Arabische Revolutionen und die „kreative Klasse“

Um zu verstehen, was die arabischen Revolten ausmacht, sollte man sich vergegenwärtigen, dass die Globalisiserung der 90er Jahre zu dem massenhaften Anwachsen einer neuen Mittelschicht in den Entwicklungsländern geführt hat. Dieses neue Bürgertum versucht nun sich politisch zu artikulieren.

Was sich schon in den 80er Jahren in Lateinamerika und Asien, zumal von der Reagan-Regierung zuletzt unterstützt,  vollzog, trifft nun auch die rückständigen arabischen Gebiete.Selbst Chinas neue Mittelschichten begehrten schon 1989 auf, wurden aber nochmals wie Deutschland 1848 unterdrückt und zusammengeschossen.Vertreter der antiimperialistischen Szene meinen, bürgerlich-demokratische Revolutionen seien in den Entwicklungsländern gar nicht möglich, da das „Zeitalter des Imperialismus“ dies nicht zulasse. Dagegen spricht, dass es eben all jene Demokratisierungsbewegungen in Lateinamerika, Asien und selbst Afrika gab.Auch Indien ist eine bürgerliche Demokratie—schon seit Jahrzehnten und auch in dem rückständigen Bhutan hat nun ein aufgeklärter König die Demokratie eingeführt. Auch der Dalai Lama hat nun eine Demokratisierung seines höchst reaktionären und von Klerikern durchsetzten Parlaments zugelassen. Das Argument, dass Unterentwicklung und die Kultur Demokratie nicht zulasse, ist doppelt falsch. Wie oft konnte man hören, dass die katholische Caudillokultur Süd- und Mittelamerikas keine Demokratie zulasse?

Wie oft konnte man hören, dass unterentwicklete Länder wie Südamerika nur Militärdiktaturen zur Folge haben könnten? Das Produkt sind aber seit den 80er Jahren demokratische lateinamerikanische Staaten. Auch in Asien gibt es trotz konfuzianischer, hindusistischer, muslimsicher und katholischer Kultur ebenso Demokratien.Auch haben Bhutan und Indien bei weitem nicht das Pro-Kopf-BSP, das sie zur Demokratisierung nach der gängigen Modernisierungstheorie bräuchten.Und nun haben sich all jene neuen Mittelschichten eben auch im arabischen Raum zu Worte gemeldet.Was neu daran ist, ist, dass viele dieser neuen Mittelschichten selbst arbeitslos sind oder von Arbeitslosigkeit direkt bedroht, dass sie zu höheren Jobs ausgebildet wurden als Bedarf in diesen Mangelwirtschaftsländern bestand—man könnte auch von existenzloser Intelligenz sprechen, die sich daher demokratisch radikalisierte. Dass sie sich aber nicht wie in der CIA-und Heihnsons „Youth Buldge“-Theorie automatisch zum islamischen Fundamentalismus und Terroismus hin radikalisierten, dürfte auch damit zusammenhängen, dass die Avantgard dieser neuen Mittelschicht eben global vernetzt und informiert sind, sehr gut sehen können, dass das Modell einer europäischen oder US-Demokratie dem Steinzeitislamismus einer Taliban oder eines Irans vorzuziehen ist, wie sie auch –wie die ehemaligen DDR-Bürger—von dem bunten Warenangebot der westlichen Konsum- und Werbewelt angetan sind. Während sich in all den Entwicklungsländern eine neue Mittelschicht bildet, dabei auch viele Jungakademiker, so sieht Richard Florida in seinem Artikel „The revolt of  the creatve class“ hier nochmals speziell eine „kreative Klasse“ als Avantgarde, die es in den 80ern noch gar nicht gab, die eben aufgrund der IT-Revolution  von Internet, Facebook, Twitter,etc der 90er Jahre entstand und zur bestinformiertesten Avantgarde der Mittelschichtbewegung wurde,  wenngleich er auch den Beitrag der Arbeiterbewegung nicht kleinreden möchte:

“The uprisings of 2011, however, owe much of their impetus to the working class and labor movements as well as young people and students, according to the Middle East expert Juan Cole. Rising unemployment rates, stagnant wages and falling living standards prompted blue-collar workers to return to the barricades.

But a new generation of techies, social media types, and digitally savvy professionals have also played a visibly important role. Wael Ghonim, the Google executive who became the public face of Egypt’s uprising, is the veritable archetype of this Creative Class, spanning science, technology and engineering professionals, management and business executives, doctors, health care professionals and lawyers, as well as arts, culture and media workers.  

Intellectuals and artists as well as students have long participated in revolutionary movements, but usually in subsidiary roles. This time creative class members are part of the vanguard.

In identifying the creative class role, I do not intend to diminish the role of unions and various other political, religious and social movements that have driven this and other seasons of revolution. I simply aim to call attention to this key factor that has become increasingly salient to the surge of revolutionary activity occurring today.”

Einen weltweiten Überblick über die neue kreative Klasse, die er als neue Avantgarde von neuen Mittelschichten und Arbeiterbewegung sieht, gibt Richard Florida in seinem programmatischen Artikel mittels Graphiken– lesbar unter:

http://www.theatlantic.com/international/archive/2011/03/the-revolt-of-the-creative-class/71829/#

Noch ist fraglich, ob sich der Begriff der neuen kreativen Klasse in der Soziologie oder bei Marxisten einbürgern wird. Man darf auch nicht übersehen, dass die IT-Intelektuellen – vom Hacker bis zum Kommunikationswissenschaftler bis zum Medienexperten oder Informatiker– zu gleicher Massen von Diktaturen benutzt werden, um das Internet und alle möglichen Kommunikationskanäle zu manipulieren und zu kontrollieren. Es ist also fraglich, ob es sich hier um eine geschlossene Klasse handelt oder ob hier nicht willkürlich gewisse Branchen als solche erklärt werden bei Vernachlässigung der Tatsache, dass dieselben Branchenleute auch für eine diktatorische Regierung arbeiten können. Möglicherweise handelt es sich bei der neuen kreativen Klasse um IT- und Kommunikationsspezialisten, die keine staatliche Anstellung fanden und sich daher gegen das Regime stellten und/oder aber aufgrund ihrer täglichen Internetkonnektivität mehr Informationen über das Ausland und über bessere Lebensbedingungen erhalten haben als der Rest ihres Entwicklungslandes.Daher bleibt abzuwarten, ob sich der Begriff der kreativen Klasse in der Soziologie als neue Modeströmung einbürgert oder aber verworfen wird.Umgekehrt richtig bleibt aber auch, dass diese neuen Demokratien aufgrund der politischen Unerfahrenheit und mangelnden Organisiertheit der neuen Mittelschichten sehr fragil sein können.Es ist also keineswegs ausgemacht, ob die arabischen Revolutionen auch eine nachhaltige Wende zur Demokratie bedeuten. Einem demokratischen Frühling könnte sehr wohl auch ein autoritärer oder islamistischer Winter folgen. Selbst in Deutschland brauchte es zwei Anläufe und zwei Weltkriege bis zur Demokratiserung der BRD.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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1 Response to Arabische Revolutionen und die „kreative Klasse“

  1. Ralf Ostner sagt:

    Ein Bekannter schickte mir folgenden Kommentar:

    Ja , diese „kreative Mittelschicht“ ist schwach, unorganisiert, unerfahren
    und verfügt vor allem
    über keine tragfähigen Verbindungen zur großen Mehrheit der armen Stadt-
    und Landbevölkerung.
    Diese verspricht sich mehr von „starken Männern“ als von liberalen
    Diskurskünstlern.

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