Interview mit Prof. van Ess über die KP China, Marxismus und Nationalismus: „Unter den chinesischen Intellektuellen gibt es eine Neue Linke, die ziemlich einflussreich ist.“

Interview mit Prof. van Ess über die KP China, Marxismus und Nationalismus: „Unter den chinesischen Intellektuellen gibt es eine Neue Linke, die ziemlich einflussreich ist.“

Global Review hatte die Ehre, ein Interview mit Prof. Dr.van Ess, Sinologe und Präsident der Max Weber Foundation, über China, die KP Chinas und ihre Beziehung zum Kommunismus und Marxismus-Leninismus zu führen.

Prof. Dr. Hans van Ess

Global Review: Prof. Dr. van Ess, Sie vertreten die Ansicht, dass die KP China eine kommunistische Partei ist, bei der die Leitlinien des Marxismus-Leninismus ihre Zielvorgaben sind. Nun spricht die KP China von einem Sozialismus mit chinesischen Besonderheiten. Was unterscheidet die KP China vom herkömmlichen Marxismus- Leninismus und was sind diese Besonderheiten?

Prof.von Ess: Die Leitlinien des Marxismus-Leninismus beziehen sich auf die grobe Zielrichtung des chinesischen Sozialismus, die deckungsgleich mit dem Sozialismus in marxistisch-leninistischer Reinfassung ist. Die Theorie der chinesischen Besonderheiten hat die KP Ch zu Beginn der Reform- und Öffnungspolitik Deng Xiaoping’s erfunden, weil sie 1978 – deutlich früher als die meisten anderen kommunistischen Parteien – eingesehen hat, dass sie mit einem starren Festhalten an der reinen Lehre wahrscheinlich recht bald Schiffbruch erlitten hätte. Deshalb nahm sie das Ziel der Vier Modernisierungen (der Landwirtschaft, der Industrie, der Verteidigung und von Wissenschaft und Technik), deren Notwendigkeit Zhou Enlai schon 1963 beschrieben hatte, in ihr Programm auf. Diese Modernisierungen erforderten ein Abweichen von der reinen Lehre des Marxismus/Leninismus, denn man benötigte Hilfe aus dem kapitalististischen Westen. Ideologisch gerechtfertigt wurde das damit, dass China eine Art nachholenden Kapitalismus brauchte, dessen dem Historischen Materialismus zufolge notwendige Phase es im Gegensatz zu anderen marxistischen Staaten als Agrarland ohne Industrie nicht durchgemacht hatte. Aus der chinesischen Geschichte resultierende Besonderheiten führen also dazu, dass das Land vom direkten Entwicklungspfad abweichen und eine Art kapitalistischen Umweg gehen muss, an dessen Ende allerdings das sozialistische Ziel der klassenlosen Gesellschaft steht.

Global Review: Zum Marxismus gehört ja das Fördern von Arbeiterrevolutionen bis hin zur Weltrevolution (Marx/Lenin/Trotzki), Zwischen Stalin und Trotzki herrschte ja schon der Streit inwieweit Stalins Sozialismus in einem Land ein Abweichen oder gar die Aufgabe des Ziels der Weltrevolution war. Trotzki forderte ja auch die Kommunistische Internationale vom „Gift des Nationalismus“zu befreien. Die heutige KP China unterstützt ja keine Revolutionen mehr, schon gar keine Arbeiterrevolutionen, scheint ja selbst eher eine herrschende Klasse zu sein, noch hat sie das Ziel einer Weltrevolution, scheint ja eher die Arbeiter und Wanderarbeiter selbst auszubeuten und mehr auf Seiten des Kapitalismus zu stehen? Auch ist nicht bekannt, dass die KP China etwa wie die USA farbige oder andersweitige Revolutionen fördern würde. Was ist da im klassischen Sinne noch marxistisch-leninistisch? Ist China nicht einfach eine einfache Entwicklungsdikatur mit etwas kosmetischen roten Slogans?

Prof.van Ess: Die chinesischen Besonderheiten im Sozialismus führen auch dazu, dass Land sich nicht in der Lage sieht, Arbeiterrevolutionen zu unterstützen, denn die sind ja etwas, was China selber kaum gehabt hat. Es unterstützt momentan eher Regimes afrikanischer Staaten, die in einer ähnlichen Situation sind wie es selbst dies nach der Kulturrevolution war – oder aber beim Zusammenbruch des Kaiserreichs. Das sind Staaten, die ebenfalls erst einmal eine kapitalistische Phase durchlaufen müssen. Der Unterschied, den China zwischen sich und den meisten dieser Staaten sieht und der wieder zum Thema der chinesischen Besonderheiten führt, ist die mehrtausendjährige chinesische Geschichte, im Laufe derer sich besondere chinesische Eigenschaften herausgebildet haben. Während diese zur Zeit der Kulturrevolution als feudalistisch gebrandmarkt wurden, gibt es seit der Reform- und Öffnungspolitik die Tendenz größere Teile des kulturellen Erbes als etwas Positives anzusehen und chinesische Eigenheiten wie Fleiß und Bildungseifer als vorbildlich für die Welt hinzustellen. Daraus resultiert auch ein starker chinesischer Patriotismus, den man im Westen als identisch mit Nationalismus ansieht. In China ist das Wort „Nationalismus“ aber als unsozialistisch verpönt, auch weil es Gefahren einer unkalkulierbaren Eskalation in sich birgt.

Ich glaube, dass die „roten Slogans“ zum Teil doch etwas tiefer sitzen, als dass man sie als einfache Kosmetik abtun kann. So glaube ich zum Beispiel, dass es der VR China tatsächlich nicht nur um ein „China First“ geht, sondern dass die Idee tatsächlich ist, dass das Wohl Chinas auch zum Wohl anderer führen soll, es also eine durchaus internationalistische Ideologie gibt. Allerdings ist auch klar, dass Die KP Ch meint, dass es China gut gehen muss, damit es anderen helfen kann, und dass andere Länder versuchen, China zu bremsen, wogegen es sich wehren muss. Im Grunde versucht China international das, was es national tut: Manche dürfen vorangehen, wenn das später dem Kollektiv hilft – zumindest ist das die Theorie. Marxistisch-leninistisch ist an Chinas Modell, dass es konsequent individuelle den kollektiven Menschenrechten unterordnet. Das bedeutet, dass Einzelne zwar Gestaltungsspielräume haben, aber sehr vorsichtig sein müssen, diese nicht in einer Form auszuweiten, die nach Auffassung der KP zulasten der Allgemeinheit geht bzw. am Führungsanspruch der Partei rüttelt.

Global Review: Der Maoismus und die chinesische Revolution unterschied sich ja von der sowjetischen Revolution and Lehre, da sie eine Bauernrevolution war, die auf Guerillakrieg setzte und nicht auf die Arbeiterklasse und herkömmliche Generalstreiks und Kontrolle der urbanen Zentren und Fabriken. Inwieweit war die KP China überhaupt eine Arbeiterpartei, von ihrem offiziellen Anspruch wie auch von der Mitgliedschaft. Eine Rätesystem schwebte der KP ja scheinbar auch nicht vor, oder?

Prof.van Ess: Die KP China war in ihren Anfängen sicherlich keine Arbeiterpartei, sondern sie wurde von Intellektuellen gegründet und geführt. Das hat sie aber natürlich mit anderen kommunistischen Parteien gemeinsam. Aber seit dem National-Sozialismus ist ja jeder Sozialismus dem Prinzip des „Arbeiters der Stirn und der Faust“ gefolgt, weil die Sache anders gar nicht funktionieren würde. In China ist das besonders unproblematisch gewesen, weil schon der konfuzianische Denker Mengzi (Mencius) im dritten Jahrhundert von der Dualität derer gesprochen hat, die ihren Verstand mühen, und derer, die das mit ihrer Körperkraft tun. Ich weiß gar nicht, ob die Nazis in Deutschland möglicherweise Richard Wilhelms Übersetzung gelesen hatten.

Dass sich die KP China nicht auf die Städte, sondern auf die Bauern stützte, lag sicherlich daran, dass sie in den Städten nicht stark genug war. Das hat sich später geändert, als es Staatsbetriebe gab, in denen die Ingenieursschicht, die China seit der Reform- und Öffnungspolitik geführt hat, ein zu Hause gefunden hatte. Heute würde ich sagen, dass der zentrale Fokus auf den Städten liegt: Man muss die dort lebende Bevölkerung unter Kontrolle halten bzw. hinter sich scharen.

Global Review: Hat Stalin Mao von Anfang an unterstützt oder musste sich Maos bäuerliche Guerillalinie erst nach dem Shanghaimassaker von 1927 langsam durchsetzen, nachdem die KP China fast zerschlagen wurde? Wie war das Verhältnis zwischen KPdSU und KP China? Akzeptierte Mao anfangs deren internationalen Führungsanspruch und warum später nicht mehr?

Prof.van Ess: Nein, Stalin hat Mao im Anfang nicht sehr ernst genommen. In der KP hatten ja auch ganz andere Personen das Sagen, es ist sogar mehr als zweifelhaft, ob er bei der Gründung der KP 1921 wirklich dabei war. Offenbar ist er in manche Fotos erst nachträglich hineinretuschiert worden. Stalin hat sehr lange Zeit auf Chiang Kai-shek gesetzt, dessen einer Sohn in Moskau studiert hat. Er hat auch maßgeblich dazu beigetragen, dass die KP den Führungsanspruch der Guomindang lange Zeit akzeptieren musste. Im Grund ist seine Unterstützung für die KP erst klar geworden, als die Kommunistische Partei das Rennen um die Waffenarsenale gemacht hat, die die japanische Besatzungsmacht in der Mandschurei und in Nordostchina zurücklassen musste, und sich danach das Blatt zugunsten Mao’s wendete.

Global Review: Mit der KPdSU gab es ja spätestens seit Chrustschow erhebliche ideologische Differenzen, die sich auch in der Generalpolemik der KP China gegen die KPdSU äußerten, in der sie die KPdSU als Revisionisten und Sozialimperialisten bezeivhnete: Von der Lehre vom Widerspruch, Revolutionsmodell, Unvermeidbarkeit des Kriegs, Rolle der Partei, Planwirtschaft, Revisionismus .etc. Ebenso hatte die KPdSU ideologische Bedenken am Industrialiserungsmodell des Maoismus und seinen Massenlinien, sei es nun dem Großen Sprung nach vorne oder der Kulturrevolution. Inwieweit wurde der Maoismus überhaupt noch als traditioneller Marxismus- Leninismus wahrgenommen? Worin bestanden inhaltlich denn die größten Differenzen und auch in der Praxis?

Prof.van Ess: Ich bin auf diesem Gebiet nicht sonderlich kompetent, dass ich alles fundiert beantworten kann. Tatsächlich hat Mao Stalin offenbar glühend dafür bewundert, dass er aus dem bäuerlich strukturierten Russland einen Industriestaat gemacht hat, und das ohne Rücksicht auf Verluste. Er hatte ähnliches vor. Als unter Chruschtschow der stalinistische Entwicklungspfad infrage gestellt wurde, sah Mao dies als eine Bedrohung seines eigenen Entwicklungsmodells. Darum warf er im Gefolge des Großen Sprungs nach vorn (1958), im Verlaufe dessen er ja die ländliche Bevölkerung in Volkskommunen organisiert hatte, um auch auf dem Land die Industrialisierung forcieren zu können, ab 1959 die russischen Techniker aus dem Land. Diese hatten zuvor viel Aufbauhilfe geleistet, wohl auch beispielsweise beim Bau der großen Jangtse-Brücke in Nanjing, deren Konstruktion China immer für sich allein in Anspruch genommen hat. Das Russland Chruschtschows war einfach schon einen Schritt weiter als China: Man hatte einsehen müssen, dass die brachiale Industrialisierung Konsequenzen hatte, die für die KP selbst gefährlich wurden. In China kam es zu dieser Einsicht erst nach dem Großen Sprung nach vorn, als Mao ab 1959 bis zum Beginn der genau deshalb angezettelten Kulturrevolution große Teile der Macht in der staatlichen Bürokratie an Liu Shaoqi abgegeben musste.

Natürlich gab es auch Differenzen, weil Russland sich ja schon zur Kaiserzeit größere Teile des Territoriums im Fernen Osten und im heutigen Kasachstan, über das die mandschurische Qing-Dynastie nominell geherrscht hatte, vertraglich hatte zusichern lassen. Das war vielen chinesischen Kommunisten ein Stachel im Fleisch, auch wenn diese Gebiete niemals wirklich chinesisch oder mandschurisch beeinflusst gewesen sind und auch strategisch kaum Bedeutung hatten.

Global Review: Am Ende der Kulturrevolution stand die KP China ja auch vor einem Scheideweg: Jiang Qing traf sich mit Pol Pot und überlegte , die chinesischen Städte zu evakuieren, einen Agrarkommunismus ala Kambodscha einzuführen und das Geld abzuschaffen. Bei allen KPs wollte man ja Industrialisierung, Urbanisierung, wobei der chinesische Kommunismus doch eher bäuerlicher Prägung erschien. Bestand jemals die Gefahr, dass China ein riesiges agrarkommunistisches Kambodscha geworden wäre? War der Agrarkommunismus Pol Pots ein Resultat des Maoismus?

Prof. van Ess: Auch auf diesem Gebiet bin ich nicht wirklich kompetent. Natürlich hat sich Pol Pot an der Volkskommunenbewegung in China ein Vorbild genommen, aber die radikale Form, die er einführte, hatte mit China, soweit ich das laienhaft beurteilen kann, nicht mehr viel zu tun. Ich glaube, dass die Kräfte in der Kommunistischen Partei, die ihre Basis in den Städten und in der Industrialisierung sahen, auch in der kurzen Zeit, während derer Jiang Qing die Politik dominieren konnte, zu stark waren, als dass man Zustände wie in Kambodscha hätte durchsetzen können. Zudem hatte China die verheerende Hungersnot nach dem Großen Sprung nach vorn hinter sich, im Laufe derer mindestens zehn bis zwanzig Millionen Menschen gestorben sind. Neuere Untersuchungen, die die Zahlen noch viel höher treiben wollen, halte ich für fragwürdig, aber der Schaden war auch so schon schlimm genug. Man sprach nicht über dieses Desaster, aber es war tief im kollektiven Gedächtnis verankert.

Aufgrund der Bevölkerungsexplosion, die sich danach während der Kulturrevolutionsjahre vollzog, hatte sich der Ernährungsgrad des chinesischen Volkes, also die Zahl der Kalorien, die man täglich zu sich nehmen konnte, gravierend reduziert: Mangel war überall mit den Händen zu greifen. Das Land stand vor der realen Gefahr, dass sich die Katastrophe wiederholen würde, und die Angst in der KP war groß, dass sie selbst dies nicht überleben würde. Deshalb blieb nur der Ausweg des „Sozialismus mit chinesischen Besonderheiten“, der ja im Grund Chruschtschow nachvollzog, allerdings ideologisch eher am ungarischen oder jugoslawischen Modell orientiert war.

Global Review: Inwieweit wird denn der Marxismus noch in den Schulen und Universität und sonst in der Gesellschaft gelehrt? Gibt es eine Art Staatsbürgerkunde wie in der DDR oder Pflichtkurse im Studium für Marxismus, die man belegen muss oder soll? In der DDR wurde dies ja eher als lästige Pflicht wahrgenommen, als dass aus solchen Indoktrinationskursen ideologisch gefestigte Kommunisten herauskamen.

Prof.van Ess: Marxismus/Leninismus ist sowohl Bestandteil der Schul- als auch der Hochschulausbildung. Jeder chinesische Student absolviert Pflichtkurse in Marxismus/Leninismus, was bei der Internationalisierung chinesischer Universitäten ein Problem ist, denn nicht in China aufgewachsene Studenten haben mit marxistischer Terminologie und entsprechenden Inhalten natürlich erhebliche Schwierigkeiten. Man ist da zwar bereit, gewisse Abstriche zu machen, aber für ein Vollstudium an einer chinesischen Universität gehört diese Ausbildung dazu. Genauso wie das wohl in der DDR oft der Fall war, so sagen auch chinesische Studenten zumeist, dass diese Dinge zum einen Ohr hinein- und zum anderen wieder hinausgehen und keinen Effekt haben (zumindest habe ich das früher oft gehört, seit Xi Jinping an der Macht ist, habe ich entsprechende Gespräche seltener geführt), aber das Denken wird davon dennoch unmerklich in bestimmte Bahnen gelenkt.

Auch wenn man die Theorie nicht glaubt, gibt es bestimmte Vorkonfigurationen, wie man an eine Sache überhaupt herangeht. Auf andere Ansätze kommt man dann gar nicht so leicht. Das ist das Ziel der KP, aber es ist auch einer der großen Hemmschuhe, denn die Kreativität wird auf diese Weise gedrosselt; und das ist einer der Gründe, warum man in keinem Land der Welt in China so oft das Wort „Durchbruch“ hört – weil die fehlenden Durchbrüche nämlich das große Problem sind. Glauben Sie übrigens nicht, dass ich meine, dass bei uns in Deutschland alles besser wäre. Die jungen Leute werden mittlerweile auch mit einer Menge von ideologischen Vorgaben vollgestopft, die das freie Denken später massiv behindern. Aber es ist dennoch nicht ganz so schlimm. Sich von diesen in den Medien hier wie dort gebetsmühlenhaft wiederholten, naturgesetzhaft formulierten Anfangskonfigurationen freimachen, ist eine der wichtigsten Anstrengungen, die man auf sich nehmen muss, wenn man verstehen will, wie Menschen in anderen Ländern und Kulturkreisen ticken und warum das so ist.

Global Review: Wie sieht denn die Wirtschaftstheorie oder das Wirtschaftsstudium in China aus? Gilt noch Das Kapital mit Arbeitswertlehre, organischer Zusammensetzung des Kapitals und tendenziellem Fall der Profitrate, Mehrwerttheorie von der Ausbeutung der Arbeiter, Krisentheorie oder hat man auch oder vor allem westliche Wirtschaftstheorien von Keynesianismus, Neoliberalismus, Monetarismus,etc. übernommen? Oder gibt es da mehrere Schulen oder Mischformen und falls ja, welche wären denn da als wichtigste zu nennen?

Prof.van Ess: Das Kapital ist schon noch wichtig, aber seit den achtziger Jahren sind zahlreiche westliche Theoretiker übersetzt worden, die ebenfalls eine zentrale Rolle spielen. Max Weber ist besonders für Intellektuelle eine bedeutende Person, nicht nur deshalb, weil sein Vorname auf Chinesisch genauso klingt wie der Nachname Marx. Keynes ist natürlich ebenfalls weithin bekannt, Wirtschaftswissenschaften sind auch in China zu einem wichtigen Fach geworden, das in vielen Bereichen den Anschluss an westliche Universitäten geschafft hat. Chinesische Wirtschaftsstudenten haben mittlerweile viel übersetztes Material über die wichtigsten westlichen Wirtschaftstheoretiker zur Verfügung. Für die KP ist es wichtig, die Deutungshoheit zu behalten. Daran hat sich ja der Streit um die zumeist aus den USA kommenden Textbücher entzündet, die man jetzt im Unterricht nicht mehr benutzen soll. Die einzelnen Theorien soll man schon lernen und kennen, aber nicht die Ideologie, die in solchen Textbüchern oft gleich mitgeliefert wird.

Global Review: Wie sieht die KP China ihr Verhältnis zu Nation und Nationalstaat? Sun Yatsen sagte einmal, dass das Nationalbewusstsein der Chinesen Sand im Wind ähnele. Ein US-Chinaexperte meinte einmal, alles, was China organisatorisch zusammenhalte sei die KP China und die Volksbefreiungsarmee? Zerfalle die KP China, bliebe nur die VBA und diese stünde wieder in Gefahr, dass sie sich in verschiedene Kriegsherren und Warlords spalten könne- je nach Militärregionen? Was ist von diesen Thesen zu halten? Inwieweit ist die chinesische Wirtschaft integriert und mit dem Ausland verflochten und kann einen eigenen nationalen Integrationskern darstellen?

Prof. van Ess: Sun Yatsen hat sein berühmtes Wort von den Chinesen, die Sandkörnern glichen, gesagt, als er seine Landsleute dazu bringen wollte, ein ähnliches Nationalbewusstsein zu entwickeln, wie es die Japaner damals aufwiesen. Die hatten den Chinesen ja eine schmerzhafte Niederlage nach der anderen zugefügt. Aus dieser Tatsache leitete Sun seine Erkenntnis ab. Tatsächlich ist der Nationalismus in seiner heutigen Form ja eine Schöpfung des neunzehnten Jahrhunderts. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Chinesen ihm nicht verpflichtet waren. Wie dem Habsburgerreich oder den Osmanen so konnte er auch den Mandschuren nicht ins Konzept passen. Andere haben daraus Kapital geschlagen. Dies hat verheerende Auswirkungen gehabt hat, weil man die nationalistische Idee nutzte, um Staaten auf dem Reißbrett zu schaffen – und andere zu zerlegen, weil auf ihrem Boden mehrere Völker legten.

Die chinesische Nation ist der KP China natürlich extrem wichtig, aber was diese Nation ist, kann sie nicht so leicht definieren, denn auf dem Gebiet des chinesischen Territoriums leben eben nicht nur Han-Chinesen, und man muss die anderen Völker in die Nation einbinden. Das ist ein schwieriges Unterfangen, weshalb man dabei bleibt, dass China ein sozialistischer Vielvölkerstaat ist, der der Theorie nach viele unterschiedliche Traditionen pflegt. Das gefällt hierzulande vielen Menschen nicht, weil die ja nur halb durchdachte Idee vom Selbstbestimmungsrecht der Völker immer noch in den Köpfen herumspukt bzw. von interessierten Stellen bewusst am Leben gehalten wird, obwohl sie gescheitert ist, und zwar „krachend“, wie der deutsche Qualitätsjournalismus heute in eigentlich belustigender Weise grottenfalsch aus dem Englischen übersetzt. Dieses Scheitern hat die europäische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts eindrucksvoll belegt, und deshalb hat man in der KP China dem „Nationalismus“ gegenüber gespaltetene Gefühle.

Tatsächlich ist die Volksbefreiungsarmee für den Machterhalt der KP Ch immer ein bedeutender Faktor gewesen. Die Theorie, dass China zerfallen könnte, war allerdings vor allem nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens Anfang der 90er Jahre beliebt – und möglicherweise entsprang sie amerikanischem Wunschdenken. Real sind die regionalen Unterschiede in China zwar groß, was sich ja auch in den unterschiedlichen Dialekten, die eigentlich eigene sinitische Sprachen sind, äußert, aber es gibt doch auch eine gewachsene kulturelle Einheit, die sich durch starke Durchmischung vor allem der Eliten seit spätestens der Kulturrevolutionszeit noch einmal maßgeblich verstärkt hat. Die Idee mit den Warlords resultiert aus einem Rückblick in die kurze Zeit der Spaltung während der chinesischen Republik. Allerdings hat die chinesische Führung Jugoslawien genau studiert, und das Szenario eines Auseinanderfallens beeindruckt sie durchaus so stark, dass sie im Militär immer wieder Revirements durchführt und die militärischen Einheiten neugeordnet hat. Ich würde da im Moment aber eher höchstens mittleres Gefahrenpotential sehen.

Global Review: Die KP China scheint sich des öfteren auf alte Reiche zu berufen. Schon während der Kulturrevolution wurde Mao mit Qin Shihuang verglichen. Betrachtet man sich die heutigen Gebietsansprüche der KP China gegenüber Nepal, Bhutan, Indien, Tibet, Xinjiang, Innere Mongolei, Taiwan, Süd- und Ostchinesisches Meer, welcher Reichsdynastie entspricht dies am ehesten oder wie werde diese Ansprüche legitimiert? Parag Khanaa behauptet in seinem Buch „The future is Asian“ auch, dass China sich nicht wie die USA oder andere frühere Großmächte verhalten würde, sondern eher ein ähnlich wie die Ming- oder Tangdynastie? Was ist davon zu halten?

Prof.van Ess: Die Ming-Dynastie ist ja außenpolitisch eher ein schwaches Reich gewesen. Die Tang taugen da schon eher, weil ihre multinationalen Heere bis weit nach Zentralasien vordrangen, doch eigentlich knüpft die VR China mit ihren Gebietsansprüchen an die Qing-Dynastie an, unter der das Reich im achtzehnten Jahrhundert seine größte Ausdehnung erreichte. Erwähnungen in chinesischen historischen Quellen und historisch klar dokumentierte chinesische Präsenz seit alten Zeiten, die weit hinter das zurückreichen, was sich westliche Historiker vorstellen (wie zum Beispiel in Xinjiang), spielen in der Rechtfertigung von Gebietsansprüchen eine zentrale Rolle, wobei man kaum an Verträgen rüttelt, die man anerkennt. So sind die Grenzstreitigkeiten mit Russland 1989 beim Besuch Gorbatschows in Peking beigelegt worden, und auch die Existenz der Äußeren Mongolei, die ja einmal Bestandteil des Qing-Imperiums war, wird nicht infrage gestellt. Probleme bereiten eher Territorien, bei denen die Sachlage nicht eindeutig ist. Das ist sowohl im südchinesischen Meer als auch an der chinesisch-indischen Grenze der Fall. Dort gibt es keine völkerrechtlich klaren Verträge, vielmehr heißt es, dass Kolonialmächte dort Grenzen gezogen haben (Großbritannien, das Indien Teile des tibetischen Territoriums zugeschlagen hat, damit es in den eigenen Einflußbereich kam) oder versuchten, das Gebiet zumindest für sich selbst offen zu halten (südchinesisches Meer, wo die USA lange eine Flottenbasis auf den Philippinen besaßen). Solche westlich inspirierten Gegebenheiten hätten keine Bindungskraft. Im südchinesischen Meer spielt natürlich eine Rolle, dass dort die USA lange Zeit sehr präsent waren und dass dort also eine Konkurrenz zwischen zwei Großmächten herrscht.

Die Ming-Dynastie galt als eine eher nach innen gekehrte Großmacht, die wenig Anspruch nach außen erhob, insofern kann ich den Zusammenhang nicht erkennen. Die Tang waren ein Großreich, das aber zu zerfallen begann, sobald es seine größte Ausdehnung erreicht hatte. Insofern denke ich nicht, dass die KP China sich gerne mit diesen beiden Dynastien vergleichen würde. Sie sieht sich eher in der Tradition einer allmählichen Expansion mit langfristiger Integration von Randgebieten in die chinesische Kultursphäre – mit der Vorstellung, dass dies den Randgebieten nur nutzen kann, weil China ja im Gegensatz zu westlichen Mächten wirtschaftlichen Wohlstand verspricht.

Global Review: Wie steht man in China zum Trotzkismus und zum Anarchismus? Gab es hier jemals bedeutende Gruppen oder Strömungen innerhalb der Partei oder wurde mit diesen nach Stalinischen Vorbild verfahren? Spielten Trotzkisten und Anarchisten in der Geschichte Chinas jemals eine bedeutende Rolle?

Prof.van Ess: Es hat eine kurze Phase zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gegeben, während derer der Anarchismus auch chinesische Intellektuelle begeisterte. Damit ist es aber spätestens seit der Gründung der VR China vorbei. Ähnlich verhält es sich mit Trotzki. Stalin gehört noch immer zu den sozialistischen Klassikern, die man im zentralen Buchladen in Shanghai kaufen kann. Da hat Trotzki wenig Platz.

Global Review: Bei westlichen Marxisten, vor allem den Trotzkisten bestehen Meinungsdifferenzen, wie die KP China einzuschätzen sei. Die traditionellen Trotzkisten der 4. Internationale halten sie für einen Sozialismus mit entarteter Bürkoratie, die SWP Tony Cliffs spricht von einem „Staatskapitalismus“mit neuer herrschender Klasse und einem „Subimperialismus“? Was ist von diesen Beschreibungen zu halten?

Prof.van Ess: Ich gestehe, dass ich diese Fragen für etwas abseitig halte. Mir steht nicht an, über die Effizienz der chinesischen Bürokratie zu urteilen, ich glaube aber, in einigen Bereichen durchaus kompetentes Personal angetroffen zu haben. Was Subimperialismus sein soll, ist mir unklar, Staatskapitalismus gibt es natürlich in China. Gerechtfertigt wird er durch die oben geschilderten Mechanismen: Man brauche ihn, um das Land zu entwickeln. Danach kann man weitersehen.

Global Review: Bo Xilai machte ja Anleihen an die Kulturrevolution und den Maoismus und wurde abgesetzt. Hat die KP China danach noch Rückgriffe auf Elemente des Maoismus getätigt und inwieweit spielen Neomaoisten in der KP China überhaupt noch eine Rolle?

Prof.van Ess: Ich glaube, dass die Kulturrevolution – so sehr viele Chinesen, auch Mitglieder der heutigen kommunistischen Führungselite bzw. deren Eltern auch unter ihr gelitten haben mögen – nostalgische Reflexe in Teilen der geburtenstarken Generation der heute Fünfzig- bis Sechzigjährigen hervorruft. Das geht über die Musik, Lieder, die man damals gehört und gesungen hat, und ähnliche kulturelle Dinge, die manchmal nur im Unterbewusstsein schlummern, aber an die Oberfläche geholt werden können. Bo Xilai hat damit offenbar recht erfolgreich gespielt. Die Frage ist, ob das in fünf bis zehn Jahren auch noch gehen wird. Ich glaube das eigentlich nicht, es sei denn, es nicht gelingt, diese unterbewussten Elemente auch der jungen Generation einzupflanzen. Das wird nicht so leicht sein. Es gibt eine neue Linke unter den chinesischen Intellektuellen, die recht einflussreich ist, weil sie sich sozialer Gegensätze annimmt, die in den letzten beiden Jahrzehnten aufgebrochen sind. Aber das sind eigentlich keine Maoisten. Mao sieht man manchmal in chinesischen Taxis als Plakette am Rückspiegel baumeln. Er wird verehrt als starker Führer, der das Land aus der Abhängigkeit der Kolonialmächste geführt hat (woran man sieht, dass die sozialistische Erziehung durchaus funktioniert, denn ganz so einfach war die Sache natürlich gar nicht) – aber so richtig zu ihm zurück wollen meiner Einschätzung nach nicht viele.

Global Review: Was besagen die Xi Jinping- Ideen, die nun in der Partei- und der Staatsverfassung aufgenommen wurden genau und was sind die wesentlichen Elemente? Inwieweit wird darin der Marxismus-Leninismus betont? Und was bedeutet in der KP-Logik “Vertiefung des Marxismus”?

Prof.van Ess: Xi Jinping steht für den Versuch, die von vielen als negativ empfundenen Auswüche der Reformpolitik der Ära Hu Jintao zurückzudrehen. Diese schreibt man einer zu starken Betonung des Kapitalismus zu, den es jetzt einzufangen gilt. Deshalb soll der Marxismus wieder vertieft werden. Es geht um mehr soziale Gleichheit. Deng Xiaoping löste den Wirtschaftsboom bekanntermaßen dadurch aus, dass das Reichwerden einiger, die das früher schafften als andere, langfristig gut für die Mehrheit des Volkes wäre. Die Zeit dafür, dass die Mehrheit auch profitieren soll, ist Xi’s Ideologie nun in greifbarer Nähe. Darum hat er zu Beginn seiner Amtszeit den Slogan vom „Chinesischen Traum“ ausgerufen, der ähnlich dem amerikanischen Traum funktionieren soll: Nicht mehr nur einige sollen reich werden, sondern der Traum vom Wohlstand für alle soll nun verwirklicht werden.

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