Fukushima–Beginn einer Atomwende?

Der japanische Tsunami selbst wäre nicht solch eine Katastrophe gewesen— ca. 10 000 Tote hochgeschätzt–da war der vorherige Tsunami, der Hunderttausende Menschenleben im Indopazifk kostete, stärker und desaströser.Die eigentliche Katastrophe könnten nun die anstehenden Kernschmelzen in Fukushima werden, zumal Japan sehr dicht besiedelt ist und der Grossraum Tokio mit seinen 35 Millionen Einwohnern auch nur 250 Kilometer entfernt liegt. Alle hoffen, dass es nicht so kommt, aber allein schon die Möglichkeit ist beängstigend. Teile  der hiesigen Kommentare betrachten nun die Atomtechnologie unter neuem Vorzeichen: Denn Japan ist keine rückständige, technologisch unterentwickelte Bananenrepublik, sondern ein Hochtechnologiestandort, dem man höchste Sicherheitsstandards zutraute („Japanische Kernkraft ist sicher!“).Die neue Legende: Angeblich seien die Kernkraftwerke auf Erdbeben der Stärke 8 ausgelegt gewesen und hätten sich dann problemlos abgeschaltet—aber unvorhergesehenerweise sei dies ein Erdbeben der Stärke 9 gewesen, was den Unterschied ausmache. Bisher hatte es weltweit auch niemanden gestört, dass die 17 AKWs Japans mit ihren 54 Reaktoren in Erdbebengelände gebaut wurden. Japan hatte zudem vor allem auf einen Ausbau der Kernkraft gesetzt und solare Energie nur sehr marginal als Potential erwägt, ja, die anderen erneuerbaren Energien zumeist negiert. So jubelten auch deutsche Industrievertreter noch unlängst über den eingeschlagenen japanischen Atomkurs (siehe: lhttp://www.muenchen.ihk.de/mike/ihk_geschaeftsfelder/international/Anhaenge/Japan-August-10-Mix-aus-Atom-und-Solar.pdf)

In letzter Zeit war ja gerade von einer „Renaissance der Kernenergie“ die Sprache: Grossbritannien, Schweden, Italien und Frankreich wollen neue Reaktoren bauen, ebenso osteuropäische Länder. Ob USA, China, Indien, Südkorea, Japan, Iran und Golfstaaten—weltweit wurde neue Nachfrage nach Kernkraft gesehen. Zuletzt verkaufte noch Sarkozy Ghaddafi  französische Atomkraftwerke. Zumal auch das Ganze jetzt unter dem Mantel der Nachhaltigkeit und CO2-Reduktion verkauft wurde. Auch Bedenken gegenüber nuklearer Proliferation wurden hintenangestellt: Man verkauft die Kernkraftwerke und hofft, dass sie nicht zu anderen Zwecken genutzt werden. Im Ernstfall müsste dann die Internationale Energieagentur und der UNO-Sicherheitsrat wieder Sanktionen gegen Staaten verhängen, die sich Atomwaffen zulegen wollen und vielleicht dann auch Truppen schicken, um das Schlimmste zu verhindern. All diese Bedenken wurden jedoch hintenangestellt und speziell in Deutschland mit Argumenten zur nationalen Standortsdiskussion untermauert: Es sei doch aberwitzig, wenn die ganze Welt Atomkraftwerke baue und Deutschland nicht, dann vielleicht Atomstrom aus Osteuropa oder Frankreich importieren müsse und sich zudem ein Riesengeschäft durch die Lappen gehen lasse. Die CDU-/FDP-Regierung beschloss längere Laufzeiten, den ersten Schritt zum Ausstieg aus dem Ausstieg, nur die SPD, die Grünen und die Linkspartei waren dagegen. Mal abgesehen davon, dass Deutschland kein Erdbebengebiet ist und der Absturz von Flugzeugen, wie auch Terrorangriffe auf deutsche Atomkraftwerke eher unwahrscheinlich sind, so bleibt doch die Frage der Endlagerung. Diese ist in den Kostenargumenten („Atomstrom ist billiger!“) gar nicht miteinbezogen und Asse hat gezeigt, wie Endlagerung in Deutschland kostengünstig eben aussieht: Loch auf, Fass rein, Loch zu und auf das Beste hoffen. Auch das Argument, Atomkraft mache unabhängiger, stimmt so nicht, da man ja auch die Brennstoffe importieren muss. Neuerdings versucht die deutsche Bundesregierung die neue Debatte über Atomkraft abzuwürgen. So erklärte Röttgen , angesichts des japanischen Elends, sei es nicht die Zeit dieses zu parteipolitischen Diskussionen zu „instrumentalisieren“.Das tut er damit selber, indem er das japanische Elend dazu instrumentalisiert, dass er damit ein Diskussionsverbot und Schweigegelübde über Deutschland verordnen will. SPD-Chef Gabriel kroch Röttgen vorerst auf den Leim und erklärte sinngemäss dasselbe. Nur die Grünen zogen ihre geplante Menschenkette durch und wollten sich dem auferlegten Schweigen nicht anschliessen.Doch während es in Deutschland noch am ehesten zu einer Debatte über Atomkraft kommen dürfte, wird zu beobachten bleiben, inwieweit Fukushima weltweit die Atompolitik auf den Prüfstand bringt.Werden China, Indien, die USA, Frankreich, Grossbritaniien, die skandinavischen und osteuropäischen Länder, Russland, etc. ihre Atompolitik überdenken und verändern?Wird es hierzu Initiativen der EU, der USA oder der UNO geben?Gibt es überhaupt weltweit genug Anti-Atomkraft-Gruppen, die diese Diskussion zivilgesellschaftlich überhaupt befördern können?Interessant wird es z.B. auch werden, ob die iranische Opposition Fukushima zum Anlass nimmt einen Ausstieg aus dem iranischen zivilen Atomprogramm zu fordern, da Iran eine erdbebenträchtige Region ist (allein im letzten Jahrzehnt 3 schwere Erdbeben!) und ein GAU in Busher oder einem anderen Atomkraftwerk verherrende Auswirkungen auf den Greater Middle East,wie auch Europa haben kann.Zum einen hätte dies den Vorteil, dass das militärische Atomprogramm der Mullahs somit beendet würde und zum zweiten könnte Iran aus dieser desaströsen zivilen Energietechnologie aussteigen—genug Öl und Sonne hat Iran ja, um ohne Atomkraft auszukommen.Aber das zivile Atomprogramm ist auch eine Frage des nationalen Prestiges—auch bei Teilen der iranischen Opposition. Zeit dies zu ändern.Nicht nur im Iran!

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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