Der gemeine Mann hat kein’ Gewinn!

Der gemeine Mann hat kein’ Gewinn!

Autor: Dr. Wolfgang Sachsenröder

„Der Krieg, er dauert hundert Jahre, der gemeine Mann hat kein’ Gewinn!“ singt Mutter Courage, und Bert Brecht hat über den Zweck seines im damals kriegsmüden Deutschland äußerst erfolgreichen Bühnenstücks einmal gesagt, daß er den Krieg für eine Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln halte. Das klingt nach einer Kombination von Clausewitz und Marx, wobei man für dieses Thema sicher beiden Recht geben kann. Denn Politik und Geschäfte spielen auch in den zurzeit geführten Kriegen eine zentrale Rolle. Vermengt wurden sie vor allem in den letzten zwanzig Jahren im „forever war“ in Afghanistan, wobei allerdings die geschäftlichen Aspekte in der weltweiten Berichterstattung weitgehend im Dunkel blieben. Gemeint sind damit die Nebenkosten für militärische Dienstleistungen, die vor allem von der US-Armee zugekauft worden sind, oder „outgesourced“ wurden. Nach einem Ende 2017 in der Berkeley Political Review erschienenen Artikel sind sie von 10% im Zweiten Weltkrieg auf 50% im Afghanistankrieg angewachsen. Die Ausgaben zu Lasten des amerikanischen Steuerzahlers in Afghanistan sind astronomisch, zusammen 2,26 Billionen oder 2.260.000 Millionen Dollar für zwanzig Jahre Krieg unter vier Präsidenten. Hinzu kommen noch einmal 88 Milliarden für die Ausrüstung und Bezahlung der afghanischen Armee, die offenbar in Teilen auch nur auf dem Papier existierte und intern als „ghost troops“ kritisiert wurde. Diese enormen Ausgaben sind fast ganz mit Krediten finanziert worden, die laut ABC News vom 15. August weitere Unsummen an Rückzahlungen und Zinsen erfordern, die nach 2048 einen Höhepunkt erreichen werden. Ein gutes Geschäft war der Krieg dagegen für die fünf größten Rüstungsfirmen der USA, Boeing, Raytheon, Lockheed Martin, Northrop Grumman und General Dynamics, deren Aktienkurse in dieser Zeit weit stärker gestiegen sind als alle anderen im S&P 500.  So wird es auch erst einmal bleiben, wenn die in Afghanistan zurückgelassenen Rüstungsgüter nun ersetzt werden müssen. Verteidigungsminister Lloyd Austin sollte darüber gut informiert sein, denn zwischen seinem Ausscheiden aus der Armee und der Amtsübernahme unter Präsident Biden war er vier Jahre lang einer der Direktoren von Raytheon.

Die Verluste der amerikanischen Armee in diesem „forever war“ werden mit insgesamt 2.448 Gefallenen beziffert, also sehr viel weniger als im Vietnamkrieg. Diese Zahl muss aber durch die Zahl der euphemistisch „contractors“ genannten Hilfstruppen ergänzt werden, die deutlich höhere Verluste erlitten, nämlich 3.846 Gefallene. Hinzu kommen weit höhere Zahlen für Verwundete und Traumatisierte. Seit 1973 die Wehrpflicht abgeschafft wurde, hatten die USA zunehmend Schwierigkeiten, jedes Jahr die notwendigen 150.000 Freiwilligen für die insgesamt 1,3 Millionen starke Armee zu rekrutieren. Nicht gerade überraschend, änderte sich die soziale Auswahl der Rekruten, was intern als „poverty draft“ diskutiert wurde. Nur für junge Frauen und Männer aus ärmlichen Verhältnissen, davon über 40% aus den Minderheiten, war die Aussicht auf einen sicheren Job mit Krankenversicherung attraktiver als das Risiko, im Einsatz verwundet oder getötet zu werden. Der Militärdienst konnte auch die Einbürgerung beschleunigen, und zwar deutlich schneller als im römischen Heer, in dem man 25 Jahre dienen musste, um das Bürgerrecht und ein Stück Land zu bekommen. Die Risiken für Armeeangehörige wurden darüber hinaus durch den zunehmenden Einsatz der Hilfstruppen reduziert, die alle Arten von Serviceaufgaben übernahmen, von Reinigen, Kochen, Transport, weiteren Logistikaufgaben und technischer Instandhaltung bis zu Bau und Wartung der über 1000 kleineren Stützpunkte und Wachdienste. Dabei blieb die Abgrenzung zu Kampfeinsätzen von Anfang an unklar. Besonders die Wach- und Transportkräfte waren ganz erheblich Taliban-Angriffen ausgesetzt und entsprechend zu ihrer Selbstverteidigung auch bewaffnet. Bei dem höheren Blutzoll der „contractors“ muss man berücksichtigen, dass zeitweise deutlich mehr Hilfstruppen ihren Dienst taten als die genuin amerikanischen „boots on the ground“ der offiziellen Armee. Im Spitzenjahr 2011 waren es 120,000 Vertragskräfte bei 100,000 Armee-Angehörigen. Für die „DoD (Department of Defence) -contractors, Hunderte von amerikanischen Firmen (wohlgemerkt nicht für deren Vertragsmitarbeiter in Afghanistan), hat das Pentagon nach einer Bloomberg-Analyse seit 2002 insgesamt 108 Milliarden Dollar ausgegeben. Deshalb werden die Contractor-Firmen neben den Taliban auch als Gewinner des Krieges bezeichnet. Aber auch clevere Afghanen haben profitieren können. The New Yorker berichtete im Februar 2016 von einem findigen Jungunternehmer namens Hikmatullah Shakman, der mit der Bestechung von US-Soldaten seinem Transportunternehmen immer mehr Aufträge verschaffen und über 70 Millionen Dollar abkassieren konnte. Noch im April haben amerikanische Sicherheitsfirmen Stellen in Afghanistan ausgeschrieben, üblicherweise mit Verträgen für ein Jahr. Wie bei den Freiwilligen in den USA kommen die Bewerber für solche Verträge nicht gerade aus sicheren Positionen in ihren Heimatländern. Für anspruchsvollere Aufgaben sind zahlreiche Philippinos mit guter Ausbildung und guten Englischkenntnissen dabei, aber auch kampferprobte Männer aus den Minderheiten in Myanmar und anderen Ländern. In der afghanischen Armee gab es darüber hinaus einen Mangel an Qualifikationen für bestimmte Aufgaben wie Piloten und Wartungstechniker, die nur durch die Servicefirmen abgedeckt werden konnten. Deshalb wird der Kollaps der afghanischen Armee auch dem Abzug der amerikanischen Contractor-Companies zugeschrieben, der schon im Frühsommer parallel zum Truppenabzug begonnen hatte.   

In vielen Bereichen dieses Krieges war der Unterschied zwischen den Vertragskräften und den klassischen Söldnern, die wir aus der Geschichte kennen, gering bis verschwommen, und die politische Ebene wollte natürlich auch verhindern, dass dies der Weltöffentlichkeit zu sehr bewusstwerden könnte. Denn der Einsatz von Söldnern ist nach internationalem und amerikanischen Recht nicht erlaubt. Wie die Einsätze von Geheimdiensten und ihren speziellen Hilfskräften im Dunkeln gelassen werden, half hier die partielle Privatisierung des Krieges durch Vertragsfirmen erheblich weiter. Ihr Anfang liegt etliche Jahre zurück und ist vor allem mit Erik Prince und seiner Firma Blackwater verbunden. Der ehemalige Navy Seal Elitesoldat gründete die Firma 1997 in North Carolina, nach seinen eigenen Worten, um für die amerikanischen Sicherheitskräfte das zu tun, was FedEx für die Post getan hat. Auf einem angekauften Gelände von 28 Quadratkilometern wurden Trainings-Anlagen gebaut und seit 2003 rollten öffentliche Aufträge von der CIA und Ministerien im Gesamtwert von mehr als zwei Milliarden Dollar herein, vor allem im Personenschutz, Ausrüstung und Sicherheitsberatung sowie speziellen Einsätzen im Irak, im Jemen und weiteren Brennpunkten. Nach mehreren Umbauten firmiert das Unternehmen heute als Constellis Holdings Inc., denn Erik Prince, Jahrgang 1969, verkaufte die Firma 2009 an eine Investorengruppe und leitet seitdem ein weitverzweigtes Private Equity Imperium. Nach eigenen Angaben haben Blackwater und die verwandten Firmen für die CIA und das Pentagon extrem gefährliche internationale Einsätze übernommen, dabei hervorragend verdient, aber auch ein fragwürdiges und kontrovers diskutiertes Söldnertum wiederbelebt.
Das Konzept hatte schon 1965 der britische Weltkriegsveteran David Stirling entwickelt, und seine Firma WatchGuard International mit Einsätzen im Jemen, in Zambia, Sierra Leone oder Libyen zum Erfolgsmodell für die heutige Private Military Company (PMC)-Industrie gemacht. Da die Pensionierungsgrenze in den meisten offiziellen Armeen niedrig liegt, ist eine Beschäftigung bei den PMCs für erfahrene Soldaten attraktiv. Nach der erwähnten Berkeley-Studie liegen die Gehälter für ehemalige Navy Seals oder Green Berets bis zu viermal höher als in der Armee, was auch einiges über die Gewinnspannen der Firmen aussagt. Denn im konkreten Konfliktfall ist das Mobilisieren von staatlichen Geldern leichter als sonst und bei der Vielzahl der militärischen Einsätze unumgänglich. In der inneramerikanischen Diskussion werden die PMCs kritisiert, weil sie von der Politik nicht mehr zu kontrollieren seien. Details ihrer Einsätze und die Verwendung der Finanzen unterlägen nicht dem Freedom of Information Act, und von den Firmen angerichtete Massaker wie in Baghdad 2007 oder der Folterskandal in Abu Ghraib würden Image und Glaubwürdigkeit der Nation untergraben. Sowohl die Profite als auch die weltweit steigende Nachfrage haben die Privatisierung der modernen Kriegführung zu einer überaus florierenden Industrie werden lassen. Schätzwerte für die Einnahmen der gesamten PMC-Industrie gehen von 100 Mrd. Dollar 2003, über 224 Mrd. 2020 zu einer zu erwartenden Steigerung auf über 450 Mrd. bis 2030. Eine aussagekräftige Liste von PMCs findet sich im Internet unter www.privatemilitary.org. Eine der erfolgreichsten unter ihnen, die schon erwähnte Firma Constellis, wirbt auf ihrer Webseite mit dem Slogan „Wir gehen dahin, wo andere nicht hingehen, und wir tun, was andere nicht können.“ Die Firma bietet eine eindrucksvolle Spannweite von Tätigkeitsfeldern, von Personen- und Objektschutz, Informationsbeschaffung, Logistik, Katastropheneinsatz, Bau- und Ausrüstungsdiensten, und natürlich Waffenausbildung und Waffenbeschaffung, bis zu humanitären und medizinischen Dienstleistungen. Ihre Nähe zur Armee als „army friendly recruiter“ sowie viele Veteranen in den Führungsetagen sind für die Acquisition von Aufträgen hilfreich.

Im Nachkriegsdeutschland stieß schon die zögerliche Wiederbewaffnung seit 1955 auf breiten Widerstand in der Bevölkerung. Von Söldnern war absolut keine Rede, während ehemalige Wehrmachtssoldaten in die Fremdenlegion abgewandert waren, die in Frankreich keineswegs kontrovers diskutiert wird. Neben der Armee wird sie am Nationalfeiertag mit Stolz präsentiert und heute an allen gefährlichen Brennpunkten weltweit eingesetzt. Söldner waren vermutlich in der Militärgeschichte weitgehend die Normalität, ob bezahlt wie die Landsknechte und Reisläufer oder zwangsweise „ausgehoben“ und von Werbern überredet. Eine der ersten der allgemeinen Wehrpflicht ähnlichen nationalen Rekrutierungsmaßnahmen der Neuzeit zur Verteidigung politischer Werte war 1793 die „Levée en masse“ der französischen Revolution, die aber Widerstand und Aufstände in den Provinzen auslöste. Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, kurz zuvor, konnte Großbritannien in erheblicher Zahl deutsche Söldner „mieten“. Etwa 30.000 Soldaten wurden nach Amerika geschickt, etwa ein Drittel der britischen Truppen, allein 19.000 aus Hessen-Kassel. Die meisten wurden ausgehoben, es gab aber auch Freiwillige und Abenteurer aus anderen deutschen Kleinstaaten. England zahlte den deutschen Fürsten dafür acht Millionen Pfund Sterling. Diese Epoche kannte aber auch schon eine private Teilnahme an internationalen politischen Interventionen, nicht unähnlich den modernen PMCs. Das revolutionäre Frankreich sympathisierte so intensiv mit den amerikanischen Unabhängigkeitskämpfern, dass es kriegswichtiges Material und Waffen über den Atlantik schickte. Um die direkte Konfrontation mit England zu vermeiden, überließ der König diese Aufgabe einem reichen Geschäftsmann, der heute vor allem durch sein geniales Theaterstück Figaros Hochzeit bekannt ist, Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais. Zum Höhepunkt der Kampagne setzte Beaumarchais bis zu 50 Schiffe ein, wurde aber, anders als die heutigen PMCs, am Ende weder von seinem König noch von den jungen USA bezahlt.

Wenn man noch einmal der materialistischen Linie der Mutter Courage folgt, bleibt die Frage, wieviel Schaden der „gemeine Mann“ hat und wer denn am Ende profitiert. Die aktuellen Gewinner des Afghanistankrieges, außer den Taliban, sind eindeutig die PMCs. Ihre Geschäfte werden in einer immer unsicherer und unkontrollierbarer werdenden Welt weiter nachgefragt und höchst profitabel bleiben. Dem steht unbeschreibliches Leid der Bevölkerung gegenüber. Afghanistan wird es schwer haben, das zerstörte Land wieder aufzubauen und seinen Menschen eine ausreichende Zukunftsperspektive zu geben, selbst wenn die PMCs beauftragt werden sollten, den Wiederaufbau technisch und logistisch zu unterstützen. Das wäre dann eine Art „military Keynesianism“ nach Keynes‘ berühmtem Vorschlag, dass der Staat die Wirtschaft ankurbeln könnte, indem er Leute Löcher ausheben und wieder zuschütten lässt. Weit davon entfernt sind wir allerdings in vielen Krisenregionen nicht.

Kommentare sind geschlossen.