Post-Bin-Laden-Pakistan: Der Kampf um die Souveränität

Stand Pakistan schon häufiger in westlichen Ländern in der Kritik aufgrund des ungeklärten Verhältnisses seiner Beziehung zwischen pakistanischen Militär und Geheimdienst (ISI) und den Taliban, so spitzt sich dieser Konflikt nach der Erschiessung Bin Ladens zu. Westliche Staaten, allen voran die USA fragen sich, inwieweit es möglich ist, dass Bin Laden in einer übersichtlichen Kleinstadt, nächst zur nationalen Militärakademie in einem grösseren, mit Stacheldraht gesicherten Komplex wohnen konnte, ohne dass die verantwortlichen Stellen Pakistans davon wussten. Die noch harmloseste Forderung von US-Seite ist die Einrichtung einer zivilen Untersuchungskommission, die wie die 9-11-Kommission versucht Antworten auf noch unbeantwortete Fragen zu geben:

The bin Laden Aftermath: Pakistan’s Investigation

Mark Schneider, Foreign Policy  |   6 May 2011 

The successful U.S. SEAL strike against Osama bin Laden in Abbottabad, just blocks from the Pakistan’s West Point, raises questions about whether the Pakistani military and intelligence are part of the solution or part of the problem of international terrorism.  Not only does the U.S. need to learn what the Pakistani military high command and ISI knew and when they knew it, but the U.S. also has to ask a series of questions about bin Laden’s heavily fortified compound, such as:

  • How long was Osama bin Laden there?
  • Who knew and protected him?
  • Who owned the land, how was it acquired, and from whom? Who designed the compound?
  • Who installed the security systems? Are they commercially available or specialized?
  • Given the multitude of military checkpoints in this military town, who did they stop and who did they allow to continue on their way into the compound?

To answer these questions and others, Pakistan’s government needs to convene a special independent civilian parliamentary public inquiry, like the Watergate hearings or the 9/11 Commission.

http://www.crisisgroup.org/en/regions/asia/south-asia/pakistan/bin-laden-aftermath-pakistans-investigation.aspx

Der Verdacht, dass Pakistans Militär oder sein Geheimdienst den Terrorfürsten deckten, wie auch ein sehr ambivalentes Verhältnis zu islamistischen Fundamentalisten unterhalten, liegt auf der Hand. Pakistans Verhalten wird damit begründet, dass es die Taliban und islamistische Terrorgruppen als Quasiverbündeten gegen Indiens Einfluss in der Region benutze, auch um in Afghanistan „strategische Tiefe“ zu erzielen und beim Kaschmirkonflikt diese als nützliche Idioten für sich arbeiten zu lassen. Bestenfalls wird noch Inkompetenz pakistanischer Staatsstellen vermutet, was aber ein ebenso hartes Urteil darstellt, da es Kontrollverlust eines Staates über sein eigenes Territorium bedeutet, zu dessen Behebung es ausländischer Intervention benötige. Ein Vorwurf, der in Richtung „failed state“ geht und die staatliche Souveränität eines Staates im Kern angreift. Das Vertrauen der USA in Pakistan ist zerrüttet. Obama, der schon zu US-Wahlkampfzeiten eine Bombadierung von Taliban- und Al-Kaidastellungen in Pakistan propagierte, hat mit pakistanischem Stillschweigen die Drohneneinsätze des US-Militärs in Pakistan ständig ausgeweitet. Die Aktion gegen Bin Laden stellte jedoch in ihrer Offenheit ein Novum dar und möglicherweise nicht die letzte Aktion dieser Art:

Weitere Aktionen in Pakistan möglich

Trotz der scharfen Kritik aus Islamabad schließt das Weiße Haus Einsätze amerikanischer Soldaten in Pakistan in der Zukunft nicht aus. Die Fotos von Bin Ladins Leiche sollen nicht veröffentlicht werden.

 

05. Mai 2011 2011-05-05 07:26:17

Der amerikanische Präsident Barack Obama behält sich nach Angaben des Weißen Hauses das Recht vor, weiter gegen Terrorverdächtige in Pakistan vorzugehen. Auf die Frage, ob der Präsident trotz der scharfen Kritik aus Islamabad erneut einen Einsatz auf pakistanischem Boden anordnen würde, sagte sein Sprecher Jay Carney am Mittwoch, Obama habe dies bereits während des Präsidentschaftswahlkampf zugesichert. Er sei weiterhin der Ansicht, dass dies der „richtige Ansatz“ sei.

http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~EFF221B20A3D341FDAFBFCBCDEE8E86C9~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Pakistan sieht hierbei wiederum seine Souveränität gefährdet und verwahrt sich gegen die Aussicht, dass derartige US-Aktionen auf seinem Territorium neues Gewohnheitsrecht werden könnten, zumal nun auch Stimmen in Indien laut werden, das indische Militär könne ähnliche Antiterroraktionen auf pakistanischem Territorium ausführen:

Nun hat die pakistanische Regierung das Vorgehen der Amerikaner kritisiert und indirekt mit militärischen Konsequenzen gedroht, sollten ausländische Soldaten abermals Operationen auf ihrem Territorium ausführen. Der Staatssekretär im pakistanischen Außenministerium, Salman Bashir, wollte sich am Donnerstag in Islamabad zwar nicht zu der Frage äußern, ob der amerikanische Einsatz in Abbottabad illegal war, pochte aber auf die Souveränität und Würde seines Landes. „Zusammenarbeit ist keine Einbahnstraße“, sagte er und erinnerte an die „internationalen Verpflichtungen“ aller Länder, die im Kampf gegen den Terrorismus stehen.Zusätzlichen Unmut hatte eine Äußerung des indischen Armeechefs hervorgerufen, der am Mittwoch seinen Streitkräften die Fähigkeit zu vergleichbaren Militäraktionen attestierte.

Bashir sagte, derartige „Angebereien“ und Fehlkalkulationen könnten in Katastrophen münden. Nach Angaben der pakistanischen Zeitung „Dawn“ fügte er an: „Es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass Pakistan über adäquate Kapazitäten verfügt, um seine Verteidigung zu gewährleisten.“

http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E9E198130BF6046D89A0A10E129F16AB9~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Erzfeinde im Krieg der Worte

Aus Abbottabad berichtet Hasnain Kazim

Die Tötung Bin Ladens heizt den Konflikt zwischen Indien und Pakistan wieder an. Die indische Armee vermutet weitere Top-Terroristen im Nachbarland – und prahlt, man könne sie bei eigenen Kommandoaktionen nach US-Vorbild töten. Für diesen Fall aber droht Pakistan mit harter Vergeltung.  

Indiens Armeechef V. K. Singh sagte, die indischen Streitkräfte seien „kompetent genug“, um einen Einsatz wie die Amerikaner in Abbottabad durchzuführen – US-Elitesoldaten hatten in der Garnisonsstadt in einer spektakulären Kommandoaktion Qaida-Chef Osama Bin Laden getötet . „Sollte es erforderlich werden, sind alle drei Teilstreitkräfte zu einer solchen Aktion in der Lage“, sagte der General in der nordindischen Stadt Lucknow. Indiens Luftwaffenchef P. V. Naik erklärte, sein Land habe „gewiss die Fähigkeit“, „einen chirurgischen Schlag wie in Abbottabad“ zu führen.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,761035,00.html

Der Unmut Indiens ist durchaus verständlich, da islamistische Terroristen, die in Pakistan gedrillt wurden, versuchten das indische Parlament zu massakrieren und in Mumbai 2008 ein Blutbad anrichteten. Dass sich selbst ein solch weltweit gesuchter Topterrorist wie Bin Laden ungestört in Pakistan aufhalten kann, bestätigt die Inder in dem Verdacht, dass die pakistanischen Behörden dies dulden:

Indien: Tod von Bin Laden ist Beweis für Terror aus Pakistan

Indien sieht den Tod von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden als weiteren Beweis für Rückzugsmöglichkeiten für Terroristen in Pakistan.

Die Tatsache, dass bin Laden in Abbottabad „tief in Pakistan“ getötet worden sei, sei sehr beunruhigend, erklärte der indische Innenminister P. Chidambaram am Montag. „Dies unterstreicht unsere Sorge, dass Terroristen verschiedener Organisationen in Pakistan Unterschlupf finden“, fügte er hinzu.

Indien sei überzeugt, dass auch den Attentätern der Anschläge von Mumbai 2008 weiterhin in Pakistan Zuflucht gewährt werde, erklärte der Innenminister. Chidambaram forderte Islamabad auf, die von indischen Geheimdiensten identifizierten Verdächtigen festzunehmen. Indien wirft dem Rivalen Pakistan seit langem vor, militanten Gruppen, die Anschläge auf indischem Boden planten, Unterschlupf zu gewähren und sie logistisch zu unterstützen.

Der indische Außenminister S.M. Krishna erklärte, der Tod Bin Ladens sei eine „historische Entwicklung“ und ein „siegreicher Meilenstein“. Mit Blick auf Pakistan betonte er die Notwendigkeit, Rückzugsorte für militante Aktivisten auszulöschen. „Über die Jahre hinweg haben tausende unschuldige Männer, Frauen und Kinder auf tragische Weise durch Terroristen ihr Leben verloren“, sagte Krishna. Die Welt dürfe in ihren Anstrengungen zur Überwindung des Terrorismus nicht nachlassen. „Der Kampf muss unvermindert weitergehen“, forderte er.

http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/2733964/indien-tod-bin-laden-beweis-fuer-terror-pakistan.story

Einige indische Nationalisten schwärmen schon von weitergehenden Plänen einer Desintegration Pakistans, in dem sich Belutschistan, Paschtunistan und Sindh abspalten könnten und nur noch ein „landlocked“, atomar bewaffneter Punjab zurückbleibt:

The Coming Disintegration Of Pakistan
and Afghanistan

by Gaurang Bhatt, MD 

If the disintegration of Iraq is inevitable, then India needs to prepare for the same in Afghanistan and Pakistan. The Karzai government is corrupt and ineffective and a more radical Pashtun leader is likely to lean more towards the Taliban and Pakistan. It would then be in India’s interest to have Afghanistan break up into an western Iranian section, a northern Uzbek section, an eastern Tajik section and a southern Pashtun section. Iran, Russia and India would all benefit. The Pashtun section could lead to destabilizing the NWFP of Pakistan and deny Pakistan the strategic depth of a Taliban ruled Afghanistan. It may even promote an implosion of Pakistan into a Pashtun north joined with its counterpart in Afghanistan, a western Baluchi section and a southern Sindhi section with a less threatening landlocked weaker Punjabi section of Pakistan and a reluctant occupied Kashmir section.

Pakistan now faces an insurgency in NWFP, FATA and Baluchistan, a restive Sindh, widespread terrorist attacks, a deteriorating economy, rampant inflation, a disillusioned America in economic difficulties, unwilling to write blank checks and a divided, corrupt civilian government, a military with poor morale and increasing casualties and an angry and hungry population. NATO and America will tire of expense and casualties in a year or two and the Taliban will eventually form a Pakhtunistan. Baluchistan will secede with Iranian help as will Sindh with India`s help. A landlocked nuclear Punjab as a remnant of Pakistan will be effectively marginalized. This time Iran will ensure a satellite Shia state in western Afghanistan, the newly antagonized Russians will promote the merger of the northern and eastern parts into Turkmenistan, Uzbekistan and Tajikistan. From India´ s standpoint, it is not a totally bad idea, as the corrupt, weak and inept government of Karzai is unsustainable and consumes a lot of Indian aid. The Russian response to Georgia was a shot across the bow to America and its inane interference in Russiaï`s near abroad.

http://www.boloji.net/rt3/rt318.htm

Ähnlich waren auch schon Überlegungen des damaligen indischen Premierminster Vajpajee (BJP), der 1996 offen gegenüber dem SPIEGEL erklärte:

SPIEGEL. Sie glauben wirklich, daß Pakistan zersplittert?

Vajpayee:  Ja, denn der Islam auf den der Staat als einziges aufgebaut ist, treibt die Pakisatner auseinander: Sunniten und Schiiten bekämpfen sich, viel radikaler und schärfer übrigens als Indiens Hindus untereinander. Auf Dauer wird Pakistans Landesteilen nichts anderes übrigbleiben, als mit uns eine Föderation einzugehen.Mir schwebt künftig eine gemeinsame Währung, eine gemeinsame Außenpolitik vor—wie in der EU. Das ist die Zukunft.

SPIEGEL: Sprechen Sie von kommenden Generationen oder von den nächsten Jahren?

Vajpayee: Irgendeine Föderation kann schon bald kommen. (SPIEGEL, NR.19/1996, S.71)

Nach Indiens und Pakistans Atomwaffentest 1998 sind solche seperatistischen Spielchen, die lange Zeit Pakistans Paranoia gegenüber Indien beflügelten, jedoch höchst gefährlich und scheinen von indischer Seite auch nicht mehr ernsthaft erwogen zu werden. Entgegen den säbelrassenden Erklärungen seiner indischen Militärs, erklärte Indiens Premier Mahommad Singh, dass er weiter auf die Verbesserung der indisch-pakistanischen Beziehungen setze. Zumal ein indischer Antiterroreinsatz in Pakistan auch leicht das Potential hätte in einen indisch-pakistanischen Krieg zu eskalieren.

Pakistan will aber auch die Beziehungen zu den USA nicht gefährden, zumal es reichlich US-Wirtschafts- und Militärhilfe erhält und kündigt zur Beschwichtigung der Weltmacht nun auch eigene Aktionen an, die beweisen sollen, dass Pakistan seine Probleme eigenständig und ohne US-Intervention selbst lösen kann:

Pakistan will weitere Top-Terroristen selbst finden

Bei aller Verärgerung versucht Pakistan, die Beziehungen zu den USA nicht zu sehr zu belasten. Die Regierung in Islamabad bezeichnete den Einsatz gegen Osama bin Laden nicht als rechtswidrig und teilte mit, die Beziehungen zu Washington seien weiterhin intakt. „Wir erkennen an, dass die USA ein wichtiger Freund sind“, sagte Bashir. „Grundsätzlich bewegen sich die Beziehungen zwischen Pakistan und die USA in die richtige Richtung.“ Die Armee räumte „Versäumnisse“ bei den Geheimdiensterkenntnissen zu Bin Ladens Aufenthalt ein.Nach der US-Aktion will nun die pakistanische Regierung nach Medienberichten den ebenfalls im Land vermuteten Taliban-Chef Mullah Omar sowie El-Kaida-Vize Aiman el Sawahiri fassen. Wie die Zeitung „The News“ unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete, soll in nächster Zeit eine „massive Suchaktion“ beginnen.

http://www.focus.de/politik/ausland/osama-bin-laden/tid-22199/us-kommandoaktion-pakistan-droht-usa-und-indien_aid_624455.html

Bezeichnend ist aber, dass Pakistan zwar Taliban-Mullah Omar und El-Kaida-Sawahiri ins Viser nehmen möchte, aber nichts zu den gegen Indien und Kaschmir agierenden Terrorgruppen auf pakistanischem Gebiet sagt. Indiens Misstrauen wird also bleiben.

Forderungen aus den USA, die Rolle des Militärs in der pakistanischen Gesellschaft auf den Prüfstand zu stellen, kommt die zivile Regierung in Islamabad scheinbar jedoch nicht nach. Das pakistanische Militär scheint die unantastbare heilige Kuh. Premier Gilani stellte sich auch demonstrativ vor das Militär und eine weitergehende Demokratsierung der pakistanischen Gesellschaft und Neuadjustierung des Verhältnisses der zivil-militärischen Beziehungen scheint damit in weite Ferne gerückt:

Gilanis Rede zeigt auch die Schwäche seiner Regierung gegenüber Militär und Geheimdienst. In einem „normalen“ Land wären deren Chefs nach diesem Versagen nicht mehr zu halten. Stattdessen hat Gilani sich vor die Institutionen gestellt, die von bin Laden wie den USA gerade vorgeführt wurden. Die Krise bietet Gilani eigentlich die Chance, diese selbstherrlichen Einrichtungen einer stärkeren zivilen Kontrolle zu unterstellen. Doch sein demonstrativer Schulterschluss mit ihnen lässt nicht erkennen, dass er sich das überhaupt zutraut.

Gilani negierte erneut das Problem, das Pakistans Nachbarn wie der Westen bei seinen Strategen sehen: das ambivalente Verhältnis zum Terrorismus und die Funktionalisierung bewaffneter Islamisten für außenpolitische Zwecke. Solange Pakistan hier nicht für Klarheit sorgt, wird sein Verhältnis zu Afghanistan und Indien nicht friedlich und die Zusammenarbeit mit dem Westen nicht vertrauensvoll.

http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/das-pakistan-problem/

Pakistan hat zwar verkündigt nun gegen den Führer der afghanischen Taliban Mullah Omar und die Nr. 2 von Al Kaida, Zawahiri vorgehen zu wollen, aber nicht gegen die gegen Indien agierenden islamistischen Gruppen, noch gegen die pakistanische Taliban. Es ist ohnehin unklar, wie die Beziehungen zwischen afghanischer und pakistanischer Taliban sind. Während die afghanische Taliban auf den Tod Bin Ladens vorerst schwieg, aber wohl auch kaum die angekündigten pakistanischen Militäraktionen gegen ihren Führer Mullah Omar dulden dürfte, kündigte die pakistanischen Taliban nun auch an Racheakte wegen der Bin Laden-Ermordung gegen das pakistanische Militär vorzunehmen. Das klingt wie die offene Ankündigung der Aufkündigung des bisher scheinbar geltenden Burgfriedens. Das pakistanische Militär wird sich nun auch offensiv gegen die pakistanische und afghanische Taliban wenden müssen, insofern es noch Glaubwürdigkeit in der westlichen Welt haben möchte. Dies könnte den Kampf in Pakistan eskalieren lassen und die offene Machtfrage stellen. Die pakistanischen Taliban antworteten auch sogleich mit einem Terroranschlag auf ein Rekrutierungsbüro der pakistanische Sicherheitskräfte und bekannten sich offen dazu. Der Kampf scheint auf eine neue Stufe gehoben zu werden. Sollten die pakistanischen Taliban in Pakistan ein realer Machtfaktor werden, wäre die nächste mögliche Folge: Ein US-Einsatz, der versucht, die pakistanischen Atomwaffen zu neutralisieren oder unter US-Kontrolle zu bringen–vielleicht sogar auch von Seiten Indiens. Damit ergebe sich eine höchstbrisante und gefährliche Konstellation. Post-Bin-Laden-Pakistan kämpft somit um seine eigene Souveränität, die nun sowohl von innen wie auch von aussen bedroht ist. Aber wie gross ist die reale Gefahr, die von den pakistansichen Taliban für Pakistan ausgeht? Moeed Yusuf,  Südasienexperte am U.S. Institute of Peace weist darauf hin, dass der Kern der pakistanischen Taliban sich aus dem Mehsud-Stamm aus Südwaziristan rekrutiert und mit anderen Gruppen ein sehr heterogenes Bündnis eingangen ist, das aber nicht über die Durchschlagskraft etwa der afghanischen Taliban verfügt. Er hält es zwar für möglich, dass die pakistanischen Taliban Instabilität in Pakistan säen können, ihr Hauptkampfmittel aber vor allem Selbstmordattentate bleiben werden und nicht die Gefahr besteht, dass Pakistan daran zerbricht:

The group is called TTP, Tehrik-i-Taliban Pakistan. It’s basically a loose conglomerate of different kinds of groups. The core is very ideologically motivated, very similar to the Afghan Taliban — their ideology. They were people who fought in Afghanistan and then came back and turned against the Pakistani state because they claim that the Pakistani state was supporting the Americans in Afghanistan and in the tribal belt against Muslims and tribals. So the core, which includes people like Baitullah Mehsud, who was killed in a drone attack, Hakimullah Mehsud, who is now running the show, they’re mostly from the Mehsud tribe in south Waziristan in the tribal belt.

But the rest of TTP, unlike the Afghan Taliban are not dedicated, ideologically motivated foot soldiers. They are different groups, different individuals who joined under the umbrella of the TTP to gain prestige, to gain stature in their own tribe, or were basically criminals in organized crime groups and thugs who grew beards and started calling themselves Taliban because they was an element of fear attached to it, and an element of respect attached to it.

The core is very central, very ideological, very motivated, and they get these foot soldiers — teenagers — to come and train for suicide bombings. The rest of the local groups who are with them outside the tribal belt or even within are not really Taliban in the real sense of the term as we know the Afghan Taliban. They are mostly with different agendas and they continue their own agendas (…)

Because this group is loosely connected and affiliated and its ideological motivation doesn’t run through and through, that is why the Pakistani military has been able to curtail it the way it has. Because the low-lying soldiers either gave up or mainstreamed themselves before they’d be caught, or got caught, etc., there wasn’t the conviction to keep fighting to the last man. So that is why you can’t compare this group in terms of conviction and danger to the Afghan Taliban.

That said, of course, given that suicide bombing is their main tactic, they can still play havoc in Pakistan and keep instability going. But that instability shouldn’t be translated to mean that Pakistan is falling apart.

http://www.pbs.org/newshour/rundown/2010/05/who-are-the-pakistani-taliban.html

Wobei man jetzt die drehbuchmässige Erschiessung Bin Ladens sowohl als Ankündigung eines Rückzuges aus Afghanistan und Irak, wie aber auch als Eskalation und Ausweitung des War on Terrors lesen kann. Auf jeden Fall dulden die USA nicht mehr Pakistans lockeren Umgang mit den islamistischen Bewegungen und setzen es mit der Androhung eigener Interventionen unter direkten Druck. In Zukunft könnte dies aber auch zu einer weiteren Entfremdung zwischen den USA und Pakistan führen, da nun auch eine neue Generation von Militärs auf führenden Posten sitzen für die der Proamerikanismus nicht mehr so eine unhinterfragbare Säule der aussenpolitischen Beziehungen ist. So meinte der Pakistanexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Christian Wagner:

Vermutlich stellen aber mittlerweile starke Gruppen innerhalb des Militärs das Bündnis mit den USA in Frage. Heute sitzen die Offiziere als Corpskommandeure an den Schalthebeln, die unter Zia Ul-Haq in die Armee eingetreten sind. Sie wurden militärisch und politisch durch die Konflikte in Afghanistan und Kaschmir sozialisiert, die beide explizit unter ideologischen, beziehungsweise radikalen islamischen Vorzeichen geführt wurden. Diese Offiziere stellen die Allianz mit den USA zunehmend in Frage. Auf beiden Seiten hat dies inzwischen zu einem ausgeprägten Misstrauen im Antiterrorkampf geführt, das die Operation gegen Bin Laden weiter verstärkt haben dürfte.

http://www.swp-berlin.org/de/kurz-gesagt/pakistan-nach-bin-ladens-tod.html

Der ehemalige Bundeswehrarzt und Afghanistanexperte Dr. Erös sprach in der Münchner Runde gar von der Gefahr einer  Islamisierung des pakistanischen Militärs und Geheimdienstes. Ohne zunehmende zivile Kontrolle oder demokratische Reformen wie in der Türkei wird Pakistans Militär ein zunehmend unsicherer Faktor bleiben, der sich aber als letzter und einzig wahrer Hüter der pakistanischen Souveränität sieht und Kritik an sich als gegen die pakistanische Souveränität und Existenz des Landes gerichtet sieht.Beabsichtigte demokratische Reformen am Militär in Pakistan stehen somit immer unter akuter Putschgefahr eben jenes Militärs,weswegen Pakistans Premierminster deswegen sich auch lieber hinter das Militär stellt als es zu kritisieren.

Als Reaktion auf die Herausforderung seiner Souveränität, lehnt sich Pakistan nun mehr an China an. Erstmals wurden gemeinsame Luftwaffenmanöver zwischen pakistanischer und chinesischer Luftwaffe abgehalten namens „Shaheen1“ (Adler 1). Geplant sind nun auch weitere gemeinsame Armeemanöver der Bodentruppen. Nachdem China schon mit der Türkei die gemeinsamen Luftmanöver „Anatolian Eagle“ abhielt, so bedeutet Shaheen 1 nun zum zweiten Mal, dass sich China mit einem bisherigen US-Verbündeten verbündet. Aufhören lässt auch die chinesische Ankündigung, dass ein Angriff auf Pakistan auch als Angriff auf China angesehen werde ( vgl. Analyse der Jamestown-Foundation).http://www.jamestown.org/programs/chinabrief/single/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=37959&tx_ttnews%5BbackPid%5D=25&cHash=e7e09765b608109dfa667e4e90b57500

Inzwischen gehen 40% aller Waffenexporte Chinas nach Pakistan, baut China in Gwadar einen Tiefseehafen und ist wichtigster Nukleartechnologielieferant für Pakistans Atommacht. China wird nun die Operationen für den Hafen Gwadar übernehmen, dementierte aber von der pakistanischen Regierung gestreute Gerüchte, dass es nun auch eine militärische Marinebasis in Gwadar bauen wird.

(http://www.atimes.com/atimes/China/ME28Ad02.html)

Indische Nachrichtenberichte kritisieren, dass die Volksbefreiungsarmee angeblich Straßen, Bunker und andere militärische Anlagen in Pakistan baut–zum einen um eine Verbindungslinie Gwadar-Kharakorum zu erhalten, zum anderen im pakistanischen Teil von Kaschmir. Laut indischen Berichten könnte China aus seinen Militärregionen Chengdu und Lanzhou bis zu einer halben Millionen Soldaten kurzfristig nach Pakistan verlegen–39 Divisionen.Ob man diese Berichte glaubt oder nicht, Tatsache ist jedenfalls, dass Indien die zunehmende Anlehnung Pakistans an China unheimlich wird.

Die USA haben zwar mittels ihrer Wirtschafts- und Militärhilfe an Pakistan, sowie ihren Waffenlieferungen immer noch wichtige Bedeutung für die Pakistan, aber das Gewicht verschiebt sich zunehmends. Für die USA ist Pakistan als Transportroute vom Hafen in Karachi für die NATO-Unterstützung nach Afghanistan enorm wichtig. Umgekehrt erweitern die USA den Flughafen in Kabul und an anderen Stellen recht zügig, um sich von diesen Landtransporten über Pakistan unabhängiger zu machen. wenngleich die Transportkosten per Luft noch das 4-fache betragen.Dennoch scheint Washington tendenziell immer mehr auf Indien, China immer mehr auf Pakistan zu setzen. Ein indischer Militärschlag oder gar ein indisch-pakistanischer Krieg hätte damit durchaus das Potential zu einem sino- indischen Krieg zu eskalieren.

Wohl um einer weiteren Entfremdung entgegenzuwirken reiste nun Hillary Clinton nach Islamabad und verkündete, dass Pakistan wahrscheinlich nichts von dem Aufenthalt von Osama Bin Laden gewusst hätte und dass Pakistan ein wertvoller Verbündeter im War on Terror bleibe. Inzwischen haben aber die USA wiederum 800 Mio US-Dollar Militärhilfe an Pakistan storniert. Die Reaktion Pakistans: Nun verhandelt es über eine Pipeline von Iran nach Pakistan und nähert sich–nach China– nun auch dem Iran an, was wiederum der US-Verbündete Saudiarabien nicht gut findet, da es mit Pakistan über die Entsendung von pakistanischen Soldaten nach Saudiarabien und auch über eine muslimische Bombe,d.h. Zugang Saudiarabiens zu der Atommacht Pakistan für eigene Zwecke gegen die kommende Atommacht Iran verhandelte. Pakisatn spielt also alle Trümpfe–von Taliban, China bis Iran aus,um seine Souveränitat gegenüber den USA und Indien zu erhalten.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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