital analysierte, das sich wegen Deklassierungsängsten nun eben radikalisert. Und nun die Abgrenzung des SPIEGELautors zu den AFD-Brgern ist ja auch sehr dämlich: „Als Bürgerin, als Bürger darf und soll man sich um die Belange des Gemeinwesens kümmern, sich engagieren“. Als wären AfDler nicht auch in einer Partei Vereinen, Zivilgesellschaft oder andersweitig gesellschaftlich engagiert, wenngleich eben nicht in der Flüchtlingshilfe, zumal sie ihr gesellschaftliches Engagement für eine neue deutsche Volksgemeinschaft konzentrieren. Solange man nicht sagt, dass es sich bei den AfDlern vor allem um rechtsradikal radikalisierte Kleinbürger handelt, die eine autoritäre Diktatur und einen neuen Militärstaat und eine nationalistische deutsche Großmacht wollen, wird diese Sorte der Bürgerverteidigung in die Hose gehen.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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